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1. Dezember 2016

'Schneegestöber, Tannenduft und Sternenglitter' von Eva Joachimsen

Was gibt es Schöneres als ausgerechnet Weihnachten die große Liebe zu finden? Oder wenigstens davon zu träumen?

„Glühwein und Weihnachtsgans“, „Der Pralinenstand“ und zwölf weitere Kurzgeschichten laden dazu ein, sich die Weihnachtszeit mit Schmökern zu versüßen.

Gleich lesen:
Für Kindle: Schneegestöber, Tannenduft und Sternenglitter: Liebesgeschichten zur Weihnachtszeit
Für Tolino: Buch bei Thalia




Leseprobe aus "Glühwein und Weihnachtsgans":
Cindy hetzte durch die Stadt. In beiden Händen trug sie volle Plastiktüten. Eine Woche vor Weihnachten und erst jetzt hatte sie Zeit, sich um die Weihnachtsgeschenke zu kümmern. Es war zum Verzweifeln. Aber auf der Arbeit gab es so viel zu tun, dass sie jede Menge Überstunden schob. Und wenn sie dann endlich nach Hause ging, war sie viel zu müde, um sich noch durch die Geschäfte zu schieben oder in Ruhe im Internet zu stöbern. Letzten Samstag wollte sie einkaufen, aber nachdem sie ausgeschlafen hatte, stand ihre kleine Schwester vor der Tür.
„Hallo Cindy, ich dachte, du brauchst jemanden, der dich aus deinem Trübsinn reißt.“ Karo war eine spontane Studentin. Ein paar Semester mehr oder weniger regten sie nicht auf. Allerdings musste Cindy ehrlich zugeben, dass Karo ihrer Mutter nicht mehr auf der Tasche lag, sondern sich ihren Unterhalt selbst verdiente. Kein Job war ihr zu schlecht. Weder Babysitter, Kellner, Nachhilfelehrer, Hundesitter noch Verkäufer. Selbst bei der Obsternte hatte sie schon zwischen den Apfelbäumen gestanden. „Lohnt sich überhaupt nicht, davon kann ich ja gerade einmal die Semesterferien überstehen“, meinte sie hinterher.
„Du, ich muss heute unbedingt Weihnachtsgeschenke kaufen“, sagte Cindy und wollte sie schon hinauswerfen.
„Kein Problem. Ich liebe Weihnachtsmärkte.“
Sie hatte nicht übertrieben. Jede Kleinigkeit interessierte sie. Überall blieb sie stehen und spielte mit den ausgestellten Waren. Das Ende vom Lied war, dass Cindy am Abend völlig erledigt war, weil sie von Stand zu Stand geschoben wurden, zwischendurch Glühwein, Krapfen, Bratwurst und gebrannte Mandeln in sich hineingestopft hatten. Dafür hatte sie kein einziges Geschenk besorgt. Schließlich hatte Karo nicht zugelassen, dass sie früh ins Bett gingen, sondern hatte sie auch noch ins Kino und hinterher in die Disko gezerrt.
„Ich bin müde. Ich hatte eine anstrengende Woche.“ Vergeblich. Ihre Argumente hatten ihr nicht geholfen. Gegen ihre kleine Schwester war sie machtlos.
„Wenn ich schon einmal in der Großstadt bin, will ich auch etwas erleben.“ Und weil es in ihrer Universitätsstadt keine großen Kunstausstellungen gab, scheuchte sie Cindy auch noch am Sonntagvormittag aus dem Bett und schleppte sie zu den modernen Malern.
„Du bist überhaupt nicht mehr informiert. Meine Güte, es gibt doch auch ein Leben außerhalb deiner Firma“, klagte sie, während sie von Bild zu Bild schlenderten.
Cindy atmete am Abend auf, als Karo ihren Rucksack packte und wieder verschwand. Sie freute sich fast auf ihr Büro. Trotzdem ging sie die nächsten drei Tage so früh wie möglich ins Bett. Und jetzt hatte sie nur noch sechs Tage Zeit für alles, einschließlich des Gänsebratens, denn Karo und ihre Mutter hatten sich wie gewohnt bei ihr eingeladen. Sie seufzte. Warum fühlte sie sich bloß für die Familie verantwortlich? Sie hatte ihren Vater schließlich nicht mit ständigen Vorwürfen aus dem Haus getrieben. Andererseits hatte sie damals die Rolle des Familienoberhaupts übernommen. Eine viel zu große Verantwortung für eine Sechzehnjährige, aber ihre Mutter war dazu nicht in der Lage gewesen. Und sie hatte auch auf das erhoffte Studium verzichtet, um ihrer Mutter nicht länger zur Last zu fallen.
In Gedanken schob sie sich durch die Menschen, die vor den Weihnachtsbuden standen, ohne auf sie zu achten. Sie wollte in den Fotoladen, der sich ein paar Meter weiter die Straße hinab befand. Überall stieß sie mit ihren breiten Tüten an und kam kaum durch die schmalen Gassen, die die Leute widerwillig bildeten. Sie nahm den rechten Arm vor die Brust und trug jetzt die Taschen vor ihrem Körper, um schmaler zu sein. Plötzlich drehte sich ein Mann um und prallte gegen sie, als sie gerade vorbeiging.
„Aua, können Sie nicht aufpassen?“, fauchte sie. Ihre beige Wolljacke färbte sich dunkelrot vom Glühwein. Entsetzt betrachtete sie ihren Ärmel. Wochenlang hatte sie genau diese Jacke gesucht, und jetzt kippte so ein Depp seinen Wein über das kostbare Stück.
„Oh, entschuldigen Sie, das tut mir leid“, stammelte der Mann. Seine Wangen und seine Nase waren gerötet. Wer weiß, wie viel er schon intus hatte?
„Glühwein sollte man nicht auf der Straße trinken. Hier laufen doch viel zu viele Menschen vorbei.“ Cindy grollte noch immer. Sicher würde der Fleck nicht mehr aus der Jacke gehen. Aber er sollte die Reinigung wenigstens bezahlen.
„Ich komme für den Schaden auf“, sagte der Mann.
„Das will ich auch hoffen. Haben Sie eine Visitenkarte?“, fragte Cindy.
Der Mann griff an seine Brusttasche, doch er trug nur einen Troyer, dann fasste er an seine Gesäßtasche. Aber er zog seine Hand wieder zurück und machte ein bedauerndes Gesicht. „Leider nein, ich bin etwas vorsintflutlich. Haben Sie etwas zum Schreiben?“
Cindy schüttelte ihren Kopf.
„Dann gehen wir am besten in den Laden und ich schreibe es Ihnen auf.“ Er drehte sich weg und verschwand in der Menschenmenge.
Mist, jetzt macht er sich aus dem Staub und ich bleibe auf dem Schaden sitzen, fluchte Cindy. Doch der Mann sprach mit ein paar Bekannten und kam dann wieder auf sie zu.
„Ich musste mich nur noch abmelden, sonst werde ich vermisst“, sagte er und grinste sie kläglich an. „Es tut mir wirklich leid. Ihre schöne Jacke. Sie haben recht, ich werde nie wieder auf der Straße Glühwein trinken.“ Er zog ein großes Stofftaschentuch hervor und rieb heftig auf ihrem Arm herum.
„Aua, wollen Sie mich jetzt auch noch umbringen?“
Erschrocken zog er seine Hand zurück und reichte ihr das Tuch. Hoffentlich war es sauber. Cindy lehnte es ab und zog lieber eine Packung Papiertaschentücher aus der Handtasche.
„Die fusseln doch nur.“ Unbeholfen stand er daneben und sah zu, wie sie den Fleck bearbeitete. „Ich bin haftpflichtversichert“, erklärte er schließlich.
Endlich hörte sie mit dem Reiben auf. Es brachte sowieso nichts. Sie folgte ihm in den Fotoladen. Dort bat er um einen Zettel und einen Stift. Dann schrieb er ihr seinen Namen und die Adresse auf. Er wohnte in ihrem Stadtteil.
„Kann die Reinigung Ihnen die Rechnung schicken?“, fragte Cindy.
„Meinetwegen, aber ich zweifle, dass die eine Rechnung schreiben. Da müssen Sie doch gleich bezahlen. Kann ich Sie nach Hause bringen? Wo wohnen Sie?“
„Ich muss noch ein paar Einkäufe erledigen“, antwortete sie.
„Dabei sind Sie jetzt schon so bepackt.“ Doch nach einem Blick auf ihr Gesicht hielt er den Mund, entschuldigte sich ein weiteres Mal und verabschiedete sich.
Cindy kaufte die kleine Kamera für ihre Mutter und einen Radiowecker für Karo. Bis auf ein paar Kleinigkeiten hatte sie alles besorgt. Mit einer weiteren Tüte in der Hand lief sie vorsichtig zum Bahnhof. Um jede größere Menschengruppe versuchte sie, einen Bogen zu machen.
Natürlich bekam sie in der S-Bahn keinen Sitzplatz mehr. Ihre Tüten waren ein wirkliches Hindernis. Sie stand im Gang und blockierte alles. Keiner konnte an ihr und ihren Tüten vorbei. Und in das Gepäcknetz passten sie auch nicht mehr, so dick, wie sie waren. Außerdem wäre bei dem Versuch der Inhalt wohl heruntergefallen. Warum gab es auch keine Gepäckabteile in der S-Bahn?
Endlich kam ihre Haltestelle und sie quetschte sich zum Ausgang. Auf der Treppe passierte es dann. Ein Griff riss und der Inhalt rutschte die Treppe zum Bahnsteig hinunter. Sie bückte sich und sammelte die Teile wieder ein. Hoffentlich war alles heil geblieben.

Im Kindle-Shop: Schneegestöber, Tannenduft und Sternenglitter: Liebesgeschichten zur Weihnachtszeit
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Eva Joachimsen auf ihrer Website.



30. November 2016

'Meddjn: Tagebuch einer Magierin' von Selena M.

