2. Juli 2012

'Friesensturm' von Birgit Böckli

Auf Spiekeroog treibt ein Mörder sein Unwesen. Die Insulaner schließen von vornherein aus, dass der Täter einer von ihnen ist. Diese eingeschworene Haltung der Friesen erschwert die Ermittlungen der beiden Hauptstadtkommissare Thomas Berg und Freda Althus erheblich. Und der Sturm, der sich vor der Insel zusammenbraut, wird bald alle Spuren verwischen ...

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Leseprobe:
Die Kälte stach sie wie mit eisigen Nadeln. Sie hatte keine Lust gehabt, weiter unter dem Vordach zu warten, wo jeder Idiot sie anstarren konnte, also hatte sie sich an den Rand des Parkplatzes zurückgezogen.
Jetzt fing es auch noch an zu regnen.
Punkt elf, hatte Thomas gesagt, keine Minute später. Inzwischen war es beinahe halb eins, und ihr Bruder war noch immer nicht aufgetaucht.
Mit zittrigen Fingern suchte Kerstin in ihrer Jackentasche nach dem Handy, um einen letzten Versuch zu starten, als die Tür der Disco aufschwang und ihr das Wummern der Bässe in den Magen fuhr. Ein junger Mann in einer leuchtend grünen Jacke kam die Stufen herunter.
Kerstin spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Die paar Autos, die noch übrig waren, konnte sie an einer Hand abzählen. In einer halben Stunde würde der Laden schließen, dann wäre sie ganz alleine hier draußen …
Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie der Mann auf sie zukam.
»Wie bitte?«
»Ich hab dich gefragt, ob du mitfahren willst. Oder stehst du gern hier im Regen herum?«
Einen Moment lang starrte Kerstin ihn unentschlossen an. Sie war noch niemals zu einem Fremden in den Wagen gestiegen. Zu viele Horrorgeschichten hatte man ihr im Laufe ihres Lebens erzählt. Aber sollte sie vielleicht hier draußen übernachten?
Als sie nicht antwortete, zuckte er gleichgültig die Schultern. »Dann eben nicht.«
Erst das Aufheulen des Motors riss Kerstin aus ihrer Lethargie. Mit wenigen Schritten hatte sie den Toyota erreicht.
Im Wageninneren roch es nach kaltem Rauch. Der Typ, der sich noch immer nicht vorgestellt hatte, angelte im Fußraum nach einer Dose Bier.
»Gehst du noch zur Schule?«, fragte er und fummelte am Radio herum, während sie das Industriegebiet hinter sich ließen. »Wie alt bist du überhaupt?«
Kerstin versuchte, entspannter auszusehen, als sie sich fühlte. »Achtzehn«, log sie.
Er lachte schallend, trank einen Schluck Bier und klemmte sich die Dose zwischen die Oberschenkel. »Du bist niedlich, wenn du lügst, weißt du das?«
Irgendetwas in seinem Blick hatte sich verändert. Kerstin spürte, wie sich vor lauter Angst ihr Magen zusammenzog. Sie musste sich zusammenreißen, durfte sich ihre Furcht auf keinen Fall anmerken lassen. Während sie krampfhaft den Seitenstreifen im Auge behielt, nahm sie von der Fahrerseite eine Bewegung wahr. Dann spürte sie seine Hand auf ihrem Knie.
»Lass das.« Ihre Stimme klang viel zu leise.
Seine Finger spielten am Saum ihres Rockes.
Panik erfasste Kerstin so plötzlich, dass sie kaum atmen konnte.
»Komm schon. Nun hab dich nicht so.«
Kerstin presste die Knie zusammen. »Wenn du nicht sofort aufhörst …«
»Was dann?«, fragte er lachend und griff fester zu.
Ihr wurde übel. Warum nur hatte Thomas sie nicht abgeholt, warum war sie zu diesem Kerl ins Auto gestiegen?
Mit aller Kraft schlug sie seinen Arm zur Seite, sah, wie die Bierdose zu Boden fiel und sich eine Lache zu seinen Füßen bildete.
Dann tauchte der Laster aus dem Regen auf.

Im Kindle-Shop: Friesensturm: Ein Spiekeroog-Krimi

Mehr über und von Birgit Böckli auf ihrer Website.

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