3. Mai 2014

'Judasmord: Salvatore Röhrlmoser' von Ulrich König

Atemlose Stille. Die Glieder des mit dem Tode ringenden Judas zucken noch einmal kurz, dann erschlafft der gepeinigte Körper, hängt leblos am Galgen. Tosender Applaus brandet im Freilichttheater der Oberammergauer Passionsspiele auf, solch eine überzeugende Darbietung hat man selten gesehen. Keine 10 Minuten später kommt die grausame Wahrheit ans Licht. Ein tragischer Unfall, der Judasdarsteller hatte sich versehentlich erhängt. Doch einer unter den Zuschauern ist von Berufswegen misstrauisch: Kommissar Salvatore Röhrlmoser.

Zwar „nicht im Dienst“ aber eben immer neugierig, untersucht er den Galgen und entdeckt schnell, dass das Gerät manipuliert worden ist. Der vermeintliche Unfall war ein raffinierter Mord. Doch das ist nur die Spitze eines Eisberges und Salvatore Röhrlmoser wird noch so manches Mal seine Neugier bereuen und sich wünschen, an diesem Tag nicht in Oberammergau gewesen zu sein.

Gleich lesen: "Judasmord: Salvatore Röhrlmoser" von Ulrich König

Leseprobe:
»Es gibt überhaupt keinen Grund zu jammern« schimpfte Salvatore Röhrlmoser still in sich hinein, während er mit unbewegter Miene die Begeisterungsausbrüche seiner Sitz-Nachbarin über sich ergehen ließ. »Du hast deine zweite Eintrittskarte dieser Kölner Tante aus freien Stücken überlassen!«
Im letzten Moment hatte ihm Tochter Julia einen Korb geben müssen. Enkelin Veronika, die alle nur Vroni riefen, hatte sich im Kindergarten Masern geholt.
Salvatore verstand gut, dass die Mutter nicht vom Krankenbett der Kleinen weichen wollte. Wie ein Häufchen Elend hatte diese Frau draußen auf dem Vorplatz gestanden, in ihrem frühlingsgrasgrünem, mit großen, roten Rosen bedruckten, aus mehreren Lagen durchsichtigen Stoffs bestehenden, Kostüm. Ob der Schmuck dieser dicken mit unglaublichen Klunkern behängte Mittsechzigerin echt war, hätte Salvatore nicht zu behaupten gewagt. Jedenfalls erinnerte sie ihn mehr an eine, sich auf Weltreise befindenden, reichen, verwitweten Amerikanerin, denn an eine biedere Hausfrau aus dem Ruhrgebiet.
Die Ärmste war extra mit einer Reisegruppe aus Köln angereist und hatte ihre Eintrittskarte verloren, oder in einer ihrer anderen Handtaschen zuhause vergessen. Spontan hatte Salvatore der Frau die Karte zum regulären Preis überlassen, die ursprünglich einmal für Sabine gedacht gewesen war. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich noch nicht bewusst gemacht, dass die Frau zwangsläufig während der Aufführung neben ihm sitzen würde. Andererseits hatte er auch nicht ahnen können, welch Temperament in dieser, eher schwerfällig wirkenden, Frau steckte.
»Mein Gott, wie fantastisch! Ich geh kaputt!« krähte die Kölnerin neben ihm und gab Salvatore einen vertraulichen Rempler.
So hatte er sich die Passionsspiele nicht vorgestellt und er wurde langsam sauer bei dem Gedanken an ihren Mann, der hier irgendwo mit dem Rest der Reisegruppe saß und ganz unbehelligt das Spektakel auf der Bühne genießen konnte.
Prompt trieb sie ihm wieder den Ellenbogen in die Seite. Diesmal, um ihn auf den Selbstmord des Judas aufmerksam zu machen, als würde er nicht schon längst gebannt dorthin blicken. Nicht umsonst waren alle Scheinwerfer auf den am Galgen baumelnden Selbstmörder gerichtet.
»Mein Gott sehen sie nur! Der Judas! Wie echt der spielt! Fantastisch! Ich schmeiß mich weg!« stöhnte die Frau neben ihm, als bekäme sie einen Orgasmus.
»Ja, ja!« brummelte Salvatore aus einer Mischung von bayrischem Grant und einem Rest an Höflichkeit.
Tatsächlich wirkte die Darstellung des Judas jetzt sehr überzeugend. Während der bisherigen Aufführung war Salvatore von dessen Auftritten nicht so sonderlich begeistert gewesen, hatte die Judasinterpretation irgendwie etwas steif gefunden, nicht so enthusiastisch und fanatisch, wie er sich Judas in seiner Seelennot immer vorgestellt hatte. Dieser Oberammergauer Judas wirkte eher unterkühlt und über der Szene stehend, doch seine Selbstmordszene hatte es wirklich in sich.
