10. Mai 2014

"Nora Morgenroth: Der Hüter" von Kerstin Michelsen

Ein Thriller mit übersinnlicher Spannung. Vor Kurzem ist Nora Morgenroth mit ihrem Lebensgefährten Oliver in ein Haus auf dem Land gezogen. Sie ist verliebt und glücklich. Mit der Renovierung des malerischen Bauernhauses hat Nora außerdem alle Hände voll zu tun. Ja, eigentlich könnte alles perfekt sein, wären da nicht die quälenden Träume, die sie neuerdings heimsuchen. Die düsteren Bilder lassen Nora bald nicht mehr los. Und was hat es mit dem fremden Kind auf sich, das scheinbar in großer Not ist? Was ist Traum und was ist Wirklichkeit?

Auf der Suche nach dem Ursprung ihrer Visionen begeht Nora einen verhängnisvollen Fehler ...

Gleich lesen: "Nora Morgenroth: Der Hüter" von Kerstin Michelsen



Leseprobe:
Der Aufschrei riss mich aus dem Schlaf. Ich schlug in wilder Panik um mich. Licht, ich brauchte Licht. Es war so entsetzlich dunkel. Wo war ich, warum gab es keinen Lichtschalter? War ich etwa in das Loch gefallen, das sich eben noch wie ein schwarzer Schlund vor mir aufgetan hatte? Einen Aufprall hatte ich nicht gespürt, aber es war so schrecklich dunkel. Entsetzt keuchte ich auf.
«Nora, was ist denn?»
Das Licht ging an. Ich setzte mich auf und blickte um mich. Alles war gut. Oliver war da. Ich erkannte ihn und den Schrank und die Kommode und die Decke, die zusammengeknüllt zu meinen Füßen lag. Ich musste sie weggestrampelt haben, aber es war eindeutig meine Bettdecke und wir lagen in unserem wunderschön verschnörkelten Bauernbett. Es war antik, sehr groß und mit außergewöhnlichen Schnitzereien versehen. In wochenlanger, mühseliger Arbeit hatte ich es abgeschliffen und neu lasiert. Dies war unsere erste gemeinsame Nacht in dem alten, neuen Möbel und wir hatten es am gestrigen Abend würdig eingeweiht. Alles war genau so, wie es sein sollte. Es war nur ein böser Traum gewesen. Sehr, sehr böse.
Ich ließ mich auf das Kissen zurücksinken. Oliver zog die Decke über mich. Das alte Shirt, das ich zum Schlafen trug, war durchgeschwitzt. Ich fror.
«Was ist denn?», wiederholte er.
«Nur ein dummer Traum», murmelte ich und lehnte den Kopf an Olivers Schulter.
«Du hast laut geschrien!»
Ich zuckte zusammen. Eigentlich hatte ich angenommen, dass der Schrei in dem Traum vorgekommen war. Jemand hatte doch gequält aufgeschrien. Vielleicht sogar ein Tier? In höchster Not, der Schrei, kaum menschlich.
Aber so war es ja manchmal. Der Wecker klingelte und im Traum meinte man dann, dass es an der Tür läutete. Wenn ich im Schlaf geschrien hatte, dann hatte der reale Schrei sich in meine Traumbilder geschlichen. Die Augen fielen mir zu und ich spürte, wie ich erneut versank. Morgen konnte ich immer noch darüber nachdenken, ich war müde, einfach zu müde.

