21. Februar 2014

'Alicia - Gefährtin der Nacht' von Kerstin Michelsen

Eine in Deutschland spielende Vampirgeschichte. Das blutdurstige Volk der Salizaren lebt im Verborgenen und ist doch so nah ...

Eigentlich sucht Isa nur eine männliche Begleitung für den Polterabend ihrer besten Freundin. Die Begegnung mit dem mysteriösen Laurean verändert jedoch alles. Als Isa hinter das Geheimnis seiner Herkunft kommt, trifft sie eine folgenschwere Entscheidung: Sie folgt Laurean in eine fremdartige Welt, in der die Menschen nur als Beute gelten.

Aus Isa wird Alicia, eine furchtlose Salizarin. Als sie von mächtigen Feinden angegriffen werden, kämpft Alicia an Laureans Seite um das Überleben ihres Volkes.

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Leseprobe:
Auf den letzten Cocktail hätte ich verzichten sollen, das wurde mir in dem Moment klar, als ich mich vom Barhocker erhoben hatte und mich sehr zusammennehmen musste, um nicht zu schwanken. Fahren konnte ich jedenfalls nicht mehr, also ließ ich meinen Wagen in der Tiefgarage der Bank stehen und nahm ein Taxi. Wenn es wenigstens ein netter Abend gewesen wäre, dann wäre mir das gleichgültig gewesen, doch ich hatte mich schlicht gelangweilt. Das war auch der Grund gewesen, weshalb ich innerhalb kürzester Zeit drei Bloody Mary in mich hineingekippt hatte. Zu allem Überfluss hatte das Getränk zu viel Wodka enthalten und nicht besonders gut geschmeckt. Unter anderen Umständen hätte ich mich bei dem Barkeeper beschwert und den Drink zurückgehen lassen, aber an diesem Abend war es mir nur recht gewesen. Normalerweise ging ich den Trinkgelagen mit den Arbeitskollegen aus dem Weg, die in schöner Regelmäßigkeit nach Büroschluss stattfanden. In der Regel war das einfach, denn ich arbeitete ohnehin meistens länger als die anderen, sodass sie mich gar nicht mehr fragten. Doch an diesem Abend hatte ich keine Wahl gehabt, denn Martin, unser Abteilungsleiter, feierte seinen Geburtstag. Er hatte kein Nein akzeptiert. Also war ich mitgegangen und hatte mir zwei Stunden lang die aufgeblasenen Plattitüden angehört, mit denen mehr oder minder erfolgreiche Männer anscheinend so gern um sich warfen: Mein Haus, mein Boot, meine Frau, meine Geliebte. Ja, genau, Jungs, wer hat den Größten, dachte ich, verkniff mir nur mühsam ein genervtes Augenrollen und bestellte den nächsten Drink.
Nicht, dass es mir an sich etwas ausgemacht hätte, die einzige Frau in unserem Trupp zu sein, im Gegenteil war ich immer stolz darauf gewesen. Ich war das erste weibliche Wesen, das es in den illustren Kreis der Abteilung geschafft hatte, von den Sekretärinnen einmal abgesehen. Dieser Aufstieg hatte mich mehrere Jahre harter Arbeit gekostet, denn die wirklich interessanten und lukrativen Jobs in dieser altehrwürdigen Privatbank waren immer noch fest in männlicher Hand. Ich hatte lange und zielstrebig darauf hingearbeitet, dass dies nicht für immer so bleiben würde. Eines Tages würde ich es bis in den Vorstand schaffen, das hatte ich mir geschworen. Der Weg dorthin führte unweigerlich über eine Position, in der man viel Geld machte, damit die dort oben auf einen aufmerksam wurden. Immerhin hatte ich es schon unter die Devisenhändler geschafft und war entschlossen, einen nach dem anderen hinter mir zu lassen. Inzwischen hatte ich mir durch einige waghalsige, aber gewinnbringende Geschäfte den Respekt der Kollegen erworben. Auch die Vorgesetzten hatten bereits mitbekommen, dass ich keine Angst vor schnellen Entscheidungen hatte. Manchmal jedoch ließen sie mich spüren, dass mir etwas Entscheidendes fehlte, um ganz dazuzugehören, nämlich das, was ihnen zwischen den Beinen baumelte. Dass ich darauf gar keinen Wert legte, schien ihnen vollkommen zu entgehen. In meinen Augen benahmen sie sich so kindisch wie kleine Jungen, die damit prahlten, wer weiter pinkeln konnte.
Als ich mich verabschiedete, war die Luft zwischen ihnen derartig mit Testosteron gesättigt, dass man sie beinahe schneiden konnte. Die lieben Kollegen waren wohl ebenso froh wie ich, als ich ging, denn für sie war der Abend noch nicht zu Ende. Ich hätte ein halbes Monatsgehalt darauf verwettet, dass sie keine halbe Stunde später in irgendeinem teuren Club halbnackten jungen Frauen knisternde Geldscheine zustecken würden. Das alles war mir herzlich gleichgültig und ich war unendlich froh, als ich die Tür zu meiner Wohnung hinter mir zumachen konnte. Eigentlich hätte ich, todmüde und etwas angetrunken wie ich war, gleich auf das Bett fallen können. Doch da war noch etwas, das mich an den Computer trieb. Im Büro sah ich grundsätzlich nicht in meine privaten E-Mails. Aber daran gedacht hatte ich, im Grunde wohl den ganzen Tag über, ohne es mir einzugestehen. Da war diese innere Unruhe gewesen, auch vorhin noch, in der Bar. Ein Kribbeln, das meinen Körper von Zeit zu Zeit durchlief. Jetzt konnte ich es nicht mehr ignorieren. Ich musste einfach wissen, ob der Fremde geantwortet hatte und versuchte mir einzureden, dass es schließlich nur um den Polterabend ging. Genau. Zwei Tage nur noch. Max. Seine Neue. Ich würde mit einem schönen Mann dort auftauchen, ich würde mich amüsieren. Dass dieser Spaß mich einiges an Geld kosten würde, das musste ja keiner erfahren.
Während die Festplatte sich leise ratternd einschaltete, grübelte ich weiter. Machte ich mich lächerlich?
Wahrscheinlich war diese Internetseite sowieso ein einziger Schwindel, das kannte man doch von den Heiratsinstituten, die früher in den Zeitungen annoncierten. Hatte ich nicht einmal einen Bericht darüber im Fernsehen gesehen und mich insgeheim über die Naivität derjenigen amüsiert, die auf diese Weise jemanden suchten, der sie lieben würde? Wie verzweifelt musste man sein, um auf diesen offensichtlichen Schwindel hereinzufallen, das hatte ich damals gedacht. Da suchten angeblich vermögende und liebevolle Herzchirurgen, mit Yacht im Mittelmeer natürlich, eine treue Ehefrau, und am Ende wollten sie einem dann den arbeitslosen Dachdecker andrehen. Oder etwas in der Art.
Ich hörte schon Lenas Stimme, die entsetzt ausrief: Im Internet, Isa, bist du wahnsinnig, das sind doch alles Perverse …
Pling. Sie haben dreiundzwanzig E-Mails. Ich durchsuchte den Posteingang. Alles nur Werbung oder Mitteilungen aus Facebook-Gruppen, bei denen ich mich nicht einmal mehr daran erinnerte, warum ich ihnen überhaupt beigetreten war. Und dann diese eine E-Mail: Liebe Isa, ich stehe Ihnen Freitagabend gern zur Verfügung. Rufen Sie mich an, die Nummer finden Sie am Ende dieser Nachricht. Für meine Begleitung berechne ich € 200,- pro Stunde, weitere Leistungen nach Vereinbarung. Gruß, L.
Ich sah auf die Uhr. Es war wieder beinahe Mitternacht, zu spät wohl, um bei einem Fremden anzurufen.
Andererseits, was wusste ich denn schon über die Bürozeiten eines Callboys? Zum ersten Mal gestand ich mir ein, dass es sich um genau das handelte, da konnte man es noch so wohlklingend Escort nennen. Dieser L. war ein Mann, der für Geld Frauen begleitete und nach Wunsch auch mehr anbot. Sex gegen Geld. Wie einsam war ich eigentlich, dass ich mich allen Ernstes damit beschäftigte, einen Mann zu treffen, den ich für seine Zeit mit mir bezahlte? Weitere Leistungen … Ich klickte auf die Seite von Champagne & More, suchte sein Foto und fragte mich, was es war, das mich an diesem Mann so anzog. Gut sah er aus, keine Frage, etwas blass vielleicht, aber das mochte auch an der Aufnahme liegen. Er hatte dunkle, mittellange Haare, das Gesicht war schmal mit auffallend hohen Wangenkochen, ohne auch nur die Andeutung eines Bartschattens, die Nase sehr gerade, darunter volle, aber nicht zu üppige Lippen und ungewöhnlich hellgraue Augen. Sinnlich sah er aus, wenn man so etwas überhaupt von einem Bild behaupten konnte. Aber das konnte nicht alles sein. Vielleicht hatte ich ihn einfach schon zu lange angestarrt. Mittlerweile kam es mir vor, als würde ich diesen Mann bereits kennen, als wüsste ich, wie seine Stimme klang und wie seine Haut sich anfühlte.
Du meine Güte, sagte ich mir, Isa, jetzt bist du denen schon auf den Leim gegangen, wahrscheinlich ist das nur irgendein Model. Wer weiß, wie der echte Mann dahinter aussieht, dieser L.? Papier ist geduldig und das Internet erst recht. Und warum nennt der nicht einmal seinen ganzen Namen?
Mein Handy lag neben der Tastatur. Ich nahm es immer mit ins Schlafzimmer, und da ich vorgehabt hatte, nur die E-Mails zu checken und dann ins Bett zu gehen, hatte ich es neben dem Computer abgelegt. Ich streckte die Hand aus. Meine Finger tippten, während mein Herz aus dem Takt geriet: Sind Sie noch wach? Ich weiß, es ist spät. Aber könnten wir vielleicht noch kurz telefonieren, bevor ich Ihnen den Termin bestätige? Sonst gern morgen Abend. Isa.

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