Es ist die Geschichte von Meddjn, einer jungen Lichtgestalterin von dem Zwergplaneten Áneth. Mehr als hundert Jahre sind vergangen, seit die Raumwanderin mit Meddjns Onkel Noál in die andere Welt ging und sie zurückließ. In dieser Zeit lernte das Mädchen bei der Magierin Melhanea alles, was für das weitere Schicksal Keshenjas unumgänglich war. Die Zeit drängte, da Melhanea des langen Lebens überdrüssig, der jungen Lichtgestalterin gerade einmal das Notwendigste beibrachte, um große Zauber zu meistern und sich Hilfe aus der Welt der Raumwanderer holen zu können.

Nur zwei Jahre nach dem Ableben der Meistermagierin steht Meddjn vor ihrer größten Herausforderung. Eine Blutmagierin treibt in den südlichen Gefilden ihr Unwesen und strebt nach Macht und Unterdrückung aller freien Völker. Die Situation scheint aussichtslos, und nur mit Hilfe einiger Gefährten macht sich die junge Magierin auf in den Süden, um ihrer Gegnerin die Stirn zu bieten. Ein Abenteuer beginnt, in der Magie und Fähigkeiten ebenso gefordert werden, wie die Freundschaft und Liebe, die sich unter den unterschiedlichen Gefährten zu entwickeln beginnt.

Mit Meddjn, Tagebuch einer Magierin, entstand ein Fortsetzungsroman von 'Der Raumwanderin', der in diesem Fall von Meddjn erzählt wird. Doch im Gegensatz zu Noál, dessen Ausdruck immer etwas verträumt wirkt, berichtet Meddjn über ihr Abenteuer in einem etwas lebhafteren Stil, was ihrem jüngeren Alter entspricht. Aus dem wissbegierigen, fröhlichen Mädchen ist eine junge, ernsthafte Frau geworden, deren Ausbildung zur Magierin in zu kurzer Zeit absolviert worden war. Einige kleinere Missgeschicke bleiben nicht aus, wobei es gerade diese sind, die sie nach so vielen Jahren zu der Liebe führt, nach der sie sich insgeheim schon seit langem gesehnt hat.

Gleich lesen: Meddjn: Tagebuch einer Magierin

Leseprobe:
Die letzten Worte hatte ich mit jenem finsteren Blick in seine Richtung gesprochen, dass sich der junge Re~Heresh wortlos in seinen Stuhl sinken ließ. Grimmig ließ ich meinen Blick von einem zum anderen wandern. Ein jeder der Ratsmitglieder ahnte, dass sich mit meinem ersten offiziellen Auftritt die Dinge von nun an ändern würden. Außer Manael und Travnéel, die mir beide anerkennend zunickten.
Vor allem Travnéel, der Majieanáll gegenüber saß, nutzte meine letzten Worte, um seinem Konkurrenten einen frostigen Blick zuzuwerfen:
„Es ist wahr. Wir brauchen eine Magierin. Die Mornothma handeln nicht eigenmächtig, sondern werden von einer dunklen Macht gelenkt, die Blutzauber wirkt. Ein Heer, wie es dazumal gegen die Enedeth gelenkt wurde, wird uns jetzt nicht ausreichen. Noch wissen wir nicht, wie erstarkt die dunkle Macht ist, und womöglich werden selbst Meddjns Kräfte allein nicht ausreichen. - Meine Frage an Euch lautet, Meisterin der Magie, werdet Ihr Euch der Gefahr stellen, oder gibt es einen anderen, einen weniger risikoreichen Plan, wie wir der Bedrohung trotzen können.“
Ich atmete tief durch. Damit war meine schlimmste Befürchtung ausgesprochen, und sie gefiel mir jetzt in diesem Moment noch weit weniger, als es noch vor einigen Tagen der Fall gewesen war.
„Ich werde gehen. Es gibt niemanden in ganz Keshenja, der diese Aufgabe für mich übernehmen könnte. Ich muss mit meinen eigenen Augen sehen, was an der Grenze der Orvallesh vor sich geht, um Näheres zu erfahren und um mich vorzubereiten. Die Morquall Narddmona hat sich erhoben, und sie ist durch und durch böse. Doch ich weiß nicht, welche Zauber sie webt und wie stark ihre Macht ist. Dies gilt es herauszufinden, und um ihre Magie zu verstehen, muss ich sie erfühlen. - Gibt es hier jemanden, der dies außer mir vermag? Dann sprecht, denn ich bin nicht gerade erpicht darauf, mich in den Süden zu begeben, um dort dunkler Magie gegenüberzustehen.“
Ratlose Gesichter! Niemand sprach. Niemand wusste, wie man eine Blutmagierin besiegen konnte, von der man nicht einmal wusste, wie mächtig sie sein mochte.
Ich bemerkte, wie Vehalladan seinen Mund grübelnd verzog, dann trat er neben Farred an den Tisch:
„Ich gehe mit dir, Meddjn. Du brauchst einen Krieger, und du brauchst ein gutes Schwert. Ich kann dir beides bieten.“
Überrascht von dem Angebot klappte mein Mund auf. Damit hatte ich nicht gerechnet. Zwar hatte ich Vehalladan in guter Erinnerung von der Stadt der Lichter, aber allzu viel Umgang während meiner Ausbildung hatten wir keinen gepflegt. Allerdings hielt mich das nicht davon ab, Vehalladans Angebot anzunehmen. Diesen Luxus konnte ich mir in meiner Situation nicht leisten. Gerade wollte ich einen Schritt vortreten, als eine mir nur allzu vertraute Stimme von anderem Ende des Tisches aus zurief:
„Ich bitte ebenfalls darum, Euch begleiten zu dürfen, MeddjnShijien. Für solch eine Reise braucht es einen kühlen Verstand, sowie ich davon überzeugt bin, Euch in dem einen oder anderen unterstützen zu können.“
„Herr Travnéel,“ erhob sich sofort seine Sitznachbarin, die dem Volk der Meister der Gesteine angehörte und deren Namen mir nicht geläufig war, “Ihr seid ein Mitglied des Hohen Rates. Ihr könnt nicht einfach gehen. Ihr werdet hier gebraucht.“
„Tu ich das?“ lächelte Travnéel überheblich, “wie viele Che~Oshán leben in Nathnáal, die meiner Hilfe bedürfen? Wie viele leben überhaupt unterhalb des Grenzgebirges zum hohen Norden? Fünfzig? Hundert? Sie werden ohne mich auskommen, bis ich zurück bin. Und ich werde zurückkommen. Meine Entscheidung steht fest.“
„Was will ein Che~Oshán in der Wüste schon ausrichten?“ grinste Majieanáll von den Re~Heresh quer über den Tisch, “den Sand zu Eis gefrieren lassen, damit die Gegner auf dem glatten Boden ausrutschen?“
Travnéel überging den offensichtlichen Spott mit einem laschen Achselzucken. Seine undurchdringliche Miene war zu einer Maske aus kalter Selbstsicherheit gefroren:
„Wenn es sein muss? Ihr wisst zu wenig über die Che~Oshán, Herr Majieanáll, so, wie Ihr zu wenig über mich wisst. Ihr wisst überhaupt viel zu wenig.“

Im Kindle-Shop: Meddjn: Tagebuch einer Magierin

Mehr über und von Selena M. auf ihrer Facebook-Seite.



29. November 2016

'Septembersonne' von Eva-Maria Farohi

Die Juwelierin Monika arbeitet seit ihrer Scheidung als Schmuckverkäuferin in einem Warenhaus. Auf einer Pauschalreise nach Mallorca trifft sie den verwitweten Mallorquiner Antonio. Er zeigt ihr die Schönheiten der Insel: einsame Buchten und entlegene Strände, das Landesinnere und die Insel Cabrera …

Monika lebt in Antonios Gegenwart auf. Sie beschließt, ihr Leben zu ändern und sich einen interessanteren Job zu suchen. Auch Antonio ist Monika nicht gleichgültig. Als er ihr allerdings vorschlägt, nach Mallorca zu übersiedeln, ist sie dazu nicht bereit.

Die Trennung scheint unvermeidbar.

Gleich lesen: Septembersonne

Leseprobe:
Sie lehnte an der kleinen Mauer und blickte zum Meer hinüber. Die endlos weite Fläche schimmerte im sanften Licht der einbrechenden Dämmerung. Nur wenige Leute waren noch am Strand – Einheimische, dachte sie, die nach der Arbeit ein wenig schwimmen wollten.
Sogar die Uferpromenade war menschenleer. Alle schienen beim Abendessen zu sein, doch Monika hatte keinen Hunger, sie war immer noch zu aufgewühlt. Niemals hätte sie gedacht, dass sie heute Abend hier sein würde.
War das alles wirklich erst gestern gewesen?
Ihre Kollegin hatte am Fenster gestanden. Vier Jahre lang arbeiteten sie schon zusammen in der Schmuckabteilung des großen Kaufhauses. Monika sah die Tränenspuren. „Was ist passiert?“
Irene ließ die Hände sinken. „Meine Mutter, sie ist gestürzt. Jetzt braucht sie rund um die Uhr Hilfe. Tagsüber springt meine Schwester ein, aber in der Nacht bin ich bei ihr.“
„Morgen beginnt doch dein Urlaub?“
„Ja, und ich habe die Reise nicht versichert …“
Monika wusste, was das bedeutete. Keine von ihnen war in den letzten Jahren im Urlaub gewesen, schon gar nicht am Meer.
Plötzlich hob Irene den Kopf. „Was, wenn du fährst?“
„Ich habe keinen Urlaub. Außerdem kann ich mir das nicht leisten.“
„Hör zu, den Urlaub können wir tauschen. Ich gebe dir das Arrangement ganz billig. Besser, als wenn es verfällt. So haben wir beide etwas davon.“
Die Luft war angenehm warm. Langsam verfärbte sich der Himmel. Das helle Grau wechselte in ein mattes Lila, und himbeerrote Wolkenfetzen zogen über den Horizont. Hoch über ihrem Kopf glitzerten zwei Flugzeuge im Licht der letzten Sonnenstrahlen. Dicht hintereinander flogen sie, wie aufgefädelt an einer Kette aus gelborangen Kondensstreifen.
Im Osten ragte eine Landzunge in die Bucht hinein. Sie wirkte unbebaut. Nur auf der obersten Kuppe stand ein viereckiges Gebäude, das mehr einem Turm glich als einem Haus. Das Gebiet war dicht bewaldet, doch zwischen den Bäumen leuchteten einzelne Wiesenflecken im goldenen Licht der Sonne.
Der Sand der Bucht war hell. Gruppen knorriger Bäume formten einsame Inseln, die mit dicken Kordeln vom Strand abgetrennt waren.
Es roch nach Meer, nach Algen, nach Fisch. Und auch ein wenig nach Kokosnuss so wie die Sonnenmilch in Monikas Badetasche.
Sie zog die Schuhe aus und ging durch den warmen Sand zum Wasser.
Kleine Wellen schwappten über ihre Füße, der Boden hier fühlte sich kühl an. Ohne ein wirkliches Ziel zu haben, schlenderte sie weiter.
Wann war sie zuletzt am Meer gewesen?
Sie dachte an ihren geschiedenen Mann. Mit ihm war sie öfter verreist – damals, als sie noch den kleinen Juwelierladen hatten.
Wieder spürte sie etwas von der alten Verbitterung und zwang sich, an etwas anderes zu denken.
Am Ende der Bucht war ein hölzerner Steg, der rund um das große Bierlokal herumführte. Es lockte sie, zu erforschen, was dahinter lag.
Plötzlich tauchte der Hund auf. Es war ein struppiger Mischling mit schwarzem Fell und weißen Flecken auf den Pfoten.
Sie bückte sich. Er rieb seine Schnauze gegen ihre Handfläche. Dann sprang er rückwärts, setzte sich und bellte auffordernd.
Sie lachte. „Du bist mir vielleicht einer. Was willst du denn?“
Er rannte fort, schien nach etwas zu graben, kam zurückgelaufen und legte eine leere Plastikflasche vor ihre Füße.
Es war lange her, dass sie einen Hund gehabt hatte. Auch das gab es nicht mehr in ihrem Leben.
Sie hob die Flasche auf und warf sie, so weit sie konnte. Wie ein Pfeil jagte er hinterher und brachte die Flasche zurück.
Monika setzte ihre Wanderung fort, doch der Hund wurde nicht müde, zu apportieren. Willig spielte sie mit ihm weiter, bis sie zu dem Steg kamen. Sie stieg die Stufen hinauf. Der Hund folgte ihr.
„Jetzt ist Schluss“, sagte sie und drehte sich um. „Geh zurück, nach Hause.“
Er machte Anstalten, ihr nachzulaufen.
„Nein.“ Sie blieb stehen, hob den Arm und deutete in die andere Richtung. „Geh zurück jetzt. Los.“
Der Hund zögerte, kratzte sich hinter dem Ohr, machte kehrt und trabte in Richtung der Promenade, und Monika ging weiter.
Das Quietschten von Reifen unterbrach ihre Gedanken. Ein Auto jagte mit überhöhter Geschwindigkeit um den Kreisel herum, in den die Stichstraße mündete. Sie hörte ein schrilles Jaulen – es klang wie der Schrei eines Vogels.
Monika zuckte zusammen, sie konnte nur noch die Rücklichter des Wagens sehen.
In der Mitte des Kreisels lag etwas, es war schwarz und unförmig, sah aus wie ein Sack. Sie ging darauf zu.
Noch ehe sie nahe genug war, um es genau erkennen zu können, wusste sie, was es war. Sie beschleunigte ihre Schritte, lief hin und griff nach dem Bündel.
Der Hund öffnete die Augen und wimmerte. Sein Schwanz bewegte sich ein wenig, so als versuchte er zu wedeln.
„Oh mein Gott, was ist denn passiert?“, Monika streichelte seinen Kopf, fasste unter die Flanke.
Es fühlte sich feucht an. Feucht und klebrig.
Hastig zog sie die Hand heraus. Sie war rot.
„Oh nein, was mache ich nur, was kann ich bloß tun?“ Sie drehte sich hilfesuchend um. Panik stieg in ihr hoch. Da bemerkte sie den Radfahrer.
„Hallo“, rief sie, und lief auf ihn zu. „Können Sie mir helfen?“
Er reagierte nicht, fuhr einfach weiter.
Sie kniete neben dem Hund. Er rührte sich nicht. Sein Atem ging stoßweise, begleitet von einem röchelnden Geräusch.
Es kam ein Auto. Eine Türe schlug zu.
„¿Qué pasa?“
„Signore“, stammelte sie. „Er ist angefahren worden. Non so – ich weiß nicht, was ich mit ihm machen soll.“
Er hockte sich neben sie. Griff nach dem Hund.
„Er ist verletzt“, sagte er in tadellosem Deutsch. „Wir müssen ihn zum Tierarzt bringen. Ist das Ihr Hund?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, er ist unten am Strand herumgelaufen. Dann kam dieser Wagen. Bitte helfen Sie mir. Er kann doch hier nicht so liegen bleiben.“
Der Mann nickte, ging zu seinem Auto. „Legen wir ihn auf die Decke. So ist es gut. Können Sie ihn halten? Es ist besser, sie setzen sich auf die Rückbank.“

Im Kindle-Shop: Septembersonne

Mehr über und von Eva-Maria Farohi auf ihrer Website.



28. November 2016

'Blutgefährten (Melody of Eden 1)' von Sabine Schulter

**Eine Liebe, so tief wie die Nacht**

Vampire – Mythos oder Wahrheit? Diese Frage stellt sich auch die 23-jährige Melody, als sie gemeinsam mit ihrer Freundin die unterirdischen Gänge ihrer Heimatstadt erforscht. Schon immer hat sie sich gefragt, ob es diese Wesen der Nacht tatsächlich gibt. Es wird gemunkelt, dass die Regierung ihre Existenz zu vertuschen versucht, und Melody würde nur zu gerne herausfinden, warum. Als sie plötzlich von einer unheimlichen Kreatur in die Tiefe gerissen und von einem unglaublich anziehenden Mann gerettet wird, ist ihr Wissensdurst nicht mehr zu stillen.

Doch schon bald muss Melody herausfinden, dass es Wesen gibt, die man besser nicht auf sich aufmerksam macht …

Gleich lesen: Blutgefährten (Melody of Eden 1)

Leseprobe:
Missmutig betrachtete ich das Gitter vor mir, das mir den Zutritt in den Untergrund versperrte. Ein leicht muffiger Luftzug wehte mir aus der dahinterliegenden Kanalisation entgegen und übertünchte sogar den Abgasgeruch der Autos. Eine alles verschlingende Dunkelheit lag in dem Tunnel, aber ich war mir sicher, dass sich dort etwas befand. Etwas, von dem sich die meisten wünschten, dass es nicht existierte.
»Mel«, jammerte Daisy hinter mir. »Lass es gut sein. Du hast mir bewiesen, dass du mutig bist. Jetzt lass uns heimgehen. Es ist kalt und schon sehr spät.«
Kurz hob ich den Blick und ließ ihn über den sternenklaren Himmel gleiten. Keine Wolke bedeckte ihn und nicht einmal der Mond zeigte sich Nur das schmutzig gelbe Licht der Stadt, deren Häuser sich um den alten Wasserkanal, in dem wir uns befanden, in die Höhe schraubten, beleuchtete unsere Umgebung. Dadurch wirkte die Nacht ungewohnt hell und ließ sogar die Sterne verblassen.
Lichtsmog.
Wie ich ihn hasste.
»Ich will aber wissen, ob es Vampire wirklich gibt«, maulte ich und blickte wieder zu dem Gitter, das mir den Weg in die Kanalisation versperrte.
»Melody, bitte!«, flehte Daisy inzwischen. Ich hörte das Rascheln ihres Parkas, an dessen Saum sie vor Nervosität herumnestelte.
»Hast du dich nie gefragt, ob die Gerüchte wahr sind?«, entgegnete ich und versuchte, etwas zwischen den Gitterstäben hindurch zu erkennen. Alles schien still, bis auf das beständige Summen der Autos, die auf der Straße über uns hinwegfuhren.
»Mir ist total egal, ob es tatsächlich Vampire im Untergrund gibt oder nicht. Mir ist auch egal, dass es welche bei der Nachtpolizei geben soll. Ich bin glücklich, wenn ich in Ruhe gelassen werde und du mich aus diesem Loch begleitest«, schimpfte Daisy.
»Wieso bist du dann mit mir hierhergekommen?«
Nun fauchte mich meine Freundin regelrecht an. »Falls du es vergessen hast: Du hast mich hier heruntergezogen, um mir dieses Gitter zu zeigen! Ich hingegen wollte ganz gemütlich nach Hause laufen … Freiwillig bin ich also nirgendwohin mitgekommen!«
Leider musste ich ihr da sogar Recht geben, aber die Geschichten über die Vampire, die es im Untergrund und teilweise auch unmittelbar unter uns geben sollte, faszinierten mich. Seit unserer frühesten Kindheit haben unsere Eltern uns diese Geschichten erzählt, damit wir abends rechtzeitig nach Hause kamen und nicht von den Blutsaugern abgepasst werden konnten.
Doch ich hatte noch nie einen gesehen.
Weder einen dieser bösartigen Vampire, von denen uns erzählt wurde, noch die offiziellen Hüter der Nacht, die bei der Polizei arbeiten sollten. Und nicht einmal in der Presse gab es Berichte über Vampire oder deren Angriffe auf Menschen. Woher also sollte ich wissen, dass es sie wirklich gab und ob sie gefährlich waren? Sie könnten genauso gut erfunden sein, um uns still und verängstigt zu halten. Ein moderner Mythos, den ich gern erforschen wollte.
»Was ist, wenn es sie gibt und wir uns hier in Gefahr befinden?«, gab Daisy verunsichert zu bedenken. Ich verzog den Mund, denn sie konnte durchaus Recht haben. War ich wirklich so lebensmüde, diesen möglichen Monstern bewusst in die Arme zu laufen? Nur, weil mich Vampire faszinierten?
Frustriert trat ich gegen das Gitter und wandte mich dann Daisy zu. Sie sah mit den hochgezogenen Schultern und dem Schal, in den sie das Kinn tief vergrub, wirklich sehr verängstigt aus und nun tat es mir leid, dass ich sie hier heruntergezogen hatte.
Daisy war nur ein Jahr jünger als ich, aber sehr schüchtern und schnell zu ängstigen. Normalerweise würde ich sie niemals an solche Orte schleppen, weil sie hier einfach nicht hergehörte, aber heute hatte es mich irgendwie überkommen.
»Entschuldige«, gab ich klein bei. »Lass uns gehen.«
Ich trat von dem Gitter fort und Daisy atmete erleichtert auf. Doch gerade, als ich bei ihr ankam und wir den Aufstieg hoch zur Straße in Angriff nahmen, hörten wir ein Geräusch hinter uns.
Daisy keuchte voller Angst auf und blickte gehetzt über die Schulter. »Was war das?«
Ich blickte ebenfalls zurück, doch hinter dem Gitter war nun wieder alles still.
»Keine Ahnung«, meinte ich und machte kehrt.
»Mel, komm da weg!«, zischte Daisy, aber ich hielt bereits inne und musterte das Gitter aus einer sicheren Entfernung von drei Metern.
»Hm, nichts«, sagte ich und wandte mich erneut um.
Da zischte es mehr als deutlich hinter mir und bevor ich reagieren konnte, prallte etwas mit solcher Wucht gegen das Metall der Stäbe, dass das Gitter aus seiner Fassung geschmettert wurde und mich trotz meines Abstandes in den Rücken traf.
Schmerz explodierte in meinem gesamten Körper, aber ich war noch so geistesgegenwärtig, die Hände auszustrecken und zu verhindern, dass ich mit dem Gesicht auf den rauen Beton prallte. Das Gewicht des Gitters presste mir alle Luft aus den Lungen und drückte mich fest zu Boden. Wie gelähmt blieb ich liegen, während Daisy voller Panik schrie.
Obwohl sie schon wie eine Sirene klang, steigerte sich ihr Kreischen noch mehr, als hinter mir Schritte ertönten. Das Gitter wurde von mir gerissen und aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, wie es davonflog, als wäre es so leicht wie ein Blatt Papier. Ich wollte mich umdrehen, um zu sehen, was Daisy in solche Panik versetzte, aber da wurde bereits mein Fuß gepackt und unbarmherzig Richtung Abwassertunnel gezerrt.
»Melody!«, kreischte Daisy.
Ich warf mich herum, um den Angreifer mit meinem freien Fuß zu treffen, erstarrte aber, als ich das Wesen über mir sah.
Es handelte sich um eine Art Mensch, der so dürr war, dass ich jeden einzelnen Knochen zu erkennen glaubte. Seine Haut besaß die ungesunde Farbe von Kalk und er schien komplett unbehaart zu sein. Kleider trug das Wesen nämlich keine und als es sich umwandte, um Daisy drohend anzuzischen, erkannte ich deutlich die spitzen Fangzähne.
Ich hatte meinen Vampir gefunden.
Sofort wünschte ich mir, nie hierhergekommen zu sein, denn trotz seiner schmächtigen Gestalt steckte in dem Vieh eine erstaunliche Kraft. Es schleifte mich so schnell davon, dass ich erst reagieren konnte, als ich schon halb im Tunnel verschwand. Ängstlich warf ich mich erneut herum und versuchte, irgendwo Halt zu finden.
»Daisy!«, rief ich ängstlich, als ich keinen fand, und hielt meiner Freundin die Hände hin.
Eilig kam sie heran, doch bevor sie auch nur den Tunnel erreichte, zog mich der Vampir hinein in die Dunkelheit.
»Nein! Mel, Mel!«, weinte Daisy und hielt verängstigt inne.
Sie traute sich nicht, den Tunnel zu betreten und lief davor auf und ab. Erschreckend schnell schmolz der kleine Kreis des Ausganges dahin und wollte mir das restliche Licht nehmen, ohne das ich absolut nichts sehen konnte.
Nun kämpfte ich wild gegen meinen Entführer, trat um mich, wand mich wie eine Schlange und kreischte meine Angst heraus, aber das Einzige, das ich mir dadurch einbrachte, war die Wut des Wesens.
Mit einem Zischen zog es an meinem Bein, so dass ich regelrecht nach vorn geschleudert wurde und schmerzhaft gegen die Betonwand zu meiner Rechten prallte. Dann warf mich das Wesen gegen die gegenüberliegende Wand und erneut presste es mir die Luft aus den Lungen. Schmerz pulsierte in Wellen durch meinen Körper, wodurch ich wohl kurz das Bewusstsein verlor, denn als nächstes spürte ich, wie ich über der Schulter des Wesens lag und wie ein Sack durch die Dunkelheit geschleppt wurde. Für kurze Zeit war ich so orientierungslos, dass ich mich einfach nur festhielt, aber die bleiche Haut unter meinen Fingern fühlte sich so klamm und unnatürlich rau an, dass ich augenblicklich wieder losließ.
Pure Angst brandete in mir auf. Wenn dieses Wesen wirklich ein Vampir war, wusste ich nur zu genau, wie diese Geschichte enden würde. Ich begehrte bei dem Gedanken auf, schlug um mich, trat, biss und schrie. Ich gab alles, um mich befreien zu können, und doch hätte ich mich genauso gut entspannen können. Denn all meine Bemühungen waren umsonst. Das Wesen war so stark, dass ich absolut nichts ausrichten konnte.
Verzweifelt schluchzte ich, bäumte mich ein letztes Mal auf und schrie so laut um Hilfe, dass mir die Kehle schmerzte. Aber hier unten würde mich niemand hören, das dachte ich zumindest.
Denn im nächsten Moment schlitterte ein so helles Licht vor mir in den Tunnel, dass es mich für kurze Zeit blendete - und mit ihm zusammen kam uns ein Mann in einem langen schwarzen Mantel hinterhergerannt. Unmenschlich schnell rannte er uns hinterher und das Wesen, das mich trug, zischte wütend. Ich spürte, wie es schneller wurde und versuchte, zu entkommen.
Hoffnung erwachte in mir und erneut bemühte ich mich, keine allzu leichte Beute zu sein. Da schlagen, treten oder kreischen das Wesen unbeeindruckt ließen, warf ich mich kurzerhand zur Seite und versuchte gleichzeitig, mich um meine eigene Achse zu drehen. Tatsächlich brachte dies das Wesen aus dem Gleichgewicht und unser Verfolger machte wichtigen Boden wett.
Er kam so nah an uns heran, dass ich in ihm einen Mann mit rabenschwarzem Haar erkannte, der fest die Zähne aufeinanderbiss und wohl all seine Kraft hineingab, um uns zu erreichen. Egal, wer er war, er sah weit menschlicher aus, als dieses furchtbare Wesen und ich gab gern alles, um zu ihm zu gelangen.
Gegen den festen Griff des Wesens ankämpfend, streckte ich mich und hielt meinem Retter eine Hand entgegen, die er nur zwei Sekunden später ergreifen konnte. Zu meiner Überraschung sprang er nach vorn und riss so hart an meinem Arm, dass ich glaubte, entzweigerissen zu werden. Dadurch wurde das Wesen unter mir nach hinten gezerrt und mein Retter flog regelrecht auf uns zu. Sein Fuß traf das Wesen in den unteren Rücken und ich hörte es laut knacken.
Der Vampir kreischte so hoch auf, dass es in meinen Ohren dröhnte. Dabei ließ er mich los, weshalb ich nun erschreckend heftig Richtung Boden prallte. Wieder kam mir der Mann mit dem schwarzen Haar zu Hilfe, indem er mich packte und zu sich heranzog. Durch dieses Manöver landete ich direkt auf ihm und nicht wie erwartet schmerzhaft auf dem Beton. Trotzdem konnte ich einige Sekunden nichts Anderes tun, als einfach liegenzubleiben.

Im Kindle-Shop: Blutgefährten (Melody of Eden 1)

Mehr über und von Sabine Schulter auf ihrer Website.



24. November 2016

'Tödliche Meeresnacht' von Eva-Maria Farohi

Jeder Mörder hinterlässt eine Spur, man muss sie nur finden. Davon ist Chefinspektor Vicent Rius überzeugt. Als er auf der Mittelmeerinsel einen scheinbar einfachen Unfalltod untersuchen soll, entdeckt er schnell Ungereimtheiten: Wer ist die schöne Tote unter den Klippen wirklich – und welche Rolle spielt ihr Ehemann? Immer tiefer dringt der erfahrene Ermittler in ein Netz aus Lügen, Betrug und Habgier ein, bis nichts mehr so ist, wie es scheint, und die Unschuldigen zu Schuldigen werden.

Eine Kriminalgeschichte aus Mallorca.

Gleich lesen: Tödliche Meeresnacht




Leseprobe:
„Ich habe keine guten Nachrichten. Ihre Frau ist tot.“
Ben Höffner hätte nicht gedacht, dass ihn noch irgendetwas erschüttern könnte.
Regungslos starrte er die Anwältin an, die ihm gegenübersaß. Das Konsulat hatte sie empfohlen.
Der kahle Raum der Gefängnisanstalt war nicht nur wegen seiner Schmucklosigkeit kalt. In den letzten Tagen hatten die sinkenden Temperaturen die Mauern stark abgekühlt. Es ging auf Weihnachten zu.
„Wieso …“, begann er. Und brach ab.
„Man hat sie vor zwei Tagen gefunden, in der Nähe Ihres damaligen Hotels, unterhalb der Klippen.“
Beinahe fünf Monate schon saß Ben jetzt in diesem Gefängnis und er war sich sicher, dass er die Tat, die man ihm zur Last legte, niemals begangen haben konnte. Seine Frau musste es ebenfalls gewusst haben. Jetzt war sie tot.
„Wie ist es passiert?“, fragte er.
Die Anwältin zuckte die Schultern.
Sie war eine hagere Person mittleren Alters. Alles an ihr schien ein wenig grau zu sein. Zu dem Tweedkostüm mit dem Karomuster trug sie eine weiße Bluse mit einem ordentlich gebügelten Kragen. Ihre Stimme klang wie das Geräusch von aneinanderreibenden Kieselsteinen.
„Sie dürfte ausgeglitten sein. Die Felsen bei der Bucht sind nass und rutschig.“
Ben nickte. Wie in einem Karussell drehten sich seine Gedanken im Kopf, und obwohl die Gespräche in dem kahlen Besuchsraum für gewöhnlich seine einzige Ansprache darstellten, wünschte er sich in die Einsamkeit der Zelle zurück, die ihm viel zu lange schon als Wohnort diente.
Marlene. Er sah sie vor seinem inneren Auge, wie sie strahlte, lachend, in einem der von ihr so sehr geliebten roten Kleider. Genauso wie damals, als er ihr zum ersten Mal begegnet war. Der federnde Gang. Die biegsame Gestalt, ihr schlanker Körper, die schneeweißen Arme.
An seinem Hochzeitstag war er der glücklichste Mann gewesen.
Wann genau hatte dieser ganze Albtraum begonnen? Er wusste es nicht.
In all diesen endlosen Monaten hatte er jeden einzelnen Tag darüber nachgedacht. Ohne Erfolg.
Fünf Jahre waren sie miteinander verheiratet gewesen. Immer noch hatte er sich für genauso glücklich wie zu Beginn seiner Ehe gehalten.
Bis zu diesem Juli.
Erst zwei Tage zuvor waren sie auf der Insel angekommen. Mallorca. Eine ganze Woche wollten sie zusammen ausspannen, in dem kleinen Landhotel fernab von der Küste.
Es war ein hübsches Steingebäude mit blaugrauen Fensterläden. Unter den hohen Bögen, die die Terrasse des oberen Stockwerks trugen, konnte man wunderbar im Schatten entspannen. Mehrere Korbstühle standen hier, große Grünpflanzen in Terrakottatöpfen. An der Seite des Gebäudes wucherte eine lilafarbene Bougainvillea. Glasklar funkelte das Wasser im Pool. Schwappte mit leisem Gluckern in die Überlaufrinne.
Rundum war nichts — nur kahle Erde, auf der in endlosen schnurgeraden Reihen Mandeln und Feigenbäume wuchsen. Präzise grenzten die unzähligen Trockenmauern die einzelnen Grundstücke von einander ab.
Vereinzelt konnte man auf den umliegenden Hügeln noch andere Gehöfte sehen. Überall weideten Schafe. Das Bimmeln ihrer Glocken war weit und breit das einzige Geräusch. In endloser Ferne schimmerte das Meer.
Von Anfang an hatte er sich hier wohl gefühlt. Marlene ging es genauso. Oder war das nur eine Täuschung gewesen?
„Lass uns heute Abend hierbleiben“, hatte sie geflüstert und ihn umarmt.
Im Schutz der hohen Bögen waren einige wenige Tische gedeckt, an denen man zu Abend essen konnte. Kleine Laternen verbreiteten ein sanftes Licht auf der Terrasse, überall standen Kerzen. Rubinrot schimmerte der Wein in ihren Gläsern.
In derselben Nacht hatten sie sich geliebt. Immer noch vermeinte er den Duft ihrer Haut zu riechen.
Jetzt saß er in seiner Zelle, auf dem unteren der beiden Betten. Mattes Licht drang durch das vergitterte Fenster. Mit seinen Fingern zerwühlte er das Haar, vergrub die Stirn in den Handflächen.
„Was ist dann passiert?“, fragte er sich, wie schon tausende Male zuvor.
Am nächsten Morgen war er mit Kopfschmerzen aufgewacht.
Der Wein muss schlecht gewesen sein,war sein erster Gedanke gewesen, ehe er mit der Hand nach der anderen Seite tastete. Sie war nicht da. Er streckte sich aus und lächelte.
Einige Minuten später rief er ihren Namen — irgendwann ging er ins Bad.
Es war leer.
Wo war Marlene?
Schnell zog er seine Hose über und trat hinaus auf die Terrasse.
Im Osten kämpfte sich die Sonne durch die Wolkengebirge am Horizont. Ihr gleißendes Licht ließ das Meer hell glänzen. Er stand im Morgenlicht.
Auf die Brüstung gestützt sah er hinunter in den Garten.
Kein Mensch war zu sehen.
Er drehte sich um, ging durch das Appartement zurück in Richtung der Tür und bemerkte die Vase, die auf dem niedrigen Couchtisch gestanden hatte.
Sie lag auf dem Boden und war zerbrochen.
Er bückte sich, hob die größten Teile auf und legte sie auf den Tisch zurück.
Dann erst ging er zur Tür, öffnete sie leise und trat auf den Flur hinaus.
Außer ihm schienen noch alle zu schlafen. Im Haus war kein einziges Geräusch zu hören.
Die schwere Eingangstür aus Eichenholz knarzte leise, als er sie öffnete.
Auf dem Weg um das Haus herum begegnete ihm niemand. Automatisch sah er hinüber zu dem kleinen Parkplatz. Der Leihwagen stand noch genauso dort, wie er ihn abgestellt hatte.
Wo war Marlene?
Er setzte sich auf die Stufen und wartete. Langsam nur vergingen die Minuten.
Irgendwann später erwachte das Haus zum Leben.
Man hörte das Klappern von Besteck, es roch nach Kaffee.
Dann wurde die Tür geöffnet und der Eigentümer des Hauses trat auf die Terrasse.
„Guten Morgen. Haben Sie gut geschlafen?“
Ben stand auf. „Haben Sie meine Frau gesehen? Sie ist nicht hier.“
„Nein, bedaure. Vielleicht ist sie spazieren gegangen. Oder zum Meer gefahren. Der Sonnenaufgang ist wunderbar.“
„Der Wagen steht hier.“
„Sie könnte ein Stückchen weiter gegangen sein als geplant. Bestimmt kommt sie bald zurück. Machen Sie sich keine Gedanken. Bei uns passiert niemandem etwas.“ Der Mann lächelte verbindlich.
Ben nickte und steckte die Hände in seine Hosentaschen.
Unruhig trank er einen Kaffee, mochte nichts frühstücken, ging dann zurück ins Zimmer.
Er öffnete den Schrank. Alles hing ordentlich auf den Bügeln. Dabei fiel sein Blick auf die gepolsterte Sitzgarnitur, und er bemerkte, dass Marlenes Handtasche fehlte. Auch ihr Handy konnte er nirgends sehen.
Sofort griff er zu seinem eigenen Telefon und wählte die Nummer, doch niemand meldete sich. Das Gerät war offenbar ausgeschaltet.
Abermals durchquerte er die kühle Eingangshalle, trat hinaus in das helle Sonnenlicht und ging durch das Tor auf den unbefestigten Weg zu, der als Zufahrt diente.
Er kam an niedrigen Steinmauern vorbei, ging weiter zwischen den graslosen Grundstücken, auf denen Schafe nach etwas Fressbarem suchten. Einige Mandelbäume spendeten spärlichen Schatten, manchmal konnte man die weit ausladende Krone eines Johannisbrotbaums sehen. Kräftig brannte die Sonne herab. Die Luft schien zu flimmern.
Er bemerkte nichts von alledem,ging er weiter, bis er die asphaltierte Straße erreichte. Auch hier war nichts zu sehen.
Als er zurückkam, suchte er nach dem Eigentümer und fand ihn in seinem Büro.
„Bitte verständigen Sie die Polizei. Meiner Frau muss etwas zugestoßen sein.“
Man versuchte, ihn zu beruhigen. „Sie werden sehen, alles klärt sich auf. Ihrer Frau ist bestimmt nichts passiert.“ Das Lächeln auf dem Gesicht seines Gegenübers irritierte ihn.
Dennoch bestand er darauf, dass der Mann bei der Behörde anrief.
„Die Polizei kümmert sich darum. Wenn Ihre Frau einen Unfall gehabt hat, werden wir es bald erfahren“, war alles, was man ihm mitteilte.
Wieder wartete er. Er ging den Weg über die Terrasse hinaus bis zum Ende der kleinen Mauer und wieder zurück.
Die sengende Hitze spürte er nicht, merkte erst, dass er Durst hatte, als man ihm ein Glas Wasser brachte.
Irgendwann kam dieses weiße Motorrad angefahren, mit dem auffälligen Streifen aus kleinen blau-weißen Quadraten.
Der Polizist war freundlich, sprach gut Deutsch.
Er hörte Ben zu und brauste wieder davon.
Am späten Nachmittag fuhr ein Wagen vor. Zwei Männer in Uniformen stiegen aus und gingen in Richtung des Eingangs.
Als Ben die Halle betrat, sah er die beiden mit dem Hotelbesitzer sprechen.
„Was ist mit meiner Frau? Haben Sie sie gefunden?“
Sie drehten sich nach ihm um.
„Ben Höffner?“, sagte der eine der beiden knapp und schwieg dann.
Ben spürte, wie sie ihn musterten, obwohl er ihre Augen hinter den dunklen Sonnenbrillen nicht erkennen konnte.
Er nickte.
„Herr Höffner, würden Sie so nett sein und den Beamten Ihr Appartement zeigen“, meldete sich der Eigentümer zu Wort.
„Ist etwas mit meiner Frau passiert? Hat man sie gefunden?“
„Bitte beruhigen Sie sich. Ihrer Frau dürfte es einigermaßen gutgehen. Sie hat sich gemeldet.“
„Bei wem? Wieso nicht bei mir? Sie verheimlichen mir doch etwas!“
Der Hotelbesitzer nahm den Schlüssel für das Appartement von dem entsprechenden Haken.