Am nächsten Tag war alles vergessen. Der nächtliche Alptraum mochte noch so entsetzlich gewesen sein, sobald der helle Tag übernommen hatte, war alles wie fortgewischt. Zum Glück. Lediglich ein vages Gefühl von Erschöpfung war geblieben und legte sich wie ein leichter Dunst über alles. Dämpfend. Wie es eben war, wenn man nicht gut geschlafen hatte. Mehr nicht. Nichts, was dem Grauen der nächtlichen Bilder nahe kam.
Unser Wecker in Form von Olivers Handy weckte uns aus einem unerfindlichen Grund zu spät. Wir mussten uns beeilen oder eher: Oliver musste es tun, denn obwohl es ein Sonntag war, wurde er zum Dienst erwartet. Das war oft so, bei der Kriminalpolizei gab es so etwas wie geregelte Arbeitszeiten nicht. Dennoch stand ich mit auf und bereitete ihm eine Tasse Kaffee, während er hastig duschte und sich anzog. Der Tee, den ich für mich selbst aufgesetzt hatte, war noch zu heiß, als Oliver mir einen eiligen Kuss auf die Lippen pflanzte und das Haus verließ.
Ich trat an das Küchenfenster und sah ihm nach, als er über das viel zu hohe Gras hinüber zum Wagen schritt. Bevor er einstieg, drehte Oliver sich um und blickte zu dem Fenster, an dem ich stand. Wie eigentlich immer, wenn er zur Arbeit fuhr. Es war ein kleines Ritual. Wir hoben gleichzeitig die Hand. Ich lächelte. Oliver stieg ein. Der Wagen wendete und verschwand hinter dem dichten Grün der Fliedersträucher, die unser Haus wie eine undurchdringliche Wand zur Straße hin abschirmten. Sie hingen voll von dicken Blütenrispen, die einen betörenden Duft aussandten.

Ich versank in meinen Gedanken. Es würde noch spannend werden, wie der restliche Garten im Sommer aussah. Wir waren erst im vergangenen Herbst eingezogen, in dieses etwas verwohnte, aber sehr heimelige ehemalige Bauernhaus in Altenstein, einem Zweihundert-Seelen-Dorf zwischen Erzfeld und Vallau. In einem Anfall von Leichtsinn hatten wir zugeschlagen und, obwohl wir uns zu dieser Zeit erst gerade ein Jahr kannten, zusammen das Haus gekauft.
Olivers Mutter hatte, als wir unsere Entscheidung verkündeten, die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und uns dann beide geküsst und beglückwünscht. Meine Mutter dagegen hatte uns steif die Hand gereicht und dann ihr Scheckbuch gezückt. Natürlich war sie beleidigt gewesen, dass wir ihre Dienste als Immobilienmaklerin nicht in Anspruch genommen hatten. Dabei wusste sie genau, dass wir uns die Art von Objekten, die sie vermittelte, auch in hundert Jahren nicht würden leisten können, geschweige denn wollen.
Für Oliver und mich war das Haus ein Glücksfall, der uns zu einer Zeit in den Schoß geplumpst war, als wir noch nicht im Entferntesten daran gedacht hatten, etwas Eigenes zu kaufen. Nicht einmal die Möglichkeit, dass wir zusammenziehen könnten, hatten wir mehr als spielerisch ins Auge gefasst. Wir waren beide sehr verliebt gewesen, denke ich, aber es hatte eben auch keine Eile gehabt. Dann hatte Oliver in einem Fall ermittelt, der ihn in die Nachbarschaft unseres heutigen Heims führte. Wie sich herausgestellt hatte, war der Tatverdacht unbegründet gewesen. Zur Entlastung des Verdächtigen hatte maßgeblich eine Zeugin beigetragen, die Oliver mehrmals befragen musste. Aus Rücksicht auf das Alter der Zeugin hatte er sie dann zuhause aufgesucht. Am Abend hatte er mir von dem gemütlichen Bauernhaus vorgeschwärmt. Dann musste er die Zeugin wegen einer Formalität ein letztes Mal aufsuchen. Bei dieser Gelegenheit bat Frau Martensen Oliver herein und servierte ihm einen vorzüglichen, von Hand aufgebrühten Kaffee. Als er sich schon verabschieden wollte, erwähnte sie ihre Entscheidung, das Haus zu verkaufen und in eine Seniorenresidenz in Vallau zu ziehen, wo die beiden erwachsenen Töchter mit ihren Familien lebten.
Drei Tage später saßen wir zu dritt in Ludviga Martensens Wohnküche und ich verstand, was Oliver an diesem Gemäuer so bezaubert hatte. Es war malerisch, wenn auch renovierungsbedürftig. Nur deshalb konnten wir es uns überhaupt leisten. Der Kaufpreis, auf den wir uns geeinigt hatten, war wohl für beide Seiten fair. Wir würden einiges an Zeit und Geld in die Renovierung stecken müssen, aber dafür bekamen wir auch ein gut zweitausend Quadratmeter großes Grundstück. Es war etwas verwildert, aber wunderschön. Und nun waren wir hier.

"Nora Morgenroth: Der Hüter" im Kindle-Shop

Mehr über und von Kerstin Michelsen auf ihrer Website.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen