24. April 2014

"Zufällig Hawaii" von Sabine Landgraeber

Ein Reiseabenteuer. Luisa hat ihr Leben satt. Sie sitzt stundenlang am Computer, hängt nur noch im Internet rum und hat jeglichen Kontakt zum wirklichen Leben verloren. Ihr Freund Alex, den sie auch nur von Facebook kennt, lädt sie ein, ihn zu besuchen und so landet Luisa zufällig auf Hawaii. Doch anstatt mit einem Mai Tai und einem gut aussehendem Mann in Waikiki am Strand zu sitzen, findet sie sich unter einer Autobahnbrücke wieder, überfallen und ausgeraubt.

Luisa versucht Anja, ihrer ehemals besten Freundin, zu erreichen. Vergeblich. Der wortkarge Polizist Beni Korea will ihr helfen und scheint sehr an ihr interessiert zu sein. Aber dann bekommt Luisa noch viel größere Probleme und auch Detective Korea weiß keine Lösung. Anja ist die Einzige, die ihrer besten Freundin den Weg zeigen kann.

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Leseprobe:
Ich schnappte nach Luft und öffnete die Augen.
Manchmal wacht man auf und weiß genau, dass etwas nicht richtig ist. Ich lag nicht in meinem Bett, sondern auf dem Mittelstreifen einer vierspurigen Straße. Die Autos fuhren in hohem Tempo an mir vorbei. Die warme Luft schmeckte nach Staub und Abgasen. Ich versuchte mich aufzurichten und schaute in den Himmel, aber den gab es in diesem Albtraum nicht. Über mir befand sich eine weitere Straße, von der ich nur die graue, rußverschmutzte Unterseite sehen konnte. Ich rutschte über den staubigen Boden zu einem Betonpfeiler, lehnte mich daran und schloss die Augen.
Allein das Nachdenken über diese merkwürdigen Umstände nahm mir meine ganze Kraft. Ich fühlte mich wie betrunken und mein ausgetrockneter Hals schmerzte.
"Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“
Was für eine blöde Frage. Was sollte ich darauf antworten?
Ich öffnete wieder die Augen und sah ein paar schwarze Hosenbeine, direkt vor mir.
"Können Sie mich verstehen?"
Ein riesiger Mann ging ächzend in die Hocke, ich sah die Schweißperlen auf seiner Stirn, die unter seiner Mütze hervorrannen. Sein kurzärmliges schwarzes Hemd spannte über seinem Bauch. Seine Hand berührte meine Schulter. Polizeiuniform.
"Ma'am, Sie können hier nicht bleiben. Sie scheinen einen Unfall gehabt zu haben, tut Ihnen etwas weh?"
Ich musterte meinen Körper, der sich seltsam fremd anfühlte. Einen Unfall? Ich trug meine weite bequeme Boyfriend-Jeans, die, die man sich auch ohne Boyfriend kaufen konnte. Meine Füße steckten in den grauen, schnürsenkellosen Chucks. Ich bewegte meine Zehen, kein Problem. Hose und Schuhe waren ein bisschen schmutzig, was ja auch kein Wunder war, wenn man sich mal die Umgebung ansah, in der ich saß. Auch auf meinen nackten Armen konnte ich keinerlei Verletzungen erkennen, und das blaue T-Shirt war noch so, wie es sein sollte.
"Du siehst wirklich Scheiße aus", kam es von meiner Linken. In einiger Entfernung saß ein zotteliger, dürrer Mann auf einer Decke aus Zeitungen. Ein mit Dosen gefüllter Einkaufswagen stand neben ihm.
Ich hatte Angst davor, etwas zu sagen, denn dann würde das alles hier zur Realität werden. Ich suchte die Umgebung nach Spuren eines Unfalls ab. War ich vielleicht aus einem Auto herausgeschleudert worden, das jetzt mit den Rädern nach oben im nächsten Graben lag? Ich konnte nur die Fahrspuren rechts und links von mir sehen und in einiger Entfernung einen weiteren Betonpfeiler. Ein warmer Windstoß wehte Staub und eine Plastiktüte an mir vorbei.
"Ma'am, kommen Sie jetzt mit?"
Ich nickte und versuchte mich hochzurappeln. Das war nicht so einfach, wie ich erwartet hatte. Der dicke Polizist hatte da auch so seine Schwierigkeiten, wieder in die Aufrechte zu kommen.
"Mein Name ist Officer Malawa, ich bringe Sie aufs Revier."
Ich konnte immer noch nicht sprechen und so nickte ich einfach. Der Polizist drehte sich zu dem Mann mit dem großen Dosenkontingent um.
"Tim, hast du irgendwas gesehen?"
"Nein, die saß schon da, als ich kam. Scheiße, Scheiße, Scheiße."
Er murmelte weitere unverständliche Worte vor sich hin.
"Tim lebt schon seit Jahren auf der Straße und das ist sein Platz", entschuldigte der Officer das wirre Gebrabbel des Mannes.
"Kommen Sie."
Ich folgte ihm hinter den Brückenpfeiler. Dort stand ein Streifenwagen. Er öffnete die hintere Tür und ich stieg ein. Es roch erstaunlich frisch und fruchtig.
"Wollen Sie vielleicht erst ins Krankenhaus?"
Er drehte mir den Rückspiegel so, dass ich mich darin sehen konnte. Ich rutschte vor und sah dabei auch die Ursache für den fruchtigen Duft. Auf dem Beifahrersitz stand ein geöffnetes Schälchen mit Ananasstücken.
Das, was ich im Spiegel sah, war schrecklich. Ich hatte eine Platzwunde auf der Stirn und geronnenes Blut klebte auf meinem Gesicht. Ich sah aus wie ein Zombie. Ich befühlte die Beule, aber die eigentliche Wunde schien nicht so groß zu sein, wie das viele Blut es vermuten ließ.
"Danke, kein Krankenhaus."
Ich sank zurück in den Sitz. Ich konnte es nicht mehr weiter verschieben. Das alles war kein schrecklicher Alptraum, es war real. Und dort sah sie ihn.

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Mehr über und von Sabine Landgraeber auf ihrer Website.



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