15. November 2012

'Heuchler' von Mark Franley

Ein Psychothriller. „Skrupellos“ wäre ein zu schwaches Wort, um IHN zu beschreiben und gerade als sich die beiden Kommissare am Ziel sehen, stellt ER sein tödliches Können unter Beweis. Nach dem katastrophalen Ausgang ihres Einsatzes, beschließt Kommissar Köstner, mit seiner Familie in der Idylle Finnlands abzuschalten. Doch ER ist längst zu ihrem Schatten geworden - einem Schatten der noch lange nicht hat, was er will.

Gleich lesen: Heuchler: Psychothriller (Mike Köstner 1)

Leseprobe:
Es dämmerte bereits, als Mike das Auto vor seinem kleinen, aber fast bezahlten Einfamilienhaus, unter das Carport fuhr und ausstieg. Die Morgenluft war jetzt im Juni noch angenehm frisch, hatte aber keine Chance gegen die Geister in seinem Kopf. Noch eine Stunde bis Petra und die Kinder aufstehen würden. Eine Stunde Ruhe, die er dringend für sich brauchte!
Auch wenn alles in ihm nach einem Glas Bourbon schrie, tat er erst was er sich vorgenommen hatte. So leise wie möglich schloss er die Haustür auf, zog seine Schuhe aus und schlich hinauf in die erste Etage. Die Tür zu Felix Zimmer stand wie immer einen Spalt breit offen, doch er wollte zuerst zu Katja.
Es war das typische Zimmer einer Sechzehnjährigen! An den Wänden gab es kaum einen Quadratzentimeter, den nicht das Gesicht irgendeines Teeniestars zierte, und für einen kurzen Augenblick stieg Ärger in ihm hoch. Er hatte schon tausendmal darum gebeten, dass abends alle Geräte ausgeschaltet werden und wieder war der CD Player die ganze Nacht durchgelaufen. Doch dann kamen wieder die Geister und der Ärger wich dem dankbaren Gefühl, zwei gesunde Kinder zu haben. Leise schlich Mike zu dem Bett seiner Tochter und war kurz versucht, ihr über das verstrubbelte, blonde Haar zu streicheln.
Felix’ Zimmer stellte den totalen Kontrast zum Zimmer seiner Tochter dar. Der spärliche Wandschmuck beschränkte sich auf Szenen aus den Star Wars Filmen und der Teppich glich einem Minenfeld aus Autos, Lego-Spielzeug und undefinierbaren Dingen aus dem nahen Wald.
Irgendwie schaffte Mike es, bis zum Bett seines Sohnes zu gelangen, ohne auf irgendetwas zu treten. Felix’ Gesicht war ihm zugewandt und sah unendlich friedlich aus.
Das Bild des erschossenen Jungen blitzte in Mikes Kopf auf und für einen Augenblick war Felix’ Hinterkopf genauso explodiert. Fast hätte sich der Brechreiz durchgesetzt, aber Mike konnte ihn gerade noch rechtzeitig unterdrücken und den Raum verlassen.
Der Bourbon stand wie immer in der kleinen Schrankbar und es war Gott sei Dank auch noch genug in der Flasche, um Wirkung zu zeigen. Mike griff sich ein Glas und die Flasche, öffnete die Terrassentür und setzte sich hinaus in den Sonnenaufgang. Dann goss er sich großzügig ein und leerte das Glas schnell, aber mit Genuss. Nach zwei weiteren Gläsern stellte sich endlich etwas Wirkung ein und ohne darüber nachzudenken, griff Mike nach dem Päckchen Zigaretten seiner Frau, das noch vom Vorabend auf dem Tisch lag.
»Du rauchst wieder?«, Petras leise Stimme ließ ihn zusammenzucken. Dann blickte er über die Schulter zu ihr auf und versuchte ein Lächeln.
Petra kannte ihren Mann seit fast neunzehn Jahren und wusste, dass Mike hier nicht ohne Grund mit Schnaps und Zigarette saß. Und sie wusste auch, dass er nur reden würde, wenn er es wollte, daher fragte sie nur: »Gibst du mir auch eine Zigarette?«
Während sich Petra auf den Stuhl neben ihm setzte, schob er ihr das Päckchen hin und legte das Feuerzeug oben drauf. Dann wartete er, bis sich seine Frau ebenfalls eine Zigarette angezündet hatte, und begann kurz zu schildern, was sich ereignet hatte.
Petra betrachtete ihren Mann einige Sekunden lang, dann fragte sie voll Sorge in der Stimme: »Wie geht es dir jetzt?«
Mike suchte nach den richtigen Worten, fand keine, und schenkte sich stattdessen noch einmal nach. Diesmal nippte er aber nur etwas, zuckte mit den Schultern und antwortete knapp: »Die Bilder werden blasser werden!«, und nach einer etwas zu langen Pause fügte er hinzu: »Ich hoffe nur, Peter zerbricht nicht daran!« Dann blickte er mit leeren Augen in den Garten hinaus und stieß verbittert aus: »Gott verdammt, er hat ein Kind erschossen!«
Petra nahm seine Hand und drückte sie bewusst etwas zu fest. Es schien zu helfen! Mike sah sie traurig an, aber keiner von beiden musste noch etwas sagen. Jeder wusste, was der andere fühlte und das Gefühl von Liebe vertrieb die düsteren Gedanken ein wenig. Mike schaffte ein kleines Lächeln und beschloss: »Eine rauche ich noch mit dir, dann versuche ich ein wenig zu schlafen. Die Kinder müssen mich nicht unbedingt so sehen, es reicht schon wenn ich so oft nicht da bin.« Dann sah er Petra in die Augen und flüsterte ein einfaches. »Danke!«

"Heuchler: Psychothriller (Mike Köstner 1)" im Kindle-Shop

Mehr über und von Mark Franley auf seiner Autoren-Website und bei Facebook.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen