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21. Januar 2017

'Das Licht von Ios' von Frank Morsbach

Andreas Harnach, Immobilienmakler und Bauunternehmer mit äußerst umstrittenen Geschäftsgebaren und festem Glauben an die eigene Integrität, wird in immer stärkerem Maße terrorisiert. Was relativ harmlos mit Sachbeschädigung beginnt, empfindet er schließlich als unmittelbare Bedrohung seines Lebens. Wer steckt dahinter? Ein geschäftlicher Konkurrent, der zu Mafia-Methoden greift?

Und welches Spiel spielt die geheimnisvolle, attraktive, kluge und letztlich spröde Journalistin Vera, der er völlig verfällt und dabei vom oberflächlichen Macho zum beinahe sympathischen und empfindsamen Menschen wird? Und was hat das alles mit einem fünf Jahre zurückliegenden Mordfall zu tun?

Der zunächst selbstbewusste Harnach jedenfalls verfällt durch den sich ständig steigernden Druck zu einem psychischen Wrack, bis er zuletzt doch noch zum entscheidenden Schlag ausholt, der alles auflöst und klärt.

Gleich lesen:
Für Kindle: Das Licht von Ios: Kriminalroman
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Wolf betrachtete das Bild. Er war seit mehr als zehn Jahren glücklich verheiratet und in seine Frau noch immer so verliebt wie am ersten Tag. Was empfand er beim Anblick einer 45-jährigen Frau mit Sonnenhut? Sie sah vollendet normal aus - weder hässlich noch besonders schön. Ihre Augen und ihre etwas spitze Nase waren eher klein, ihre Lippen recht schmal und ihre Augenfarbe lag irgendwo zwischen blau und grau. Sie war schlank und feingliedrig, und der Sonnenhut verlieh ihr eine poetische Note: ein Mensch, der nicht aufgehört hatte, mit kindlichem Ernst die Erfüllung seiner Träume einzufordern.
War es das alte Lied? Waren es die 6 Millionen und die Siebentausend, die er nicht hatte retten können? Nur so viel wusste er: Es ging um mehr als nur um das Häkchen, das man hinter einen Namen auf einer Liste setzte.
Wie sich alles zugetragen hatte, stand ihm klar vor Augen. Es war wie so oft Gier gewesen. Der Skrupellose hatte die Idee, und der Ängstliche wollte cool sein. An der Schwelle von Phantasie zu Realität muss er sich gefragt haben: Was mache ich hier? Aber alles war besprochen und geplant, und da musste er es durchziehen. Als sie sich abwandte, hat er zugeschlagen. Sie ist zusammengebrochen, hat dann - verwirrt und in panischer Angst - versucht davonzukriechen, aber er hat immer wieder zugeschlagen. Angeekelt von dem Blut und überrascht darüber, dass es so lange dauerte. Wahrscheinlich war er verärgert darüber, dass sie so langsam starb.
Es war feige, hinterhältig und erbärmlich, ein Verbrechen eben. Verbrechen und Verbrecher waren immer feige, hinterhältig und erbärmlich, nie groß und interessant. Das wusste Wolf. Er war schließlich schon lange genug dabei.
Wer der eine war, stand ohne jeden Zweifel fest. Aber nicht die kleinste Spur hatte zu dem anderen geführt. Fast fünf Jahre lang tappte Wolf im Dunkeln, aber er schloss den Fall nicht ab, in keinerlei Hinsicht. Manchmal, wenn er mit ihr spazieren ging, hatte er plötzlich das Bild vor Augen, das er jetzt in den Händen hielt. Gelegentlich musste er sogar lesen, wie einer der Mörder die Früchte seiner Tat unbehelligt genoss. Das schmerzte ihn geradezu körperlich.
Dann aber las er das Interview, in dem eindeutig etwas falsch war. Hier sagte jemand die Unwahrheit, und dafür gab es nun unendlich viele mögliche Gründe und nicht nur den einen, auf den es Wolf ankam. Trotzdem hatte er, seiner Intuition folgend, zu recherchieren begonnen und tatsächlich Anhaltspunkte gefunden, die in die erhoffte Richtung wiesen, auch wenn sie noch Lichtjahre von einem wirklichen Beweis entfernt waren. Er ordnete die Beschattung an, die aber noch keinerlei Ergebnisse gebracht hatte. Der Mann gab sich keine Blöße. Wenn er es wirklich war, dann musste er alles vollkommen verdrängt haben. War das überhaupt möglich, hatte sich Wolf gefragt, dann aber an SS-Verbrecher gedacht, die später ein ganz normales Leben geführt hatten. Sie hatten als geachtete Mitglieder der Gesellschaft gelebt, die freundlich waren, wenn man ihnen begegnete, freundlich, gesund und ausgeschlafen.
Wolf stand jetzt vor der Entscheidung. Entweder er ließ es sein, was ohne Zweifel für alle am einfachsten und bequemsten war, oder er ging aufs Ganze.

[…]

Er zog sich um, packte seine Tasche und öffnete die Tür zu ihrem Arbeitszimmer, wo sie saß und schrieb.
„Ich gehe laufen“, sagte er, „und danach in die Sauna.“
„Ich muss auch noch einmal weg“, entgegnete sie.
Er trat neben sie und küsste sie auf die Wange.
„Ich werde so gegen zehn wieder zu Hause sein.“
„Dann bin ich auch wieder da.“ Sie blickte nicht von ihrem Manuskript auf. Obwohl sie mit ihm sprach, blieb sie auf ihre Arbeit konzentriert. Sie war in diesem Moment nicht bei ihm.
„Also, bis heute Abend“, sagte er, aber als er schon in der Tür stand, rief sie plötzlich: „Arno, komm doch bitte noch einmal her."
Sie hatte sich umgedreht, lächelte ihn an, und er ging zurück an ihren Tisch, bekam einen zärtlichen Kuss auf den Mund, ein freundliches Ciao und machte sich nun endgültig auf den Weg.

[…]

Auf alle Fälle traf es sich gut, dass Manni und er die Einzigen waren, die noch in die Sauna gingen.
„Und?“ fragte Wolf, als sie einmal alleine vor sich hin schwitzten.
Grabert verzog das Gesicht.
„Was du da von mir willst... - An der Grenze der Legalität ist zurückhaltend ausgedrückt. Und das Geld. Woher soll ich das nehmen?“
Wolf schwieg.
„Und du bist sicher?“
„Er hat selbst nie einen Hehl daraus gemacht. Seine Arroganz war einzigartig. Alles an ihm hat mir gesagt: ‘Was willst du denn? Ich war’s, aber du kriegst mich nicht.’“
„Das macht dir immer noch schwer zu schaffen.“ Manni grinste.
„Kann sein“, sagte Wolf und stand auf.
„Ich geh jetzt raus.“
„Ich auch“, sagte Grabert und schloss sich ihm an.
Als sie sich im Außengelände abtrockneten und der Himmel über Cronenberg ein tiefes, dunkles Blau angenommen hatte, nahm Wolf den Faden wieder auf:
„Ich glaube nicht an Profis“, begann er. „Es ist nicht gerade einfach für einen Normalbürger, an einen Profi zu kommen.“
„Du würdest es anders machen?“ fragte Grabert.
„Natürlich. Ein Bekannter, zu dem der Kontakt mittlerweile praktisch abgerissen ist und dem das Wasser bis zum Halse steht.“
„Sie sind zusammen in die Schule gegangen?“
„Drei Jahre lang: Sexta, Quinta, Quarta.“
„Und wenn es doch ganz anders war?“
„Du meinst: der ominöse Einbrecher? Dann liege ich eben falsch.“
Grabert zögerte, er fixierte einen Punkt vor sich auf dem Steinboden und schien nachzudenken.
„Wer A sagt, muss auch B sagen“, drängte Wolf.
„Das ist ja fast schon Erpressung“, konstatierte sein Vorgesetzter.
Wolf grinste, und Grabert klopfte ihm auf die Schulter.
„Was würdest du eigentlich machen, wenn wir nicht alte Freunde wären?“
„Dann wäre alles viel schwerer, Manni.“
„Ich werde sehen, was ich tun kann“, sagte Grabert, „aber jetzt wird’s mir kalt.“
Nachdem Grabert gegangen war, blieb Wolf allein zurück.
Er blickte nach oben. Der Himmel war sternenklar. Ihn überkam ein kurzer, aber heftiger Anflug romantischer Gefühle, die er in dieser Nacht noch einmal würde ausleben können. Wie es auch kam: Er würde nie aufgeben. Nie!

Im Kindle-Shop: Das Licht von Ios: Kriminalroman
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Frank Morsbach auf seiner Website.



20. Januar 2017

'Ruf des Südens' von Emilia Doyle

Nach einem Streit mit ihrem Freund Benjamin irrt Nathalie während eines Gewitters durch ein Neubaugebiet und stürzt in eine Baugrube. Als sie wieder zu sich kommt, sieht sie sich kurz darauf einem Reiter gegenüber, der sich als Hank Craven vorstellt. Verwirrt lässt sie sich von ihm auf seine Plantage bringen. Langsam begreift Nathalie, dass sie durch ein Zeitloch gefallen und im Süden der USA gelandet ist. Der Sklavenhandel blüht und das Land steht kurz vor dem Bürgerkrieg.

Trotz ihrer Furcht und der Sehnsucht nach ihrer Familie arrangiert sie sich mit der neuen Lebenssituation, stößt aber durch ihre unkonventionelle Art den Sklaven gegenüber auf Unverständnis. Sie zieht sich den Hass von Mathew, Hanks Stiefbruder und Besitzer der Plantage, zu, der sie beschuldigt, eine Hure zu sein oder gar der Abolitionistenbewegung anzugehören, die den Sklaven zur Flucht verhilft.

Nathalie, die ihre Herkunft nicht nachweisen kann, verliebt sich in Hank und steht hilflos Mathews Forderung gegenüber, seine Mätresse zu werden. Ansonsten würde er sie von der Plantage jagen.

Gleich lesen: Ruf des Südens: Zeitreiseroman

Leseprobe:
Ein monotones Rumpeln schallte vom Weg zu ihr herüber. Die Sicht war durch das Buschwerk am Wegrand verdeckt. Womöglich waren Forstarbeiter dort am Werke. Sie rief um Hilfe. Ihre Stimme wollte ihr anfangs nicht gehorchen, war wie belegt, doch nach mehrmaligem hartem Räuspern, hatte sie sie im Griff. Sie rief, so laut sie konnte, und winkte mit den Armen. Verwundert stockte sie, als sie einen alten Pferdewagen aus der Biegung kommen sah. Befand sie sich in der Nähe eines Reiterhofes? Ein Mann hockte in gebückter Haltung auf dem klapprigen Wagen und hielt die Zügel. Sie schluckte schockiert. Für einen Moment war sie gewillt, sich zu verstecken. Ihre Vernunft siegte über ihre Angst. Vermutlich könnte es Stunden dauern, bis sie der nächsten Person begegnete. Sie überwand sich und rief erneut um Hilfe. Das Gefährt stoppte. Der Mann schaute in ihre Richtung, machte aber keine Anstalten, zu ihr zu eilen. Stattdessen blickte er irritiert nach vorn und hinter sich, als müsse er sich vergewissern, dass tatsächlich er gemeint war.
„Bitte helfen Sie mir. Ich brauche Hilfe“, rief sie erneut.
Endlich sprang er von seinem Wagen und kam unsicher und ohne Eile auf sie zu.
„Was ist mit Ihnen passiert, Ma’am?“
„Ich … ich weiß es nicht. Ich denke, ich bin überfallen worden.“
Der Schwarze musterte sie zurückhaltend und schien nicht zu wissen, was er tun sollte. Nathalie schätzte ihn auf annähernd vierzig Jahre. Er war ärmlich gekleidet. Sein schmuddeliges, ehemals weißes Hemd stand bis zur Brust offen, die Ärmel waren hochgekrempelt. Dazu trug er eine grobe, dunkle Hose, die auch schon bessere Tage gesehen hatte.
Nathalie ignorierte seine schäbige Aufmachung. „Wo bin ich hier?“
„Nicht weit von Oakland, Ma’am.“
„Oakland?“ Sie hatte keine Ahnung, wo das sein sollte.
„Hat Ihr Pferd Sie abgeworfen, Ma’am?“
Pferd? Verständnislos starrte sie ihn an. Was stimmte mit dem Kerl nicht? Es wurde ihr unheimlich. Und warum gaffte er so, als sei sie ein Alien? Sie wollte so schnell wie möglich dort verschwinden.
„Bringen Sie mich einfach nur hier weg“, fauchte sie gereizt.
„Jawohl, Ma’am.“
Sie wollte aufstehen, Schwindel erfasste sie, stöhnend sank sie zurück. Der Schwarze kniete an ihrer Seite. „Sie sollten sich nicht bewegen. Haben Sie Schmerzen, Ma’am?“
Wenigstens war er freundlich, das hielt ihre Angst in Grenzen. Sie bemühte sich, um eine gleichmäßige Atmung, um den Schwindel und das flaue Gefühl im Magen zu unterdrücken.
„Sie haben Glück, da kommt Mr. Craven.“ Er erhob sich und winkte jemandem zu.
Nathalie hatte niemanden kommen gehört. Verwundert blickte sie zum Weg.
Ein Reiter stoppte hinter dem Pferdewagen. Der Mann saß ab und kam die Böschung heruntergeeilt. „Was ist hier passiert?“, wollte er wissen.
Der Schwarze verdeckte ihr mit seinem breiten Kreuz die Sicht. Mit wenigen Worten gab er dem Neuankömmling Auskunft.
Ein attraktiver Mann, ein Weißer, erschien in ihrem Blickfeld. Ein amüsiertes Grinsen huschte über seine Züge, als sich ihre Blicke trafen. Er musterte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wen haben wir denn hier?“
Nathalie konnte ihn nur verdutzt anstarren. Warum war er so merkwürdig angezogen? Drehten sie in der Nähe einen Film? Sie konnte sich schwach an einen Artikel in der Zeitung erinnern, in dem für einen historischen Film Statisten gesucht worden waren. Aber sollten die Dreharbeiten nicht erst im Herbst beginnen?
„Nun?“, hakte er nach.
„Mein Name ist Nathalie Brennan“, sie senkte den Blick, „und um Ihre Frage vorwegzunehmen, ich kann mich nicht erinnern, was geschehen ist.“
„Verstehe!“ Seine Belustigung war verschwunden. Er kniete sich neben sie und begutachtete ihren Kopf. „Sie bluten an der Schläfe.“
Erschrocken befühlte sie die Kopfseite. Das Blut war bereits angetrocknet. „Mein Kopf tut weh“, hauchte sie den Tränen nah.
„Das kann ich mir vorstellen. Sie müssen unverzüglich zu einem Arzt. Woher kommen Sie, Miss Brennan?“
„Aus Carlisle.“
Er sah sie mit gefurchter Stirn nachdenklich an. Der Mann hatte wunderschöne, klare Augen. Sie konnte nicht sagen, warum ihr gerade das auffiel. Verlegen wich sie seinem Blick aus.
„Bedaure, ich kenne diesen Ort nicht.“
„Er liegt zwischen den Städten Middletown und Dayton.“
Er schüttelte den Kopf. „Es sagt mir leider nichts, aber ich denke, das können wir auch später klären. Ich bin Hank Craven. Etwa zwei Meilen entfernt befindet sich die Plantage meiner Familie, dort wird man sich hinreichend um Sie kümmern.“
„Sie haben nicht zufällig ein Handy dabei?“
Er sah sie an, als hätte sie etwas vollkommen Irrsinniges gesagt. Qualvolle Sekunden ruhte sein eigenartiger Blick auf ihrem Gesicht, bevor er ihn abwandte und den Hang hinter ihr absuchte. „Waren Sie etwa ganz allein unterwegs?“
Sie wusste nicht, was sie ihm darauf antworten sollte und nickte lediglich.
Missbilligend schüttelte er den Kopf. „Das war sehr töricht.“
Hank Craven erhob sich und wandte sich dem Schwarzen zu, der einige Schritte zurückgetreten war. „Samuel, hast du eine Decke auf dem Karren?“
„Da müsste eine sein, Sir.“
„Gut, dann hol sie.“
„Mir ist nicht kalt“, erklärte Nathalie.
„Das glaube ich Ihnen. Aber in Ihrem sonderbaren Aufzug würden Sie zu großes Aufsehen erregen.“
„Was soll das heißen?“, empörte sie sich und sah an sich hinunter. Ihre Jeans wies seitlich am Oberschenkel ein paar Grasflecke auf und war teilweise etwas sandig. Kein Grund, sie deshalb zu beleidigen.
Sein Gesicht zeigte ein breites Grinsen und sein Blick maß unverhohlen ihren Körper.
„Mit Verlaub, Miss Brennan, Sie tragen Beinkleider.“
„Bein … was?“ Perplex starrte sie ihn mit offenem Mund an. In seinen Augen stand ein amüsiertes Funkeln. Allmählich wurde ihr die Sache zu dumm. Was bildete dieser arrogante Kerl sich eigentlich ein? Nur weil er offenbar zur Filmcrew gehörte und im Stil des neunzehnten Jahrhunderts gekleidet war, bedeutete es längst nicht, dass er sich auch so zu verhalten hatte. Sie gehörte nicht zum Team und ihr Auftritt stand nicht im Drehbuch. Ihr war weiß Gott was widerfahren, und der Kerl wagte es, sich lustig zu machen. Zorn stieg in ihr auf.
„Entschuldigen Sie, dass ich momentan nicht über Ihre primitiven Witze lachen kann, Mr. Craven“, zischte sie erbost. „Mein Schädel droht zu explodieren, und ich fühle mich gerade ziemlich miserabel. Also heben Sie sich derartige Scherze für einen anderen Zeitpunkt auf.“ Verärgert sprang sie auf die Beine. Sogleich begann sich alles um sie herum zu drehen.
„Miss Brennan!“
Sie spürte seine Hände an ihrem Körper; sie registrierte es wie in Trance. Augenblicke später hob er sie in seine Arme und marschierte mit ihr, anscheinend mühelos, die Böschung hinauf.

