15. April 2014

"Die Frau, die sich nicht umdrehte" von Elsa Rieger

Ein Erzählband. Ich spaziere durch Städte, bevorzugt durch meine Geburtsstadt Wien, und sehe zwischen den flanierenden Menschen eine Gestalt, die sonst keiner erblickt. Ich entdecke in diesem rothaarigen Mädchen eine Geschichte. Ihre Geschichte von Liebe und Qual, in der sie sich einem Mann ausliefert, sich seiner Obsession hingibt, die letzten Endes ihr Tod sein wird. Nein, ich denke, sie wird es überleben und fortan als wahre Königin durch das Leben wandeln. Warum? Weil sie zu reizend ist, um sie sterben zu lassen.

Oder ich sitze im Kaffeehaus nahe der Hofburg, und sehe nicht, dass der alte, magere Mann seine Adlernase in einen Cognacschwenker senkt, um den Duft des Weinbrands aufzusaugen, der ihm Sekunden von Erinnerungen an eine bessere Zeit schenkt, lange, ehe er von den Nazis nach Auschwitz verschleppt wurde, lange, bevor er halbnackt und abgemagert in eine Stadt heimkehrte, in der die Einwohner nur ein paar Schritte vom Kaffeehaus entfernt auf dem Heldenplatz „Heil!“ gebrüllt haben.

Ich schreibe über das, was ich nicht sehe, aber dennoch über alles, was es geben könnte. Vielleicht.

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Leseprobe aus "Amour fou":
Carlo nannte sie nur Rotkehlchen. Getauft war sie auf den Namen Rita nach der Großmutter, doch ihre Eltern riefen sie zärtlich bei diesem Kosenamen. Ihr Geliebter hatte ihn bei dem einzigen Besuch in ihrem Haus aufgeschnappt.
‚Rotkehlchen’ passte wie die Faust aufs Auge zu Rita, sie war mit einem großflächigen Feuermal auf ihrem Dekolletee zur Welt gekommen.
Diese Hautanomalie sah aus wie ein Herz, das auf dem Kopf steht, genau so, wie es diese Vogelart auf der Brust trug. Flammend rot. Der Zufall oder die Ironie wollten es, dass das Mädchen auch noch rote Haare hatte.
In der Schule zog Rotkehlchen nur hochgeschlossene Kleidung an, vom Schwimmunterricht hatte sie sich befreien lassen; keiner sollte ihren Makel sehen. Der roten Haare wegen verspottet zu werden, reichte ihr vollkommen. Sie trug sie ganz kurz, was zu ihren zarten Gesichtszügen ausgezeichnet passte.
Nun war sie zwanzig und hatte sich unsterblich in Carlo verliebt, der doppelt so alt wie sie war. Kennengelernt hatte sie ihn in einer Eisdiele. Sie las gerade Die Brust von Philip Roth und amüsierte sich königlich über die Absurditäten, während sie nebenher Pistazieneis löffelte, als ihr jemand übers Haar strich.
Nachdem sie nur wenige Menschen an sich heranließ, ihre Zeit vorwiegend damit verbrachte, zu lesen und kreuz und quer durch die Wälder rund um die Stadt zu laufen, hob sie erstaunt den Blick vom Buch.
Vor ihr stand ein eindrucksvoller Mann mit Sonnenbrille. Das Hemd fast bis zum Bauchnabel aufgeknöpft. Die breite, gebräunte Brust zierte ein Yin-Yang-Symbol an einer dickgliedrigen Kette, beides aus massivem Gold.
„Was für ein Zauberwesen“, lächelte er, „aus welchem Märchen bist du denn rausgestiegen?“

Ihre Eltern waren überhaupt nicht einverstanden mit der Beziehung, aber ihr war das egal. Nach einem fulminanten Streit zog sie daheim aus und bei Carlo ein. Er war Chef eines lukrativen Bordells, gewöhnt, von willigen Frauen umgeben zu sein.
„Ich steh total auf das Feuerherz über deinen Brüsten, Rotkehlchen“, sagte er, wenn sie Sex hatten und er diesen Fleck in Ekstase küsste. Dafür liebte Rotkehlchen ihn über alle Maßen.
Carlo hingegen hatte das junge Ding bald satt, er war es gewöhnt, sich zu nehmen, was er wollte, das brachte der Job mit sich. Deswegen sagte er nach ein paar Monaten: „Wir sollten deinen interessanten Körper nicht für uns behalten, das wäre egoistisch. Vielleicht magst du ja was ausprobieren?“
„Du meinst, ich soll als Hure arbeiten?“
Rotkehlchen war klug.
„Aber nein! Nur ein bisschen an der Stange tanzen, die Gäste erfreuen. Ist ja bestimmt langweilig, immer nur daheim herumzusitzen und auf mich zu warten, Süße.“
Verstört zog sie die Laufschuhe an und rannte in den Wald. Carlo dachte indessen über die Vermarktung des Mädchens nach.
Als Rotkehlchen erschöpft von der Enttäuschung auf einem Granitfelsen ausruhte, dachte sie über das Angebot nach. Vielleicht könnte sie ja im Freudenhaus einen neuen Mann kennenlernen, der sie wirklich ohne bösartigen Hintergedanken liebte? Es waren doch vor allem einsame Seelen, die es nötig hatten, Huren aufzusuchen. Ihr war klar, Carlo würde sie früher oder später dazu treiben, den Tanz an der Stange gegen den Tanz in der Horizontalen auszutauschen. Ihn zu verlassen, war keine Option; wo sollte sie hin? Die Eltern wollten nichts mehr von ihr wissen, gelernt hatte sie nichts, womit sie ihr Leben hätte finanzieren können, was blieb ihr übrig?
Sie hatte Carlo vertraut, ihn geliebt. Er war der erste Mann in ihrem Leben und sie hatte sich in ihrer Erscheinungsform angenommen gefühlt.
Rotkehlchen fröstelte, es wurde langsam Nacht, dennoch wollte sie auf keinen Fall heimlaufen, ehe sie eine Entscheidung getroffen hatte. Es war Ende Oktober und Nebel kroch zwischen den Baumstämmen auf sie zu.

Im Kindle-Shop: Die Frau, die sich nicht umdrehte

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