28. Februar 2014

'Liebe tanzt Rumba' von Evelyn Sperber-Hummel

Die Reihe "Quick, quick, slow - Tanzclub Lietzensee" mit Geschichten verschiedener Autoren rund um die Welt des Tanzes geht weiter. Das Herz von Katja Römer schlägt im Rumba-Takt als sie Gaston Berraque zum ersten Mal sieht. Sie begegnet ihm beim Faschingsball des Berliner Tanzclubs Lietzensee und der Funke, der an diesem Abend auf beide überspringt, entwickelt sich zur großen Liebe. Oh, dass es ewig so bliebe …

Genau das will Katjas Vater verhindern. Er hat eine krankhafte Aversion gegen Ausländer und gegen jede Art von Musik. Gaston ist Franzose und er studiert Musik. Damit ist das sinnlose Verhalten des Vaters vorprogrammiert. Er verbietet Katja strikt den Umgang mit Gaston. Sie wird von ihm tyrannisiert und terrorisiert. So ein mieser Typ muss am Ende doch scheitern. Oder?

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Leseprobe:
Die vielen „Sie“ in seiner Rede störten Katja. „Wollen wir uns nicht duzen?“, fragte sie. Er war sofort einverstanden. Spät in der Nacht verließen sie den Tanzclub. Katja erlebte ihre erste Fahrt in Gastons Twingo. Er ließ eine CD mit Tanzmusik aus den 30er Jahren laufen. „Ich liebe diese ollen Kamellen“, sagte er.
Beschwingt und guter Laune kam Katja nach Hause. Im Wohnzimmer brannte Licht. Die Eltern hatten gewartet. Der Vater sah sie streng an und tippte auf seine Armbanduhr.
„Ich weiß, es ist später geworden, aber es war einfach toll. Und getanzt habe ich auch.“ Und dann erzählte sie von Gaston, der so fantastisch Klavier spielen konnte. Dabei glühten ihre Wangen vor Begeisterung. „Er ist Franzose und sehr charmant“, plapperte sie weiter und merkte im Überschwang der Gefühle nicht, wie sich die Miene des Vaters mehr und mehr verdüsterte.
Er unterbrach ihren Freudentaumel abrupt. „Einer, der bei Tanzveranstaltungen Musik macht? Ein brotloser Künstler und obendrein ein Ausländer! So ein Nichtsnutz kommt mir nicht ins Haus.“
Mit offenem Mund starrte Katja den Vater an. „Gaston ist kein Nichtsnutz. Er studiert an der Musikhochschule und …“ Der Vater haute mit der Faust auf den Tisch. „Du wirst diesen Kerl nicht wiedersehen.“
„Warum? Du kennst ihn doch gar nicht?“, schrie sie ihn an.
Er sprang auf, mit geballter Faust stand er vor ihr. „Ich verbiete dir den Umgang mit diesem Kerl. Basta“, brüllte er. „Schluss jetzt“, sagte die Mutter.
Auf welcher Seite stand sie? War sie der gleichen Meinung wie der Vater? Dann bin ich hier allein auf weiter Flur, dachte Katja und wusste, an das Verbot des Vaters würde sie sich ganz bestimmt nicht halten.
In der nächsten Zeit sahen sie und Gaston sich manchmal an den Wochenenden. Heimlich, denn der Vater blieb stur bei seiner stereotypen Meinung über Ausländer und Musiker. So log sie, sie gehe mit Freunden aus.
Gaston lud Katja zu Konzerten an der Musikhochschule ein, sie gingen zusammen ins Kino und er erzählte von seiner Familie und wie er sich manchmal nach zu Hause sehne. In Gastons Familie herrschte so viel Herzlichkeit. Wenn sie seine Familie mit ihrer verglich, wurde Katja melancholisch. Es war so schön, mit Gaston zusammen zu sein. Aus der Sympathie, die beide spontan beim Tanzclub füreinander empfunden hatten, entwickelte sich allmählich mehr. Amor hatte gut gezielt.
So ging das Wintersemester zu Ende. Anfang April fuhr Gaston für zwei Wochen zu seinen Eltern nach Bar-le-Duc. Nach dem Bachelor im Sommersemester wollte er anschließend auf den Master weiterstudieren.
Nach seiner Rückkehr trafen Katja und Gaston sich im Café am Neuen See. Er erzählte von zu Hause und immer wieder kamen sie aufs Tanzen zu sprechen. „Hat richtig Spaß mit dir gemacht“, sagte Katja.
„Ehrlich? Dann könnten wir das ja mal wiederholen“, war seine Antwort. An diesem Nachmittag beschlossen sie, Mitglied beim Tanzclub Lietzensee zu werden. Zum 1. Juni meldeten sie sich bei Marga Fischer an.
Nun gehörten sie schon drei Wochen lang zum Tanzkreis für Fortgeschrittene, der jeden Freitag von 20 bis 22 Uhr trainierte. Herzlich waren sie von den anderen Paaren aufgenommen worden. Katja und Gaston genossen das unbeschwerte Zusammensein und die rhythmische Bewegung beim gemeinsamen Tanz. Katja war glücklich und vergaß für kurze Zeit den familiären Ärger. Gleich am ersten Tanzkreisabend hatte es zu Hause dicke Luft gegeben, weil sie erst um 23 Uhr heimgekommen war. Der Vater wollte genau wissen, „wo sie sich rumgetrieben habe“, und er verlangte, sie müsse spätestens um 22 Uhr zu Hause sein, möglichst früher. Doch da schaltete die Mutter sich ein. Katja sei fast achtzehn, in dem Alter dürfe man abends schon mal länger mit den Freunden unterwegs sein oder Partys feiern. Der Vater reagierte grimmig und war den ganzen Abend schlechter Laune. Wüsste er, dass ich mit Gaston zusammen bin, er würde einen Tobsuchtsanfall bekommen, dachte Katja. Vorsichtshalber hatte sie den Eltern deshalb nichts vom Tanzkreis erzählt und wie bisher nur gesagt, sie gehe mit Freunden aus.
Die Einzige, die wusste, dass Katja mit Gaston beim beim Lietzensee-Club tanzte, war Marie. Sie hatte Gaston inzwischen auch kennen gelernt und fand ihn sehr attraktiv. In einer kleinen Kneipe hatten Katja und Gaston mit Marie und ihrem Freund Manuel zusammengesessen. Es war eine gemütliche Runde. Doch Manuel langte wohl zu kräftig zu beim Bier. Plötzlich hatte er angefangen zu stänkern. Marie flirte mit Gaston, behauptete er, und fast hätte es einen Streit gegeben. „Nun halt mal an dich“, hatte Katja gesagt, „wenn Marie wirklich mit Gaston flirtete, hätte ich das wohl als Erste bemerkt.“ Es gelang ihr, Manuel zu beschwichtigen. Danach hatte es kein Treffen mit den beiden mehr gegeben.
Vaters miese Laune hielt auch die nächste Zeit an und er vergiftete das familiäre Klima mit gehässigen Bemerkungen über Flittchen und missratene Töchter und über Mütter, die nicht fähig seien, ihre Kinder zu erziehen. Katja wunderte sich über die Mutter. Die schien das alles nicht zu berühren. Sie war gleichmäßig freundlich und reagierte nicht auf Vaters Beleidigungen. Es war, als höre sie gar nicht, was er von sich gab. Katja dagegen wäre bei jeder seiner verletzenden und entwürdigenden Äußerungen am liebsten aus der Haut gefahren. Wegen der Mutter beherrschte sie sich. Nur einmal gingen die jungen Pferde mit ihr durch. „Du kotzt mich an!“, hatte sie geschrien und ihn einen geistesgestörten alten Sack genannt. Er antwortete mit einer Maulschelle und es wäre schlimmer geworden, hätte die Mutter nicht dazwischengefunkt. Warum brauste die Mutter nicht auf, wenn er ihr Gemeinheiten an den Kopf warf? Liebte sie ihn so sehr, dass sie sich alles gefallen ließ? Warum wehrte sie sich nicht?

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Mehr über und von Evelyn Sperber-Hummel auf ihrer Website "Wörter-Wege".

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