10. März 2014

"7 Kreuzer schieferblau" von Guido Seifert

Kurzgeschichten aus dem Leben eines Arbeitslosen.

In sieben tragikomischen Episoden führt Guido Seifert den Leser an die unterschiedlichsten Orte, zum Beispiel in die Räumlichkeiten einer privaten Arbeitsagentur, in ein Briefmarkenfachgeschäft oder schlicht in eine Kneipe.

An die Stelle von Hartz-IV-Tristesse setzt der Autor hintergründig-humorvolle Texte, die zwischen satirischer Überzeichnung und scharf beobachteter Alltagswirklichkeit pendeln.

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Leseprobe:
»Haben Sie schon mal an eine Versteigerung gedacht?«, versuchte Hammacher dem Sachsen-Steffen gut zu tun.
»Versteigerung?«, war in Steffens Gedanken offenbar nie aufgeblitzt.
»Die nächste haben wir hier im Januar im Hause. Ich kann Ihnen allerdings nicht versprechen, dass Sie da mehr erzielen, als ich Ihnen zahlen könnte.«
»Versteigerung, Versteigerung …«, spielte Steffen mit dem Wort.
»Alle mit Falz«, meckerte der Alte dazwischen.
»Aber das war doch so üblich damals!«, konterte Steffen geschickt.
»Das gilt für die Württemberger und Schleswig-Holsteiner Marken«, nörgelte der graue Knecht, »aber nicht für die Danziger. Da hat man schon in Einsteck-Alben gesammelt. Praktisch will ein Sammler nur postfrische Marken, nur postfrische, postfrische, anspruchsvoll, alle anspruchsvoll geworden.«
»Ich weiß ja nicht, was Sie sich da ausgerechnet haben«, und Hammachers Hand wies zärtlich-gelassen, geradezu herrschermild auf die Nadeldruckerliste, die Steffen in der tapferen Pranke hielt. »Ob Sie da jetzt zweitausend Euro Michelpreis errechnet haben oder was …«, und da, siehe, öffnete sich Steffens Miene, Glanz und Herrlichkeit tummelten sich um Augen, Nase, Mund. Obschon Hammachers letzter Satz zweifelsfrei negativ zu deuten war, in dem Sinne, dass ein von Michel abgeleiteter hoher Verkaufspreis als abwegig betrachtet werden müsse, war doch erstmals eine konkrete Zahl genannt worden, und die lautete gleich zweitausend. Mir schien, dass allein dieses Zahlwort Steffen in zeitaufhebende Verzückung schickte, ja, seine Miene erstillte sanft im Glück einer Vorfreude, die zwar auch mit den zweitausend Euro nicht rechnete, aber ihre Genese wohl der Vorstellung verdankte, dass mit jener magischen Zahl der Ausgangspunkt weiterer Verhandlungen gesetzt worden sei.
»Was würden Sie sagen, Herr Hockauf?«, forderte Hammacher eine realistische Zahl.
»Tja, also, alles zusammen –?«, und der alte Gauner wiegte bedenklich den Graukopf. »Nicht mehr als vierhundert«, stand er für die Geschäftsinteressen der Hammacher GmbH ein. Ich sah, wie Steffens Lippen diese neu ins Spiel gebrachte Zahl lautlos wiederholten.
»Vielleicht denken Sie ja wirklich einmal über eine Versteigerung nach«, bewies Hammacher, wie leicht er auf dieses Geschäft verzichten konnte. »Sehen Sie, wirklich gute Exemplare sind kaum dabei. Es ist schwer, sehr schwer, das zu verkaufen.«
»Also«, forderte Steffen jetzt roh, »was zahlen Sie?«
»Dreihundert Euro kann ich Ihnen geben«, versprach der Herr der Rundstempel.
»Dreihundert?«, repetierte Steffen, und der Rest bürgerlichen Benimms, der den Sachsen bislang befähigt hatte, sein Aufstoßen leidlich unter Kontrolle zu halten, wich offenbar von ihm, so dass ein halblauter Rülpser entkommen konnte, der denn auch sogleich den beiden platten Herren die olfaktorische Information über ihres Geschäftspartners bevorzugte Art von Getränk lieferte.
»Hör’n Sie, Herr Hammacher«, und Steffen würgte einmal kurz im Kielwasser seiner Efflation, »ein paar gute Marken sind dabei. Definitiv. Die verscheuern Sie locker für Hälfte Michel und kassier’n – nur für die paar Marken! – fünfhundert oder siebenhundertfünfzig Euro. Ich sage Ihnen was, ich verkaufe Ihnen alles für dreihundertfünfzig Euro. Dreihundertfünfzig Euro und der Deal ist perfekt.« Doch Hammacher schüttelte nur zierlichst das glatte schwarzhaarige Haupt, eine Geste, die recht nett mit den Nadelstreifen seines Jacketts korrespondierte.
»Herr Hammacher, sei’n Sie kein Frosch! Dreihundertfuffzich! Schlagen Sie ein!«, lockte der Philatelie-Novize kameradschaftlich.
»Mehr als dreihundert kann ich Ihnen dafür nicht geben«, bestätigte der Dunkle.
Steffen blickte mich kurz an, aber ich konnte nur hammacherzierlich mit den Schultern wippen. Ich klebte Briefmarken immer bloß auf Briefe, und die Kenntnis, die nötig gewesen wäre, Steffen zu unterstützen, hatte mit dem heutigen Tag nur einen ersten zarten Keim getrieben.

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Mehr über und von Guido Seifert auf seiner Website.

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