2. Mai 2014

"Der Pakt des Seelensammlers" von Martin Krüger

Ein Horror-Thriller. Ein Hotel in den Bergen Washingtons. Für Jack Carver, Schriftsteller und Lieferwagenfahrer, endet eine gewöhnliche Dienstfahrt im Chaos. Als ein Wintersturm heraufzieht und das Hotel mitsamt allen Gästen inmitten von Schneemassen einschließt, wird aus Urlaubsvergnügen ein tödlicher Kampf um das Überleben. Es wird kalt, eisig kalt. Stimmen flüstern im Sturmwind.

Bald begreift Carver, dass dies kein gewöhnlicher Blizzard ist, der sie von der Außenwelt abgeschnitten hat. Etwas regt sich im dichten Schneegestöber. Und was auch immer dort draußen lauert, wird nicht ruhen, ehe sein Hunger gestillt ist ...

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Leseprobe:
Einunddreißig Vermisste. Dies ist die Geschichte, die von dem heftigsten Sturm erzählt, dessen Ausläufer die Stadt Brighton Lake seit ihrer Gründung im Jahr 1879 gestreift haben. Die Chroniken der Stadt berichten von nur einem Sturm, der ein ähnliches Ausmaß erreicht hatte und das war im Jahr 1945 gewesen – diejenigen, die wissen, was geschah, wenden sich ab, wenn sie gefragt werden.
Wir müssen uns wohl alle glücklich schätzen, dass dieser Sturm, obwohl (und hauptsächlich, weil) er so heftig war, die Stadt nur am Rande gestreift hat, sagte William Langdon, Chief des Brighton Lake Police Departments. Wie gut, dass dort oben, wo er am schrecklichsten wütete, nur wenige Menschen unterwegs waren. Und welch ein Unglück, dass ein Leck zu dieser bedauerlichen Explosion im Hotel geführt hat.
Einunddreißig Menschen verschwanden in diesem Sturm, allesamt Gäste und auswärtige Mitarbeiter jenes Hotels, das dort oben in den Wäldern lag. Verirrte Wanderer, schlecht angezogen, keine Planung, Touristen eben, die zu weit hinausgegangen waren und vom Sturm überrascht wurden. Hinterfragt wurde nichts. Wieso auch, es waren Unbekannte, die verschwanden. In Brighton Lake hielt man nicht viel von ihnen. Nach einigen Monaten legte der Chief den Fall zu den Akten und nach ein paar Jahren wusste niemand mehr, dass dort oben einmal Menschen spurlos verschwunden waren.
Einunddreißig.
Das Vergessen kam schnell in Brighton Lake.
Seltsam war nur, dass sich sämtliche Gäste des Hotels gleichzeitig in jenem Sturm verirrt haben mussten, seltsam war nur, dass niemand auch nur die geringste Spur von ihnen gefunden hatte.
Als hätten sie sich alle zugleich in Luft aufgelöst.
Der Platz wurde gemieden. Dort, wo der Sturm sein Auge geöffnet hatte, stand jetzt nur noch eine ausgebrannte Ruine jenes Hotels, das einst prächtig gewesen war.
Sie fragen sich, was dort geschah?
Ich will erzählen, was geschah.

