26. Juli 2012

'Hammfiction' von Renate Hupfeld

Elf Geschichten aus Hamm oder einem anderen Ort mit Kirchturm, Bahnhof und Fußgängerzone: Sie leben in der Zukunft und reisen in die Vergangenheit, verarbeiten den Novemberblues auf dem Friedhof und den Vorweihnachtsstress in der Einkaufmeile, hetzen durch die Bahnhofshalle und begegnen seltsamen Wesen.

Wer hinter die Fassaden schaut, ist überrascht, erfreut, betroffen, irritiert oder schockiert. Außerdem ist es durchaus interessant zu erfahren, wie sieben Tiere auf den Marktplatz gekommen sind und dass man im Jahre 2048 am Stadtsee auf der Uferpromenade bummeln und im Seaside Center für eine ganz besondere Reise einchecken kann.

Gleich lesen: Hammfiction

Leseprobe:
Marika rannte zur Haustür und drückte auf den Klingelknopf, die große Schwester ging hinterher. Sie stellten sich auf Zehenspitzen, um zwischen Fensterrahmen und Türkranz einen Blick in das Haus zu erhaschen. Alles sah noch genauso aus wie vorher, links die Treppe, rechts der Garderobenschrank, geradeaus die Tür zum Wohnzimmer.
Er kam heraus und öffnete.
„Na ihr zwei Hübschen? Was gibt’s denn?“
„Dürfen wir mal in Jans Zimmer?“, fragte die Kleine.
„Euer Freund wohnt nicht mehr hier. Wisst ihr das denn gar nicht?“
„Doch, er ist mit seiner Mama ausgezogen. Aber wir wollen so gerne die Fische sehen.“
„Ach so! Ja, das könnt ihr. Ihr habt Glück, es ist gerade Fütterungszeit.“
Sie gingen hinter dem Mann die Treppe hoch in Jans Zimmer. Ganz anders sah das jetzt aus. Kahle weiße Wände. In seiner Bettecke stand ein Sofa und gegenüber am Fenster das Aquarium.
„Mir gefallen die mit den roten Flecken am besten“, meinte Marika. „Sind das auch Goldfische?“
„Eine besondere Züchtung“, erklärte Jans Vater.
„So schöne hab ich noch nie gesehen.“
„Dann schaut euch erst mal diese Exoten hier an.“ Er zeigte auf ein größeres Aquarium daneben. „Das sind die richtigen Schönheiten. Normalerweise leben sie im Amazonas, Südamerika, wisst ihr doch.“
Zögernd stellten sich die beiden Mädchen vor die Scheibe des anderen Beckens. Zwei große Fische schwammen darin, dunkel gesprenkelt, fast schwarz, mit roter Bauchseite. Gefährlich sahen sie aus, so lauernd die Augen und besonders ihre Mäuler mit den vorstehenden Unterkiefern.
„Warum sind es nur zwei?“, fragte Marika.
„Es waren einmal sehr viele, die hier sind übrig geblieben“, antwortete der Mann. „Schaut mal, wie sie schwimmen, besonders der große, so frei, so elegant. Wunderbar, findet ihr nicht?“
„Aber warum sind es nur noch zwei?“
„Ach so, ja. Das kennt ihr doch. Die Großen fressen die Kleinen. So ist das in der Natur.“
„Und warum ist der eine kleiner?“
„Fast schon ein Wunder, dass der noch da ist, muss wohl ein Überlebenskünstler sein.“
„Wie sie ihre Mäuler öffnen, als wollten sie jeden Moment etwas verschlingen“, sagte Vanessa. „Und Zähne haben sie auch, ein richtiges Haifischgebiss.“
„Warten sie jetzt auf ihr Futter?“, wollte Marika wissen.
„Ja, ja.“
„Was fressen sie denn?“
„Sagte ich doch, Lebendfutter.“
„Lebendiges Futter?“
„Sozusagen.“ Er nahm einen Käscher zur Hand.
„Nein, bitte nicht!“, flehte die Ältere, als er das Netz in das Goldfischbecken tauchte.
„Halt, das dürfen Sie nicht!“, schrie die Kleine.
Doch Marikas Protest rührte den Mann ebenso wenig wie das Bitten der Schwester. Er jagte hinter einem der Rotgefleckten her und fing ihn ein. Dann hob er das Netz heraus, hielt es hoch und schaute zu, wie der Fisch sich wand.
„Tun sie ihn schnell wieder rein, bitte.“ Vanessa griff nach dem Stiel und versuchte, ihm den Käscher aus der Hand zu nehmen. Er lachte und hob ihn in eine unerreichbare Höhe.
Als der Fisch nur noch leicht zuckte, ließ er ihn in das Monsterbecken gleiten.
„Es kann ein paar Sekunden dauern, bis sie ihre Beute entdecken, sie sehen nämlich nicht so gut“, erklärte er.
„Hoffentlich entdecken sie ihn nicht.“
„Keine Chance. Die roten Flecken haben eine gewisse Signalwirkung, ähnlich wie Blutstropfen. Raubfische werden von der Beute angelockt, wenn ihr versteht.“
Das wollten sie gar nicht verstehen. Sie wollten nur dem armen Gefangenen helfen. Könnten sie ihn doch von dem gefährlichen Feind wegtreiben!
„Was glaubt ihr denn, wie es im Amazonas zur Sache geht?“
Er legte den Käscher zur Seite, setzte sich auf das Sofa und beobachtete, was passierte. Der größere der beiden Räuber näherte sich langsam dem Gefleckten, mit gierig aufgesperrtem Rachen.
„Seht ihr die Zackenreihe? Wie spitz sie sind, die Beißerchen, und so scharf. Schaut genau hin. Seht ihr, was er macht?“
„Los! Schwimm weg!“, kreischte Marika, als der Große den Kleinen fast berührte.
„Schneller!“, rief Vanessa.
Hatte er das gehört? Er bewegte sich und ergriff plötzlich die Flucht. Das schwarze Monster jagte hinterher. Eine wilde Verfolgung war im Gange, durch das Pflanzengewirr und zwischen Steinen, immer rundherum. 
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