30. August 2012

'In Liebe verzeihen' von Ulrike Jansen

Ein Erfahrungsbericht. Ulrike Jansen wird als noch gestilltes Kind, im Alter von sechs Monaten, heimlich von der eigenen Oma in das nahegelegene Sankt-Elisabeth-Kinderheim in Wattenscheid abgeliefert und wie Müll entsorgt, während ihre erst 18-jährige Mutter auf der Arbeit ist. Ihre Mutter kann sich gegen die dominante Oma nicht durchsetzen und so nimmt das Schicksal seinen Lauf. Die Autorin schildert eindrucksvoll, sehr ehrlich und mit unglaublicher Offenheit, wie brutal und lieblos ihre Kindheit verlaufen ist.

Gleich lesen: > > > Auf dem Kindle

Leseprobe:
Ich widme dieses Buch
allen Kindern dieser Welt,
die täglich um ihr Überleben kämpfen müssen,
sei es durch:
Hunger
      Durst
           Armut
                  Gewalt
                           Missbrauch
                                           Misshandlung
                                                            Verwahrlosung
                                                                         Lieblosigkeit
                                                                  Ablehnung
                                                        Rassismus
                                                   Hass
                                  Kinderarbeit
                    Beschneidung
        Naturkatastrophen
Krankheit

18 Jahre Heimaufenthalt
Wie schon beschrieben wurde ich als noch nicht abgestilltes
Kind mit sechs Monaten meiner Mom entrissen und von meiner Oma
einfach im Kinderheim abgegeben und wie Müll entsorgt.
Das Heim wurde zum damaligen Zeitpunkt von Nonnen
geleitet, wo ca. 120 Kinder Platz fanden. Die Kinder wurden in
unterschiedliche Altersgruppen eingeteilt, Jungen und Mädchen
wurden bis ins hohe Alter strikt getrennt. Es gab sogar
abgeteilte Hinterhöfe, wo wir mal frische Luft schnappen
konnten, nicht um zu spielen.
Meine Erinnerung beginnt erst ab dem 4. Lebensjahr, in dem
ich in der Gruppe von Schwester Wigburga lebte. Sie war eine
sehr liebevolle Nonne, die ein stattliches Gewicht hatte, wie bei
den afrikanischen Big Mamas. Dort habe ich mich sehr wohl
gefühlt, bis es eines Tages hieß, ich muss die Gruppe wechseln!
Ich weiß noch, wie ich von Schwester Wigburga eine Puppe
zum Abschied geschenkt bekam. Ich weinte so heftig, weil ich
gar nicht begriff, was mit mir passierte. Ich kann mich nicht erinnern,
welche Person mich zur neuen Gruppe (4 – 18 Jahre)
begleitete. Die Tür öffnete sich, als mich zwei Arme brutal in
den Aufenthaltsraum zerrten.
Es war Schwester Albertis, die mir zugleich auch meinen einzigen
Halt, nämlich meine Puppe, entriss, die ich nie wieder sah.
Ich fühlte mich total nackt und ausgeliefert. Von da an durchlitt
ich einige Höllen. Ohne ein Wort mit mir zu sprechen, es
war abends 20:00 Uhr, riss man mir die Kleider vom Leib, zog
mir einen Schlafanzug an und führte mich zu meinem Bett,
welches die nächsten Jahre mein neues Zuhause werden sollte.
Ich stand so unter Schock, dass ich zu keiner Reaktion mehr
fähig war; meine Tränen waren auch versiegt.
Es gab drei Schlafräume mit jeweils vier bis sechs Betten. Jeder
von euch kann sich sicher vorstellen, wie grausam es ist, als
Kind aus einer liebevollen Umgebung herausgerissen zu werden.
Da jeder Mensch Gott sei Dank über einen Verdrängungsmechanismus
verfügt, sonst wäre ich sicher heute nicht
mehr am Leben, werde ich nur die prägnanten Situationen aus
meinem Leben hier aufführen. Ich habe keinerlei Erinnerung
mehr daran, wie der nächste Tag vonstatten ging. Ich fühlte
mich wie in einer Luftblase, tief, tief unten im Ozean, einfach
verloren, nicht geliebt, wie Dreck behandelt. Ich wurde ins eiskalte
Wasser geschmissen und musste nun schauen, wie ich
mich Stück für Stück wieder an die Oberfläche emporarbeitete,
um nicht zu ertrinken.
Wir waren ungefähr 15 Kinder (natürlich nur Mädchen), die 24
Stunden der brutalen Nonne ausgesetzt waren; es gab kein
Entrinnen! Wie hätte ich mich mit vier Jahren wehren sollen??
Niemand war da, der in irgendeiner Weise Interesse für mich
gehabt oder um mich gekämpft hätte. Eigentlich sind Kinder
wie Blumen, die mit viel Liebe gehegt und gepflegt werden
müssen, damit sie nicht elendig zugrunde gehen. Aber man hat
nicht mit der kleinen Ulrike gerechnet, die für sich entschied,
ich werde es euch allen zeigen!!! Ich habe die Kraft und das...
Ich habe die Kraft und das Durchhaltevermögen eines Raubtieres,
schließlich bin ich im Sternzeichen des Löwen geboren.
Schwester Albertis war eine schmächtige, sehr drahtige Person,
die ich in den vielen Jahren unter ihrer Obhut nicht einmal
habe lächeln sehen. Sie hatte innerhalb der Gruppe ein kleines
Zimmer, welches ihr Zuhause war. Dreimal täglich und zu den
Gebetszeiten ging Schwester Albertis in die Klausur (so nannte
man den Aufenthaltsraum der Nonnen), um dort ihre Mahlzeiten
einzunehmen. Während dieser Zeit wurden wir von Ilse R.,
einer sehr liebevollen Frau mit Holzbeinen im Rollstuhl (heute
werden sie Beinprothesen genannt) beaufsichtigt. Sie war immer
nur lieb zu uns, sobald die Nonne außer Reichweite war.
Wenn Schwester Albertis wieder in die Gruppe zurückkam,
schlug sie einen rauen Ton an, um keinen Ärger mit ihr zu bekommen.
Jeden Morgen hieß es um 6:30 Uhr zum Appell antreten, in
Reih und Glied mit dem Gesicht zur Wand, um das Lied zu
singen:

Wie fröhlich bin ich aufgewacht,
wie hab ich geschlafen so sanft die Nacht,
hab Gott im Himmel, Vater mein,
dass Du hast wollen bei mir sein;
behüte mich auch diesen Tag,
dass mir kein Leid geschehen mag. Amen!

Welch eine Ironie!!!

Danach ging es in den Waschraum, ob jung oder alt, wo sie
dann das Geschehen, wie eine Wärterin mit Argusaugen, kontrollierte.
Trödeln gab es nicht, sonst setzte es eine Ohrfeige,
die einen knallharten Abdruck hinterließ und wie ein Sonnenbrand schmerzte.
Zu den Mahlzeiten mussten wir alle still sitzen, durften ...

Im Kindle-Shop: In Liebe verzeihen

Mehr über die Autorin Ulrike Jansen bei Facebook.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen