16. März 2014

'Rachezwang' von Michael Linnemann

Der achte Teil der "Rache"-Thriller mit einem neuen Fall für Nora und Tommy.

Innerhalb weniger Tage erschießt ein Heckenschütze mehrere Frauen in Göttingen. Anfangs sieht es für die Hauptkommissare Nora Feldt und Thomas Korn danach aus, dass der Täter die Opfer wahllos getötet hat. Dann finden sie jedoch eine entscheidende Verbindung zwischen den Frauen, wodurch sie auf die Spur des mutmaßlichen Mörders stoßen.

Doch noch während sie ihn jagen, nimmt der Fall eine plötzliche Wendung – und Nora und Tommy müssen einsehen, dass es um viel mehr geht als um einen wahnsinnigen Heckenschützen …

Gleich lesen: "Rachezwang - Der neue, achte Fall für Nora und Tommy" von Michael Linnemann

Leseprobe:
Vor ihrem inneren Auge sah sie das Blut bereits aus der Wunde fließen. Die rote Farbe hypnotisierte sie. Sie konnte ihren Blick kaum abwenden. So wunderbar war der Anblick.
Wenn bereits meine Vorstellung von dem Mord so unbeschreiblich ist, wie muss sich dann erst die richtige Tat anfühlen? Ich kann es mir kaum ausmalen. Wann kommt er endlich zurück? Wann kann ich ihm das Messer in seine Brust jagen?
Beate Hinterthal tippte ungeduldig mit den Fingern auf der Tischplatte herum. Ihre Fußspitzen wippten seit geraumer Zeit auf und ab. Ihr Herz pochte von Minute zu Minute schneller. Sie wusste, dass es absoluter Irrsinn war, den Mord zu begehen. Aber es musste sein. Es gab nun einmal Dinge, die sie sich nicht bieten lassen konnte. Von niemandem. Mochten die Konsequenzen auch noch so grausam sein – manchmal musste ein Mensch zum äußersten Mittel greifen.
Ihr Blick fiel auf die Küchenuhr. Es war kurz nach 19 Uhr an diesem tristen Novembertag. Draußen war es bereits dunkel. Nur die Straßenbeleuchtung spendete ein wenig Licht. Allerdings war ausgerechnet die Lampe, die vor Beates Haus stand, seit einigen Tagen defekt. Zwar hatte Beate schon bei der Stadt angerufen, aber die Verantwortlichen schienen Wichtigeres zu tun zu haben, als sich darum zu kümmern. Kaffee trinken und dummes Zeug reden, vermutete Beate. Noch vor ein paar Wochen hätte sie sich richtig darüber aufgeregt. Sie regte sich liebend gerne über alle möglichen Sachen auf. Dabei bedeutete es ihr nicht einmal wirklich etwas, ob die Straßenlaterne funktionierte oder nicht. Vielmehr war sie von Natur aus eine aufbrausende, streitsüchtige Person. Das wusste sie selbst. Aber sie konnte es nicht ändern. Es lag in ihren Genen, sich immer über Kleinigkeiten auszulassen. Ihre Bekannten und Nachbarn konnten ein Lied davon singen.
Heute scherte es Beate jedoch nicht, dass wieder ein Tag verstrichen war, ohne dass die Beamten von der Stadt aufgekreuzt waren, um die Lampe zu reparieren. Wenn Beate ehrlich war, dann hatte sie sogar schon in der letzten Woche keinen Gedanken mehr daran verschwendet.
Seit dem Tag, an dem sie beschlossen hatte, eine Mörderin zu werden.
Nach einem weiteren Blick auf die Uhr trat sie vor das Fenster und schaute hinaus. Direkt vor der Haustür brannte eine kleine Lampe, die den Ausfall der Straßenlaterne zumindest ein wenig kompensierte. Dank der Lichtquelle konnte Beate alles sehen, was sie sehen wollte: Die Garage, den Vorgarten, den Kiesweg.
Noch war allerdings nichts von Werner zu sehen. Weder bei der Haustür noch bei der Garage. Wie üblich verspätete er sich. Als Steuerberater arbeitete er eigentlich von 8 Uhr morgens bis 17 Uhr abends. Dann fuhr er meistens direkt nach Hause. Doch seit ein paar Wochen war es anders. Er kam frühestens um 18 Uhr heim. Natürlich wusste Beate, woran das lag. Ihr war schmerzlich bewusst, was Werner ihr antat. Es war das typische Klischee. Dummerweise war an einem Klischee aber immer viel Wahres dran. Und Werner bewies das – vermutlich mit vollem Körpereinsatz – jeden Abend aufs Neue. Zu Beginn hatte Beate noch gehofft, dass es eine harmlose Erklärung für seine Verspätungen geben würde. Mit der Zeit war sie jedoch zu der Erkenntnis gelangt, in einer Traumwelt zu leben.
Letztlich hatte sie den Entschluss gefasst, dem ganzen Treiben ein Ende zu setzen.
Eine Scheidung kam für sie nicht in Frage. Sie wollte Werner vernichten. Das hatte er nach der Demütigung verdient. Er hatte es sich selbst zuzuschreiben. Zumal er wusste, wozu Beate fähig war. Demnach hätte er sich denken können, was sie mit ihm anstellen würde, sobald sie von seiner Untreue erfuhr. Hatte er darauf spekuliert, dass sie es niemals erfahren würde? War er so naiv und dumm? Kaum jemand konnte eine Affäre vor seinem Partner verheimlichen. Schon gar nicht über einen langen Zeitraum hinweg.
Warum hatte Werner das nur gemacht? Gab Beate ihm nicht alles, was er wollte? War er mit ihr nicht immer glücklich gewesen? Verschaffte die Affäre ihm einen Kick? Es musste wohl so sein. Eine andere Erklärung konnte Beate sich nicht denken. Er schien sich dadurch stark zu fühlen. Typisch Mann.
Doch schon bald würde er nichts mehr fühlen. Gar nichts mehr.
Wieder sah Beate das Blut aus der Wunde fließen. Sie stieß ihm das Messer immer tiefer in die Brust. Mit Genugtuung schrie sie auf, während Werner völlig überrumpelt nach hinten taumelte.
Noch stand Beate aber am Fenster. Ungeduldig. Lauernd. In wenigen Minuten würde Werner in seinem Mercedes die Auffahrt hochfahren, das Garagentor öffnen und den Wagen abstellen. Dann käme er mit einem unschuldigen Dackelblick über den Kiesweg, um anschließend die Haustür aufzumachen. Ein letztes Mal müsste Beate dann sein scheinheiliges ‚Schatz, ich bin wieder da!’ hören. Denn schon im nächsten Moment würde sie auf ihn losstürmen und ihn ermorden. Möglicherweise hätte er noch genug Zeit, um die Haustür wieder zu schließen. Ja, das wäre vermutlich sogar besser, damit es garantiert keine Zeugen gab. Zwar würde bei den kalten Temperaturen sowieso niemand draußen sein, aber sicher war sicher.
Und dann wäre Beate so gut wie frei. Mit Genuss würde sie Werner bei seinem Todeskampf betrachten. Die weit aufgerissenen Augen. Der ungläubige Blick. Die Panik. Er wüsste nicht, was in sie gefahren war. Und er würde es auch niemals erfahren. Beate war sich sicher, dass er nach dem Messerstich höchstens noch zehn Sekunden leben würde. Je nachdem, wie gut sie ihn traf. Lange Zeit hatte sie überlegt, ob sie ihm die Klinge direkt ins Herz jagen sollte, um ihm einen schnellen Tod zu schenken. Aber den Gedanken hatte sie schließlich verworfen. Werner sollte leiden. Er sollte den Schmerz so intensiv und so lange wie möglich spüren. Insgeheim hoffte Beate, dass die Sekunden nach dem Stich die gebündelte Pein widerspiegelten, die er ihr in den letzten Wochen angetan hatte. Auch wenn psychisches Leid nicht mit physischem Schmerz gleichzusetzen war, wünschte Beate sich auf die Weise den größtmöglichen Horror für ihren Ehemann.

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