20. Februar 2014

'Tödliche Intrige' von D.W. Crusius

... die Giftgas Story

Ein anonymer Informant bietet dem schwedischen Journalisten Eric Larsson Informationen über die Hintergründe der Giftgasattacken in Damaskus an. Eric trifft die Quelle auf Malta – Judith, eine attraktive Israelin. Ihre gemeinsamen Nachforschungen führen sie über La Valetta, Zürich und Saudi-Arabien in den Hexenkessel von Damaskus.

Auf der langen und gefährlichen Reise fragt sich Eric immer häufiger – wer sind seine Auftraggeber in Wahrheit und wer ist Judith?

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Leseprobe:
Verspätungen auf Flughäfen sind die Hölle. Nichts tun, nur warten. Zu süße, zu fettige, zu trockene Brötchen. Zu viel Kaffee und trotzdem ist man hundemüde. Und man hat zu viel Zeit zum Grübeln. Was hatte Ole Johanson beim letzten Gespräch gesagt?
»Ich gebe dir eine letzte Chance, denn deine Spürnase ist unübertroffen. Mach dich über die Giftgasstory her.«
Mit diesen Worten hatte er mir ein Blatt Papier über den Tisch geschoben. »Der Absender muss dich gut kennen. Du trainierst gerade für die Alki-Olympiade, aber das scheint er nicht zu wissen.«
Ich las den Brief. »Dafür bin ich nicht der richtige Mann«, sagte ich, »nicht mehr«, und schob ihm das Blatt zurück.
»Der Briefschreiber hat ausdrücklich dich angefordert.«
»Weil er mich nicht kennt, deshalb. Weil er nicht weiß, dass ich zu viel trinke und für so was nicht mehr tauge.«
»Sieh es doch mal von meiner Seite. Wenn dieser Brief tatsächlich mit den Giftgasangriffen in Syrien zu tun hat und du kannst die Hintergründe aufdecken, dann haben wir eine großartige Story, die wie eine Bombe einschlagen wird. Und du hast mal eben einen entsetzlichen Krieg in der Region verhindert, der sicher auch Palästina vernichten würde.«
»Was habe ich mit Palästina zu tun?«
»Laila war Palästinenserin. Ich erinnere dich nur ungern daran.«
»Manchmal bis du ein richtiges Arschloch, Ole.«
Er hatte recht, auch wenn er ein Dreckskerl war, mich daran zu erinnern.
»Du tust etwas für den gesamten Nahen Osten. Ist dir etwa gleichgültig, was dort passiert? Kannst du mir nicht erzählen. Und noch etwas. Der Brief ist mit einem jüdischen Namen unterschrieben. Immer noch kein Interesse?«
»Willst du etwa an meine vaterländischen Pflichten appellieren oder an die Sorge um den Weltfrieden? Gib dir keine Mühe, Ole. Für den Weltfrieden sind Andere zuständig und die sind derzeit nicht interessiert.« »Wenn du aufdeckst, dass es nicht Assad war - ich will mich vorsichtig ausdrücken - nicht nur Assad, dann hast du wahrscheinlich Schlimmes verhütet.« Jetzt, wenige Tage nach diesem Gespräch in der Redaktion, war ich auf dem Weg nach Malta und saß auf dem Flughafen Zürich-Klothen fest, wartete auf meinen Anschlussflug und hatte zu viel Zeit zum Grübeln. Ole war schwer in Ordnung und dieser Auftrag war nicht etwa eine Strafversetzung. Im Gegenteil.
Das geschah kurz nachdem mich abends mitten in Stockholm auf der Straße eine Frau angelächelt hatte. Im dämmerigen Licht der Straßenlaternen sah sie Laila zum Verwechseln ähnlich.
»Trinken wir etwas«, schlug ich vor.
Wir gingen in eine Bar und kippten einen Whisky auf ex. Ich hob zwei Finger und der Barkeeper füllte unsere Gläser.
Nach dem dritten, eher fünften Glas sagte sie: »Zweitausend Kronen. Dafür mach’ ich dir das ganze Programm rauf und runter. Wenn du willst und deine Kondition dich nicht im Stich lässt, die ganze Nacht. Das kostet dich ein paar Scheinchen extra. Na? Wie steht’s?«
Nicht, dass ich mich herausreden will, aber die Bar war nur spärlich beleuchtet. Wie der Flur eines Krankenhauses vom blauen Notlicht. Wie komme ich jetzt auf Krankenhaus? Vermutlich, weil ich zwei oder drei Tage nach dieser Begebenheit in der Notaufnahme des Karolinska-Krankenhauses landete.
Im Bestreben, die Preisverhandlung zu beschleunigen, rutschte die Frau, die im Dämmerlicht der Bar so fatale Ähnlichkeit mit Laila hatte, vom Barhocker und sagte: »Let’s go and fuck.«

