23. Januar 2014

'Zentauren küssen anders' von Elle Marc

Fantasy mit Humor, Action und Romantik.

Ein Unfall machte ihn zu dem, der er heute ist: verletzt, verbittert, einsam. Er hat nur noch einen Wunsch: ein Leben in Freiheit, in den Wäldern, fernab der Zivilisation. Als der Tierarzt Eric Ehrenthal die Fähigkeit erwirbt, sich in einen Zentauren zu verwandeln, sieht er sich am Ziel seiner Träume. Gäbe es da nicht das weibliche Geschlecht, das der impotente Mann plötzlich wie magisch anzieht ...


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Leseprobe:
Eric drehte den Wasserregler unerbittlich in die rote Richtung. Er brüllte wie ein Eisbär in den heißen Quellen Islands, fing aber an zu lachen, weil es ihm Spaß machte, seinen Körper nach einer durchwachten Nacht zu neuem Leben zu erwecken. Er nahm sich Shampoo aus dem Spender und massierte sein ausgedünntes helles Haar. Wohin auch immer sich seine Haare in den letzten Monaten verkrümelt hatten, sie sollten sich zum Teufel scheren. Er stellte das Wasser ab. Aus dem Duschgel, das in einem Körbchen an der Seite stand, drückte er mühsam eine haselnussgroße Menge heraus bis es ihm aus der Hand flutschte.
„Verflucht nochmal“, knurrte er. Mürrisch seifte er sich mit dem wenigen Waschmittel ein und scheuerte darum ausgiebiger mit einem brettharten Waschlappen über seine bleiche Haut als wäre sie durch den Hitzeschock nicht schon rot genug. Er bückte sich nach dem Duschgel und streckte dabei sein steifes rechtes Bein aus der Duschwanne. Als seine Finger den Plastikbehälter berührten, verlor er das Gleichgewicht, schlug mit der Wange gegen das Körbchen und mit dem Ellbogen an den Wasserhahn. Sofort prasselte ein eiskalter Schauer auf ihn nieder, der seinen Atem stocken und sein Herz stolpern ließ. „Dieses verflucht verfluchte Bein“, würgte er aus einem Zustand, den man als schockgefroren bezeichnen konnte.
Beim Aufstehen öffnete er die Augen, schrie ein „Scheiße“ in den Brausestrahl, und presste eine zehntel Sekunde später die Lider fest aufeinander. Das Shampoo brannte höllisch. Wütend warf er das Duschgel in die Duschwanne, traf aber nur seinen linken Fußrücken. Er stöhnte. Himmel, Arsch und Wolkenbruch! Jetzt ist es aber genug!
Blind tastete er nach dem Wasserhahn, um ihn ins Warme zu drehen. Nur zögernd erholten sich Herz und Lunge von dem Kälteschock und Eric keuchte ein „Was für ein Morgen“ an die nassen Fliesen, gegen die er seine Stirn gelehnt hatte.
Mit hochgezogenen Brauen betrachtete er sein Spiegelbild und überlegte beim Anblick der geröteten Augen und der aufgesprungenen Wange, ob es nicht besser wäre, gleich wieder ins Bett zu gehen. Schließlich zuckte er die Schultern und nuschelte: „Einem Krüppel kann das schon mal passieren.“

