5. April 2013

'Segelfalter' von Andrea von Wilmowsky

Der faszinierende Tatsachenbericht eines echten Nachtodkontaktes. In klarer und offener Sprache wird die außergewöhnliche Liebesgeschichte zweier Menschen erzählt, die aus Stolz und der Unfähigkeit, Schwäche zu zeigen, abrupt endete und in Schmerz und Wut umschlug. Ihre beiderseitige Sprachlosigkeit hält sie in einem ungelösten Konflikt fest. Während Jahrzehnten der Trennung sind beide unfähig, Kontakt miteinander aufzunehmen.

Eines Nachts erscheinen ihr Bilder im Traum, die sich immer wiederholen. Ein Zeichen ... eine Nachricht von ihm ... eine Kontaktaufnahme ... die plötzlich auf wunderbare Weise Heute und Gestern entwirrt und erklärt. Es ist der Beginn einer wunderbaren Vereinigung zweier Seelen, die erst im Tod ihren Frieden miteinander finden können. Eine Reise über die Grenzen unserer Dogmen. Das Buch weckt große Gefühle, tröstet und macht begründete Hoffnung darauf, dass mit dem Tod eben doch nicht alles vorbei ist.

Gleich lesen: Segelfalter

Leseprobe:
In der Mitte der achtziger Jahre lebte ich in der Nähe von Dresden. Ich konnte mir zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, jemals aus meiner Heimat wegzugehen. Unsere Kindheit dort war ein kleines Paradies. Wir wohnten in einem gemütlichen Häuschen. Neben uns sechs Kindern und unseren Eltern gab es Omas, Opas, Uromas und etliche Tanten und Onkel, Kaninchen, Hund und Katze und natürlich viele lustige Familienfeiern mit dem Duft von frisch gemahlenen Kaffeebohnen, Pfeifentabak und Kölnisch Wasser 4711. Ich erinnere mich an endlose, heiße Sommer mit flirrender Hitze über gelben Kornfeldern, in denen wir während der großen Ferien tun konnten, was uns Spaß machte. Es gab dunkelgrüne Wälder mit einem Bach, Pilzen und Heidelbeeren darin; eiskalte Winter mit riesigen Schneebergen und krachende Sommergewitter mit zuckenden, grellen Blitzen.
Unsere Familie empfand ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Bei uns war Weihnachten immer schön und anstrengend zugleich. Bereits in der Vorweihnachtszeit war es spannend, allerdings nie sehr lange. Eine meiner Schwestern beherrschte nämlich die Kunst, mithilfe einer Stricknadel das Schloss des Schrankes zu öffnen, in dem unsere Eltern die Weihnachtsgeschenke versteckt hielten. Damals hat man in Sachsen noch eigene Stollen gebacken, was nichts anderes hieß, als die gewünschten Zutaten zum Bäcker zu bringen, der sie dann buk. Die Stollen wurden ungezuckert abgeholt und im Keller solange gelagert, bis sie saftig und weich waren. Danach bekamen sie ihren köstlichen Überzug aus Puderzucker und viel Butter. Unser Weihnachtsbaum stammte immer direkt aus dem Wald und war groß und bunt. Im Fenster leuchtete ein Schwibbogen aus dem Erzgebirge und auf dem Tisch stand ein roter Nussknacker neben einem Teller voller Pfefferkuchen und Nüsse. Am Nachmittag des Heiligabends musste ich meine Geschwister bis zur Bescherung vom Wohnzimmer fernhalten. Meist gelang mir das ganz gut, weil am Nachmittag im Fernsehen Märchen oder Kindersendungen liefen. Wenn allerdings das Schmücken des Baumes zu lange dauerte, wurde es schwer, die Kleinen zu bändigen. Die Bescherung selbst war immer aufregend und löste ein großes Zusammengehörigkeits- und Geborgenheitsgefühl aus. Zu unseren Festessen kam die gesamte Großfamilie zusammen. Am Heiligabend gab es traditionell Kartoffelsalat mit Würstchen; an den Feiertagen Thüringer Klöße, Muttis Rotkraut und eine riesengroße gefüllte Pute. Wir sahen an den Feiertagen auch gerne gemeinsam fern. „Ein Kessel Buntes“ und „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“ waren unsere Favoriten. Wir saßen im Wohnzimmer zusammen und strickten, häkelten, spielten oder schliefen nebenbei.
Wir gehörten keiner Kirche an. Meine Lieblingsoma allerdings glaubte daran, nach ihrem Tod auf der „anderen Seite“ wieder mit ihrem heißgeliebten Mann zusammen zu sein. Der Gedanke war wirklich sehr schön, aber außer ihr glaubte das niemand.
Meine Eltern führten ein offenes Haus. Ständig brachte irgendwer einen Freund oder jemanden aus seiner Klasse mit. Eine meiner Schwestern traf sich häufig mit einem Schulkameraden. Er hieß Jan und war oft mit ihr und anderen Schulfreunden bei uns. Jan war ein hübscher Kerl, er mochte meine Schwester. Sie mochte ihn auch. Unsere Familie hätte sich damals gefreut, wenn die beiden zusammengekommen wären. Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits geschieden und beobachtete ihr Verhältnis immer mit der etwas überheblichen Arroganz der Älteren.
