8. November 2012

'einfach so' von Kerstin Michelsen

Roman über die Schwierigkeit des Überlebens nach einem schmerzlichen Verlust, erzählt aus der Sicht der heranwachsenden Melanie. Manchmal ist die Normalität nur einen Wimpernschlag entfernt von einer Katastrophe. Dies muss auch die zehnjährige Melanie, genannt Melli, erfahren. Eines Tages geschieht das Unfassbare: ihre Schwester Annika verunglückt tödlich. Für Melli und ihre Familie ist von einem Tag auf den anderen nichts mehr, wie es war.

Das Mädchen erlebt den Abschied am Totenbett, die Beerdigung und die schwere Rückkehr in den Alltag. Sie verbirgt ihre eigene Trauer, um die Mutter nicht noch zusätzlich zu belasten. Doch nach einem weiteren Todesfall bricht Mellis mühsam aufrecht erhaltene Fassade zusammen ...

Gleich lesen: einfach so

Leseprobe:
“Nein, nicht Annika“, wollte ich rufen, aber ich bekam die Lippen nicht auseinander. Mein Mund war wie ausgedörrt. Da hörte ich einen Schrei; ich weiß noch, dass ich mich wunderte, wie er es durch meinen geschlossenen Mund nach draußen in die Welt geschafft hatte. Ich sah Mama an, erblickte ihren weit geöffneten Mund und begriff, dass sie es wohl war, die schrie, nicht ich.
„Nein. Nein. Nein. Nicht mein Kind!“
Danach hörte ich nichts mehr. Ich sah nur den Mund des Arztes auf und zu klappen. Zwei weitere Gestalten in weiß schwebten um uns herum. Ich starrte in das verzerrte Gesicht meiner Mutter. Hinter ihr stand mein Opa, der seine Hände auf ihre Schultern presste. Unter seinen randlosen Brillengläsern tropfte es nass heraus. Er suchte meinen Blick, während ich nur starrte und mein Mund sich anfühlte, als könnte ich ihn niemals wieder öffnen. Ich sah auch, wie sich die Lippen meines Großvaters bewegten, und er auf mich deutete. Das alles ist nun schon so viele Jahre her, fast mein halbes Leben, und trotzdem kann ich mich an bestimmte Dinge ganz genau erinnern. Anderes liegt im Dunkeln. Das ist vielleicht auch besser so. Mir reicht schon das, woran ich mich heute noch gut erinnern kann. Natürlich kann ich inzwischen auch an diesen Tag zurück denken, ohne in Tränen auszubrechen.
Vielleicht gewöhnt man sich mit der Zeit an jeden Schmerz der Welt, und natürlich wird er auch niemals wieder so überwältigend und unbegreiflich sein wie in diesen ersten Stunden. Die Heftigkeit des Schmerzes nimmt im Laufe der Zeit ab, das ist tatsächlich so; und es gibt eines Tages auch wieder Raum für andere Empfindungen, sogar für Pläne und glückliche Momente. Das ist ja auch gut so, denn sonst könnte man einfach nicht mehr damit leben. Trotzdem spüre ich, wenn ich an diesen schwarzen Dienstag zurück denke, immer noch das Entsetzen und diese Leere und das Gefühl, gelähmt in einen tiefen Abgrund gezogen zu werden. Ich spüre es wie ein Echo oder einen Nachgeschmack dessen, was mich damals erfasste. Meine Ohren nahmen keine Töne mehr auf, ich sah nur die Menschen um mich herum sich bewegen, sah offene Münder und Entsetzen. Heute glaube ich, dass mein zehnjähriger Verstand sich damals kurz ausgeschaltet hat. Ich weigerte mich zu begreifen, was für einen schrecklichen Moment in mein Bewusstsein eingesickert war. Nichts wollte ich mehr hören, wollte nicht hören, dass ich keine Schwester mehr hatte.