22. November, 8.23 Uhr

Sie erreichen die Stadt Brighton Lake, Whatcom County, Staat Washington.
Diese Schrift stand auf einem erdig braunen Schild, das frech zwischen all dem Schnee herausragte, als hätte es nur darauf gewartet, ihn zu ärgern. Jack Carver lenkte den Lieferwagen jene steile Straße hinauf, die er bei sich gerne die Rampe nannte – die Scheiß-Rampe, und fragte sich, warum um alles in der Welt er ausgerechnet hier war.
Er könnte gute tausend Kilometer entfernt sein, an einem weißen Strand mit Mädchen in knappen Bikinis und bunten Blumenschmuck, Cocktails und der warmen Sonne auf seiner Haut – stattdessen war er nun hier, auf den verschneiten Straßen der Kleinstadt Brighton Lake im hintersten Norden des Bundesstaates Washington. Hier, gleich vor der kanadischen Grenze, hinter dem Steuer eines Lieferwagens, dessen Frachtraum mit Lebensmitteln vollgestopft war. Carver drehte am Knopf des Radios, hörte die letzten Takte von James Blunts »You’re Beautiful« (Blödsinn, dachte er), bevor der Sprecher dazwischenquatschte. Ein riesiges Tiefdruckgebiet ziehe über den Norden der USA hinweg, über Washington, Washingtons Norden und damit über Brighton Lake, sagte er, und Jack stellte das Radio aus. Das weiß ich schon. Schließlich muss ich nur einen Blick aus dem Fenster werfen.
Draußen war der Himmel ein tiefes, dunkles Grau. Es schneite nicht, aber der Wind heulte über die wetterschiefen Dachfirste und erzählte davon, dass der Abend lang, schneereich und düster werden würde. Zu beiden Seiten der Straße waren Schneehaufen aufgeschaufelt, die der letzte Schneepflug beiseitegeschoben hatte. Die Straße glänzte silbrig, was am sich langsam bildenden Glatteis lag, und Jack wusste, dass der Pflug in den nächsten Stunden nicht mehr fahren würde. Vielleicht sogar nicht mehr vor dem nächsten Morgen.
Aber es störte ihn nicht. Er würde die Waren abliefern und dann wieder verschwinden, und das, noch bevor der Nachmittag anbrach. Alles eine Sache des perfekten Timings.
Zuvor würde er Kaffee brauchen, und zwar äußerst starken. Der übermüdete Blick, den ihm der Mann aus dem Spiegel zuwarf, zeugte nicht von Erholung und Gesundheit. Jack lenkte den Wagen auf den Parkplatz des letzten Restaurants (»Brighton Inn«, die mit den besten Pfannkuchen, die Sie in Ihrem Leben essen werden – Jack hatte welche gegessen und war eher froh, dass er überhaupt noch am Leben war) vor dem Ende der Stadt. Der Kaffee war nicht schlecht, immerhin. Jack beschloss, sich eine Kanne für den Weg mitgeben zu lassen. Er konnte das frisch geschnittene Holz aus dem nahen Sägewerk riechen, als er über den halb leeren Parkplatz schlenderte. Es roch hier eigentlich nie anders. Ganz Washington roch nach Holz, einem endlosen Haufen von Nadelbäumen und den Hinterwäldlern, die sich hier Abend für Abend volllaufen ließen.
Als er eintrat, war das Brighton Inn fast leer. Es hatte sich überhaupt kaum etwas verändert: der Tresen, der in einem Rechteck in der Mitte stand, darum herum die Tische. Der Boden, langweilig braun-weiß gefleckt, sowie der Plunder, der in einem kleinen Haufen auf einem Brett beim Eingang herumlag. Jack warf nur einen kurzen Blick darauf, es waren die üblichen Werbeprospekte der hiesigen Tourismusbranche. Von einer Wand hing der Kopf eines Hirsches herab, eine Jagdtrophäe, das Fell war zottig und über all die Jahre ausgeblichen. Das Radio dudelte einen Countrysong. Jack setzte sich auf einen Stuhl am Tresen und bestellte Kaffee, schwarz, ohne Milch, mit Zucker. An einem Tisch in der Nähe des Ausgangs saßen zwei Männer in karierten Hemden. Gewiss einige der örtlichen Holzfäller. Weiter hinten im Raum hielt sich jemand hinter einer breit aufgefalteten Zeitung verborgen, aber abgesehen davon hatte Jack das Brighton Inn für sich.
Der Kaffee kam. Die Kellnerin war jung, bestimmt noch im letzten Jahr auf der Highschool. Das Gebräu schmeckte schal, war aber stark und heiß, und das reichte ihm.
Für eine ganze Weile saß Jack da und betrachtete die Maserung der Holzplatte und die Malerei auf der Tasse, die vor ihm stand. Ein Bär, ein See und Berg mit spitzem Gipfel. Es vergingen zehn, fünfzehn Minuten. Der stets wiederkehrende Gedanke in seinem Kopf war die Frage danach, wie sein Leben in den letzten Jahren dermaßen hatte schief laufen können. Er hatte seit drei Jahren keine einzige Zeile mehr aufs Papier gebracht und seltsamerweise war, seitdem er nicht mehr schrieb, seine Welt aus den Fugen geraten.

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Mehr über und von Martin Krüger auf seinem Blog.

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