28. März 2013

'Die Fähre nach Magadino (Teil 1)' von Enzio Abaeterno

Der erste Teil des Romans mit dem Untertitel "Feuer und Erde" in der deutschen Übersetzung von Heinrich Bergmann. Eine reizende Happy-End-Geschichte aus dem Tessin, voller Liebe und Leidenschaft. Hart wie Gotthard-Granit kann das Leben in dieser paradiesischen Landschaft sein. Aber in der Brust ihrer Bewohnerinnen und Bewohner schlägt ein anmutig empfindsames Herz. Die Story ist gradlinig erzählt und eignet sich ideal als Ferienlektüre auch für Zerstreuung suchende Wenigleser.

Das eBook nutzt die Möglichkeiten dieses Mediums. Viele Hinweise auf Landschaft, Sehenswürdigkeiten und reale Handlungsorte ergänzen das Buch ebenso, wie zahlreiche interne und externe Links. Mit ihnen erhält der Leser Zugriff auf Landschaftsbilder, Videos und Tonaufnahmen, die die Lektüre bereichern und in Ferienstimmung versetzen.

Gleich lesen: Die Fähre nach Magadino, , Teil 1, Feuer und Erde

Leseprobe:
Junge Frauen schätzen die flachen Granitquader ganz besonders, wenn sie Schuhe mit hohen Absätzen tragen; Cecilia 6a beispielsweise, wenn sie morgens vor halb acht – von ihrem Elternhaus am Waldrand her kommend – auf ihren Stilettoabsätzen zur Bushaltestelle bei der Kirche hinunterstöckelt; nicht unelegant, im Gegenteil.
Zur Abschüssigkeit des Gässchens kommt dann noch die Schräge der Fußauflagen. So geht Cecilia ähnlich einer Zirkuskünstlerin, die sich am Scheitelpunkt einer Kugel balancierend fortbewegt, kerzengerade einher, mit vorgebeugten Knien, Schritt für Schritt die Füße vorsichtig auf den Zehen absetzend. Das Geklapper ihrer Absätze widerhallt dann im schnellen Rhythmus, zwei Menschen sehr zum Nutzen. Zuerst Sergio Bultoni, der um diese Zeit im oberen Stock seines Hauses bei offenem Fensterflügel vor dem Badezimmerspiegel steht und sich rasiert. So bald er die vertrauten Schritte hört, schlägt er den Schaum vom Schaber, geht – die eine Gesichtshälfte noch mit weißem Jupiterbart – ans Fenster und ruft Cecilia ein fröhliches »Ciao bella!« zu.
Ja, bella, nämlich schön ist sie, Cecilia. Schlank, mit Rundungen an den richtigen Stellen: der Inbegriff der Weiblichkeit. Würden ihr bezüglich Körperlänge nicht die paar Zentimeter fehlen, die sie mit ihren hohen Absätzen auszugleichen sucht, könnte sie auf einem Catwalk im nahen Mailand Karriere machen. Bei ihrem Anblick erinnert man sich der italienischen Schauspielerinnen der Nachkriegszeit, ja sie ist gar eine Spur graziler.
Nicht nur bei den Schuhen beweist Cecilia einen vollendeten Geschmack. Ihre Kleider mag sie, vom Halsausschnitt zu den Hüften, eher anliegend. Von da an bis zum Saum, wo ihre hübschen Beine sichtbar werden, meist etwas glockig abstehend, weil so der Stoff Schritt für Schritt die Schenkel und die Knie umspielt, in einer Weise, die Männerblicke magisch anzieht. Jene der Frauen auch, denen beim ersten Hinsehen klar wird, dass Cecilia nicht aus ästhetischen Gründen auf Minis verzichten muss. Farben und Muster bevorzugt sie ein Geringes plakativ, dennoch eher Piet Mondrian oder Paul Klee als Andy Warhol.
Dezent ihr Make-up. Damals, als viele ihrer Altersgenossinnen sich blond färben ließen, hat sie ihr naturschwarzes Haar so belassen. Es umrahmt ihr freundliches, ovales Gesicht, in dem das leicht Mandelförmige ihrer großen dunkeln Augen in den Lippen ihre Entsprechung findet, verbunden durch eine klassische, gerade Nase.
Wenn sie zu ihrem täglichen Bewunderer hinaufschaut und ihm zusammen mit einem muntern »Ciao Sergio!« ein breites Lächeln schenkt, wiederholt sich – diesmal ganz für ihn persönlich – etwas von jenem Naturschauspiel, das er sich je nach Jahreszeit und Wetter auch nicht entgehen lässt: Die Sonne geht auf.
Cecilias Nachbar, Sergio Bultoni, ist für sie eine Art größerer Bruder. Drei Jahre älter als sie, hat ihr einstiger Spielkamerad nie aufgehört, für sie zu schwärmen. Ihm ist die Entwicklung des kleinen Mädchens zur jungen Frau sehr wohl aufgefallen, und an Versuchen seinerseits, aus der einstigen kindlichen Kameradschaft eine weitergehende Beziehung entstehen zu lassen, hat es nie gefehlt. Allein, aus welchen Gründen auch immer, sein Bestreben wurde von Cecilia nicht im geringsten ermutigt, von seiner Mutter gänzlich abgelehnt.
Sergio ist Handwerker geworden, Fliesenleger, wie sein verstorbener Vater. Doch daneben hat er sich zeitlebens für sehr verschiedene Dinge interessiert. Er besitzt eine umfangreiche Bibliothek, lebt mit seiner Mutter zusammen, ist – hilfsbereit und zuvorkommend – bei allen beliebt. Die andere Person, die sich Cecilias Unterwegssein auch nicht entgehen lassen mag, ist Zia Dorotea 7a, Cecilias Tante mütterlicherseits, die sie aufgezogen hat. Um diese Zeit hält sie sich meistens in ihrem Gärtchen hinter der hohen Mauer auf, das zu pflegen ihr ein wichtiges Anliegen ist.
Während Cecilia hörbar am Haus ihrer Tante vorbeistakst, grüßen sich die beiden Frauen über das Gemäuer hinweg, ohne dass sie sich sehen:
»Buon giorno, cara zia!« (Guten Tag, liebe Tante!)
»Ciao Cecilia! – Un chilo di patate e un pane fresco!« (Ein Kilo Kartoffeln und ein frisches Brot!) Einkäufe, die Cecilia für ihre Tante besorgen und abends mitbringen soll.
»Va bene, zia! – Buona giornata!« (Geht in Ordnung, Tante! Schönen Tag!)
»Che Dio ti protegga, cara ragazza!« (Beschütz dich Gott, liebes Mädchen!)
Zia Dorotea würde ja gerne ein ausführlicheres Morgengespräch mit ihrer Nichte führen, bloß fehlt dieser die Zeit dazu. Fällt die Einkaufsliste länger aus, erhält sie Cecilia schriftlich, in Form eines Zettels, der zwischen den zentralen Ornamenten des schmiedeeisernen Gartentors steckt. Wenn die Tante ihn ihr selbst aushändigt, dauert es etwas, weil sie zu jedem Punkt noch einen Kommentar abgeben will.
Cecilia verliert dann viel Zeit und muss – um den Bus nicht zu verpassen – die restlichen paar Dutzend Meter bis zur Haltestelle im Laufschritt zurücklegen. Mit ihrer Fußbekleidung auf dem steil abfallenden Gässchen kein leichtes Unterfangen.

"Die Fähre nach Magadino, Teil 1: Feuer und Erde" im Kindle-Shop

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