21. Oktober 2013

'Schottlands Wächter' von Katharina Gerlach

Ein Fantasy-Abenteuer für junge Leser und alle Freunde schottischer Sagen und Mythen.

Ein Gesicht ohne Nase sieht Bryanna aus einem Fenster eines Wohnhauses in Edinburgh an, und eine behaarte Hand winkt ihr. Ein Brownie! Sie blinzelt und schüttelt den Kopf. Unmöglich. Brownies gibt es nur in Büchern. Doch der Brownie ist nicht das einzige Fabelwesen, das ihr auf dem Heimweg begegnet. Vielleicht halluziniere ich, denkt sie und beschließt, mit ihrem Vater zu reden.

Doch der wird vor ihren Augen von einer Fremden entführt, deren Geruch Bryanna seltsam bekannt vorkommt. Ohne zu zögern folgt sie den beiden und landet Hals über Kopf im Abenteuer ihres Lebens. Die Welt, in die sie gerät, ist mörderisch gefährlich. Und falls sie die Reise überlebt, scheint sie dazu verdammt, ihren Vater wegen seines Geheimnisses töten zu müssen.

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Leseprobe:
An der Kreuzung zum Waverley Bahnhof reihte sich eine schwarze Kutsche vor dem Bus ein. Es war keiner der offenen Einspänner für Touristen, sondern ein geschlossener Vierspänner. Die Tür zierte ein Wappen, aber Bryanna hatte nicht genug Zeit, es genauer zu betrachten.
Wie schön, dass es noch immer Leute gibt, die mit Pferd und Wagen fahren. Sie stellte sich vor, wie es gewesen sein musste, als die Stadt noch mit Reitern, Karren und Kutschen verstopft war, nicht mit Autos. Sie ignorierte die Häuser auf der rechten Straßenseite mit ihren vielen Geschäften und den zahlreichen Fußgängern, und ließ ihren Blick träumerisch über die linke Straßenseite wandern.
Die gelblichen Steinfinger von Edinburgh Castle ragten aus den dunklen, steilen Basaltfelsen am Rande von Princess Street Gardens in den Himmel. Im Park, der sich vom Waverley Bahnhof mehrere hundert Meter nach Westen erstreckte, schoben die ersten Blumen ihre Köpfe durch die matschige Erde. So grau der Garten auch wirkte, der Frühling war unterwegs. Hoffentlich fährt Papa mit mir mal wieder in die Highlands, wenn das Wetter besser wird.
Als der Bus die Türen für weitere Fahrgäste öffnete, starrte sie auf den schmalen Garten zu Füßen des Schlosses und malte sich aus, was sie mit ihrem Vater in den Ferien alles tun würde. Das Gras der Parkanlage wirkte müde und blass. Nur einige Schneeglöckchen kämpften gegen die graue Nässe, die das Frühjahr in Edinburgh dominierte. Nicht weit von der Haltestelle saß ein gigantischer Vogel im Geäst eines kahlen Baumes und betrachtete die Tauben auf dem Weg darunter. Der feine Regen ließ sein schwarzes Gefieder glänzen wie Obsidian. Er war mindestens doppelt so groß wie ein Mensch. Sein Hakenschnabel klappte hungrig auf und zu, während die Krallen an seinen Schwimmfüßen tiefe Löcher in dem Ast hinterließen, auf dem er saß.
Ein Boobrie! Bryanna starrte den Sagenvogel mit offenem Mund an. Das Zischen der Türen ließ sie zusammenzucken. Sie sah zu den Menschen hinunter, die sich auf dem schmalen Bürgersteig an den wartenden Fahrgästen vorbei schoben. Keiner schien den Riesenvogel zu bemerken.