Im Kindle-Shop: Ruf des Südens: Zeitreiseroman

Mehr über und von Emilia Doyle auf ihrer Facebook-Seite.



19. Januar 2017

'Jungfrau, männlich, Single, mit Teddy' von Harald Schmidt

Alfred Reimann … dreiunddreißig, Single, gut aussehend … Jungfrau.

Bis heute lief das Leben des liebenswerten Finanzbeamten und seiner Teddydame Bienchen in geordneten Bahnen. Noch weiß er nicht, dass sich dieser Zustand mit dem Einzug der süßen Nachbarin Verena ändern wird. Seine Mutter ist davon alles andere als begeistert, denn in ihren Augen wollen junge Frauen wie Verena nur das Eine. Und dieses Chaos wird sie zu verhindern wissen!

Mithilfe von Verena und dem kauzigen Pfarrer Hollerberg stolpert Alfred in das eine oder andere Abenteuer. Ob er auf den Reisen sein Glück findet, bleibt abzuwarten ...

Ein rasanter Liebesroman mit dem gewissen Schmunzelfaktor.

Gleich lesen: Jungfrau, männlich, Single, mit Teddy

Leseprobe:
Dieser Tag und ich ... keine gute Basis für eine bleibende Freundschaft. Nichts deutete darauf hin, dass sich mein ruhiges Leben von Grund auf ändern sollte. Mama hatte mir schon seit frühester Jugend eingebläut, dass unnötige Hektik direkt nach dem Erwachen den gesamten Tagesablauf vorherbestimmen würde, und ich mit einer entsprechenden Ruhe und Zurückhaltung sogar einem Infarkt wirksam vorbeugen könnte.
Vorsichtig öffnete ich ein Auge, um befriedigt festzustellen, dass mein Biorhythmus exakt wie ein voreingestelltes Uhrwerk funktionierte. Perfekt, es war sechs Minuten vor Sieben. Mit dem Zweiten registrierte ich, dass sonnenangereichertes Tageslicht durch die Schlitze der Jalousie drang. Der erwachende Morgen begrüßte mich, den unermüdlich werkelnden Angestellten der örtlichen Finanzbehörde, auch heute mit all seiner Pracht. Genüsslich gähnend reckte ich die steifen Glieder. Meine Fingerspitzen berührten das samtweiche Fell der besten, allerdings auch einzigen Freundin. Bienchen, die Plüschbärin, saß wie immer am Kopfende, denn sie hatte sich zur Aufgabe gemacht, in der Nacht den Schlaf ihres Herrn und Gebieters zu bewachen.
Nach dem obligatorischen dicken Kuss auf ihr Schnäuzchen hockte ich mich abwartend auf die Bettkante. Mama hatte davor gewarnt, mich allzu schnell zu erheben. Sie meinte, dass mein Blut schließlich Zeit benötigt, um sich gleichmäßig im Körper zu verteilen ... zumindest so ähnlich. Den geübten Slalom um das Bügelbrett am Bettende und die Schuhberge im Dielenbereich schaffte ich unfallfrei, das war reine Routine. Mit noch halb geschlossenen Augen tastete ich vorsichtig nach dem Toilettendeckel. Die Blase wurde, begleitet von einem erlösenden Aaah, vom übermächtigen Druck befreit. Als ausgebildeter Sitzpinkler konnte ich Urinspritzer in der Toilettenumgebung vermeiden, die so manche Ehefrau sicher zur Weißglut trieben. Mama hatte mich einmal stehend erwischt, was dazu führte, dass sie mich das Bad wischen ließ ... eine ganze Woche lang.
Geschickt bückte ich mich unter dem vorstehenden Kleiderhaken der Garderobe durch und erreichte ohne Blessuren die Küche. Der Geruch abgestandener Essensreste, die in Töpfen und auf Tellern dem möglichen Reinigungsprozedere entgegensahen, schlug mir entgegen. Jahrelanges Training der Nasenschleimhäute erstickte den aufkommenden Würgereiz im Keim.
Während ich mein Müsli löffelte, das am heutigen Tag einen hohen Nussanteil enthielt, ließ ich den neuen Tag im Geiste ablaufen. Für den Vormittag hatte ich mir Freistunden genommen, um dringende, private Angelegenheiten zu erledigen. Dienstbeginn war also erst um dreizehn Uhr. Heute Morgen war Stufe eins der Körperpflege angesagt, zu der unter anderem das Zurückschneiden der Fußnägel und der Augenbrauen anstand. Danach Geld von der Bank holen, Blumen kaufen und nach der Arbeit das Traum-Finale: Abendessen mit Verena. Ich musste nicht lange nachdenken ... nein, es war mein erstes Date.
Als sie sich gestern einen kleinen Prüf-Schraubendreher auslieh, überraschte sie mich mit der Einladung. Sie ließ sich nicht dazu überreden, die Serienschaltung der Dielenbeleuchtung einem ausgebildeten Elektriker zu überlassen. Ich konnte mich nicht anbieten, da für mich das Arbeiten am Stromnetz mit Todessehnsucht gleichzusetzen war. Aber solche Kleinigkeiten erledigte Frau selbst, war ihre Devise ... Hochachtung. Die Zaubermaus Verena wohnte seit zwei Wochen eine Etage unter mir. Seitdem saß ich des Öfteren in der Küche und starrte auf den Fußboden, so als könnte ich durch die Decke sehen. Im Geiste sah ich sie genau unter mir sitzen, das Gemüsemesser geschickt über die festkochende Grata-Kartoffel führend, und vergnügt Wolle Petrys Erfolgshit Der Himmel brennt summend.
Bisher hatte ich nie den Mut gefunden, sie anzusprechen, obwohl sie mich stets freundlich grüßte. Solange ich denken konnte, hatte sich Mama alle Mühe gegeben, mich vor diesen berechnenden, jungen Biestern zu warnen. Sie hätten es immer nur auf das Eine abgesehen. Weitere Erklärungen blieb sie mir nach dieser Feststellung schuldig. Ihren Rat hatte ich in den letzten dreiunddreißig Jahren konsequent beherzigt. Grundsätzlich war ich damit bisher gut gefahren. Die Enttäuschungen, von denen meine Arbeitskollegen häufig am Mittagstisch berichteten, waren mir bis heute erspart geblieben. Meinen Tagesablauf wollte ich nicht fremdbestimmen lassen. Mein Leben lief perfekt. Ja, wenn da nicht ...