Ich schreckte hoch und stieß mir heftig den Kopf an einer Zeltstange. Sie hatten uns kein Licht gelassen, nicht einmal eine Kerze. Das war auch nicht nötig. Grelle Blitze explodierender Bomben erhellten das Innere des Zeltes taghell und es roch unangenehm nach Explosivstoffen. Wir stürzten vor das Zelt, warfen uns sofort auf den Boden. Grelle Stichflammen erhellten das Lager und das Grollen der Explosionen dröhnte schmerzhaft in der Magengegend. Ich sah die Feuerschweife der Raketen, die in schrägen, leicht abwärts führenden Bahnen auf das Zeltlager zurasten. Das Treibstofflager außerhalb des Lagers stand in Flammen und wie lebende Fackeln taumelten zwischen den brennenden Fässern menschliche Körper ziellos hin und her, stürzten zu Boden und blieben zuckend liegen.
Zwischen den Zelten rannten Männer umher, richteten ihre Schnellfeuergewehre in den dunklen Himmel und schossen auf einen unsichtbaren Feind. Ein Ziel war nicht zu erkennen, die Feuerstöße dienten nur der Beruhigung ihrer Nerven. Schießen und Töten hatten sie trainiert. Wie man sich bei einem Bombenangriff verhielt, offenbar nicht.
So blitzartig, wie der Spuk eingesetzt hatte, so unvermittelt war er vorüber. Das Krachen der Explosionen verstummte auf einen Schlag, als hätte ein Dirigent seinen Stock erhoben und alle Instrumente erstarben. Ich hörte das unverwechselbare immer schwächer werdende Surren der Kampfhubschrauber. Eine bleierne Stille legte sich über das Lager, dann setzte das Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden ein.
»Ich muss zu Judith«, rief ich Feisal zu und rannte los in Richtung der Frauenzelte. Nach wenigen Metern stoppte mich ein Soldat mit vorgehaltenem Gewehr, drehte es um und rammte mir den Gewehrkolben in den Bauch. Den Feind am Himmel hatte er nicht ausmachen können, mich sah er und an mir ließ er seine Wut aus. Erst als Feisal mir zu Hilfe eilte, ließ er von mir ab, und ich kroch mühsam zurück in das Zelt.

Wir gingen zu Achmeds ausgebranntem Jeep. Auf der vorderen Bank des Jeeps saß eine grotesk verkrümmte schwarz-graue Puppe. Den Mund weit aufgerissen, die Gesichtshaut spannte über dem Schädel und die weißen Zähne grinsten uns an, lachten im Todeskampf. Wir zogen Achmeds Leiche aus dem verkohlten Jeep und legten sie auf den Boden. Gekrümmt, mit angewinkelten Armen als sitze er noch hinter dem Lenkrad, lag er auf der Seite.
Wir sollten sehen, dass wir weiter kamen, aber Feisal musste seinen Bruder beerdigen. Kein noch so vernünftiges Argument würde ihn davon abhalten. In den Trümmern des verkohlten Jeeps fand ich eine Schaufel. Ich sah zur Sonne, schätzte die Himmelsrichtung, zog mit dem Schaufelstiel eine Linie in den Sand. Dann hob ich eine Grube aus, eine Schmalseite nach Osten, Richtung Mekka. Feisal saß bewegungslos neben der verkrümmten Leiche seines Bruders und starrte auf den Boden.
»Ich müsste Achmed in ein Tuch wickeln, aber es ist alles verbrannt«, sagte er.
»Wir legen ihn so in das Grab, es geht nicht anders.«
»Ja«, sagte Feisal. »Allah wird es verstehen.«
Wir schaufelten das Grab zu und Feisal kniete nieder und betete. Ich ließ ihn gewähren.
Nach einer Weile trat ich zu ihm und sagte: »Wir müssen weiter. Weißt du, in welche Richtung?«
Er nickte und kletterte vor uns die Düne hoch. Es war eine besonders hohe Düne und schwer atmend, mehr taumelnd als laufend, erreichten wir den Kamm. Feisal streckte seinen Arm aus und deutete auf einen graugrünen Schatten, wie eine tief hängende Wolke.
»Das ist die Oase?«
Er nickte und wir gingen los.
Ich weiß nicht, wie viele Stunden wir brauchten. Die Sonne versank gerade hinter dem Horizont, als wir die ersten weiß gekalkten Häuser der Oase erreichten. Ich sah Judith zusammenbrechen, wollte ihr aufhelfen, fiel selbst auf die Knie und kam nicht mehr hoch. Menschen kamen herbeigeeilt und führten uns in ein Haus. Ich weiß noch, dass ich die Stufen hoch stolperte. Drei waren es.

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Mehr über und von D.W. Crusius auf seiner Website.

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