5. November 2013

'Treppensturz' von Tine Sprandel

Ein Kurzroman aus der Reihe "Quick, quick, slow - Tanzclub Lietzensee", einem Gemeinschaftsprojekt verschiedener Autoren mit Geschichten aus dem Leben eines Tanzvereines.

Eine Tänzerin der Latein-Formation, Rita Färber, sitzt verstört, mit den Händen vor dem Gesicht, auf der Treppe im Hinterhof des Tanzclub Lietzensee. Vor ihr die Leiche ihres Tanzpartners Frederik Tapis. Während die Polizei den Tatort sichert, versucht Rita Erinnerungsfetzen zusammenzuführen. Sie entdeckt, dass ihr Exfreund Holger Flimms aus ihrer Münchner Heimat eine leidenschaftliche Rolle spielt. Wer trägt die Schuld?

Lesermeinung: "Dieses Buch ... verbindet die Liebesgeschichte mit Krimi-Elementen und einem sublimen gesellschaftskritischen Blick auf die Macht von Social Media."

Gleich lesen: Treppensturz (Quick, quick, slow - Tanzclub Lietzensee)

Leseprobe:
Rita sollte jetzt die Hände vom Gesicht nehmen, sich der Kommissarin vorstellen. Sich vernehmen lassen. Doch die Hände klebten an ihrem Gesicht. Sie konnte sie nie wegbewegen. Dann müsste sie dem Scherbenhaufen ins Auge sehen. Besser gesagt, der Leiche Frederik, die so gar nichts mit einer Kostbarkeit gemeinsam hatte, über deren Scherben man trauern konnte. Was für ein schreckliches Gefühl. Wie konnte sie nur so von einem Menschen denken? Frederik lag gekrümmt auf dem Boden. Die Augen geöffnet, ein Bein zu weit abgewinkelt, die Hose am Hintern zerrissen. Sein Gesichtsausdruck war ruhig und freundlich, durch die geöffneten Augen ein wenig starr. Der nette junge Mann. Tut alles für den Verein. Irgendetwas war gut an Frederik, sie hatte es nur vergessen.

Freitagabend im Tanzverein
Werner und seine Frau mussten Mama und Papa nicht groß überreden. Sie warteten schon darauf, am Abend mit in den Verein zu gehen. In seinen Tanzverein. Werner war nur Schatzmeister, behauptete aber, hier ginge nichts ohne ihn. Mama jubelte. Sie sagte zu Rita: „So findest du bestimmt schnell Anschluss.“
„Keine Sorge“, scherzte Werner, „Ich stelle dich vor, doch ich werde dich nicht bewachen. Wir tanzen eigentlich im Tanzkreis vorher, aber heute gehen wir in die spätere Gruppe; da sind mehr Fortgeschrittene dabei. Eine gute Gelegenheit, möglichst viele kennenzulernen.“
„Der Tanzclub Lietzensee zog vor ein paar Jahren aus Kosten- und Platzgründen von Charlottenburg hierher nach Kreuzberg“, erklärte Christina, während sie vom Paul-Lincke-Ufer in eine Seitenstraße abbogen. „Er belegt in diesem alten Gewerbegebäude fast eine ganze Etage. Das Gebäude wurde natürlich komplett saniert.“
Sie parkten und steuerten auf ein vierstöckiges Gebäude aus der Gründerzeit zu. Balkone und Fenster waren mit Zierrat aus Putzstuck überzogen.
„Nicht so ein abgehobelter Hinterhof neben einem Sexshop wie in München!“ Mama fand das Berliner Ambiente großartig, Papa hielt sich zurück. Er redete nur vom Tanzen. Er forderte Werner auf, sich um seine Tochter zu kümmern, mit ihr zu tanzen, den anderen im Club zu zeigen, wie gut sie sei. Zum In-den-Boden-versinken. Zum Glück machte Werners Frau eine Szene. „Wir sind nicht mehr so jung und sportlich wie Rita. Wir trainieren, um unser mittleres Niveau zu halten!“
Im Vorraum des Clubs, vor allen Leuten, versäumte Christina es nicht, auch auf Werners Arbeit als Politiker hinzuweisen und dass, so sehr er das Tanzen liebe, deswegen zu ihrem Leidwesen der Tanzkreis oft ausfiele.
„Hier ist ein junger Mann, der eine Tanzpartnerin sucht“, bemerkte sie mit einem Kopfnicken zu einem Typen mit glatt gegelten schwarzen Haaren.

Rita zog sich um. Dann stellte Werner sie den anderen vor. Papa und Mama kannten einige von einem Turnier in Frankfurt. Sie betraten zusammen den großen Saal. Graue Wände um Parkettboden. Rita fühlte sich wie das fünfte Rad am Wagen, aber die Atmosphäre im Raum tröstete. Ein langer hagerer Trainer leitete den Tanzkreis: Hans-Dieter. Er sah nicht aus wie Hans-Dieter, eher wie Jens oder Louis. Drahtig, behend, zu dünn und ein wenig übermüdet. „Ines ist krank, sorry, ich springe für sie ein “, entschuldigte er sich.
Rita beobachtete Christina, die besitzergreifend ihren Arm auf Werners Schulter legte, damit er gar nicht auf die Idee käme, sich als Patenonkel verpflichtet zu fühlen. Auch recht. Rita schlenderte an der Wand entlang und spähte aus den quadratischen Fenstern auf den Hinterhof. Das Gelände war ziemlich langgezogen: In den hinteren Gebäuden waren kleine Firmen untergebracht, eine Druckerei, ein Fotoatelier und verschiedene Büros, so stand es auf den Transparenten an der Hauswand. Alles wirkte herrlich provisorisch.
Papa und Mama schienen verunsichert und erst als die Musik begann, entspannten sie sich. Das Aufwärmen schadete nicht, danach wollte Rita sich davonstehlen.
Dann kam es anders. Der Typ mit den gegelten schwarzen Haaren sprach sie an.
„Ich hab gehört, du bist der neue Star aus München?“
„Oh, alles Übertreibung“, gab Rita zurück. Der Typ war schon ziemlich alt, bestimmt fast dreißig.
„Wieso tanzt du nicht?“, fragte er.

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