Im Kindle-Shop: Tödliche Meeresnacht

Mehr über und von Eva-Maria Farohi auf ihrer Website.



23. November 2016

'Tod einer Millionärin' von Achim Zygar

In der Industriellen-Familie der Bernheims ist ein Kampf um zig Millionen Euro entbrannt. Alles dreht sich um die Erbschaft der kürzlich verstorbenen Firmenpatriarchin Clotilde Bernheim. Es ist ein blutiger Kampf. Als ein Mann erstochen auf einem Wanderweg im Teutoburger Wald gefunden wird, sieht es erst nach Raubmord aus. Doch die Spur führt zu den Bernheims und zu den beiden Brüdern Bernd und Kai. Der Tote ist ihr Halbbruder, der zur Beerdigung der verstorbenen Mutter aus den USA gekommen war. Mit ihm müssen sie die Erbschaft nun nicht mehr teilen.

Für Kriminalhauptkommissar Haverbeck ist die Ermittlungsarbeit mühsam, denn weitere Todesfälle kommen hinzu. Und dann ist da noch ein schlimmes Geheimnis, das er lüften muss. Dass sein neuer Chef zum Freundeskreis der Bernheims gehört, erschwert seine Arbeit zusätzlich.

Ein Buch aus der Reihe "Krimis aus Bielefeld: Haverbeck ermittelt"

Gleich lesen: Tod einer Millionärin: Haverbeck ermittelt (5. Fall)

Leseprobe:
Leise wie eine Katze schleicht die Gestalt die schmale Treppe hinauf. Stufe für Stufe geht es in den ersten Stock. Auf dem Flur bleibt sie kurz stehen. Ein Teppich auf den Marmorplatten soll die Gehgeräusche dämpfen. Aber wer in Socken durchs Haus schleicht, könnte darauf verzichten. Etliche Zimmer gehen von dem Flur ab. Sie nimmt ihr Ziel ins Visier. Langsam geht sie den Gang entlang und bleibt vor einer der mittleren Türen auf der linken Seite stehen. Es ist eine schwere Mahagonitür. Sie lauscht in die Stille. In der Ferne hört sie das Brummen von Lastkraftwagen. Schlechte Lage für ein so teures Haus, denkt sie und muss schmunzeln. Aber man hat mich ja damals nicht gefragt. Nein, nicht solche Gedanken jetzt.
Sie legt die Hand auf die Klinke. Ihr Puls rast. Mehrmals atmet sie tief ein und aus. Gott sei Dank, die Hand bleibt ruhig. Sie drückt die Klinke herunter und öffnet die Tür einen Spalt. Wieder muss sie schmunzeln. Nichts hat gequietscht oder geknarrt. Das sind die Vorteile einer fünfzehn Millionen Euro teuren Villa. In einem solchen Gebäude passt jede Schraube und jedes Scharnier. Pech für Clotilde Bernheim, die in diesem Zimmer schläft. Die Person schiebt die Tür soweit auf, dass sie eintreten kann. Sie überlegt einen Moment. Es ist besser, die Tür wieder zu schließen. Sie rechnet zwar nicht damit, dass es irgendwelche Geräusche geben wird, aber Sicherheit geht vor.
Die Gestalt geht in den hinteren Bereich des großen Zimmers, dort wo das Bett ist. Sie sieht auf die Uhr, die auf dem Nachttisch steht. Es ist halb drei. Clotilde liegt auf dem Rücken. Gegen die ersten Strahlen der in Kürze aufgehenden Sonne hat sie sich eine Schlafmaske aufgesetzt. Was wurde im Wetterbericht gestern Abend gesagt? Es soll wieder ein sonniger Tag werden, mit Höchsttemperaturen von über dreißig Grad. Du wirst keine Sonnenstrahlen mehr sehen und du wirst dich nicht mehr über diese Temperaturen aufregen. Du wirst dich über gar nichts und niemanden mehr aufregen können, geht es ihr durch den Kopf.
Die Person setzt den Rucksack ab und zieht ein rotes Kissen heraus. Sie steht neben Clotildes Bett in Höhe des Kopfes und sieht ihr ins Gesicht. Diese große Schlafmaske ist ein Segen. Sie schafft Distanz und erleichtert das, was gleich getan werden muss. Dann schließt die Gestalt für einen Moment die Augen und drückt der alten Frau mit beiden Händen das Kissen ins Gesicht.
Sofort versucht Clotilde ihren Kopf hin und her zu drehen, sucht nach einem Weg, sich aus der misslichen Lage zu befreien. Doch es bleibt bei Versuchen. Zu kräftig ist der Druck, der auf ihrem Gesicht lastet. Sie zerrt an dem Kissen, schlägt mit den Armen wild um sich, sie strampelt mit den Beinen. Doch alle Bewegungen sind unkoordiniert, es fehlt ein Ziel. Sie weiß in diesem Moment nicht, was eigentlich passiert. Sie weiß nur, dass sie nicht mehr atmen kann.
Zweiundsiebzig Jahre ist sie alt. Die Person ist erstaunt, welche Kräfte Clotildes Körper kurz vor dem Exitus entfaltet. Sie presst das Kissen mit gestreckten Armen auf ihr Gesicht und muss aufpassen, von den wild fuchtelnden Armen nicht getroffen zu werden. Doch irgendwann werden die Bewegungen schwächer, der Widerstand ist gebrochen. Der Organismus hat alle Sauerstoffvorräte verbraucht. Noch drückt sie das Kissen auf Clotildes Gesicht, wenn auch nicht mehr so fest. Dann hebt sie es vorsichtig hoch, so als befürchte sie, die Frau könne wieder atmen und diesmal schreien.
Sie legt das Kissen auf die Bettdecke und beobachtet das Gesicht. Nein, Clotilde Bernheim atmet nicht mehr. Erst jetzt spürt sie, wie sich die Muskulatur ihrer Arme verkrampft hat. Doch diese Schmerzen erträgt sie gerne. Sie ist stolz, diesem Leben ein Ende bereitet zu haben. Der Einsatz wird sich gelohnt haben, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Clotilde Bernheims Tod wird der Geldnot vieler Menschen ein Ende setzen. Es ist eine gute Tat. Was ist schon der Tod dieser Frau gegen das Glück so Vieler?
Die Person setzt den Rucksack auf. Sie richtet die Schlafmaske, streicht das Haar der toten Frau glatt und zieht die Bettdecke gerade. Clotilde soll durchaus eine unruhige Nacht gehabt haben, was bei diesen Temperaturen niemanden verwundern wird. Aber ihr Bett soll nicht nach einem Kampfplatz aussehen, sie soll eines natürlichen Todes gestorben sein. Herzversagen wird später im Totenschein zu lesen sein.
Sie nimmt das Kissen, verlässt den Raum und geht den Flur zurück. Vor dem letzten Zimmer bleibt die Person für einige Sekunden stehen und überlegt. Dann öffnet sie behutsam die Tür und huscht hinein. Es dauert nicht lange, dann steht sie wieder auf dem Flur. Sie atmet tief ein und aus. Es ist vollbracht. Auf der schmalen Treppe schleicht sie, so leise wie sie gekommen ist, nach unten. Sie öffnet den Hinterausgang, zieht ihre Schuhe an und verlässt das Haus. Quer über den Rasen geht die Gestalt zurück in den Wald.

Fünf Tage später

» . . . Clotilde Bernheim war nicht nur eine erfolgreiche Unternehmergattin, sie war auch eine großzügige Spenderin. Ich möchte nur an den Bau des Freizeitzentrums erinnern oder an die jährlich über tausend Urlaubsreisen, die sie weniger begüterten Familien ermöglichte. Aber sie war auch eine treusorgende Mutter . . . «
In der Neustädter Marienkirche in der Bielefelder Altstadt ist kein Sitzplatz mehr frei. Weil man damit gerechnet hat, dass die halbe Stadt zur Trauerfeier erscheinen wird, wurden vor und neben der Kirche Lautsprecher aufgestellt. So ist es auch gekommen. Mehrere hundert Trauergäste stehen im Freien und hören gebannt der Ansprache des Pastors zu. Die Trauerrede hält Dr. Gerd Pflüger, der die Familie seit vielen Jahrzehnten kennt.
Doch neue Details aus dem Leben der Patriarchin erfahren die Zuhörer nicht. Pastor Pflüger hält sich streng an die offizielle Familiengeschichte, die jeder aus Zeitschriften, Broschüren und Büchern kennt. Clotilde Bernheim und ihr Mann Gustav haben selbst viel geschrieben. Sein Hauptwerk »Mein Leben als Unternehmer. Wie ich mit Schrauben meine erste Million erarbeitete« war sogar ein Bestseller. Nicht ganz so erfolgreich war das Buch seiner Frau: »Clotilde Bernheim­. Erinnerungen einer Unternehmergattin«. Die Bücher waren wahlweise als Taschenbuch erhältlich oder als aufwändig gestaltete Sonderedition.
»Der spinnt ja . . . treusorgende Mutter . . . «, haucht jemand in der ersten Reihe, nur wenige Meter vom Sarg entfernt, seinem Nachbarn zu.
»Halt die Klappe«, kommt es ebenso leise aber bestimmt zurück.
»Trotz vieler familiärer und gesellschaftlicher Verpflichtungen kümmerte sich Clotilde Bernheim liebevoll um ihre beiden Söhne«, fährt der Pastor fort.
»Was für ein Blödsinn.«
»Bist du ruhig.«
»Ein schwerer Schicksalsschlag traf sie vor einem halben Jahr. Plötzlich und unverhofft starb ihr geliebter Gatte, Gustav Bernheim. Mit ihm war sie annähernd fünfzig Jahre verheiratet. Kennengelernt hatten sie sich in der Firma seines Vaters, der das Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut hatte. Kurz nach der Heirat kam Sohn Bernd zur Welt.«
Der Pastor hält kurz inne und sieht ihn an; Bernd Bernheim nickt ihm zu. Dr. Pflüger fährt fort.
»Es sollte acht lange Jahre dauern, bis der zweite Sohn, Kai, auf die Welt kam.«
Wieder macht er eine Pause und blickt zu Kai, der neben seinem Bruder sitzt. Kai nickt höflich, obwohl er gar nicht so richtig weiß, warum. Zur Sicherheit macht er das traurigste Gesicht, zu dem er fähig ist. Es fällt ihm wirklich schwer, denn mit seinen Gedanken ist er bei seiner neuen scharfen Freundin, aber nicht bei seiner toten Mutter. Für sie hat er nur Verachtung übrig.

