25. März 2013

'Oh, wie hässlich!' von Evelyn Sperber-Hummel

Eine Geschichte vom Anderssein für Kinder.

Die Krokodilseltern Krokelia und Krokus warten ungeduldig darauf, dass auch ihr letztes Kind aus dem Ei schlüpft. Doch als es dann endlich aus dem Ei krabbelt, sind sie entsetzt, denn dieses Krokodilsbaby sieht ganz anders aus als ihre anderen Kinder. Es ist nicht grün, sondern schwarz, es hat einen roten Borstenbüschel auf dem Kopf und eine breite Schnauze.

Die anderen Krokodilskinder finden ihr neues Geschwisterchen potthässlich. Vater Krokus verbietet ihnen sogar, mit diesem „Ungeheuer“ zu spielen. Nur Krokelia kümmert sich um ihre seltsame Tochter, und weil sie so glänzend schwarz ist, nennt sie sie Lackschuh. Lackschuh ist anders und Vater Krokus will, dass sie nicht bei den Krokodilen wohnt. Doch auch sie möchte geliebt und geknuddelt werden. Krokelias Herz gewinnt das kleine pfiffige Persönchen schnell. Lackschuh hat viele Fragen, Krokelia beantwortet sie alle. Nur auf eine Frage weiß sie keine Antwort. Lackschuh möchte wissen, wer sie ist. Denn eines steht fest: Ein Krokodil ist sie nicht. Wird sie deshalb immer allein sein müssen? Die Antwort darauf gibt diese Geschichte und sie endet glücklich.

Gleich lesen: Oh, wie hässlich! - Eine Geschichte vom Anderssein

Leseprobe:
"Immer noch nichts?" Krokodilsvater Krokus runzelte die Stirn.
Mutter Krokelia schüttelte den Kopf und starrte auf das Ei, das in der Sandkuhle vor ihr lag. Alle anderen Babys waren inzwischen geschlüpft, dieses Ei rührte sich nicht. Ein paar Mal hatte sie es vorsichtig mit ihrer großen Schnauze hochgehoben in der Hoffnung, das kleine Krokodil im Innern aufzuwecken. Vergebens. "Ich mache mir langsam Sorgen", sagte sie.
Vater Krokus klopfte vorsichtig gegen die schwarz gepunktete dunkelgrüne Eierschale. "Soll ich ein bisschen nachhelfen?", fragte er.
"Ja, vielleicht." Krokelia seufzte. Noch nie hatte ein Kind so lange auf sich warten lassen.
Krokus schlug vorsichtig gegen die Schale. Er legte sein Ohr ans Ei und horchte. "Du, da drin bewegt sich was", sagte er.
In dem Moment knackte es, ein feiner Riss zog sich über die Eierschale, und kurz darauf wurde ein großes Stück herausgebrochen. Ein Köpfchen kam zum Vorschein, schmal, glänzend und mit winzigen Knopfaugen, die neugierig umherspähten.
"Das ist ja entsetzlich!" Krokus sprach aus, was Krokelia zur gleichen Zeit wie er dachte. "Das ist ja entsetzlich", wiederholte er und starrte auf das schwarz glänzende Figürchen, das aus dem Ei kroch.
Das Figürchen stellte sich auf die kurzen Hinterläufe, reckte sich und ließ ein wohliges "Aaaaaah!" ertönen. "Hallo", sagte es.
Als niemand antwortete, fügte es hinzu: "War ganz schön eng in dem Ding da." Dabei zeigte es auf die zerbrochene Eierschale. "Sagt mal, hat es euch die Sprache verschlagen? Ihr habt doch sonst pausenlos gequasselt, manchmal konnte ich kaum schlafen, und jetzt schweigt ihr und tut so, als sei euch ein Ungeheuer begegnet."
Bei diesen Worten zuckten Krokus und Krokelia zusammen. Ein Ungeheuer! Das war es. Ein schwarzes Ungeheuer. Abwehrend streckten beide ihre Vorderpranken aus.
"Hey, was soll das denn? Wollt ihr mich nicht umarmen? Ich bin ein Baby, und Babys wollen gekuschelt werden." Das kleine Ding trippelte auf die Krokodilseltern zu.
Krokus und Krokelia wichen zurück, erst langsam, dann immer schneller und schließlich rannten sie davon, so schnell ihre Beine sie tragen konnten.
Erstaunt schaute das schwarze Wesen ihnen nach.
Die anderen Krokodilskinder hatten alles aus der Ferne beobachtet. "Guckt mal, wie der aussieht, der ist ja ganz schwarz", sagte eins und alle riefen: "Igitt! Der ist ja gar nicht so grün wie wir."
Ja, das kleine Wesen, das da jetzt ganz allein stand, war im Gegensatz zu den anderen Krokodilen pechschwarz. Sein Körper glänzte wie ein frisch polierter schwarzer Lackschuh.
"Und guckt mal, was der auf dem Kopf hat", schrie ein anderes Krokodilchen.
Auf dem Kopf des "Lackschuhs" wippten knallrote Borsten.
"Und seine Schnauze ist ganz platt, nicht so schmal und lang wie unsere. Der ist ja potthässlich." Die Krokodile entdeckten immer mehr, was das neue Geschwisterchen von ihnen unterschied.
"Kommt, Kinder", sagte Vater Krokus, "haltet euch von diesem Ungeheuer fern." Sie gingen zum Fluss und legten sich in ihre Schilfbehausung.
Nur Mutter Krokelia blieb zurück. Traurig betrachtete sie von weitem ihr jüngstes Kind, das so ganz aus der krokodilischen Art schlug. Was sollte sie jetzt tun? Sie konnte das Kleine doch nicht schutzlos sich selbst überlassen. Aber wenn es wirklich ein Ungeheuer war? Wenn es vielleicht Unglück über die ganze Familie brachte? Ihr war elend zu Mute.
"Hey du, was ist denn los? Wollt ihr mich alle im Stich lassen?", rief das kleine Wesen ihr zu und ein Schatten flog über das Gesichtchen und ließ es noch dunkler scheinen.
"Ach, das verstehst du nicht, aber du bist so ganz anders als wir. Schau dich doch einmal an. Dein schwarz glänzender Körper, das platt gedrückte Maul, das rote Borstenbüschel auf deinem Kopf, das alles schlägt aus unserer Art. Deshalb haben wir Angst vor dir."
"Angst vor mir?" Das schwarze Wesen kicherte. "Vor mir braucht niemand Angst zu haben, ich tu euch nichts."
"Ja, möglich, aber vor Krokodilen, die anders sind als wir, haben wir nun einmal Angst. Das ist ganz normal", sagte Krokelia.
"Und was jetzt? Soll ich etwa immer allein bleiben? Ich will mit anderen Krokodilskindern spielen. Außerdem habe ich Hunger."
Krokelia überlegte. Verhungern lassen wollte sie das Kleine nicht, auf keinen Fall, aber mit ihren anderen Kindern spielen, durfte es auch nicht. "Gut", sagte sie, ich werde dir etwas zu essen bringen, mehr kann ich nicht für dich tun." Sie ging ins Schilf und holte einen Arm voller Zwiebelalgen vom Grund des Flusses. Die waren für jedes Krokodil ein Leckerbissen.
Das schwarze Wesen schaute die Zwiebelalgen misstrauisch an. "Riechen komisch", sagte es, "ich glaube, ich bin mehr für trockenes Gemüse." Es riss ein paar Blätter von einem Haselnussstrauch und steckte sie in den Mund.
Krokelia sah für ein paar Sekunden die spitzen scharfen Zähne. "Dann kannst du dich ja allein ernähren", sagte sie und ihre Stimme klang erleichtert.

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Mehr über und von Evelyn Sperber-Hummel auf ihrer Website "Wörter-Wege".

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