1. April 2014

"Nora Morgenroth: Die Gabe" von Kerstin Michelsen

Ein übersinnlicher Krimi. Es geschieht mitten in der Nacht auf einer verschneiten Autobahn: Nora Morgenroth, frisch geschieden, übersteht nahezu unbeschadet einen schweren Autounfall. Sie hat Glück gehabt, doch bald nach dem Unfall wird Nora von seltsamen Träumen und Stimmen heimgesucht. In der Wohnung, die sie nach der Trennung von ihrem Mann bezogen hat, verstärken sich die Visionen.

Dann erfährt Nora, dass dort vor kurzem noch eine junge Frau gelebt hat, die unter ungeklärten Umständen ums Leben kam …

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Leseprobe:
Ich höre die Stimmen der Verstorbenen. Das ist eine Tatsache.
Es begann mit dem Unfall, daran besteht für mich kein Zweifel, auch wenn das, wie ich einsehe, noch lange keine Erklärung ist. Einen Beweis für diese Gewissheit kann ich jedenfalls nicht vorweisen. Wie sollte ich auch? Und dennoch ist es so. Ich kann mein Leben ganz eindeutig in ein Vorher und Nachher unterteilen. Das begann oder endete, je nachdem, wie man es betrachten will, am 26. Dezember des vergangenen Jahres. An den Unfallhergang habe ich keine Erinnerung, auch nicht an das, was unmittelbar danach geschah. Ich weiß, was sich in den Stunden zuvor zugetragen hat, wie ich mit Hedda und Marc, die mich rechts und links untergehakt hatten, aus der Bar unten am alten Fischmarkt torkelte und wir lachend in den Wagen stiegen. Hedda hatte nicht getrunken, auf jeden Fall am wenigsten von uns dreien. Am Anfang des Abends, im China-Restaurant, hatte sie ein kleines Bier zu ihrem süß-sauren Schweinefleisch bestellt, danach nichts mehr. Das konnte ich der Polizei gegenüber später bezeugen. Auch die Blutuntersuchung hatte nichts anderes ergeben. Der Restalkohol in Heddas Blut war verschwindend gering gewesen, jedenfalls weit unterhalb der gesetzlich erlaubten Höchstgrenze.
Es wäre unmöglich, rekonstruieren zu wollen, worüber wir im Einzelnen geredet hatten und was uns so überaus komisch erschienen war. Ich mochte meinen Schwager ja nicht einmal besonders – normalerweise. Ein Mittvierziger, dessen sportliche Jahre lange zurücklagen und der sich für meinen Geschmack zu sehr bemühte, noch jugendlich zu wirken. Doch an diesem Abend fand ich ihn richtig prima, betrunken, wie ich war.
Hedda lachte über unsere Albernheiten. Erst als wir die Stadt hinter uns ließen, wurde sie stiller und konzentrierte sich auf das Fahren. Der Schneefall hatte zugenommen. Die Autobahn war nahezu leer. Nur selten kamen uns andere Scheinwerfer entgegen. Kein Wunder, es war mitten in der Nacht, und wer nicht hinaus musste, blieb bei dieser Witterung lieber zuhause.
„Seht mal! Irre, oder?“, rief Marc und rutsche auf der Rückbank nach vorne. Er deutete auf die Windschutzscheibe. Vom Scheinwerferlicht angeleuchtet, tanzten uns die Flocken entgegen. Es war hypnotisierend. Ich lehnte meinen Hinterkopf an die Nackenstütze und starrte nach draußen. Vielleicht lag es an dem Alkohol, der durch meine Adern floss. Plötzlich konnte ich die Augen nicht mehr abwenden. Es war, als flögen sie nur für mich. Die Welt außerhalb des Wagens hatte aufgehört zu existieren. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, dass Marc sich wieder zurückgelehnt hatte. Die Scheibenwischer quietschten wie besessen von einer Seite zur anderen, doch gegen den wilden Flockenflug konnten sie kaum etwas ausrichten. Die Nacht, in die wir hinein fuhren, war eine undurchdringliche, schwarz–weiß gepunktete Wand. Mit einem Mal war ich entsetzlich müde und sehnte mich nach meinem Bett. Bis Erzfeld hatten wir noch mindestens zwanzig Minuten zu fahren, bei der zunehmenden Glätte sogar eher mehr. Ohne mich umzusehen, spürte ich, dass auch bei Marc die Stimmung umgeschlagen war. Er seufzte ungeduldig.
„Herrgott, Hedda, ein bisschen schneller könntest du schon fahren!“
Schweigen.
„Hallo?“
„Ich habe dich gehört“, kam es von meiner Schwester ebenso gereizt zurück.
„Warum antwortest du dann nicht? Und wenn du so weiter fährst, sind wir morgen früh noch nicht zuhause!“
Nicht jetzt, dachte ich, jetzt keinen Streit.
Was war passiert? Eben noch hatten wir uns vor Lachen gekringelt, doch mit einem Mal knisterte die Luft vor Feindseligkeit. Vielleicht war sie die ganze Zeit vorhanden gewesen und ich hatte es nur nicht gespürt, nicht spüren wollen. Beziehungsstress hatte ich selbst genug gehabt in den letzten Monaten, mein Bedarf war gedeckt. Dies sollte mein Abend sein, so hatten wir es verabredet: Erst der alljährliche Gänsebraten bei Mutter in Vallau, danach wollten wir uns zur Belohnung für die überstandene Langeweile in das Nachtleben der Großstadt stürzen. Das war mein Weihnachtswunsch an die beiden gewesen. Ich wollte feiern und für einen Abend alles abwerfen, die Scheidung, die triste neue Wohnung, meine finanziellen Sorgen und nicht zuletzt Mutters vorwurfsvolle Blicke.
Das gleichmäßige Brummen des Wagens war einschläfernd. Meine Lider wurden immer schwerer. Ich dachte noch, oh Gott, ich kann einfach nicht mehr, auf den letzten Drink hätte ich doch lieber verzichten sollen.
Als Hedda aufschrie, riss ich die Augen auf und wusste nicht, wo ich war.
„Was zum Teufel …“
Ich wurde in den Sitz gepresst, als säße ich in einem Karussell. Alles drehte sich, viel zu schnell. Es fühlte sich an, als müsste ich mich übergeben. Erst als es ohrenbetäubend knallte und wir kopfüber fielen, wurde mir klar, dass mir nicht einfach nur schwindelig geworden war. „Hedda!“, schrie ich noch oder ich glaubte zumindest, dass ich es war, die rief. Jedenfalls war das letzte, was ich hörte, der Name meiner kleinen Schwester. Dann ein heftiger Schlag und lauter Knall. Und dann Stille.

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