Verena fiel einfach vom Himmel. Engelgleich war sie neben dem Möbelwagen aufgetaucht und hatte mich allein durch ihr Lächeln in eine andere Galaxie geschleudert. Nach dem Zusammenprall wurde meine gestotterte Entschuldigung von einer noch nie vorgekommenen Körperstarre begleitet. Ich hätte mich dafür ohrfeigen können, weil ich sie den Inhalt der heruntergefallenen Einkaufstüte selbst aufheben ließ. War es das, wovon Kollegen in den Pausen immer wieder berichteten? Waren das alles Hormone, die sich plötzlich im Körper verteilten, wie eine ansteckende Krankheit ... ein gefährlicher Virus? Wenn ja, war es zumindest nicht unangenehm. Mama könnte sich ja auch dieses eine Mal getäuscht haben. Sie hatte schließlich auch immer behauptet, dass Frauen viel sparsamer seien als Männer. Die Behauptung stand nur solange, bis ich abends, nach einer feucht-fröhlichen Geselligkeit, die Tür zum Bad mit ihrem Schuhschrank verwechselte. Sie versuchte, die immense Anzahl an Pumps damit zu erklären, dass sie lediglich die Grundausstattung einer verheirateten Frau ihr Eigen nannte. Ich hatte nie gefragt, wie Papa das mit seinem Gehalt hat finanzieren können.
Beim Einzug half ich Verena, die schwere Bodenvase in die Wohnung zu tragen. Da geschah es zum ersten Mal. Als sie sich mit diesem besonderen Lächeln und dem flüchtigen Wangenkuss bei mir bedankte, rebellierte mein Bauch. Da war etwas durcheinander geraten, es flatterte eine Armee von ... ja, es mussten Schmetterlinge sein, da war ich mir sicher. Fortan tauchte Verena wieder und wieder vor meinem geistigen Auge auf. Sie schob sich immer öfter vor Mamas strenges Gesicht, was ich als absolut positiv einstufte. Ich hätte dieses Wesen aus dem Gedächtnis zeichnen können.
Mein absoluter Hit ab diesem so bedeutenden Tag wurde Living next Door to Alice. Smokie vergötterte ich schon immer, jetzt bekam Chris Norman die Seligsprechung. Allein die Existenz dieser Frau stellte mein gewohntes Leben komplett auf den Kopf. Das Fell der Teddydame Bienchen hatte den Geruch meines neuen Rasierwassers nun ebenfalls ange-nommen, was sie jedoch mit stoischer Ruhe tolerierte. Schließlich ging es ja um das Wohl und das Glück ihres Papas. Das Chaos in der Zweieinhalb-Raum-Wohnung war überschaubarer geworden, sogar die Bettwäsche wurde jetzt schon rein prophylaktisch alle drei Wochen gewechselt. Es tauchten plötzlich Tätigkeiten auf der To Do-Liste der Hausarbeiten auf, die zuvor von mir sträflich vernachlässigt wurden. Die Umräumarbeiten bedeuteten allerdings für mich als Gewohnheitstier eine komplette Neuorientierung in der Wohnung. Vieles befand sich nicht mehr an dem angestammten Platz. Das Unterbewusstsein, sogar die motorischen Bewegungsabläufe, erfuhren ein komplettes Reset.
Für mich wäre mein folgendes Leben wohl anders verlaufen, wenn ich, wie gewohnt, die Gummimatte beim Duschen in die Wanne gelegt hätte. Als ich das Versäumnis bemerkte, war es bereits zu spät. Unheilig lieferte den aktuellen Ohrwurm Geboren um zu leben, der mich zu Bewegungen verleitete, die ausschließlich für trockenen, stumpfen Untergrund geeignet waren. Meine angeborene Motorik war mit diesen Tanzeinlagen völlig überfordert, die Wanne außerdem zu glatt. Das dumpfe Geräusch der aufschlagenden Stirn auf dem Wannenrand bildete den Abschluss einer ungewollten Pirouette, die mindestens die Traumnote neun auf der Wertungsskala erlangt hätte. Da es unter der Stadt Essen häufiger zu Stolleneinbrüchen kam, störte sich auch jetzt niemand im Haus an den Erschütterungen, die nach kurzer Zeit wieder verebbten. Als ich nach wenigen Sekunden das Bewusstsein wiedererlangte, orientierte ich mich in dem beigegekachelten Badezimmer neu. Da ich den Ellenbogen während meiner kurzzeitigen, geistigen Abwesenheit auf den Auslauf gedrückt hielt, hatte sich das Wasser schon einige Zentimeter aufgestaut. Mit einem zufriedenen Gluckern nahm es nun den gewohnten Weg und ich wälzte mich über die Wannenkante auf die Badematte, die meinen Aufprall wohlwollend abfederte. Die starke Blutung versuchte ich, mit einem Handtuch zu stoppen. Allein die Vorstellung, bereits hektoliterweise dieses wichtigen Lebenssaftes verloren zu haben, brachte mich an den Rand einer erneuten Ohnmacht. Der verspätete Schrei zerriss zwar die Stille des Bades, befreite mich aber auch von der eingetretenen Angststarre.
Vor dem Spiegel betrachtete ich den ange-richteten Schaden genauer. Gut, ich konnte mein lockiges Deckhaar in die Stirn ziehen, damit die Wunde verstecken ... aber das war auf Dauer auch keine Lösung. Meine braunen Augen wirkten heute nicht so klar und selbstsicher, wie ich es gewohnt war. Ich gewann sogar den Eindruck, dass ich durch die abnormale Schonhaltung geschrumpft wirkte. Mama war immer so stolz darauf, wenn sie meine einhundertneunzig Zentimeter Größe vor Bekannten als Wertemaßstab anführte. Sie meinte, dass große Männer viel erfolgreicher durchs Leben gingen, mehr Türen für sie offenstanden. Nun denn, sie mochte damit recht gehabt haben, denn das hiesige Finanz-amt, in dem ich tätig war, hatte wirklich ein imposantes Portal.
»Fuck, wie sieht das denn aus? So kann ich mich doch nirgendwo sehen lassen. Verdammt, verdammt.«
Ich mochte mich ja täuschen. Aber dieses Grinsen in Bienchens Gesicht war vorher weniger intensiv und nicht derart spöttisch. Zur Strafe drehte ich das Plüschtier mit dem Gesicht zur Wand und marschierte gespielt beleidigt zum Erste-Hilfe-Kasten. Nachdem ich die Varianten Nähen und Tackern ausgeklammert hatte, richtete sich mein Blick auf den Zwei-Komponenten-Kleber. Jedoch der beißende Geruch des Lösungsmittels ließ mich auch diese Methode als ungeeignet einstufen. Schlichtes Pflaster musste in diesem Fall genügen. Solange es sich bei Krankheiten nicht um die gefürchtete und todbringende Männergrippe handelte, vermied ich konsequent den Besuch einer Arztpraxis. Das sollte sich in diesem speziellen Fall rächen.

Im Kindle-Shop: Jungfrau, männlich, Single, mit Teddy

Mehr über und von Harald Schmidt auf seiner Website.



18. Januar 2017

'Der letzte Schwan' von Henri Pose

Als Privatdetektiv arbeitet er unter dem Pseudonym David Brügge und kennt sich aus im Hamburger Nachtleben. Seine Freundin, die ehemalige Stripperin Shirley, hat er beim Besuch eines Nachtclubs kennengelernt. Sein neuer Auftrag: Für einen im Sterben liegenden Immobilienmogul soll er dessen verschwundene Tochter finden.

Die Polizei ist fest davon überzeugt, dass die junge Frau weggelaufen ist, doch ihr Vater glaubt an eine Entführung. Gemeinsam mit Shirley macht sich Brügge auf die Suche. Eine Spur führt ins Drogenmilieu. Doch als die beiden einer großen Intrige auf die Schliche kommen, geraten sie plötzlich selbst in die Schusslinie …

Gleich lesen:
Für Kindle: Der letzte Schwan: Ein Hamburg-Krimi
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Zum ersten Mal sah ich Shirley in einem Strip Club namens Charming Flamingo. Ihre Schicht begann dort um halb elf und ich war bereits seit zwei Stunden dort.
Zwei Stunden meines Lebens hatte ich zwischen Männern verbracht, die ihren Ehefrauen vorgaukelten, sie wären gerade beim Bowling oder mit ihren Jungs in der Kneipe. Stattdessen fristeten sie ihre Freitagabende in jenem Etablissement unter der Autobahnauffahrt und steckten Frauen, die ihre Töchter sein könnten, Spielgeld in die Tangas. Neben mir versuchte gerade ein Greis mit Beatmungsgerät verzweifelt, auf die Bühne zu krabbeln, als der Song stoppte. Die Brünette rutschte die Metallstange herunter und verbeugte sich, die Lautsprecher knackten und Shirley wurde angekündigt. Der DJ, der wahrscheinlich in irgendeinem Hinterzimmer saß und beim Wechseln der CDs fernsah oder womöglich zu den Bildern der Sicherheitskameras masturbierte, sagte: »Und hier kommt, worauf wir alle gewartet haben: Shirley!«
Die Männer grölten und klatschten, einige pfiffen, doch ich blieb ruhig. Ich wusste gar nicht so recht, warum ich überhaupt hier war. An jenem Tag hatte ich meine Ermittlungen zum Selbstmord eines Anwalts beendet und war nach dem Gespräch mit seiner Ehefrau etwas aufgewühlt gewesen, weshalb ich mich für ein schnelles Bier in meiner Stammkneipe entschieden hatte. Auf dem Weg vom Parkplatz dorthin hatte mich der Türsteher des Flamingos angesprochen: »Die Show heute Abend wird der Hammer. Fünfzehn Euro Eintritt sind ein Witz, versprochen.«
Also hatte ich nur die Schultern gezuckt und mir den Stempel geholt. Das Bier war warm, die Kundschaft unerträglich, aber wenigstens war die Musik laut genug, um Gespräche unmöglich zu machen.
Während die anderen Männer sich um die halbkreisförmige Bühne tummelten, saß ich zurückgelehnt im Clubsessel und nippte an einem Bier, das ich nicht wirklich trinken wollte. Zum Gitarrensolo von Sweet Morphine kam Shirley langsam hinter dem roten Samtvorhang hervor und ging mit kreisenden Hüften auf die Bühne. Sie war klein und zierlich, hatte lockiges blondes Haar und bewegte sich so anmutig, wie ich es nie zuvor gesehen hatte. In ihren Augen lag der Glanz einer Frau, die ihr Schicksal akzeptiert hatte und nun versuchte, das Beste daraus zu machen. Doch noch etwas schwang darin mit, sobald sie begann zu tanzen: Hoffnung.
Nach ihrer Show sah ich keinen Grund mehr zu bleiben, also erhob ich mich, während sie sich verbeugte, und ging auf tauben Beinen in Richtung Ausgang. Kurz bevor ich dort ankam, öffnete sich direkt daneben eine Tür mit der Aufschrift Personal. Heraus kam ein fülliger Mann Anfang dreißig. Er trug ein Karohemd, das sich über dem Bierbauch so sehr spannte, dass man befürchtete, sein Bauchnabel könnte einem ins Gesicht springen. Der zurückgehende Haaransatz und die geröteten Augen ließen ihn erschöpft wirken. Er sah mich an und mit einem Mal klärte sich sein Blick. Der Mann rief mich bei meinem Namen und ich fuhr herum: »Kennen wir uns?«
»Ja, klar«, sagte er. »Weißt du nicht mehr? Wir waren zusammen in der Schule! Ich bin es, Timo.«
Es stellte sich heraus, dass ich tatsächlich mit ihm zusammen zur Schule gegangen war, bloß hätte ich ihn niemals wiedererkannt. Einen Moment redeten wir über die guten alten Zeiten, die nie so gut gewesen waren wie wir nun behaupteten, dann bot er an, mich herumzuführen. Timo nahm mich mit durch die Tür fürs Personal und führte mich einen schummrigen Gang entlang. Durch eine offene Tür erhaschte ich einen Blick auf einen Umkleideraum, wo halbnackte Blondinen hektisch vor beleuchteten Spiegeln umherhuschten. Gegenüber vom Hintereingang des Separees befand sich eine Tür mit der Aufschrift Chef. Timos Büro war ein rechteckiger weiß tapezierter Raum, in dem es, wenn man den Nikotinflecken an der Decke und den Brandlöchern im Teppich glaubte, keine Aschenbecher gab. Der Röhrenmonitor summte mit dem Kühlschrank um die Wette, während das dumpfe Wummern des Basses aus dem Hauptraum die Wände zittern ließ. Gefüllt war der Raum außerdem mit einem Tapeziertisch, auf dem eben jener Computer, ein Drucker und stapelweise Ausdrucke zu finden waren, und zig Aktenschränken, einem Fernseher, einem zerschlissenen Sofa und ein paar Postern und Kalendern, welche die ansonsten kahlen Wände bedeckten.
»Das ist mein Büro«, sagte er und rieb sich die Hände. »Nicht schick, aber immerhin muss ich nicht an der Stange tanzen, sage ich immer.« Er lachte nervös und bedeutete mir, auf dem Sofa Platz zu nehmen.
»Priester!«, stieß ich hervor.
»Was?«
»Ich habe überlegt, wie wir dich früher genannt haben. Bei Timo hat es schon Klick gemacht, aber wir haben dich immer nur Priester genannt.«
»Ach ja, stimmt. Ich habe es tatsächlich geschafft, den Spitznamen zu behalten. Ich hab nie eine meiner Tänzerinnen auch nur unzüchtig angeguckt – keusch wie eh und je.« Priester klopfte sich in einem Anflug gespielten Stolzes auf die Brust.
»Wie kommst du zu deinem … Etablissement?«, fragte ich nach einem Moment des Schweigens.
»Ich nenne es ein Tanzlokal. Unter einem Strip Club stellt man sich landläufig einen Schuppen vor, wo ein Haufen Osteuropäerinnen für fünfzig Euro tanzen und für hundert blasen – meine Mädels nicht. Wir sind seriös«, erklärte Priester, gestand mir dann aber zu: »Klar, vom Ding her ist es ein Strip Club oder – wie ich zu sagen pflege – eine erfolgreiche Kreuzung aus Bungalow und Neonröhre unter der Autobahnauffahrt plus nackte Frauen.«
Damit war er geschickt meiner Frage ausgewichen, aber ich stellte sie kein zweites Mal, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass er hiermit seinen Traum lebte. Klar, genug Kerle streben tatsächlich genau das hier an. Aber in der Realität war Priester kein cooler Pimp, sondern ein autodidaktischer BWLer in einem abgewrackten Büro, der stets von nackten Frauen umgeben war, aber sie nicht mal richtig anschauen durfte, ohne sich eine Anklage wegen sexueller Belästigung einzufangen. Solche Klagen sind tatsächlich üblich in jenen Strip Clubs und Bordellen, wo man sich nicht mit der Faust, sondern mit dem Arbeitsvertrag auf ein Gehalt einigt. Außerdem war dieser Job so weit von seinem eigentlichen Traum entfernt wie nur irgend möglich.
In der Schule hatten damals alle gedacht, Priester würde Profi-Fußballer werden. Eine Knieverletzung war ihm dazwischengekommen – seitdem hinkte er und hatte deutlich zugenommen. Mit seinem Ersparten aus der Zeit, in der er auf seine Profikarriere vorbereitet worden war, hatte er nach dem Unfall das Flamingo eröffnet, wie er mir später stolz erklärte. Er habe sich alles selbst erarbeitet und selbst die Namen der Tänzerinnen stammten von ihm – Priester dachte tatsächlich, Showgirls wäre ein guter Film.
Von jener Begegnung an saßen wir mindestens einmal die Woche in seinem Büro und machten die Nacht durch. Priester fing am späten Nachmittag an zu arbeiten und machte meist erst um acht Uhr morgens Schluss. Er saß da in seinem Büro und machte die Buchführung, schaute ab und zu auf die Sicherheitskameras und telefonierte mit Lieferanten, Kollegen und Scouts, die nach Tänzerinnen suchten. Sein Büro wirkte bei näherer Betrachtung weder klein noch sonderlich schäbig – es war zweckmäßig. Der erste Eindruck war vermutlich dahergekommen, dass ich Tierfellteppiche, Marmor und Nappaledersessel erwartet hatte. Aber Priester trug ja auch Jeans und Hemd statt Pelzmantel und Filzhut – die Zeiten schienen sich entweder geändert zu haben oder Hollywood hatte mich schon immer belogen.
Doch Priester war zufrieden mit seinem Leben. Er hatte ja alles, was er brauchte: Ein Auto, eine Frau, eine fast abbezahlte Eigentumswohnung und einen Job, der ihm gefiel.
Ich lag also des Öfteren auf dem Sofa in seinem Büro rum, sah ihm beim Arbeiten zu und ließ seinen Alltag an mir vorbeifließen. Ab und an kamen Securitys oder der DJ rein, aber alles in allem war es ein ruhiger Job. Ich lag da und rauchte und Priester klackerte auf seiner Tastatur und wir redeten so über dies und jenes. Nur nie über Frauen. Jegliche sexuelle Anspielung schien an seinem Arbeitsplatz tabu zu sein.
Früher hatte ich Priester nie wirklich gemocht. Seine bevorstehende Profikarriere und all die Mädchen, die sich die Schädel einschlugen, um seine Spielerfrau zu werden, hatten ihn überheblich werden lassen. So hart es auch klingen mag: Der Unfall hatte ihn auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht. Man sollte meinen, Strip Club-Besitzer wären nicht mehr als frauenfeindliche Paviane, die irgendwo gelernt hatten, Mercedes zu fahren. Aber tatsächlich war Priester der klassische mittelständische Unternehmer: Er fuhr einen Passat, zahlte seinen Tänzerinnen einen fairen Lohn und sogar Steuer. Seine Mitarbeiter mochten ihn – das merkte ich vor allem an dem einen Abend, als eine Tänzerin hereinkam und aufgelöst erzählte, dass ein Kunde sie beim Private Dance grob angefasst hatte. Priester schickte sofort die Security los, tröstete die Tänzerin und gab ihr für den Rest des Abends frei. Er schaffte zu jeder Zeit den Spagat zwischen familiärem Umgang und Professionalität. Eben deswegen, weil Priester Job und Privatleben strikt trennen wollte, bot er mir in fast drohendem Tonfall an, den Hintereingang zu benutzen.

Im Kindle-Shop: Der letzte Schwan: Ein Hamburg-Krimi
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Henri Pose auf seiner Website.



17. Januar 2017

'Michael Lindqvist: Im Schatten der Nacht' von Jo Hess

WEHE DEM, der vom rechten Weg abkommt.
Vier Freunde verfahren sich und werden in einen schrecklichen Unfall verwickelt. Auf der Suche nach Hilfe entdecken sie ein Dorf. Sie scheinen gerettet. Doch die Einwohner hüten ein dunkles Geheimnis. Und mit einem Schlag geht es für alle um Leben und Tod …

WEHE DEM, der zu nah ans Wasser geht.
Eine Mutprobe an einem Teich, um den sich düstere Mordgeschichten ranken, hat einen Jungen fast das Leben gekostet. Das schwarze Wasser droht jeden, der ihm zu nahe kommt, in seinem schrecklichen Sog zu verschlingen ...

WEHE DEM, der zu Fremden ins Auto steigt.
Immer wieder verschwinden Kinder spurlos. Die einzige Verdächtige ist ein junges Mädchen, mit dem all die Vermissten vorher gesehen wurden. Doch bald schon kommt heraus, welch abscheuliche Bestie tatsächlich hinter all den Entführungen steckt ...

WEHE DEM, der sich unvorbereitet auf die Suche nach einer Bestie begibt.
Eine Serie grausamer Morde geschieht in Neuseeland. Ohne Waffen müssen sich unsere Helden das erste Mal ohne die Rückendeckung dem Kampf gegen einen bestialischen Killer stellen ...

Gleich lesen:
Für Kindle: Michael Lindqvist - Sammelband 1: Im Schatten der Nacht
Für Tolino: Buch bei Thalia



Sammelband der ersten fünf Teile der Horror-Buchserie um Michael Lindquist {ML}.

Michael Lindqvist ist ein Student, der sich nach einem tragischen Schicksalsschlag dazu entschließt, neben seinem Studium Monster zu jagen. Erzählt werden seine Abenteuer in jeweils abgeschlossenen Geschichten. Dabei geht es um die Jagd nach dem Werwolf Karsten Berghoff, dem Michael im ersten Band begegnet. Michael kämpft gegen klassische Monster wie Werwölfe, Vampire, Geister und Dämonen.


Im Kindle-Shop: Michael Lindqvist - Sammelband 1: Im Schatten der Nacht
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Jo Hess auf seiner Website zur Buchreihe.



16. Januar 2017

'Das Geheimnis der Ronneburg' von Jörg Olbrich

Nach dem Tod seiner Mutter macht sich Julius Meyer auf die Suche nach seinem Vater. Diese führt ihn zur Ronneburg, die ein furchtbares Geheimnis birgt. Menschen werden bestialisch ermordet. Julius wird schnell in die beängstigenden Geschehnisse hineingezogen. Doch was haben die mit dem Verschwinden seines Vaters zu tun? Kann es ihm gelingen die dunklen Geheimnisse seiner Vergangenheit zu lüften?

Stück für Stück wird das tödliche Puzzle zusammengesetzt und Julius gerät in einen Abgrund von Leidenschaft, Gewalt und Hass.
Und dann erkennt er die Wahrheit.

Historischer Krimi von Jörg Olbrich.

Gleich lesen: Das Geheimnis der Ronneburg

Leseprobe:
Julius Meyer zog die Wirtshaustür auf und kam sich auf einmal klein wie ein Zwerg vor.
»Was willst du?«, brummte der Koloss, der vor ihm stand, und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Ich suche ein Quartier für die Nacht.« Hatte Julius gerade noch ein Durcheinander von Stimmen gehört, so sprach jetzt keiner der Anwesenden mehr ein Wort.
»Wir haben geschlossen«, sagte der Wirt. Die Männer standen so nahe beieinander, dass sie sich fast berührten.
»Der Raum ist voller Gäste. Wie kann da geschlossen sein? Ich bin gerade hier angekommen und möchte die Nacht nicht draußen im Nebel verbringen.«
»Das ist dein Problem. Für Fremde haben wir keinen Platz.« Der Wirt stank nach Alkohol und Schweiß. Er wich keinen Millimeter von seinem Platz, sodass Julius nicht einmal in den Raum sehen konnte.
Julius erinnerte sich an die Reaktion des Leichenwagenkutschers, der ihn hier abgesetzt hatte. Als er ihm sagte, dass er im Gasthaus „Zur Krone“ übernachten wollte, hatte der nur gelacht, sich umgedreht, war weggefahren und hatte ihn alleine auf der Straße zurückgelassen.
»Was ist denn das für ein Wirtshaus, in dem Reisende nicht bewirtet werden?«
»Schmeiß den Kerl endlich auf die Straße, dann ist Ruhe«, ertönte eine Männerstimme aus dem Schankraum.
»Ja, Josef«, rief ein Zweiter. »Du redest doch sonst nicht rum. Zeig dem Bürschchen, wer der Herr des Hauses ist.«
»Raus!«, sagte Josef. »Und zwar augenblicklich.«
Der Wirt trat einen Schritt vor, und Julius wich zurück.
»Könnt Ihr mir bitte erklären, was das soll?«
Ohne zu antworten, zog Josef die Tür ins Schloss und verriegelte sie von innen.
»Sind denn alle hier verrückt?« Julius ging auf ein Fenster des Wirtshauses zu, das zur Straße zeigte. Bevor er aber einen Blick in den Schankraum werfen konnte, wurden die Vorhänge zugezogen. Er drehte sich um. Der Ort wirkte wie ausgestorben. Nur im Wirtshaus brannte Licht. Es war still. Ungewöhnlich still.
Ärgerlich wischte sich Julius einen Regentropfen von der Nase. Er ging ein paar Schritte, und als er gerade die Hausecke erreichte, hörte er ein Geräusch von der anderen Straßenseite.
Eine Gestalt kam auf das Wirtshaus zu. Gehörte sie zu den Männern im Schankraum? War es möglich, dass der Wirt ihn beim Aussteigen aus dem Leichenwagen beobachtet hatte, und deshalb so schnell an der Tür gewesen war? Anders konnte es sich Julius nicht erklären, dass ihn der Koloss direkt an der Tür abgefangen hatte. Kam jetzt die Person, die Josef und die anderen eigentlich erwartet hatten?
Der Schatten erreichte die Eingangstür und klopfte.
»Ich habe dir doch gesagt, dass du verschwinden sollst!«, hörte Julius von innen.
Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Josef glaubte offenbar, dass er einen zweiten Versuch unternehmen würde, ins Gasthaus zu kommen.
»Ich bin es, Eva.«
Was macht eine Frau alleine mitten in der Nacht vor einem Wirtshaus? Die Situation wurde immer verwirrender. Julius hörte, wie sich die Tür öffnete.
»Was willst du?«
»Lass mich rein, Josef.«
»Verschwinde. Das hier ist nichts für Frauen und besonders nichts für dich. Ich habe dir gestern schon gesagt, dass ich mich um alles kümmern werde. Hör endlich damit auf, dich einzumischen.«
»Die Sache geht mich genauso viel an wie euch. Lass mich rein.«
»Nein. Es gibt nichts, was du jetzt tun kannst. Denk daran, was mit deinen Eltern geschehen ist. Geh nach Hause.« Hatte die Stimme von Josef gerade noch ärgerlich geklungen, so hörte er sich jetzt an, als würde er mit einem kleinen Kind sprechen.
»Ich denke an nichts anderes«, zischte Eva. »Und ich habe ein Recht darauf zu erfahren, was ihr da drinnen plant.«
»Mach, dass du verschwindest. Noch einmal warne ich dich nicht.« Wieder fiel die Tür ins Schloss. Eva blieb im Regen zurück und hämmerte noch einmal mit beiden Fäusten gegen das Holz. Vergeblich.

Im Kindle-Shop: Das Geheimnis der Ronneburg

Mehr über und von Jörg Olbrich auf seiner Website.



14. Januar 2017

'Homali Sagina: Wie die Viecher' von Marie Wigand

Es passiert jeden Tag. Mütter werden ihrer Babys beraubt. Ohne Betäubung werden sie kastriert und gerupft. Sie leben in ihrem eigenen Dreck. Dicht an dicht. Ohne jede Privatsphäre. Sie werden bei vollem Bewusstsein gehäutet, geschlachtet und ausgenommen. Ich rede von den Tieren auf der Erde? Ja... aber dieses Mal rede ich auch von den Menschen auf Homali Sagina.

Nachdem immer mehr Menschen aus Lindas Umfeld vermisst gemeldet werden, ist auch eines Tages ihre Mutter spurlos verschwunden. Linda macht sich auf die Suche nach ihr und verliert plötzlich das Bewusstsein. Als sie wieder aufwacht, befindet sie sich in einem stinkenden Käfig. Ausgerechnet zusammen mit ihrem widerlichen Vorgesetzten Dr. Tristan Schönbeck. Nur Zufall, oder steckt da mehr dahinter?

Gleich lesen:
Für Kindle: Homali Sagina: Wie die Viecher
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Linda fühlte sich ziemlich benebelt. Dennoch öffnete sie zögerlich die Augen. Sie hätte sie ebenso gut geschlossen lassen können, denn es war stockfinster. Verwirrt versuchte Linda ihre Gedanken zu sammeln. Sie erinnerte sich, dass sie im Schrebergarten umgefallen war. Vermutlich war sie wegen nervlicher Überlastung zusammengebrochen. Die Mitglieder von Jasons Detektivtruppe mussten Linda gefunden und den Krankenwagen gerufen haben. Das war es! Sie lag vermutlich im Krankenhaus und es war Nacht! Das würde die Dunkelheit erklären.
Allmählich wurde Linda etwas klarer im Kopf und sie stellte fest, dass sie in einem reichlich unkomfortablen Krankenhaus gelandet sein musste. Das Bett war alles andere als kuschelig und nirgends war ein leuchtender Schwesternrufknopf zu sehen. Ja! Linda wollte die Schwester rufen und wissen was passiert war. Etwas ungelenk drehte sie ihren Kopf in alle Richtungen, konnte aber einfach keinen roten Knopf erkennen. Vielleicht war sie ja auch erblindet?
„Hallo? Ist da jemand?“, fragte Linda etwas zögerlich.
Keine Antwort. Was war das überhaupt für ein komisches Material auf dem sie da lag? Es fühlte sich an, als würde sie auf einem Linoleumboden liegen. Wo war die verdammte Bettdecke? Linda fror ein bisschen und tastete nach allen Seiten. Überall konnte sie nur dieses hartgummiartige Material erspüren.
„Manno!“, maulte Linda und erhob sich auf alle Viere.
Vorsichtig krabbelte sie ein Stück nach vorne. Rums! Linda hatte sich den Kopf gestoßen.
„Autsch!“
Sie tastete was ihr da den Weg versperrte. Es war eine Wand. Ebenfalls aus dem hartgummiähnlichen Material. Linda verstand die Welt nicht mehr. Sie krabbelte kurz nach rechts an der Wand entlang, bis sie wieder auf eine Wand stieß. Auch dieser Wand folgte sie und stieß erneut auf eine Wand. Nachdem sie eine Weile tastend herumgekrabbelt war, ging ihr auf, dass sie im Kreis kroch und dass sie sich vermutlich in einem viereckigen Hartgummibett mit hohen Seiten befinden musste.
„Die hatten wohl Angst, dass ich herausfalle.“, überlegte Linda.
Sie stand auf. Kurz bevor sie sich gänzlich aufgerichtet hatte, stieß sie hart mit dem Kopf an eine Decke!
„Was ist das hier für ein verdammter Scheiß!?“, brüllte sie wütend.
Sie bemerkte, dass sie leicht hysterisch klang. Mit eingezogenem Kopf blieb sie stehen und tastete mit den Händen nach der Decke über ihr. Nirgends war ein Ausstiegsloch. Nun drückte sie mit aller Kraft gegen die Decke. Vielleicht war es ja ein Deckel? Der vermeintliche Deckel bewegte sich keinen Millimeter. Plötzlich kam ihr ein scheußlicher Gedanke! Möglicherweise war sie ja für mehrere Tage lang scheintot gewesen! Jetzt lag sie irgendwo lebendig begraben in einem Sarg! Ganz tief unter der Erde! Linda fing an so laut sie konnte nach Hilfe zu schreien. Wieder und wieder. Immer hysterischer. Sie warf sich gegen alle Seiten ihrer seltsamen Behausung, in der Hoffnung, dass sich irgendetwas bewegen würde. Linda weinte und jammerte dabei wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Irgendwann war sie völlig ausgepowert, heiser und sämtliche Knochen schmerzten. Resigniert ließ sie sich auf ihren Hintern fallen und begann erneut zu grübeln. Wahrscheinlich war das doch kein Sarg! In welchem Sarg konnte man schon fast aufrecht stehen? Und die wenigen geöffneten Särge die Linda bisher gesehen hatte, waren weitaus gemütlicher als ihre aktuelle Behausung! Meistens waren sie innen mit Seide verkleidet. Viel mehr als herumliegen konnte man darin auch nicht! Und in dieser komischen Kiste hier hatte Linda seltsamerweise relativ viel Bewegungsfreiheit.
Plötzlich fiel Linda auf, dass sie keinen BH trug. Ihre Brüste baumelten etwas mehr als gewöhnlich herum. Und überhaupt! Was war das für ein komischer Fetzen, den sie da am Körper trug? Fühlte sich an wie ein Nachthemd mit Spagettiträgern. Sehr grober Stoff. Ein bisschen wie ein Kartoffelsack. Mit großem Unbehagen wurde Linda klar, dass sie außer diesem Stofffetzen nichts anhatte. Keine Schuhe, keine Strümpfe, keine Unterhose!
Wo zum Geier war Svens Handy?! Wieso kam sie erst jetzt auf die Idee einfach jemanden anzurufen? Sie tastete ihren merkwürdigen Umhang ab, fand aber nichts was auf das Handy hindeutete. Linda stieß einen gotteslästerlichen Fluch aus. Ihre letzte Hoffnung war dahin. Sie fühlte sich völlig verloren und hatte keine Ahnung was das alles bedeuten sollte. Als sie erneut zu heulen anfangen wollte, ging ein Ruck durch die Kiste. Was würde jetzt passieren? Linda konnte sich nicht daran erinnern, sich jemals so allein und hilflos gefühlt zu haben.
Plötzlich wurde ihre Behausung an einer Seite angehoben und Linda rutschte nach unten gegen eine Wand. Die Wand gab nach und Linda kullerte heraus.
Sie riss den Kopf hoch und schaute sich argwöhnisch um. Linda befand sich in der Mitte eines orangefarbenen Raumes. Der Boden war aus irgendeinem Metall, jedenfalls glänzte er silbrig und fühlte sich kalt an. An einer Stelle zwischen den orangenen Wänden befand sich eine milchige Glaswand. Ungefähr zwei Meter breit. Linda drehte sich nach ihrer Kiste um. Sie war dunkelgrün und vom Material her wie Knete. Richtige Knete konnte es aber auch nicht sein. Es hatte sich sehr hart angefühlt. So wie Linda darin gewütet hatte, müsste die Kiste ziemlich verbeult sein, wenn sie aus Knete gewesen wäre. War sie aber nicht.
Da tauchte hinter der Kiste eine orangefarbene Gestalt in einem leuchtend blauen Gewand auf. Sie flog förmlich auf die Wand zu und drückte sie einfach auseinander. Blitzschnell war die Gestalt verschwunden und die Wand verschloss sich unverzüglich wieder von selbst. Linda starrte eine gefühlte Ewigkeit die Wand an der Stelle an, wo soeben dieses merkwürdige Wesen geisterhaft verschwunden war. Jetzt reichte es ihr aber endgültig! Wo zur Hölle war sie und was wurde hier gespielt? Träumte oder fantasierte sie etwa? Das konnte die einzig plausible Erklärung sein. Sie biss sich kräftig auf den Finger. Da es höllisch schmerzte verwarf Linda die Traum-Theorie wieder. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie am ganzen Körper zitterte wie Espenlaub. Linda hörte ein Kichern. Hysterisch und grell. Es dauerte eine ganze Weile bis sie verstand, dass das Kichern von ihr selbst kam. Warum zur Hölle lachte sie? Aufgrund der abstrusen Situation? Konnte man vor Angst lachen? Denn Angst war das Einzige, was Linda momentan empfand. Auf einmal ertönte ein Summen, eine Wand aus blauem Licht erschien und bewegte sich langsam auf Linda zu. Ihr Kichern verstummte. Was würde wohl passieren, wenn die Lichtwand sie berührte? Linda bekam noch mehr Angst, soweit das überhaupt möglich war. Sie sprang auf und versteckte sich hinter der großen Kiste. Ihr Herz raste so schnell, als wolle es ihr gleich aus der Brust springen. Lindas ganzer Körper war von Angstschweiß bedeckt. Die Lichtwand hatte sie jetzt fast erreicht. Vielleicht konnte Linda ja durch die orangene Wand entschlüpfen wie das merkwürdige Wesen von vorhin? Sie rannte auf die Wand zu und drückte sich dagegen. Nichts passierte. Mit ihren Händen versuchte Linda einen Spalt zu finden, den sie packen und aufziehen konnte. Nichts! Die Lichtwand erschien direkt hinter ihr. Linda drehte sich um und die Lichtwand ging durch sie hindurch. In diesem Moment ertönte ein kurzer schriller Ton. Sonst passierte nichts. Linda konnte sich auf ihren Puddingbeinen nicht mehr halten und ließ sich wieder auf ihr Hinterteil fallen. Noch einmal ertönte der schrille Ton. Als ein perfektes Abbild von Linda auf der Glaswand erschien, traute sie ihren Augen kaum!