Viele Jahre später habe ich gelernt es anders zu sehen, dass ich immer noch eine Schwester habe, die für immer ein Teil unserer Familie und meines Lebens ist. Trotzdem sind mir auch heute noch Situationen ein Gräuel, in denen man mich nach meinen Geschwistern fragen könnte. Ich meine, von Menschen, die unsere Geschichte nicht kennen. Fremden gegenüber erwähne ich ungern, dass ich eine Schwester habe, weil sie dann fragen könnten, wie alt sie ist, was sie so macht, wo sie ist. Darauf zu antworten ist unmöglich. Aber in meinem Herzen ist sie für immer meine Schwester, und ich glaube nicht, dass ich je aufhören werde, sie zu vermissen.
An diesem Tag hämmerte es jedoch nur in meinem Kopf. Anni ist tot. Sie wird nicht wiederkommen. Wie kann das sein? Ich kann nicht sagen, wie lange wir dort in diesem Raum waren. Irgendwann fiel Mamas Blick auf mich; einen kurzen Moment starrte sie mich Tränen überströmt an. Dann sprang sie auf, zerrte mich aus dem Stuhl und riss mich endlich in ihre Arme. Ich hörte noch immer nichts, und auf eine eigenartige Weise war auch mein Sichtfeld begrenzt. Das war an sich nicht unangenehm, besser jedenfalls als hören und sehen zu müssen. Wenn nur diese Kälte und die Atemnot nicht gewesen wäre. Es kam mir vor, als bekäme ich pro Atemzug nur einen Teelöffel voll Luft – jedenfalls nicht genug. Ich spürte Mamas Arme ganz fest um mich herum, und das Zittern ihres Körpers. Schließlich löste sie sich von mir, ich fühlte nun Opas Hände auf meinen Schultern, der mich mit sanftem Druck in Richtung Tür lotste. Dann setzt meine Erinnerung erst wieder auf einem breiten, langen Krankenhausflur vor einer weiteren Tür ein. Der grauhaarige Arzt öffnete, und wir traten ein, ich immer noch dirigiert von meinem Großvater. Im Nachhinein bin ich natürlich schon sehr froh, dass wir dort waren, aber in diesem Moment spürte ich nur Entsetzen und eine Angst, die mich erzittern ließ. Die eiskalte und zugleich glühende Faust umklammerte mich immer noch. Wie konnte mein Herz so rasend pochen, und dabei nicht zerspringen?
Wir traten an ein Bett, in dem jemand lag. Für einen kurzen Moment spielte mir der scheinbar friedliche Anblick einen Streich: hier lag Anni, und schlief. Sie war blass und trug einen Verband um den Hals. Sonst war sie in Ordnung. Die hellblau gestreifte Decke war bis zu ihren Schultern hochgezogen, und ihr Kopf ruhte auf einem weichen Kissen, das dichte, dunkle Haar viel ordentlicher gebürstet, als man es sonst üblicherweise an ihr sah. Annis Hände lagen übereinander auf der Mitte der Bettdecke. Als würde sie beten. Nein, als würde sie schlafen - die Augen waren geschlossen, aber sonst sah sie so aus wie immer. Jedenfalls nicht blutig oder sonst wie grausig zugerichtet. Die Erleichterung durchfuhr mich wie ein heißer Schrecken, der Krampf in meinem Innern löste sich für einen gnädigen Moment auf, weil ich dachte, dass alles natürlich nur ein riesengroßer Irrtum gewesen war. Puh, meine Schwester war natürlich nicht tot, auch solche großen Krankenhäuser können sich mal irren, wahrscheinlich war alles nur eine irrsinnige Verwechslung. Gleich würde sie die Augen aufschlagen. Plötzlich konnte ich mich auch wieder von allein bewegen, und schritt auf das Bett zu.
„Anni“, flüsterte ich, „Anni, wir sind es. Wir sind gekommen, um Dich abzuholen.“

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Mehr über und von Kerstin Michelsen auf ihrer Website.

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