Im Kindle-Shop: Tod einer Millionärin: Haverbeck ermittelt (5. Fall)

Mehr über und von Achim Zygar auf seiner Website.



'Wenigstens ins MoSex!' von Gaby Barton

Völlig überraschend wurde die Autorin zum Gewinner einer New York-Reise. Aus dieser Wahnsinnsgeschichte musste ein Buch werden! Ein Reisetagebuch oder was für eins? Und wie sollte die gewonnene Wunschreise im Detail aussehen? Welches Hotel? Was unternehmen? Die Erinnerungen an zwei frühere New York-Reisen machten es nicht leichter. Damit war Gaby Barton auch mit einer längst abgehakten Vergangenheit konfrontiert. Und das Reisebüro raubte ihr den letzten Nerv.

Zuguterletzt hatte die Autorin alles sorgfältig durchgeplant. Doch in New York dann brachte Joaquin einiges durcheinander.

Gehen Sie mit Gaby Barton auf eine vergnügliche Reise. Zu ungewöhnlichen Orten und Ereignissen in Berlin und New York, damals und heute. Schauen Sie der Autorin über die Schulter bei der Frage, wie dieses Buch schreiben. Begleiten Sie sie während ihres Aufenthaltes in Manhattan und nehmen Sie teil an ihren Erfahrungen.

Gleich lesen: Wenigstens ins MoSex!: Hauptgewinn New York Reise mit Folgen

Leseprobe:
Premium Economy
Am Dienstag den 29. September und noch im Dunklen fuhren ich und Freundin Angy mit dem TXL-Flughafenbus, der vor meiner Haustüre hielt, zum Flughafen. Im Bus viele müde Gesichter, ich fühlte mich putzmunter und war einfach gespannt auf alles. Im Flughafengebäude wählten wir die falsche Richtung und liefen so noch eine Extrarunde in Berlin, bis wir zu unserem Check-in im Bereich A08 kamen. Um 7:45 Uhr gingen wir pünktlich von Berlin Tegel in die Luft, zuerst nach Frankfurt. In diesem kleineren Flieger wurde uns ein Schokogebäckriegel, ein Croissant und Kaffee zum Toteerwecken, also doppelt so stark, wie ich ihn normalerweise trinke, serviert.
Es war ein toller Morgen in Frankfurt: blauer Himmel und strahlende Morgensonne. Auf dem Flughafen war Zeit für ein paar erste Selfies. Vor dem Fenster in der gleißenden Sonne mit Blick auf unser Flugzeug stand ich in meinem roten New York-T-Shirt gekleidet. Würde irgendjemand auf den Spruch auf dem Shirt reagieren?
Beim Einstieg durften wir uns ein wenig bevorzugt fühlen. Nach den First Class-Passagieren und den Kindern waren wir die Premiums dran mit Einsteigen vor der allgemeinen Masse. In dem Airbus A3 180, der uns nonstop von Frankfurt aus nach New York bringen sollte, war die Premium Economy vorne hinter der Business-Class. Zur First-Class ging es direkt neben uns ein Stockwerk höher. In unserem Premium Bereich waren Beinfreiheit und Sitze wie erwartet großzügiger bemessen. Für mich schmale Person war das Letztere nicht unbedingt ein Zugewinn an Komfort, aber trotzdem angenehm. Zudem gab es extra Wasserflaschen am Fußende und eine große Auswahl deutscher Magazine aller Art, auch zum Mitnehmen. Wir erfuhren, dass das Flugzeug für diese Premium Economy gerade erst umgebaut worden sei. Es sah auch alles neu aus.
Ich probierte gleich den beworbenen Hotspot für den Internetzugang aus, der ging allerdings nicht. Was würde uns sonst erwarten? Auf jeden Fall bekamen wir noch vor dem Start einen leckeren Orangensaft, gewürzt mit Minze. Für die Essen erhielten wir eine schön gestaltete Menükarte. Die in Aussicht gestellte Auswahl auch an alkoholischen Drinks war der ähnlich, die ich in den arabischen Airlines nach Dubai auch in der Economy gewohnt bin. Die Premium Economy war bei diesem Flug nur spärlich besetzt. So gab es noch vor dem Abflug eine Durchsage, dass Reisende spontan mit einer Zahlung von 299 € in den Premiumbereich wechseln könnten. Mir fiel nicht auf, dass das irgendjemand in Anspruch genommen hätte. Der Flieger war wohl insgesamt nicht so voll mit Passagieren. Ich machte es mir bequem im Sitz und begann mir Notizen zu machen. Das hatte ich mir vorgenommen, wann immer möglich, mir Erlebnisse und Infos sofort aufzuschreiben. Denn es war klar, bei der Erlebnisdichte der kommenden Tage würde ich mir kaum alles bis zu Hause merken können.
Nach eineinhalb Stunden wurde uns das Mittagessen auf Porzellangeschirr serviert. Ich wählte die Tomaten-Mozzarella Fiorelli mit Basilikumrahmsauce und Tomatenconcassée. Lecker. Zum Nachtisch der Pflaumenschnitte bat ich um einen Baileys auf Eis. Diesen leckeren Hochprozentigen als Dessert zu trinken, hat bei mir auf Fernflügen Tradition. Ich fühlte mich sehr wohl und glücklich. Nach zweimaligem Gucken vom selben Kinofilm über Jimi Hendrixs Leben, ein bisschen dösen und einen Snack, flogen wir dann auch schon pünktlich den JFK-Flughafen an. Bevor wir landeten, mussten wir noch ein Formular für den Zoll ausfüllen. Den Apfel, den ich eigentlich in meiner Tasche mitnehmen wollte, sollte ich lieber aufessen, ehe ich nicht damit durch den Zoll käme, gab mir die Stewardess als Empfehlung.
Es war 13:25 Uhr New York Zeit, in Deutschland war es schon 19:25 Uhr.

Ankunft und erster Nachmittag
Der Anflug auf New York war sehr unspektakulär, ja geradezu enttäuschend. Aus dem Fenster sah ich graue Wolken, ein bisschen Grünes, und dazwischen geometrisch angeordnet, ganz flache Häuser. Kein strahlendes Wetter empfing uns in New York. Und man sah weit und breit nichts, was in der Erinnerung oder in der Vorstellung als New York abgespeichert war. Trotz der vielen Stunden Anreise waren wir nicht mehr müde, sondern nur gespannt auf Manhattan und unser Hotel in der Wall Street. Die Bewegung im Flughafen tat nach dem langen Sitzen im Airbus ihr übriges und einfach gut. Neben unserem Flieger waren natürlich auch zahlreiche andere gelandet. Dementsprechend sahen wir sehr lange Schlangen für die Pass- und Sicherheitskontrolle. Unsere Befürchtung vor langwierigem Prozedere und endloser Wartezeit bei den Kontrollpunkten bewahrheitete sich aber nicht. Alles ging äußerst zügig, konzentriert, professionell vonstatten. Neu war für mich der Ganzkörperscan in Plexiglasröhren. Bisher kannte ich nur den Augenscan und das Fotografiertwerden bei der Passkontrolle in Dubai.
Gefühlt bald liefen wir auf das Kofferband zu, wo unsere Koffer schon ihre Runden drehten. Und nach insgesamt einer Stunde, nachdem wir aus dem Flugzeug gestiegen waren, schoben wir uns und unser Gepäck zusammen mit einer Menge nach draußen.
Der Aus- und Eingangsbereich der Ankunftshalle war unspektakulär, eher klein. Gab überhaupt nichts her für ein ›Wow New York Feeling‹. Eine Traube von Menschen hinter einer Absperrung wartete mit Schildern in der Hand auf die Angekommenen: Fahrer, die Mann an Mann gedrängt ihre Fahrgäste erwarteten. Die verschiedensten Namen las ich, aber meinen nicht und auch nicht der meiner Freundin. Unser Chauffeur war also noch nicht da. Ich hatte mir zwar das Gutscheinheft mit der Kontakttelefonnummer der Firma extra in die Handtasche gelegt. Noch zögerte ich aber, mit meiner deutschen Handykarte die amerikanische Nummer anzurufen. »Die happigen Zusatzkosten durch das Roaming möchte ich mir gerne ersparen ..., lass uns noch warten, vielleicht sind wir für New Yorker Verhältnisse einfach sehr früh dran ...«
OK. Angy blieb bei unseren Koffern und ich lief in dem Gewimmel herum. Vielleicht stand der Mann ja woanders. Nach langen 10 Minuten sah ich meine Freundin von weitem heftig winken. Ich ging zurück und da sah ich ihn schon mit meinem weinroten Koffer losziehen. Ein kleiner gedrungener Mann mittleren Alters in weißem Hemd, ein südamerikanischer Typ, der es jetzt offenbar sehr eilig hatte. Wir auch. Wir wollten endlich raus, und das New York sehen, auf das wir eingestimmt waren.
Draußen erwartete uns eine Überraschung. Felipe, ein Mexikaner, war mit einer weißen Stretchlimousine da. Neben uns beiden hätte er damit noch sechs weitere Personen einladen können. Aber nein, dieser Privat-Transfer war wirklich für uns exklusiv. Mit viel Platz, guter Musik, eisgekühlter Cola und einem wolkenverhangenen Himmel über New York fuhren wir ziemlich rasant über eine Autobahn durch Brooklyn. Allerdings, mit den Überholmanövern und der hohen Geschwindigkeit war ich nicht so entspannt im Auto, wie ich mir das vorgestellt hatte. Der Fahrstil von Felipe war im wahrsten Sinne des Wortes nicht zu bremsen. Auf meine Bemerkungen hin erklärte er, dass er Angst hatte, in dem beginnenden Berufsverkehr stecken zu bleiben. Nach ca. 20 Minuten Fahrt sahen wir dann endlich die Hochhäuser von Manhattan am Horizont. Wir brauchten weitere ca. 20 Minuten bis zu unserer Unterkunft auf der Südspitze in Downtown Manhattan. In der Wall Street Nr. 75.

