7. August 2012

'Die dunkle Seite der Insel' von Numi Teusch

Ein Krimi um Wissenschaftskorruption, Immobilienbetrug, Polizei-Wirrwarr, Ethnotattoos, Schlagerhöllen, Guanchen und die ewige Frage nach der Liebe. Ein spannender, mystischer und abgründiger Roman.

Die Exkursion zu Ausgrabungen auf Teneriffa läuft für Evelyn nicht gut. Die angehende Archäologin hat Ärger mit ihren Kollegen. Auch für Ben de las Casas läuft nicht alles rund: Der Kommissar soll eine neue Einheit der Policía Canaria aufbauen und muss sich durch ein Dickicht aus Korruption und Kompetenzgerangel kämpfen. Und für Anita, die ihren Lebensabend auf der Kanareninsel absitzt, ist es sowieso noch nie gut gelaufen. Doch es kommt noch schlimmer. Evelyn findet ihre Discobekanntschaft tot im Höhlengrab. Und sie verliebt sich ausgerechnet in den spanischen Kommissar, der in dem Fall ermittelt. Ben hat Vermutungen aber keine Beweise. Gibt es ihn wirklich, den Fluch der Guanchen, der geheimnisumwitterten Ureinwohner der kanarischen Inseln? Evelyns Weltbild gerät ins Wanken. Schlecht, wenn man so nah am Abgrund steht ...

Gleich lesen: Die dunkle Seite der Insel (Kriminalroman)

Leseprobe:
Evelyn ... wach auf! ... Hier stimmt was nicht!! Gefahr!!! ... Irgendwas zerrte an der imaginären Decke, die mich vor dem Wachwerden beschützte und an die ich mich im Traum ganz fest klammerte. Als ich endlich ein Auge aufschlug, sah ich, wie meine Sitznachbarin Nicky gerade meine Tasche durchwühlte. Blitzartig war ich hellwach und riss ihr die Tasche aus der Hand. Sie bekam einen gewaltigen Schreck:
„Die lag unten, war alles rausgefallen“, sie klang nervös, oder bildete ich mir das nur ein? Ich musste eingeschlafen sein. Kein Wunder. Wir hatten schon um 6.00 Uhr auf dem verdammten Flughafen antanzen müssen, um 6.00! Zwei Stunden vor Abflug. Ich checkte den Tascheninhalt und murmelte:
„Komisch, ich bin mir eigentlich sicher, dass ich den Reißverschluss zugezogen hatte.“ Alles da. Hatte ich die Tasche wirklich zugemacht, bevor ich weggedämmert war? Ach, egal. Ich nickte Nicky freundlich zu:
„Danke fürs Aufheben. Ich bin ein bisschen durch den Wind. Viel Aufregung, wenig Schlaf. Sorry.“
„Was war denn so aufregend?“
„Ach, nicht so wichtig“, ich hatte echt keine Lust, einer quasi Unbekannten zu schildern, was zuletzt alles schief gelaufen war. Auch auf die Gefahr hin abweisend oder arrogant rüberzukommen. Nicky schnappte sichtlich ein und wandte sich Judith zu, die den Fensterplatz ergattert hatte.

Das war jetzt dumm gewesen von mir. Seit dem Kennenlern- oder besser Vorbereitungsgespräch, denn die anderen kannten sich ja alle schon, hatte ich das Gefühl bei der ganzen Gruppe sympathiemäßig auf Granit zu beißen. Ich könnte also eine Verbündete gut gebrauchen. Ich schaute mich um, die anderen waren so ungefähr in meinem Alter, schätzte ich. Mitte, Ende zwanzig. Inklusive Professor (der war natürlich nicht Ende zwanzig, eher Ende vierzig) und meiner Wenigkeit waren wir acht people. Ich sollte eigentlich dankbar sein, dass ich mich – als Germanistin – so kurzfristig diesem auch wiederum sehr kurzfristig anberaumten Ausgrabungsprojekt hatte anschließen dürfen. War ich auch, klar, eine gute Entscheidung, das würde mich auf andere Gedanken bringen, raus aus dem Mief und den trüben Einsichten, die mich plagten, seit ... aber der reinste Ponyhof würde das hier wohl nicht werden.

Mein Papa hatte ein paar seiner Beziehungen spielen lassen, vielleicht kannte er Moosleitner aus Troja oder er kannte jemanden der ihn kannte. Jedenfalls hatte er eingesehen, dass ich Ablenkung brauchte und ich konnte ihm glaubhaft versichern, dass ich mich für das Thema „Guanchen“ wirklich schon seit einiger Zeit interessierte. Ich war im Rahmen meiner Beschäftigung mit den alten Megalithkulturen darauf gestoßen und als ich dann an der Uni über zig Ecken von der Exkursion gehört hatte, wollte ich nur noch eins: Mit auf diese Ausgrabung. Und das wollte ich immer noch, auch wenn sich gerade der Eindruck verfestigte, die Studiengruppe wäre viel lieber unter sich geblieben. Ich war fachfremd und nur durch Vitamin B reingekommen, kein Wunder, dass die mich nicht mochten.

„Guck mal da unten“, Judith stupste Nicky an. Von meinem Gangplatz aus hätte ich normalerweise nicht sehen können, was sie meinte, aber der Kapitän brachte das Luftschiff in diesem Moment in Schräglage, um Richtung Atlantik abzubiegen. Unter uns glitzerte die Meerenge von Gibraltar.
„Das sind die Säulen des Herakles“, Nicky wusste immer auf Alles eine Antwort, gerne auch wenn niemand gefragt hatte. Herakles, Halbgott der griechischen Sage, von den Römern später Herkules genannt, ordnete ich die Info in meinem Kopf ein.
„Auf der spanischen Seite der Felsen von Gibraltar und auf der marokkanischen der Schwesterfelsen Dschebel Musa, der Sage nach hat Herakles die hier aufgestellt, um allen zu zeigen, wie weit im Westen, also am Ende der Welt, er schon gewesen war.“
„Eitler Fatzke“, Judith zog eine Schnute. Nicky hob die Arme zu einer Was-kann-ich-dafür-Geste. Jemand stieß mir seine Knie in den Rücken: Karl, der ziemlich groß war und trotzdem von allen nur Karlchen genannt wurde, hatte sich auf dem Sitz hinter mir zusammen gefaltet und erklärte:
„Judith ist unsere Hippolyte“, womit er vermutlich Ähnlichkeiten mit der von Herakles besiegten Amazonenkönigin andeuten wollte, was ich gar nicht so uncharmant fand. Trotzdem schnauzte Judith sofort zurück:
„Lass mich bloß in Ruhe, du Westentaschenherkules!“, dann stülpte sie sich ihre Kopfhörer wieder auf die pechrabenschwarzgefärbten Haare und schaute weiter aus dem Fenster. Von der anderen Gangseite her meldete sich dafür Bert zu Wort, ein aufgeweckter Typ mit modernem Vollbart und braunen Locken:
„Du, mein Lieber, erinnerst mich nicht so sehr an Herakles, als vielmehr an Höllenhund Cerberus, den Türsteher des Totenreichs, den Herakles aus der Unterwelt herauflocken sollte!“

Im Kindle-Shop: Die dunkle Seite der Insel (Kriminalroman)

Mehr über die Autorin Numi Teusch auf ihrer Website.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen