21. Januar 2013

'Geld blutet nicht' von Elna Utermöhle

Ein Kriminalroman. Roberto Madonia, gut aussehend und gebildet, hat alles, was seiner Meinung nach zu einem erfolgreichen Leben gehört - eine hübsche Frau, zwei niedliche Kinder, ein Ferienhaus in der Toskana, eine Yacht und eine Geliebte. Seine Investmentfirma zählt zu den renommierten Italiens. Eines Tages besucht ihn ein schlichter Mann und bittet ihn, sein Geld gewinnbringend zu investieren.

Bald geht es um immer größere Summen. Madonia jongliert weltweit mit Milliarden, doch der Kunde fordert bei ihren Treffen in Rom, in der Toskana, beim Formel-1-Rennen oder in einer Kandinsky-Ausstellung immer neue, waghalsige und nicht immer legale Abenteuer auf den Finanzmärkten.

Als Madonia realisiert, wessen Kapital er investiert, ist es zu spät. Er ist längst ein wichtiges Werkzeug im stillen Umbau der Cosa Nostra zur Cosa Internationale geworden. Mit seiner Hilfe wandelt sich die sizilianische Mafia vom lokalen Gangstersyndikat zum global operierenden Konzern. Mehr investieren, weniger schießen heißt die Devise. Gelenkt wird die Neuorientierung vom „Professore“, der seine Ideen und Befehle mit codierten Bibelsprüchen an ein Triumvirat weitergibt. Die drei Männer spiegeln den Umbruch der Cosa Nostra wieder – lokale und internationale Macht, archaische Traditionen und modernes Management, kriminelle Geschäfte und legale Investitionen, brutale Morde und weltläufiges Auftreten.

Gleich lesen: Geld blutet nicht: Kriminalroman

Leseprobe:
Drei Männer erschienen in der verbeulten Tür des Blechschuppens. Der Techniker, der sie erwartete, hob den rechten Daumen. „Alles okay. Keine Wanzen. Der Störsender ist aktiviert.“ Er wusste, dass ihm niemand antworten würde und verschwand grußlos. Die Männer rückten grüne Plastikstühle um einen schmuddelig-weißen Tisch, der auf grauem Estrich unter der nackten Glühbirne stand. Einer holte aus der Jackentasche eine kleine Bibel mit Goldschnitt, ein anderer aus seiner Brieftasche zwei handgeschriebene Zettel, die er sorgfältig glättete.
Dann fragte er: „Warum wurde das Kind getötet?“
„Das war nicht geplant“, Filippo Pirlo, Großhändler für Pferdefleisch, strich sich nervös über den Dreitagebart, „der Vater holt das Kind nie von der Schule ab...“
„Nie, kann ja wohl nicht stimmen“, fuhr Salvatore Grigio dazwischen.
„Nun habt euch nicht so“, brauste Pirlo auf und schob sein beiges Hütchen aus der schweißnassen Stirn, „noch mal: Sie konnten es nicht wissen.“
„Hätte ein dritter Mann den Vater vorher beschattet und realisiert, dass der nicht alleine ist, hätte man die Aktion verschieben können“, stellte Rosario Grande mit sanfter Stimme fest.
Pirlos pausbackiges Gesicht färbte sich rot. „Verdammt noch mal! Es war alles perfekt vorbereitet!“
Grande schüttelte bedauernd den Kopf. „Leider nicht. Dem Professore gefällt die Sache überhaupt nicht.“ Er schaute auf einen der beiden handgeschriebenen Zettel und las vor: „Und der Herr sprach zum Menschen: Siehe. die Furcht des Herrn, das ist Weisheit; und meiden das Böse ist Verstand.“
Durch seine schwarzumrandete Brille fixierte er Pirlo. „Ich glaube, bei der Botschaft gibt es nichts weiter zu interpretieren.“
„Diese idiotischen Zettel und die noch blöderen Bibelsprüche! Ich verstehe kein Wort. Professore hat sie doch nicht alle!“ Pirlo haute mit der Faust auf den Tisch. „Du kritisierst Professore?“ Grigio schüttelte ungläubig den Kopf.
„Nein, natürlich nicht“, versicherte Pirlo sofort, „ich mein’ ja nur, wenn er herkäme und klar sagen würde, was er will, gäbe es nicht diese Missverständnisse.“ „Du solltest lieber denken statt meinen“, spottete Grigio, „klar, er könnte zu den Meetings kommen, uns auf dem Handy anrufen, auf Empfängen erscheinen und ab und zu ein Interview geben ...“
„Quatsch. Ist ja schon gut“, Pirlo hustete nervös, gab sich aber nicht geschlagen, „auf dem Zettel für diesen Swimmingpool-Menschen stand: ,Denn der Herr, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer und ein eifriger Gott’!“
„Aber kein übereifriger!“ Salvatore Grigio, Bauunternehmer, schnippte die Asche seines Zigarillo auf den Boden, „die Schlagzeilen über das Kind sind einfach scheiße. Ohne Kind wären es höchstens fünf Zeilen in der Lokalzeitung gewesen.“
„’Und meiden das Böse ist Verstand’ schreibt Professore“, wiederholte Grande, „wenn du das nicht verstehst, erkläre ich es dir gerne: Er ist sauer, weil der kleine Paolo umgekommen ist. Er will keine Schlagzeilen.“
„Nicht so einfach zu kapieren“, widersprach Pirlo, „wann ein Mord gut ist und wann ein Mord schlecht ist.“
„Gut ist er, wenn er für die Leute...“, Grigio suchte nach Worten, „sagen wir, Routine ist. Wenn sie über ihn lesen wie über einen Verkehrsunfall.“ Er schaute ungeduldig auf die Uhr. „Können wir jetzt zu den wichtigen Themen kommen? Ich muss zurück nach Agrigento, und das Angebot für den Bau der neuen Müllverbrennungsanlage muss heute noch raus.“
Grande nickte zustimmend. „Bleiben wir kurz beim Pizzo. Ich glaube, da haben wir, nachdem Paolo und sein Vater so unglücklich ums Leben gekommen sind, vorerst kein Problem mehr.“
„Du redest schon wie Professore“, Grigio verzog spöttisch die Mundwinkel, „Tatsache ist: Der Idiot ist seiner Zahlungspflicht nicht nachgekommen. Und statt in seinem Kämmerchen zu zittern, geht er zur Polizei und zeigt uns an. Gibt sogar Interviews, dass er nie wieder Schutzgeld zahlen will. Also wirklich, wenn du das durchgehen lässt, dann zahlt bald keiner mehr.“
„Nichts anderes, nur mit kürzeren Worten, sagte ich“, erwiderte Grande leise, „doch Professore beklagt, dass zu oft solche Zahlungserinnerungen unsererseits nötig sind.“ Er schaute Pirlo an. „Du bist doch der Spezialist auf diesem Gebiet.“
Der schob sein Hütchen zurück in die Stirn. „Na komm. Das war das erste Mal in diesem Jahr, dass wir ernst machen mussten. Sonst hat niemand diese Pizzo-Spezialnummer bei der Polizei angerufen.“ Bedauernd fuhr er fort: „Wir arbeiten inzwischen doch geradezu wie Gutmenschen. Zahlt einer nicht, räumen wir ihm den Laden aus, aber ohne irgendetwas kaputtzumachen. Kommt er zur Vernunft und zahlt, bringen wir ihm die gesamte Ware zurück, kostenfrei.“ Er kicherte. „Wir haben gerade ein bisschen Ärger mit den Chinesen in der Bahnhofsgegend. Meine Leute haben sich da etwas Hübsches ausgedacht. Sie werden heute Nacht sämtliche Rollläden der Läden mit Kleister zuschmieren“, er kicherte wieder, „von denen öffnet morgen keiner.“

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