24. Februar 2014

'Im Königreich der Frommen' von Peter Boehm

Dreizehn Monate lang hat der deutsche Journalist Peter Boehm an saudischen Universitäten unterrichtet. Das ist sein Bericht. Er erzählt von Kindern, die Auto fahren dürfen, aber Frauen, die das nicht dürfen, von Luxus-Arbeitslosen und Frauen im Darth Vader-Kostüm, von Hausmädchen und ihren Horror-Geschichten, der eigentlichen Bedeutung des Gebets, von der saudischen Autogesellschaft und dem wahnwitzigen Bauboom.

Aber vor allem zeichnet Peter Boehm das detailgetreue Porträt einer islamisch-fundamentalistischen Gesellschaft, die auf der Welt ihresgleichen sucht.

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Leseprobe:
Die saudi-arabische Hauptstadt Riad liegt mitten in der Wüste. Dort regnet es also nicht oft, auch nicht Mitte Januar. Deshalb war ich erstaunt, als ich eines Abends sah, die Wettervorhersage im Internet sagte für den nächsten Tag richtigen Regen voraus.
Früh am nächsten Morgen schon orgelten die Imame über die Lautsprecher auf den Moscheen Gebete für den Regen durch die Viertel. In den Zeitungen stand, der König habe sie nach langer Dürre angewiesen, zusammen mit den Gläubigen für das Leben spendende Nass zu beten. Bis auf einige wenige Imame in privaten Moscheen ist der König als Oberhaupt der Gläubigen derjenige, der die Imame beschäftigt und bezahlt.
Der Regen kam wie vorhergesagt. Aber er kam so dick, dass das Wasser bald kniehoch in den Straßen stand. Unsere Studenten baten uns, sie zwei Stunden früher nach hause gehen zu lassen, um nicht ins erwartete Verkehrschaos zu geraten. Wo zuvor flache, breite Straßen waren, staute sich nun weitflächig das Wasser. Von unserer Schule nach Hause bahnte sich unser Kleinbus langsam den Weg durch riesige Pfützen, kleine Seen wirklich und an machen Stellen kleine Flüsse. Vor unserem Apartmentblock stand ein paar Tage lang ein kleiner Teich, den wir weiträumig umgehen mussten, wollten wir nicht nasse Füße bekommen – bis schließlich ein Tanklastwagen kam und ihn abpumpte.
Dschidda, die Hafenstadt am Roten Meer, stand wieder einmal völlig unter Wasser. Nach starken Regenfällen im Dezember 2009 sind dort nach offiziellen Angaben mehr als 120 Leute ertrunken – die meisten jämmerlich in ihren Autos.
Warum ist das so ein großes Ding, fragte ich mich, wenn es im Königreich einmal regnet? Der Grund war einfach zu verstehen: Die Städte des Landes haben keine Kanalisation. Das Regenwasser kann also nicht ablaufen.
Aber warum war das so? Selbst nach Dutzenden von Zeitungsseiten, die die Journalisten hier schon zu dem Thema vollgepinselt haben, war mir immer noch nicht klar, warum die Städte eigentlich keine Kanalisation hatten.
Ein europäischer Bauingenieur, an den ich mich verzweifelt um Aufklärung wandte, erzählte mir, ursprünglich hätten die Stadtplaner einfach auf sie verzichtet. Wie oft regnet es schon in der Wüste! Als die Städte jedoch wuchsen, die asphaltierte Fläche zunahm und das Wasser immer weniger Platz fand abzulaufen, mussten sie ihre Meinung ändern.
In Dschidda zum Beispiel war das vor rund zehn Jahren. Nur: Die Regierungsgelder für die geplanten Abwasser-Baumaßnahmen verschwanden in den Taschen irgendeines Prinzen und/oder seiner Getreuen. Deshalb wurde keine Kanalisation gebaut und deshalb stehen die saudischen Städte heute unter Wasser, wenn der Regen kommt.
Blieb für mich allerdings noch eine Frage: Waren es wirklich die Gebete der Gläubigen, die den Regen brachten? Das fragte ich den jungen Saudi an der Rezeption unseres Apartmentblocks am Tag nach dem Guss. Er hat studiert, aber er sagte: „Der Herr lässt uns nicht im Stich.“
Ich fragte den nächsten, meinen Vorgesetzten an der Hochschule. Er hat in England studiert und acht Jahre lang dort gelebt. Er verdrehte die Augen und sprach versonnen: „Aber natürlich, das ganze Land hat ja dafür gebetet.“
Nur der Menschenrechtler Mohammed Al Qahtani winkte gelangweilt ab. Er ist so eine Art Ein-Mann-Opposition des Landes, einer der ganz wenigen Saudis, die ungezwungen mit westlichen Journalisten reden. Ohne nachzudenken sagte er: „Die Show ziehen die hier immer ab, bevor es anfängt zu regnen.“
Willkommen im Königreich der Frommen. Auf den Einen mag Saudi Arabien wirken wie eine große Show. Das Land selbst sieht sich jedoch als die von Gott gegebene Antwort auf die Frage nach der staatlichen Organisation, als irdisches Paradies der Gläubigen. Bis die Anschläge des 11. September 2001 Saudi Arabien in seinem Selbstverständnis erschütterten – fünfzehn der neunzehn Flugzeugentführer waren junge Saudis – behauptete der Klerus des Landes noch, Saudi Arabien habe das „perfekte islamische System“.

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