12. September 2013

'Die Fähre nach Magadino' (Teil 2) von Enzio Abaeterno

Der der zweite Teil des Romans trägt den Untertitel "Wasser und Luft". Für die deutsche Übersetzung sorgte wieder Heinrich Bergmann. Eine weitere reizende Happy-End-Geschichte aus dem Tessin, voller Liebe und Leidenschaft. Wie Gotthardgranit kann das Leben in dieser paradiesischen Landschaft sein. Aber in der Brust seiner Bewohnerinnen und Bewohner schlägt ein anmutig, empfindsames Herz. Die Story wird prägnant erzählt und eignet sich hervorragend als Ferienlektüre und für Zerstreuung suchende Wenigleser.

Das eBook nutzt die Möglichkeiten dieses Mediums. Viele Hinweise auf Landschaft, Sehenswürdigkeiten und reale Handlungsorte ergänzen das Buch ebenso, wie zahlreiche interne und externe Links. Mit ihnen erhält der Leser Zugriff auf Landschaftsbilder, Videos und Tonaufnahmen, die die Lektüre bereichern.

Gleich lesen: Die Fähre nach Magadino, Teil 2: Wasser und Luft

Leseprobe:
Wie war das alles gekommen? Antonio und Bernardo, in den Dreißigern, waren Zwillinge, äußerlich kaum unterscheidbar, in ihrer Denkweise oft übereinstimmend. Charakterlich hingegen zeigten sie grundsätzliche Unterschiede.
Ansätze dazu hatten sich bereits zu ihrer Kindheit offenbart, beispielsweise, als sie beim Dorfpfarrer in Mergoscia Gartenarbeiten verrichteten. Antonio, erdgebunden, zeigte sich stets vergnügt und interessiert. Bernardo erledigte zwar die ihm aufgetragenen Arbeiten, ohne zu murren, aber am meisten faszinierte ihn damals schon alles, was mit Wasser zu tun hatte. Darum war auch er es, der mit dem Gartenschlauch und der Gießkanne hantierte. Für anderes mangelte es ihm an Geduld. Er tat sich schwer mit dem Gedanken, dass Gemüse Zeit zum Wachsen, Früchte ihr Reifestadium brauchten.
Als die Knaben einen Beruf lernen sollten, galt Antonios Interesse den Landfahrzeugen, sprich den Automobilen. Er absolvierte bei einer großen Garage in Gordola eine Lehre und arbeitete dort weiter, bis zur Erwerbung des Meisterbriefes. Seine spätere Anstellung als Buschauffeur bei den Verkehrsbetrieben diente ihm als Sprungbrett, um dort einen Chefposten in der Administration zu erlangen. Bernardo, der Seefahrer werden wollte, besuchte vorerst ein katholisches Internat. Anschließend setzte er sein Studium an der Marineschule in Genua fort und machte hernach Karriere in der Handelsschifffahrt. Zuletzt war er Kapitän eines Massengutfrachters gewesen, der Erzladungen bis 150 000 Tonnen fasste.
Weltmeere überqueren, andere Erdteile sehen hatte ihm gefallen. Dennoch, die Landschaft seiner Heimat vermisste er je länger, je mehr: den Lago di Vogorno, den Lago Maggiore, die übrigen Gewässer des Tessins. Es fehlten ihm deren Ufer und Alluvionen 3a, die Berge mit ihren schmucken Dörfern und Kleinstädten, umrahmt von üppiger, mediterraner Vegetation, die einer ihm vertrauten Bevölkerung Heimat boten. Er sehnte sich nach Mergoscia, Locarno, der Nähe seiner Familie. Er hatte Heimweh, Sehnsucht nach seiner Mutter und seinem Bruder Antonio.
Etwa zu jener Zeit las er im Blatt La_Regione_Ticino eine Artikelserie, die sich mit der Flotte auf dem Lago Maggiore befasste. So erfuhr er, dass der Kapitän des Motorschiffs Verbania ein Dienstjubiläum begangen hatte. Aus den Angaben ließ sich ein ungefähres Datum für die Pensionierung des Gefeierten errechnen.
Die Verbania, für 1100 Personen ausgelegt, war das größte der Passagierschiffe des Lago Maggiore. Es wurde auf der gesamten Strecke des 65 km langen Sees zwischen Arona und Locarno eingesetzt. Außer als Kursschiff diente es während der Hochsaison auch für besondere Anlässe (Kongresse, Partys usw.). Die Architektur der Verbania war von jener einer Autofähre für Zweirichtungsverkehr abgeleitet. Das Bordrestaurant konnte den Anforderungen eines Landbetriebs mit entsprechender Platzkapazität genügen.
Wie üblich hatte Bernardo die Zeitungen erst mehrere Wochen nach deren Erscheinen von seiner Reederei nachgeschickt erhalten. Dennoch sandte er eine spontane Bewerbung. Bei einem Vorstellungsgespräch, zu dem er hierauf eingeladen worden war, erklärte ihm ein Vertreter der Direktion, dass der jetzige Funktionsinhaber erst in zwei Jahren pensioniert würde, der Posten des ersten Offiziers hingegen neu besetzt werden musste. Im Anstellungsvertrag war dessen automatische Beförderung zum Kapitän binnen 24 Monaten fest zugesagt. Angesichts seiner neuen Lebensplanung nahm Bernardo die vorübergehende Rückstufung gerne in Kauf, zumal eine zweijährige Einarbeitung durch einen älteren Kollegen auch ihre Vorteile hatte.
Ein Problem blieb noch zu lösen: Die Saison dauerte von Ostern bis zweite Hälfte Oktober. Anschließend ging die Verbania zwecks Unterhalts- und Erneuerungsarbeiten in die Werft und wurde in den jahreszeitlich bedingten Ruhezustand versetzt.
Während dieser Periode wollte man Bernardo zur Instruktion angehender Kapitäne und des übrigen technischen Personals einsetzen. Bei ungenügender Ausbildungsnachfrage würde man ihm den Fährbetrieb zwischen Locarno und Magadino anvertrauen.
Nicht zuletzt dieser Vertragsabschnitt war ganz nach Bernardos Geschmack, umso mehr, als sein ansehnlicher Lohn das ganze Jahr unverändert blieb. Die – im Winter zu beziehenden – Ferien würde er für Reisen durch Länder benützen, die ihm noch unbekannt waren. Außerdem freute er sich darauf, zum Skisport in die nahen Berge zu fahren.
Diese Karriereplanung war auf der ganzen Linie ein Erfolg gewesen. Der Arbeitgeber hatte sämtliche Versprechungen gehalten, Bernardo, seinerseits alle in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllt. Auch war er dank Geduld ans Ziel gelangt, nicht durch impulsives Vorwärtsstürmen.

"Die Fähre nach Magadino, Teil 2: Wasser und Luft" im Kindle-Shop

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