10. Dezember 2013

'Afrika quer' von Peter Boehm

In rasenden Geländewagen, klapprigen Bussen und ausgeschlachteten Zügen ist Peter Boehm quer durch Afrika gefahren. Fast sechs Monate lang, mehr als 10.000 Kilometer, durch neun Länder: Somalia, Dschibuti, Äthiopien, Sudan, Tschad, Nigeria, Niger, Mali und Senegal. Die Reise war atemberaubend und nervtötend, aber nie langweilig. Die Leute, die er traf, waren aufregend, bizarr und rührend, aber sie lassen einen nie kalt.

In Somalia porträtiert Peter Boehm Psychiater, die alle ihre Landsleute für verrückt halten - so wie die Somalis sich selbst, und der Autor am Ende sich selbst auch! Im Sudan trifft er Ärzte, die Frauen verschließen, im Tschad Straßenkinder, die schon auf ihren Koffern für die Reise nach Deutschland sitzen, in Mali traditionelle Heiler, die gleichzeitig Hausarzt sind und Dr. Sommer und Kummertante in einem, in Nigeria traditionelle Herrscher, vor denen sich die Untertanen auf den Boden werfen, und islamische Richter, die die von ihnen angeordneten Auspeitschungen goutieren wie guten Wein.

Als Zugabe hat Peter Boehm genau Protokoll geführt über die Wirrungen und Wandlungen eines Europäers in Afrika.

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Leseprobe:
Soviel war klar. Der östlichste Punkt Afrikas liegt in Somalia, und die ihm nächste Stadt ist Bosasso. Für Journalisten gibt es zwei Möglichkeiten, von Nairobi nach Bosasso zu reisen: Mit dem Flugzeug einer Hilfsorganisation oder mit einem Khat-Flugzeug.
Für die erste hätte ich mir überlegen müssen, wie ich ein Hilfsprojekt in einem Artikel in werbewirksames Licht rücken kann. Dafür wäre ich gratis mitgenommen worden. So ist die stille Vereinbarung zwischen Hilfsorganisationen und Medien. Für die zweite braucht man ein paar hundert Dollar in bar und gute Nerven.
Die erste Möglichkeit fiel für mich aus, denn ich fand keine Hilfsorganisation, die mich mitnahm. Das hätte alles einfacher gemacht, aber übermäßig traurig durfte ich darüber auch nicht sein. Denn solche Hilfs- und Entwicklungsprojekte funktionieren nur selten, nicht nur in Somalia, und die Zeitungen, für die ich arbeitete, hätten diese Werbeartikel wahrscheinlich sowieso nicht gedruckt. Blieb also nur die zweite Möglichkeit.
Deshalb hatte ich mich schon vor Monaten bei einer Fluglinie am Wilson-Flughafen nach einem Flug nach Bosasso erkundigt. Dort starten alle kleinen Flugzeuge aus Nairobi, also auch die Khat-Maschinen.
Dort habe zwei Somalierinnen abgepasst. Sie sagten mir, sie hätten jeden Tag eine Maschine nach Bosasso. Wann ich denn fliegen wollte, fragten sie und lachten, als ich sagte, morgen noch nicht, erst in ein paar Monaten. Afrikaner müssen oft darüber lachen, wie lange Weiße im voraus planen.
Als ich nun jedoch ein paar Tage vor dem Flug in dem kargen Büroraum der Frauen mit einem völlig leeren Schreibtisch und ein paar vergilbten Werbeplakaten für Rom und Brüssel saß, wollten sie für den Flug $600 haben. Das war unverschämt. Selbst in der Hauptsaison kann man dafür nach Deutschland und wieder zurück fliegen.
Was sollte ich tun?
Wer als Weißer in Afrika nicht mehr bezahlen will als Afrikaner, sollte zu Hause bleiben. Dann bist du am falschen Ort. Ein bisschen so wie jemand, der eine Hitzeallergie mitbringt und sich Linderung erhofft. Aber ich wollte mich auch nicht so offensichtlich über den Tisch ziehen lassen, wie ein Anfänger, ein Grünschnabel, der noch nie in Afrika gereist ist. Das verletzte meinen Stolz.
Also tat ich das einzige, das man in solchen Fällen tun kann: Die Nerven behalten und nicht zu verschämt, aber auch nicht zu ärgerlich versuchen, die Forderungen auf vernünftige Dimensionen zu schrumpfen.
Ich versuchte es mit $400. Vergebens. Na gut, dann behielt ich einfach weiter die Nerven. Ich lehnte ab. Ich war dann jedoch erstaunt, dass die zwei Frauen mich aus ihrem Büro gehen ließen, ohne mich zurückzurufen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass sie das Monopol für die Khat-Flüge von Nairobi nach Bosasso hatten. Die Stadt liegt schon so weit im Norden Somalias, dass sie fast auschließlich mit der Droge aus dem viel näheren äthiopischen Anbaugebiet um Harar versorgt wird. Tja, so geht das.
Ich hatte die Durchquerung seit mehr als einem Jahr geplant und versucht, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen. War die äthiopisch-sudanische Grenze inzwischen passierbar? Wo bekam man ein Visum für den Tschad? Gab es öffentliche Verkehrsmittel zwischen El Fascher und Abesche?
Ich hatte mich über Landkarten gebeugt, jeden gefragt, der etwas über meine Reiseländer wissen konnte, hatte versucht, Kontaktpersonen vor Ort zu finden, Briefe dorthin geschrieben und die Route ganz langsam wie ein Puzzle zusammengesetzt.
Und ich hatte schon alle Brücken hinter mir abgebrochen, meine Wohnung aufgelöst, mein Auto verkauft und mich von meinen Freunden verabschiedet und nun war die Reise durch eine Kleinigkeit in Frage gestellt. Aber zurück konnte ich jetzt auch nicht mehr. Nun konnte ich nur noch nach vorne.
Natürlich hätte ich den zwei Frauen den unverfrorenen Preis zahlen können. Aber es gab ja auch noch eine andere Möglichkeit: Ich konnte die Nerven behalten.
Wenn ich in meiner Zeit in Afrika etwas gelernt habe, dann dass du ruhig bleiben musst, auf jeden Fall, was auch immer passiert. In Europa war das nicht nötig und oft genug sogar falsch. Du beschwertest dich einfach. Aber für Afrika gilt das Gegenteil. Sich aufzuregen schadet nur dir selbst. Am Ende gewann immer der, der am meisten Geduld, der den längsten Atem hatte.

Im Kindle-Shop: Afrika Quer

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