Bin ich denn die Einzige, die ihn sehen kann? Der Boobrie breitete seine gewaltigen Schwingen aus und flog höher und höher, bis er im Blau des Himmels kaum noch zu sehen war. Bryanna sah ihm zu, wie er über dem Schloss kreiste, das mit seinen massiven Wänden und Türmchen den Park und das Stadtzentrum überragte. Sie schüttelte den Kopf. Ich glaube, ich werde verrückt. Ein Boobrie! Da hat mir meine Fantasie wieder einen schönen Streich gespielt. Bryanna wendete sich vom Schloss ab. Und es war so unglaublich realistisch. Ich muss noch einmal mit Vater reden. Vielleicht sollte ich doch einen Psychiater aufsuchen.
Um sich abzulenken, betrachtete Bryanna die Läden und Häuser auf der anderen Straßenseite. Sie waren drei oder vier Stockwerke hoch und bis auf die Mündungen der Seitenstraßen lückenlos nebeneinander gebaut. Der Bus quälte sich von Ampel zu Ampel, so dass Bryanna genug Zeit hatte in die Fenster der Gebäude zu gucken. Da es sich überwiegend um Läden handelte, war das Spiel nicht so spannend wie in einer Wohngegend, aber es lenkte sie von der Frau mit den Schwimmhäuten und dem Boobrie ab.
Wieder hielt der Bus an einer Ampel. Ein braunes, faltiges Gesicht mit wilder, rotbrauner Löwenmähne und ohne erkennbare Nase sah aus einem Fenster und eine kleine, braune Hand winkte ihr zu. Es war eindeutig einer der helfenden Hausgeister, die Brownies genannt wurden. Bryanna schlug die Hände vor das Gesicht.
„Es gibt keine Fabelwesen“, flüsterte sie mehrmals. Es war wie ein Gebet oder ein Zauberspruch, und es half. Als sie die Hände wieder sinken ließ, war der Brownie verschwunden. Besorgt betrachtete sie die Fassaden der Häuser und die großen Schaufenster der Geschäfte, sah aber keinen weiteren Brownie. Sie atmete erleichtert auf, während sich der Bus durch den Feierabendverkehr schob, hin und wieder durch Bauarbeiten behindert. Geschäftig wie Ameisen eilten auf den Bürgersteigen Menschen verschiedenster Rassen hin und her. Als kein weiteres Fabelwesen auftauchte, entspannte sich Bryanna und sah auf den Monitor der Überwachungskameras. Er zeigte ihr die Fahrgäste auf den Sitzen hinter ihr. Viele waren bereits ausgestiegen, und so waren die meisten blauen Sitze mit dem rot-grün-weißen Tartanmuster leer. Ein Mann auf dem Bürgersteif betrachtete die Auslage eines Comic-Shops.
Nur noch wenige Haltestellen bis zu Bryannas Halt, und noch immer fuhr die schwarze Kutsche vor dem Bus durch den Regen. Bryanna fragte sich, wo sie wohl hin wollte. Sie war fast ein wenig enttäuscht, als der Bus zum Salisbury Place einbog und die Kutsche nicht. Ich wünschte, ich könnte sie Dad zeigen. Das würde ihm gefallen. Bryannas Magen knurrte. Gut, dass es bald Mittagessen gibt. Das gemeinsame Mittagessen in ihrem viktorianisch eingerichteten Speisezimmer war ein kleines Ritual. Sie liebte es, ihrem Vater von der Schule zu erzählen oder seiner tiefen Stimme zu lauschen, auch wenn sie seine neuesten Forschungsergebnisse nicht besonders interessierten. Ihr Vater gab ihr das Gefühl bereits erwachsen zu sein. Für ihn war sie jemand, mit dem er sich über alles unterhalten konnte.
Der Turm der Kapelle am Eingangstor des Friedhofs kam in Sicht. Bryanna nahm ihre Taschen und drückte den Knopf, der den Fahrer aufforderte, den Bus anzuhalten. Vorsichtig stieg sie die Treppe hinunter und verließ den Bus, kaum dass er hielt. Draußen zog sie die Kapuze des Regenmantels über ihre schwarzen Zöpfe und ging den schmalen Weg an der Friedhofsmauer entlang nach Hause.

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Mehr über und von Katharina Gerlach auf ihrer Website.

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