Eine Stunde später saß Eric in der Besprechungsrunde, die sein Vorgesetzter jeden Montagmorgen abhielt. Er gähnte verstohlen in seine Hand, während sich in seinem Gehirn nichts als leere Seifenblasen tummelten. Wieder einmal hatte er eine dieser schlaflosen Nächte hinter sich gebracht, die ihn seit einem Jahr aufsuchten und die sich nur dadurch von den anderen unterschied als sie im Bad ihren krönenden Abschluss gefunden hatte. Bleischwer war sein Wochenende an ihm vorbeigezogen genau wie die Regenwolken, die am Firmament festklebten. Seine Wange pochte unaufhörlich und er wusste, dass sich früher oder später im gleichen Takt pulsierend gnadenlose Kopfschmerzen einstellen würden. Es war nur eine Frage der Zeit. Aus weiter Ferne hörte er Dr. Huber wie er mit lauten Worten einen Artikel aus der Kronacher Tageszeitung vorlas.
„Jagdunfall oder Drohung? Bankdirektor endet im Rollstuhl. Als ihr Mann am Sonntagmorgen immer noch nicht von der Jagd zurückgekehrt war, verständigte die Ehefrau die Polizei. Nach mehrstündiger Suche wurde der Jäger unter einem zusammengebrochenen Hochsitz geborgen. Er war ansprechbar, aber reglos. Im Krankenhaus stellte man einen gebrochenen Halswirbel fest. Der Jäger wird nie mehr auf die Jagd gehen können. Weitere Ermittlungen der Polizei stehen noch aus.“
Stille. Beim Wort Rollstuhl spülte es Eric sein Frühstück den halben Weg vom Magen in die Speiseröhre hinauf. Er spürte wie die Säure die Schleimhaut verätzte, biss die Zähne zusammen und stemmte eine Faust gegen den Solarplexus.
Oh Gott. Nicht jetzt. Dieser Körper macht langsam was er will.
Die Mitarbeiter des Veterinäramtes standen in einer ausgedienten Küche beim Kaffee zusammen.
„Da ist doch was faul. Das schreit doch zum Himmel“, entfuhr es Dr. Huber. Eric würde es nie verstehen wieso sein Chef sich so künstlich aufregte. Was kümmerte ihn der Fischer? Es lag doch auf der Hand. Der Mann war alt und hatte im Wald nichts mehr zu suchen.
„Ist schon seltsam“, murmelte er nachdem er einen tiefen Atemzug genommen hatte, darauf bedacht, die richtigen Worte zu finden, „aber wer so alt ist wie der Fischer sollte nicht mehr auf die Jagd gehen.“
„Ein Jäger ist nie zu alt für seine Leidenschaft.“ Der empörte Ausruf des Veterinärdirektors ließ Eric einen Schritt zurücktaumeln.
„Herr Kollege, ein Amtstierarzt sollte immer auch etwas von der Jagd verstehen, begreifen Sie das endlich. Übrigens, es beginnt ein neuer Kurs. Werden Sie uns beehren?“
Das hämische Grinsen seines Vorgesetzten brachte ihn normalerweise immer auf die Palme, doch heute hatte ihn die Magensäure fest im Griff. Das einzige, was ihm einfiel war: „Sie wissen doch, mir fehlt die Leidenschaft.“
Er kann es einfach nicht lassen.
Unterdrücktes Lachen machte sich unter den anderen Männern breit, die Dr. Hubers Sticheleien gegen ihn gewohnt waren.
„Liegt noch etwas an?“, fragte Eric mit starrem Gesicht und geballten Fäusten, die er hinter seinem Allerwertesten verbarg. Seine Laune befand sich sowieso schon zwischen den Karteileichen eines Begräbnisinstituts.
„Haben Sie es heute eilig?“ Dr. Huber taxierte ihn und schmunzelte. „Auf meinem Schreibtisch liegt eine Beschwerde. Da müssten wir heute noch hin.“
Eric drehte sich missmutig um. Wenn der Chef von „wir“ sprach, meinte er im Allgemeinen, dass er die unliebsamen Arbeiten an ihn delegierte. Seine ungleichmäßigen Schritte hallten den Gang entlang, doch nicht laut genug, um die Sätze, die er nicht hören sollte, zu übertönen: „Finden Sie es richtig, ihn allein dort hinzuschicken?“ und „Er sagt doch immer, wir sollen ihn nicht behandeln wie ein rohes Ei.“ Es war nicht neu, dass die Kollegen in seiner Abwesenheit über ihn redeten und eigentlich war es ihm auch egal. Und dennoch, heute verhärteten sich seine Lippen unwillkürlich zu einem schmalen Strich. Es war erschütternd, festzustellen, dass sie noch nicht einmal den Anstand besaßen, zu warten bis er die Tür hinter sich geschlossen hatte.

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