Im Kindle-Shop: Wenigstens ins MoSex!: Hauptgewinn New York Reise mit Folgen

Mehr über und von Gaby Barton auf ihrer Website.



22. November 2016

'Weisses Gold: Im Sog der Gier' von Ute Bareiss

Der Schwarzmarkt für Elfenbein boomt!

Meeresbiologe Alex Martin stößt bei seiner Arbeit für die Naturschutzbehörde in Thailand auf Schmuggler. Dadurch gerät er ins Fadenkreuz einer mächtigen Organisation. Mit seinem Freund, dem thailändischen Ermittler Jaidee, begibt sich Alex auf die Spur des weißen Goldes. Sie führt von den afrikanischen Savannen durch das Rotlicht-Milieu Phukets bis in die obersten chinesischen Geschäftsetagen.

Immer tiefer dringen Alex und Jaidee in den Sumpf des organisierten Verbrechens vor. Dabei machen sie eine grausame Entdeckung.

Gleich lesen: Weisses Gold: Im Sog der Gier (Alex-Martin-Thriller 2)

Leseprobe:
Der Handkantenschlag in Richtung seiner Kehle kam ohne Vorwarnung. Nur ein kurzes Zucken der linken Augenbraue seines Gegners, bevor die Hand auf ihn zuschoss. In letzter Sekunde konnte Alex sich ducken, da zielte schon ein Sidekick auf seine Nieren. Mit einem Schritt brachte er sich in Sicherheit und versuchte seinerseits, einen Tritt in Richtung des Knies seines Gegners anzubringen, der dem mühelos auswich. Alex blendete die Schreie und Kampfgeräusche um sich herum aus und konzentrierte sich nur auf sein Gegenüber.
Der um einen knappen Kopf kleinere Thai war ihm in den Kampftechniken haushoch überlegen. Obwohl er kräftig gebaut war, waren seine Bewegungen von einer geschmeidigen Eleganz. Unwillkürlich musste Alex beim Spiel seiner Muskeln an einen Panther denken. Er tänzelte auf der Stelle und auch der Sprungkick kam ohne Vorwarnung. Reflexartig wich Alex aus. Der Fuß streifte ihn nur, doch kaum war er wieder aufgekommen, da raste schon eine Faust auf Alex zu. Er blockte mit seiner Elle und ging seinerseits in die Offensive mit einem angetäuschten Schlag, dem er einen Drehkick folgen ließ.
In kurzer Reihfolge prasselten Schlag um Schlag, Kicks und Tritte aufeinander, begleitet von lautem Keuchen.
Abermals konnte Alex nur haarscharf einem Sprungkick ausweichen. Ein Stechen jagte durch seinen Rücken. Der Schweiß rann ihm trotz des Stirnbands in die Augen, er blinzelte. Sein Gegner nutzte die kurze Zeit der Unaufmerksamkeit sofort aus und brachte Alex mit einem Fußfeger zu Fall. Geistesgegenwärtig konnte er ihn im Sturz am Arm packen und mit sich ziehen. Sofort warf sich Alex auf ihn und drückte ihm den Unterarm an die Kehle.
„Gibst du dich geschlagen?“ Keuchend rang er nach Luft.
Jaidee lachte auf und schob Alex von sich herunter. „Im Ernstfall hättest du gegen mich keine Chance, mein Freund. Doch dein Stil hat sich bedeutend gebessert, man merkt dir an, dass wir öfter trainieren. So langsam muss ich aufpassen.“
Ebenfalls lachend erhob sich Alex. Wieder jagte ein Stechen durch seinen Rücken und er verzog das Gesicht.
„Was ist, habe ich dir wehgetan?“ In Jaidees Miene kämpfte Spott gegen Sorge.
„Das würde dir so gefallen! Nein, ich habe mir heute Mittag beim Ausladen der Tauchflaschen wohl einen Muskel gezerrt.“
„So siehst du aus! Ein Siebzigjähriger hält sich besser. Die Mitte dreißig nimmt dir bei der Haltung keiner ab“, stichelte Jaidee mit gutmütigem Lächeln. „Unsere Nachbarin versteht sich hervorragend auf Thai-Massage – sie bekommt deinen Rücken bestimmt wieder hin. Warum gehst du nicht zu ihr, während Malee uns was zu essen zubereitet? Sie würde sich freuen, dich mal wiederzusehen!“
Alex klopfte sich den Staub von der Trainingshose. „Manchmal hast du richtig gute Ideen.“ Eine Massage und die exzellente Küche von Jaidees Frau waren verlockende Aussichten.
„Gut, dann melde ich dich an.“
Sie verneigten sich mit gegeneinander gelegten Handflächen voreinander.

Die warme Luft auf Phukets Straßen ließ ihn wie gegen eine Wand laufen, als sie aus der Trainingshalle hinaus ins Freie traten. Obwohl Alex kalt geduscht hatte, und die Sonne bereits untergegangen war, trieb es ihm sofort den Schweiß auf die Stirn. Auf den Helm verzichtete er, mit einem Polizisten als Begleiter würde ihm keiner einen Strafzettel aufbrummen. Er band nur die nackenlangen blonden Haare zusammen und ließ sich den abgasgeschwängerten Fahrtwind kühlend um den Kopf wehen, als er Jaidees Roller durch den dichten Verkehr von Chalong in Richtung Südwesten folgte. Obwohl es Abend war, hatte der Verkehr noch nicht nachgelassen, eine dichte Smogwolke hing über der Stadt. In Schlangenlinien kämpften sie sich mit den anderen Zweirädern zwischen den zahllosen Autos hindurch. Glücklicherweise wurde der Verkehr außerhalb der Stadt lichter und Alex konnte endlich Gas geben. Er überholte eine vierköpfige Familie, die sich auf einen kleinen Roller drängte, und zog auch an Jaidee vorbei. Das tiefe Brummen seiner Triumph Thunderbird übertrug sich entspannend auf seinen Körper. Er gab mehr Gas, genoss die Geschwindigkeit. Erst als das Licht von Jaidees 125er Roller fast nicht mehr im Rückspiegel zu sehen war, wurde er langsamer und ließ diesen überholen.
Alex folgte ihm nach Rawai, wo Jaidee mit seiner Frau Malee und den beiden Kindern etwas abgelegen vom Touristentrubel der umliegenden Hotels wohnte. Er parkte direkt vor dem Nachbarhaus.

Das hölzerne Schild „Thai Massage“, das direkt an der Tür hing, war ihm bislang nie aufgefallen, so unauffällig fügte es sich in die Holzfassade ein. Werbung schien die drahtige Frau mit den kurzen Haaren, die sich als Niki vorstellte, nicht nötig zu haben.
Alex musste gut fünf Minuten warten, bis er drankam. Der Geruch nach Duftölen und die leisen Klänge der Chang Dao- Musik entspannten ihn, beinahe wäre er in dem bequemen Sessel eingeschlafen. Dass ein einheimischer Kunde hinter dem Vorhang hervorkam, war ein gutes Zeichen, es war keine auf Touristen ausgerichtete Massage. Dementsprechend kräftig war sie auch.
Geschmeidig wie eine Katze kletterte Niki, trotz ihrer sicher schon sechzig Jahre, auf ihm herum, bearbeitete ihn zuerst mit Ellbogen und Knien, bevor sie sich auf ihn stellte und seine Muskelstränge mit den Fußsohlen bearbeitete – immer hart an der Schmerzgrenze. Seinen gezerrten Muskel bearbeitete sie gezielt mit Tigerbalsam und knetete die Verhärtung mit den Händen heraus.
„Was hast du hier gemacht?“ Sie drückte auf die harte Stelle an seinem Schulterblatt.
„Das war eine Schussverletzung, hier hat eine Kugel gesteckt. Darunter ist Narbengewebe, keine Muskelverhärtung.“ Der Tätowierer, der das Drachentattoo, das sich über seinen gesamten Rücken bis auf die Oberarme zog, an den vernarbten Stellen nachgestochen hatte, hatte wirklich gute Arbeit geleistet. Es war nicht mehr viel davon zu sehen.
„Eine Schussverletzung?“, echote sie. Auch wenn er ihr Gesicht nicht sehen konnte, da er auf dem Bauch lag, konnte er ihre Neugierde deutlich heraushören.
„Ja, ich war zur falschen Zeit am falschen Ort“, erwiderte er lapidar.
Sie schien zu spüren, dass er nicht darüber reden wollte, und ging dazu über, ihn ausgiebig zu dehnen.
Nach und nach entspannte er. Teilweise musste er die Zähne zusammenbeißen und sich zwingen, locker zu bleiben. Doch beim Aufstehen hinterher merkte er eine deutliche Verbesserung – er fühlte sich wie neugeboren.
„Es war wundervoll, khop khun khrap“, bedankte er sich. Er gab ihr noch ein reichliches Trinkgeld und versprach, baldmöglichst wiederzukommen.

Im Kindle-Shop: Weisses Gold: Im Sog der Gier (Alex-Martin-Thriller 2)

Mehr über und von Ute Bareiss auf ihrer Website.