»Scheiße, erwischen sie mich hier!« fuhr es Roman Blattner durch den Kopf, während er verzweifelt versuchte irgendwo an den versteckten Griffen des Galgens Halt zu finden. Doch wer es auch immer gewesen war, hatte ganze Arbeit geleistet.
Alles war dick mit Fett, oder sonst einer glitschigen Substanz beschmiert. So sehr er sich auch bemühte, seine Hände rutschten immer wieder ab.
»Hirschtalg!« schoss es ihm in den Sinn. Hier musste jemand sehr gut über ihn Bescheid wissen.
Hirschtalg war Blattners Insignium. Welche Waffe er in seinem Killer-Leben auch immer benutzt hatte, sie war vorher in dieses Fett getaucht, oder damit eingeschmiert worden.
Diesen Brauch hatte er vom Weingärtner Max, einem alten Oberammergauer Wilderer übernommen. In jungen Jahren war er mit ihm Nachts durch die umliegenden Wälder gezogen, musste die erlegten Tiere tragen. Als Gegenleistung überließ ihm Weingärtner jedes fünfte Tier. Ein ganz erträglicher Nebenerwerb für jemand, der kein Taschengeld besaß. Von ihm hatte er den Umgang mit einem südamerikanischen Blasrohr und Giftpfeilen gelernt, das es ihnen ermöglichte lautlos zu jagen.
Jede Kugel, jeden vergifteten Pfeil und jede Schlinge hatte der Alte mit Hirschtalg geweiht und Blattner hatte diese Zeremonie übernommen. Das gab dem Ganzen etwas Feierliches, wie er fand.
Immer und immer wieder rutschten seine Hände ab. Langsam, aber mit tödlicher Kraft zog sich die Schlinge fester um seinen Hals. Eigentlich war sie so präpariert, dass sie sich gar nicht zuziehen konnte. Auch da hatte man geschickt nachgeholfen, denn bei seinem obligatorischen Probezug hatte sie noch gehalten. Nie hätte er sich die Schlinge um den Hals gelegt, ohne sie vorher zu testen. Doch wie auch immer, man hatte ihn überlistet.
Als das Brettchen, auf dem er normalerweise stand, durch den Ruck des gespielten Selbsterhängens unter seinen Füßen weggebrochen war, hatte er noch an einen dummen Zufall gedacht. Natürlich hatte er sich darauf verlassen, dass sich die Schlinge nicht zuziehen konnte und instinktiv nach den Griffmulden getastet, die man zu seiner zusätzlichen Sicherheit angebracht hatte. Dann riss etwas in der Schlinge, die sich sofort zuzog. Spätestens da musste er feststellen, dass jemand sein Ableben äußerst gründlich vorbereitet hatte.
Geradezu perfekt hatte der Mörder seine Reaktion vorausbedacht. Durch den Umstand, dass Blattner im Reflex zuerst an die Griffe gefasst hatte, waren die Hände mit fettem Talg verschmiert und rutschten an dem Galgenstrick ab. Ohne den Talg hätte sich der durchtrainierte Judas vielleicht an dem Strick hochziehen können, so jedoch hatte er keine Chance.
»Wenigstens ist es saubere Profiarbeit!« konnte sich Blattner trotz seines Todeskampfes eine gewisse Bewunderung für seinen Mörder nicht verkneifen.
»Vor auserwähltem Publikum! Und ich bin in der Tagesschau!« schossen ihm die letzten Gedanken durch den Kopf. Dann schüttete sein Körper große Mengen Adrenalin aus und Roman Blattner spürte zum allerletzten mal das große Kribbeln, nach dem er sich sein ganzes Leben lang gesehnt hatte.
»Wirklich beeindruckend!« bestätigte Salvatore seiner Nachbarin die Judasdarbietung, der jetzt im Hintergrund leblos am Galgen hing. Der Spot auf Judas erlosch.
»Da drüben kommen die Römer!« krähte die Kölnerin und rammte ihm ihren Ellenbogen mit kleinen, schnellen Stößen in die Rippen.
»Noch einmal und ich bring sie um!« dachte Salvatore.
Wie von der Frau richtig bemerkt, marschierten von der anderen Seite der Bühne römische Soldaten herbei. Der Verräter Christi geriet in Vergessenheit.
Plötzlich, mitten in den Auftritt von Pontius Pilatus stürmte Christus an den verblüfften Römern vorbei an den Rand der Bühne. »Arzt! Einen Arzt! Ist ein Arzt im Publikum?« schrie er aufgeregt. Prompt sprangen mindestens fünfundzwanzig Männer und achtzehn Frauen auf, hasteten Richtung Bühne.
Dort informierte sie Christus über den Grund seiner Aufregung. Wenigstens zwölf Mediziner klettern mehr, oder weniger sportlich auf die Bühne und verschwanden in den Hintergrund.

"Judasmord: Salvatore Röhrlmoser" im Kindle-Shop

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen