4. April 2014

'Centro: In der Tiefe' von Katharina Groth

Das Jahr 2075: Durch ein misslungenes Experiment ist das Überleben auf der Erdoberfläche nicht mehr möglich. Die Strahlung der Sonne hat die Menschheit in die Tiefen verbannt. Die 17-jährige Kay und ihre kleine Schwester leben in der Gesellschaft des Centro. Sie bietet Schutz und Nahrung. Doch der Preis dafür ist hoch. Strenge Gesetze regieren den Alltag in dem modernen Bunker, der von Wissenschaftlern geführt wird.

Am Rande der Gesellschaft, versucht Kay das Überleben von sich und ihrer kleinen Schwester zu sichern. Als es zu einem Aufstand kommt, gelingt den Mädchen die Flucht in die Tiefen des Gebirges, doch auf das was sie dort erwartet, waren sie nicht gefasst ...

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Leseprobe:
Die verkohlten Überreste des einstigen Stadtwaldes rasten an mir vorbei. Übelkeit überkam mich sofort, als der unverkennbare Geruch von verbranntem Holz in meine Nase stieg. Ich atmete tief durch, aber das beengende Gefühl in meiner Brust blieb. Stumm bezeugten die schwarzen Baumstümpfe das Unglück aus vergangener Zeit. Als heiße Luft in meine Lunge drang, trat ich kraftvoll in die Pedale meines Drahtesels. Marcie hasste es, wenn ich diesen Weg nach Hause einschlug. Ich sah ihre verschränkten Arme, die zusammengepressten Lippen und ihre zu Schlitzen verengten Augen bereits deutlich vor mir. Es lief jedes Mal auf das gleiche Streitgespräch hinaus. Ein Blick zur aufgehenden Sonne trieb mich zur Eile an. Mein Brustkorb schmerzte, unter dem heißen Wind und zwang mich, stoßweise zu atmen. Erleichtert bemerkte ich, dass ich die ersten Gebäude der Vorstadt passiert hatte. Verfallene Häuser säumten die Straße. Es wurde zu einer wahren Zitter-Partie, als mein Rad über den unebenen Boden holperte. Das Muster, welches die Hitze, in den Betonboden gesprengt hatte, vibrierte durch meinen Körper. Ein Stück vergessene Geschichte begleitete mich, wenn ich dieses Areal durchquerte. Die Älteren unter uns schwiegenüber das, was geschehen war. Eine Ahnung, dass es sich um mehr als ein misslungenes Experiment handelte, umgab mein Bewusstsein wie ein düsterer Schatten. Das Gefühl von Trauer und Tod, welches an diesem Ort vorherrschte, ließ sich weder abschütteln noch leugnen. Das Schweigen der Greise bedeutete in meinen Augen, dass man über diese Epoche nicht mit Stolz erfüllt seinen Enkeln erzählte. Ich entspannte ein wenig, als ich mich dem Zentrum der verfallenen Stadt näherte. Es war nicht mehr weit. Das gab mir Hoffnung. Unvermittelt durchbrach ein Knistern die Stille und ließ mich zusammenfahren. Zischend stieß ich Luft aus, als mein Blick auf die Planen an den Häuserwänden fiel. Ich las die Parolen »Rettet die Erde!«, »Alternative Energien sind die Zukunft!« und unterdrückte ein bitteres Lachen. Aus meiner Sicht verspotteten diese Überreste längst vergangener Zeit die Überlebenden, die sich hierher verirrten. Keuchend vor Anstrengung, hob ich den Kopf und beobachtete kurz den feuerroten Ball am Himmel. Trotz des dünnen Overalls und meines dunklen Teints, spürte ich wie meine Haut unangenehm zu brennen begann. Zwanzig Minuten, von denen zehn vergangen waren. Mehr Zeit gab mir die Sonne an diesem Ort nicht. Ich schalt mich für mein misslungenes Zeitmanagement. Obwohl ich wusste, dass mich keine Schuld daran traf, dass Lichtfilter Nummer vier seinen Dienst versagt hatte. Niemand der anderen Erntehelfer war so lange geblieben wie ich. Enttäuschung durchströmte mich, als mir erneut bewusst wurde, dass sie mich zurückgelassen hatten, während ich noch fluchend an der Sonnenklappe gezerrt hatte. Dabei sollten sie eigentlich wissen, wie wichtig die Klappen für das Gelingen unserer Ernte waren. Schirmten sie die Pflanzen nicht tagsüber von der Sonne ab, waren drei Monate Arbeit vollkommen umsonst gewesen. Und doch dachte jeder von ihnen nur daran seine eigene Haut zu retten. Mir entfuhr ein wütendes Schnauben. Mit Mühe unterdrückte ich den Ärger und konzentrierte mich auf die gleichmäßigen Bewegungen meiner Beine. Sich darüber aufzuregen, kostete unnötige Energie. Und wenn ich jetzt eines brauchte, dann genug Kraft. Meine Gedanken kehrten zu Marcie zurück und ihre Sorge um mich, die sie einmal mehr auszustehen hatte. Sie hegte wenig Verständnis, für meine Opferbereitschaft gegenüber dem Centro. Doch tat ich das tatsächlich? Bis zu ihren offenen Vorwürfen hatte ich immer gedacht, unser gemeinsames Überleben wäre es, für das ich mich aufopferte. Die letzten Monate hatten uns viel abverlangt und der Gedanke daran, dass es dieses Mal nicht ausreichen würde, hatte unangenehm an meinem Unterbewusstsein genagt. Keuchend raste ich durch die Gassen und genoss den Schatten, der von den Gebäuden ausging. In der Dämmerung noch fünf Minuten, doch in Anbetracht der steigenden Sonne benötigte ich heute sicher doppelt so lange. Mein Pferdeschwanz hatte sich gelöst, sodass schwarze Strähnen feucht auf meiner Stirn klebten. Die dunklen Haare meines Vaters umgaben, dick und leicht gewellt mein ovales Gesicht mit der olivfarbenen Haut. Sie reichten knapp bis unter meine Schulterblätter. Wenn man meine Schwester betrachtete, sah man die tiefrote Mähne meiner Mutter sowie die weiße fast durchscheinende Haut, die sie nahezu zerbrechlich wirken ließ. Ihre Statur war im Gegensatz zu meiner, welche eher kurvige und sportliche Attribute aufwies, elfenhaft-zart. Mit ihren vierzehn war sie vier Jahre jünger als ich.

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