6. Mai 2014

'Victoria Bitter - Geschichten aus dem australischen Winter' von Alex Tannen

Eine Feldstudie über Australiens weiße Ureinwohner in 15 Kapiteln. Bier als Hauptnahrungsmittel und Ersatzwährung, aufs Brot geschmierte Linsensuppe und ein Englisch, das man auch nach vier Monaten nicht versteht: Die Realität in Australiens Outback übertrifft alle Klischees. Vier Monate hat der Berliner Alex Tannen in einer Baufirma im Busch gearbeitet – mit liebevoll-rauen, kauzigen Bauarbeitern, die nach Sonnenuntergang vor allem trinken. Alkohol ist daher der rote Faden der Geschichten über seine eigenwilligen Kollegen und ihren Alltag am geografischen Rande der australischen Gesellschaft.

Tannen war im Juni in Australien gelandet … und der Winter hat ihn kalt erwischt. Denn es ist ein Mythos, genährt durch geschicktes Marketing, dass es down under immer warm ist. Dank eines improvisierten Kamins, gebaut aus einer Waschmaschinentrommel, ist er nicht erfroren.

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Leseprobe:
Ein Alkoholladen, zwei Pubs, drei Tankstellen und vier Kirchen: Meine australische „working experience“ verschlägt mich nach Lake Cargelligo, einem 1.300-Einwohner-Ort am Rande des Outbacks, 700 km westlich von Sydney im Bundesstaat New South Wales gelegen. Während die Gegend fast nur aus Busch und trockenem Weideland besteht, liegt der Ort idyllisch am gleichnamigen See.
Die nächste Stadt, Griffith, ist 130 Kilometer entfernt, so dass mich Andie, mein Chef für die kommenden Monate, standesgemäß mit seiner Cessna 232 abholen lässt. Es gibt auch nicht viele andere Möglichkeiten zu fliehen: Einmal am Tag fährt ein Bus in einen unbedeutenden Nachbarort.
Zwar liegen viele Orte in Australien noch isolierter – aber anderthalb Stunden Autofahrt zum Zahnarzt dauern den Bewohnern wohl zu lange: Jedes zweite Gebiss dürfte den Ort schon seit mehreren Jahren nicht mehr verlassen haben. Zum Wegfahren gibt es sonst auch wenig Gründe – als Zentrum der Region verfügt Lake Cargelligo über eine Mainstreet mit Bäcker, Snackshops, Polizeistation, einem halben Dutzend Autowerkstätten, Post und Zeitungsladen (aktuelle Ausgaben kommen erst um zehn Uhr). Der Fleischer führt alles außer Känguru, während die beiden Supermärkte sogar Sauerkraut anbieten. Als ich einmal die letzten vier Büchsen gekauft hatte – ich war mit Kochen dran und habe natürlich etwas klischeehaftes serviert – , stand eine Woche später wieder Nachschub da.
Dort, wo sich kein eigener Laden lohnt, werden die Geschäftsbereiche zusammengelegt: Der deutschstämmige Shell-Tankwart Mister Schneider trägt auch Pakete aus und repariert Rasenmäher – in Australien genauso wichtig wie Grills. Die BP-Tankstelle, vom ebenfalls deutschstämmigen Mister Heinz betrieben, beherbergt die größte Videothek am Ort, und die Niederlassung des staatlichen Energieunternehmens Country Energy unterhält das Internetcafé. In der Bibliothek werden gleichzeitig Autos registriert.
Inklusive Friseur und Heilsarmee hat der Ort alles, was man braucht – es sei denn, jemand benötigt ein DVD-Gerät oder die aktuellsten Playstation-Spiele: Anders als die Leute, die Zahnschmerzen haben, fährt mein neuer Freund Bill allein wegen einer frisch veröffentlichten DVD anderthalb Stunden nach Griffith. Kaum hält er den Film in seinen Händen, kehrt er wieder um. Als Bushie mag er keine Städte.

Meine Kollegen verlegen hauptsächliche große Wasserrohre und scheinen einem Drehbuch entsprungen zu sein:
George: Mitte 40, ein Harley-Davidson-Typ mit grauem Ho-Chi-Minh-Bart, landet im Krankenhaus, weil ihn ein 400 Kilogramm schweres Rohr getroffen hat, das in den Graben gerollt ist, in dem er gerade stand; es ist mein zweiter Tag auf der Baustelle, und er überlebt wie durch ein Wunder;
Antony: ein intellektueller Ex-Polizist, Ende 50, der angeblich an Georges Unfall Schuld ist und deswegen freiwillig die Firma verlässt, irgendwo hat er das deutsche Wort „Katzenficker“ aufgeschnappt;
Steve: ein Halb-Aborigine, Ersatz für George, braver, zuverlässiger Familienvater, als einziger der Truppe kommt er aus Lake Cargelligo und trinkt keinen Alkohol;
Martin: Anfang 60, ein erfahrener Buschpilot und Ex-Fluglehrer mit Opalmine, den ich nicht verstehe; er kümmert sich ausschließlich um Arbeitsschutz, legt also nicht selbst Hand an; außerdem fliegt er die Firmenmaschine, wenn etwas aus dem Baumarkt geholt werden muss; Fliegerzeitschriften und ein Magazin mit gebrauchten Baggern und Bulldozern sind seine Hauptlektüre;
Bill (Spitzname): mein bester Freund, ein liebenswürdiger Heißsporn, 28 Jahre, sieht aus wie 38, Typ „Rugby-Spieler“, Drei-Tage-Bart, trinkt täglich fünf 0,8-Liter-Flaschen Victoria Bitter-Bier, kifft für 100 Dollar die Woche, spielt martialische Playstation-Spiele und rast mit seinem 90-PS-Motorrad durch den Busch. Ihm fehlt zum Glück nur noch der Besuch des Münchner Oktoberfestes, von dem er mir jeden Tag vorschwärmt, kommt aus der Stadt Warren, genauso wie Robert;
Robert: Ende 30, ein Familienvater, der schon fünf Mal beim Drink-Driving erwischt wurde und deswegen kein Truckfahrer mehr ist, sondern hier arbeitet; als er – nach unzähligen Malheuren – den Pipeline-Graben mit teurem Sand statt kostenlosem Abraumboden zuschüttet, wird er entlassen. Zuvor hat er beim Reifenwechsel ein Lkw-Rad nur unzureichend befestigt: beim Fahren auf freier Strecke wird Andie vom vierten Rad seines Trucks überholt;
Andie: der Chef, vor 40 Jahren als 14-Jähriger mit seinen Eltern aus Deutschland eingewandert; ich muss aufpassen, dass ich nicht zu viel Deutsch mit ihm spreche, schließlich bin ich vorrangig zum Englischlernen nach Australien gekommen.

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