8. April 2013

'R_EVOLUTION' von Boris von Smercek

Reporterin Julie Carlton wittert die Story ihres Lebens: Vor der Küste von Queensland ist ein riesiger Fischschwarm aufgetaucht. Über 400 verschiedene Arten sind gemeinsam auf der Flucht vor einer Gruppe merkwürdig mordgieriger Delfine. Wer oder was hat aus den sanftmütigen Tieren hochagressive Jäger gemacht?

Während ihrer Recherchen trifft Julie auf Dr. Scott. Der Wissenschaftler lädt sie zu einem Besuch seines geheimen Forschungslabors tief im australischen Urwald ein. Zu spät wird Julie klar, dass sie in eine Falle geraten ist. Denn im Dschungel lauert eine absolut tödliche Gefahr ...

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Leseprobe:
Doktor Alvin Scott kramte ein Taschentuch aus der Hosentasche, wischte sich damit den Schweiß von der Stirn und warf einen Blick auf seinen Computerbildschirm. Was für Außenstehende wie ein heilloses Durcheinander von Buchstaben und Zahlen wirken mochte, war für ihn die Zukunft. Diese Formelkette würde – zusammen mit den unzähligen anderen Daten, die er im Lauf der letzten Stunde auf CD-ROMs gebrannt hatte – sein Leben verändern. Mehr noch: Diese Daten würden ihm einen Ehrenplatz im Pantheon der Wissenschaftsgötter sichern. In nicht allzu ferner Zukunft würde man seinen Namen in einem Atemzug mit Kapazitäten wie Linné, Mendel und Darwin nennen. Insbesondere mit Darwin. Alvin Everett Scott, der Mann, der Charles Darwin vom Thron gestoßen hatte. Eine anmaßende, gleichzeitig jedoch auch überaus erhebende Vorstellung.
Auf dem hageren Gesicht des Sechzigjährigen zeigte sich ein schmallippiges Lächeln. Er verschränkte die Hände hinter dem mit schlohweißem Haar bedeckten Kopf und ließ sich genüsslich in seinen Schreibtischstuhl zurücksinken. Sein bandagierter linker Arm behinderte ihn dabei kaum. Die Wunde am Ellenbogen tat nicht mehr weh, zumindest im Augenblick. Und so lange dieser Zustand anhielt, wollte er das Triumphgefühl in vollen Zügen auskosten. Also malte er sich in Gedanken wieder aus, wie sein künftiges Leben in Ruhm und Reichtum aussehen würde. Die weltweiten Konferenzen, zu denen man ihn als Hauptredner einladen würde. Die Heerscharen von Reportern, die für ein Interview Schlange stehen würden. Die unzähligen Dankesbriefe aus aller Herren Länder. Und natürlich das Geld, mit dem er sich endlich leisten konnte, wovon er bisher nur geträumt hatte: ein schickes Häuschen, ein paar Antiquitäten und – auch wenn manche Leute es bei einem Mann seines Alters für unpassend halten würden – einen nagelneuen Sportwagen.
Doch jeder Erfolg hatte seine Schattenseiten. In diesem Fall war es nicht anders, denn in letzter Zeit schienen sich die Unglücke zu häufen. Das ROSCO-Team hatte sich dadurch immer mehr entzweit. Auf der einen Seite standen diejenigen, die es für viel zu riskant hielten, die Forschungsarbeiten weiter voranzutreiben. Diejenigen, denen die Nerven durchgingen und die sich inzwischen sogar dafür stark machten, das Projekt aufzugeben! Auf der anderen Seite stand Doktor Scott, und zwar ganz allein. Aber nie und nimmer würde er jetzt, so kurz vor dem Ziel, aufgeben.
Also hatte er beschlossen, seinen eigenen Weg zu gehen. Sein Kündigungsschreiben hatte er bereits verfasst. Bei nächster Gelegenheit wollte er es in der Zentrale in Townsville einreichen.
Natürlich durfte niemand – weder in Townsville noch hier in der Dschungel-Station – von den heimlich gebrannten CD-ROMs wissen, die vor ihm auf dem Tisch lagen und den Grundstock für sein eigenes kleines Forschungslabor darstellten. Deshalb verstaute er die Datenaufzeichnungen rasch in seiner Aktentasche, die er in der untersten Schublade seines Schreibtischs einschloss.
Scotts Entscheidung, ROSCO zu verlassen und sich selbstständig zu machen, war unumstößlich. Dennoch gab es gelegentlich Momente, in denen sein Hochgefühl durch einen Anflug von Sentimentalität verdrängt wurde. Jetzt zum Beispiel. In Momenten wie diesem fiel ihm der Abschied besonders schwer.
Erinnerungen an längst vergangene Zeiten schlichen sich in sein Bewusstsein. Sein Freund Doyle Rosenstein und er hatten die Forschungsstation vor über zehn Jahren inmitten der australischen wet tropics gegründet. Doyle, Erbe eines international tätigen Pharmaunternehmens und eines ziemlich beträchtlichen Vermögens, hatte beinahe die komplette Finanzierung übernommen, die Station aber dennoch ROSCO genannt – ein Kunstwort, bestehend aus den Anfangsbuchstaben der beiden Nachnamen Rosenstein und Scott. Scott war ihm damals aus Dankbarkeit um den Hals gefallen, zumal Doyle ihm auch noch die alleinige Geschäftsleitung übertragen hatte.
Die folgende Zeit war die schönste in Scotts Leben gewesen. Weitab vom Rummel in Townsville hatte er über sein eigenes kleines Dschungelreich regiert. Er hatte Feldforschung in Reinkultur betrieben und war autark in seinen Entscheidungen gewesen. Nur hin und wieder hatte er einen Bericht in der Zentrale abgeben müssen, aber so lange es mit den ROSCO-Arbeiten bergauf ging, war er mehr oder minder unbehelligt geblieben.
Dann, vor fünf Jahren, hatte Doyle Rosenstein dieses Geschäft mit der NASA abgeschlossen und ROSCO mit einem Projekt betraut, das die Forschungen in eine völlig andere Richtung lenkte. Damit nicht genug. Angesichts der Wichtigkeit des Projekts hatte Doyle auch noch beschlossen, sich selbst an den Forschungsarbeiten zu beteiligen. Also war er von Townsville nach ROSCO übergesiedelt.
Im Grunde gab es daran nichts auszusetzen. Doyle war einer der genialsten Köpfe auf diesem Planeten, zumindest auf dem Gebiet der Molekularbiologie. Ohne sein Zutun hätten sie das Präparat niemals entwickeln können. Aber mit seinem Erscheinen in der Station waren Scotts Tage der Entscheidungsfreiheit gezählt gewesen. Doyle hatte immer mehr das Heft in die Hand genommen. Wer konnte es ihm verdenken? Immerhin war er der Geldgeber. Obwohl Scott auf dem Papier nach wie vor Geschäftsführer war, hatte Doyle ihn de facto zu einem Handlanger degradiert.

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