Ich arbeitete zu dieser Zeit als Fachkrankenschwester auf der Intensivstation eines kleinen Stadtkrankenhauses. Unsere Station war winzig, sie bestand nur aus vier Betten. Ihre technische Ausstattung war einfach. Gleichwohl, und das hat mich später am meisten überrascht, war die Medizin damals nicht schlechter als später im Westen. Sie war zwar auf das Wesentliche beschränkt, aber auch sehr menschlich und viel individueller, als ich es im Westen erleben sollte. Ich liebte die schwere Arbeit in dieser Welt zwischen Leben und Tod. Das war kein Job wie jeder andere! Von mir und meiner Arbeit hing nicht nur einmal das Leben eines Menschen ab. Wir waren hervorragend ausgebildet, unsere Arbeit wurde anerkannt und geschätzt. In dieser Welt zwischen Mensch und Maschine wurden Gespräche möglich, die man so nirgendwo anders hätte führen können. Es kam hier nicht mehr darauf an, welche Rollen jemand im Leben spielte, sondern nur noch darauf, was für ein Mensch er war. Nichts anderes zählte.
Ich glaubte, alles über das Sterben und den Tod zu wissen. Nach dem Tod kam nichts mehr, da war ich mir sicher. Alles, was ich während meiner Ausbildung über den Menschen, seine Gesundheit und seine Krankheiten gelernt hatte, passte dazu. Der Aufbau und die Funktionen des Körpers und dann sein Tod - aus, vorbei, das war’s! Ich hatte niemals den geringsten Zweifel. Mein Berufsleben schien dieser Auffassung anfangs Recht zu geben. Dann allerdings, im Laufe der Jahre, erlebte ich Merkwürdiges, das nicht so ganz zum Gelernten passen wollte. Darüber hätte ich gerne mit jemandem gesprochen, aber ich tat es dann doch nicht. Ich befürchtete, dass man mir nicht glauben würde. Nur eine alte Schwester hat eines Abends gespürt, was in mir vorging. Als ich nun in Andeutungen über meine Erlebnisse sprach, sagte sie: „ Schau hin und denke nach. Irgendwann wirst Du wissen, was Du gesehen hast!“ Ich gehörte zu den Krankenschwestern, die auch mit Bewusstlosen oder Sterbenden sprachen, sie trösteten oder streichelten. Warum ich das tat, wusste ich selbst nicht, aber ich tat es. Der Tod selbst blieb mir unheimlich. Wenn ich nicht unbedingt etwas bei einem sterbenden Patienten zu tun hatte, habe ich mich wie viele meiner Kollegen dann doch lieber zurückgezogen.
Nach einigen Jahren hatte sich das verändert. Ich setzte mich nun ans Bett und blieb bei dem sterbenden Menschen, solange ich konnte. Das wurden manchmal ganz besonders berührende Momente, in denen ich merkwürdige Erfahrungen machen konnte: Sterbende sprachen plötzlich mit imaginären Personen an der Decke oder in einer Zimmerecke. Sie streckten die Hände nach ihren Eltern, dem Mann oder verstorbenen Kindern aus - alles Personen, die ich im Unterschied zu ihnen nicht sehen konnte. Wenn ihre Angehörigen schwer unter dem bevorstehenden Tode litten, starben manche dieser Menschen dann, wenn ihre Verwandten gerade mal kurz das Zimmer verlassen hatten, um sich einen Kaffee zu holen. Es kam mir vor, als hätten sie diesen Moment bewusst gewählt, um sich ungestört davonstehlen zu können. Sie zögerten auch manchmal ihren Tod hinaus, um noch auf jemanden zu warten. Wie das gehen konnte, war mir ein Rätsel. Den Augenblick des Todes konnte man oft sehen. Nicht nur, weil die Patienten aufhörten zu atmen (das tun sie übrigens manchmal schon viel früher), sondern weil sie dann schlagartig anders aussehen. Ich empfand das immer so, als fehlte ab einem gewissen Moment das Wesentliche - das, was diesen Menschen ausgemacht hat. Da lag plötzlich nur noch eine leere Hülle. Manchmal hatte ich das Gefühl, als sei die Umgebung plötzlich kälter geworden oder sähe irgendwie anders aus. Farben oder Proportionen schienen sich zu ändern. Alles Einbildung, dachte ich. Vorsichtshalber öffnete ich aber trotzdem das Fenster, um die vielleicht wirklich vorhandene Seele hinauszulassen, wie es die Alten taten. Man kann ja nie wissen.

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Mehr über die Autorin Andrea von Wilmowsky und ihre Veröffentlichungen auf www.segelfalter.de.

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