Im Kindle-Shop: Homali Sagina: Wie die Viecher
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Marie Wigand auf ihrer Website.



13. Januar 2017

'Lasst mich doch einfach leben …' von Cornelia Harz

Lisa Lindtal verliert alles: ihre Glaubwürdigkeit, die Liebe ihres Mannes und ihre Freiheit.

Die BlutGruppe2000, eine Organisation, die zahlungskräftigen Gästen eine Bühne für ihre perversen Fantasien bietet, hält sie gemeinsam mit anderen Opfern gefangen. Auf Lisa warten Schmerz und Tod. Wird sie es schaffen, sich aus dem Netz dieser Verbrecher zu befreien?

Ein spannender und emotionaler Psychothriller.

Gleich lesen: Lasst mich doch einfach leben … (Psychothriller)

Leseprobe:
„Frau Lindtal, ich brauche Ihre Hilfe!“
„Wie soll ausgerechnet ich Ihnen helfen?“
Sein Gesicht rückte näher an meines. „Haben Sie Zugang zu den Filmen der BlutGruppe2000?“
„Was haben denn diese Filme mit Ihrer Frau zu tun?“
„Ich weiß von einer Kollegin, dass alle Filme der BlutGruppe2000 reale Misshandlungen und Morde zeigen.“
Meine Cola blockierte meine Luftröhre. Ich musste husten. „Mein Mann hat sämtliche Filme zu Hause. Ich hab nicht viele davon gesehen. Mir sind die zu …“
„Zu grausam, das kann ich mir vorstellen.“
„Und Sie meinen, Sie finden auf den DVDs den Mord an Ihrer Frau?“
„Ich habe nur wenig Hoffnung, dass sie noch lebt.“
„Was hat denn Ihre Kollegin erzählt? Woher weiß sie das mit den Filmen?“
„Sie wissen doch bestimmt, dass Ihr Vorgänger ausgewandert sein soll.“
„Sie sprechen von Jonas Sklav, so heißt er doch, oder?“
„Genau. Aber von meiner Kollegin weiß ich, dass er nicht ausgewandert ist. Die BlutGruppe2000 hat ihn ermordet. Sein Tod soll auf der DVD Nummer 388 sein. Was, glauben Sie, sind das für Knochen unter der Glasplatte Ihres Schreibtischs?“
„Das ist nicht lustig! Das sind natürlich Kunststoffknochen!“
„Und die Initialen JS, die am rechten Tischbein eingeritzt sind?“
„Das ist die Firma, die diese Tische anfertigt! Also Herr Wüstenscheidt, ich bitte Sie wirklich –“
„Wir stellen diese Stücke selbst her. FaktSanum oder besser: die BlutGruppe2000.“
Ich sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
„Wenn ich wenigstens diese eine DVD hätte und einen der Knochen aus Ihrem Schreibtisch, könnte ich zur Polizei gehen.“
„Natürlich kann ich mal nachsehen. Wie sieht denn dieser Jonas Sklav überhaupt aus?“
Heiko Wüstenscheidt kramte in seiner Jacke und zog ein Stück Papier heraus. „Das ist ein Ausschnitt von unserer Betriebszeitung. Hier, der Dritte von rechts.“ Er schob mir den Zettel unter die Nase.
Ich sah einen grinsenden Mann, mein Alter etwa, mit zotteligen schwarzen Haaren. Er sah glücklich aus.
„Herr Wüstenscheidt, ich weiß grad ehrlich nicht, ob ich Angst haben oder herzhaft lachen soll.“
„Sie sollten auf sich aufpassen, Frau Lindtal! Und wir brauchen so schnell wie möglich Beweise, sonst …“
„Sonst? Sonst bin ich auch tot?“ Ich legte ein paar Münzen auf den Tisch und stand auf, ohne mich zu verabschieden.
Unterwegs versuchte ich mir pausenlos einzureden, dass ich meinen Meister im Spinnen gefunden hatte. BlutGruppe2000, alles Mörder, so ein Schwachsinn!
Zu Hause kniete ich mich sofort vor das Regal mit den DVDs. Jakob hatte sie perfekt geordnet. Da war sie: BlutGruppe2000 – Teil 388. Mein Herz pochte laut und stark und schnell. Ich fragte mich, wie lange meine Rippen diesem Hämmern noch standhalten würden. Meine Hände zitterten, mir glitt die DVD zu Boden. Wenn diese Geschichte stimmte, war mein Leben vorbei, ich war vorbei, für immer.
Es half nichts. Ich breitete das Bild von Jonas Sklav vor mir aus und startete den DVD-Player. Zuerst war es wieder dunkel. Dann der Schriftzug BlutGruppe2000 – Teil 388. Danach wieder diese Dunkelheit. Ich drückte auf Pause. Und auf Start. Und auf Pause. Und auf Start. Und da hing er: Jonas Sklav, gekreuzigt, blutend an Händen und Füßen, in irgendeiner Kirche. Er schrie! Er schrie wieder und wieder: Neeeiiiin, bittteeee! Doch sie schlugen immer mehr Nägel durch seinen halb nackten Körper. Ich sah seine Kräfte schwinden. Seine Stimme, sein Flehen wurden leiser. Bis er nach einiger Zeit komplett verstummte und sein Kopf leblos nach vorne kippte.

Im Kindle-Shop: Lasst mich doch einfach leben … (Psychothriller)