5. Mai 2014

"Opfer 1 - 4" von Peter Gallert und Jörg Reiter

Kurzkrimis von den Agatha-Christie-Krimipreisträgern 2014: Ein Jedermann findet bei einer Zen-Meditation Erleuchtung durch eine Enthauptung. Eine Hausfrau entdeckt einen Doppelmord und zieht das große Los. Ein Kommissar hat einen Kopf zu wenig und eine Whiskeyflasche zu viel. Eine Kellnerin ist dem Tod näher als ihrer Heimat. Geschichten von Opfern und Mördern.

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Leseprobe aus "Kleinmann befreit sich":
Jetzt war es zu spät. Wenn er jetzt wieder aufstand, würden sich alle Augen auf ihn richten. Die Wucht der Blicke würde ihn noch vor dem ersten Schritt auf die Holzbank zurückwerfen. Undenkbar, es quer durch den Sitzkreis zu dem anderen noch freien Platz gegenüber zu schaffen. Er lugte über seine Schulter. Der Gekreuzigte hing direkt über ihm an der Wand. Blut quoll unter den Dornen hervor. Es sah echt aus. Kleinmann rutschte unwillkürlich an die Vorderkante der Bank um nichts abzubekommen. Er musterte die anderen. Niemand sprach laut. Er spürte das Kruzifix wie eine wunde Stelle im Nacken. Morgen würde er sich einen anderen Platz suchen. Nein, hier wollte er ehrlich zu sich sein: Er hatte seinen Platz gewählt, er würde damit leben.
Der Meister kam herein. Er trug eine schwarze Robe. Sein Schädel war kahl, sein Bart weiß, sein Gesicht nicht freundlich. Kleinmanns Unsicherheit wuchs. Stille spannte sich im Kreis. Der Meister schritt mühelos hindurch. Er schloss die Lücke gegenüber von Kleinmann. Damit war das Thema Platzwahl erledigt. Der Meister begrüßte die Teilnehmer und führte die Neulinge in das Zazen ein. Kleinmann verspürte den Drang mitzuschreiben. Am Ende gab der Meister ein Thema für das Sesshin aus: Die Suche nach dem freien Ich.
Mit dem Abendessen im Refektorium des Klosters begann das Schweigen. Die Lautstärke und Rücksichtslosigkeit, mit der manche Ich-Suchende aßen, erschütterte Kleinmann. Er belegte sein Brot mit Käse. Er mochte keinen Käse, aber Wurstaufschnitt gab es nicht. Nach dem Essen ging Kleinmann auf sein Zimmer. Darin standen ein Bett, ein Schrank, ein Tisch und ein Stuhl. Die Wände waren gekalkt, das Bett war weiß bezogen. Ein schmales Holzkreuz über der Tür störte die perfekte Leere des Raums. Das Fenster ging auf den Klosterhof hinaus. Er konnte die Berge nicht sehen, aber der Himmel dämmerte eifelgrau.
Kleinmann packte aus und räumte seine Sachen in den Schrank, auch die Reisetasche. Er zog sich aus. Die Schuhe stellte er unter den Stuhl, die Kleider hängte er über die Lehne. In Unterwäsche schlüpfte er ins Bett. Die Decke fühlte sich klamm an. Er lag regungslos. Die Verbrühung auf seinem Handrücken juckte unter dem Verband. Er wollte nicht an Karla denken. Er stand wieder auf, nahm seine Kleider vom Stuhl, hob die Schuhe auf und verstaute alles im Schrank. Dann legte er sich wieder hin, auf den Rücken, ganz gerade. So war es besser.
Ein anschwellendes, blechernes Tönen riss ihn aus dem Schlaf. Es war noch dunkel. Er hatte es sich schöner vorgestellt, von einem Gong geweckt zu werden. Er sprang auf, zog sich rasch an. Trotzdem war er der Letzte auf dem Gang. Hatten die anderen in ihren Kleidern geschlafen?
Auch die Meditation begann mit einem Gong. Viele knieten im Seiza, dem Fersensitz, auf ihrem eigenen Kissen. Kleinmann hatte kein Kissen. Er konnte auch nicht knien. Er saß auf der breiten Holzbank, die Füße auf dem Boden, den blutenden Jesus im Nacken, die Augen halb geschlossen. Seine Lider zitterten. Er schloss sie ganz. Er betrachtete den Fluss seines Atems, seiner Empfindungen und Gedanken. Der Mann neben ihm atmete lauter und brachte Kleinmann aus dem Rhythmus. Er ärgerte sich und sah Karlas verächtliches Lächeln vor sich. Er öffnete seine Augen. Jeder im Raum war hoch konzentriert, der Meister eine Statue achtsamer Stille. Kleinmann versuchte es erneut. Als der Gong die Stunde beendete, war Kleinmann sicher, dass keiner so gründlich versagt hatte wie er.
Nach dem Frühstück, wieder in wortlosem Lärm, stand für alle Samu an, meditative Arbeit. Kleinmann hatte sich für die Küche gemeldet. Eine riesige Schüssel voller Kartoffeln stand zwischen ihm und einer Frau. Er hasste Küchenarbeit, aber er war geübt darin. Er schälte schnell und sauber. Die Frau lächelte ihn an. Sie war nur halb so alt wie er. Er mochte ihr Lächeln nicht. Sie nahm eine Kartoffel, die er geschält hatte, wieder aus dem Kessel und entfernte ein Auge, das er übersehen hatte. Sie lächelte die ganze Zeit. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, rollte wie ein Welle über ihn hinweg. Er wollte sorgfältiger arbeiten. Das klappte nicht, es klappte nie, er wurde nur fahrig. Die Frau fand weitere Makel. Er zeigte Gleichmut. Sie glaubte ihm nicht, das sah er.

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