4. Juli 2014

"Die Fremde in mir" von Hermann Scherm

Leas Zukunft scheint ein makellos blauer Frühlingshimmel. Sie steht am Beginn ihrer persönlichen Pretty-Woman-Geschichte. Nur wenige Monate später ist nichts mehr übrig von ihrem Glück. Verbrannte Erde. Horror. Aber Lea kennt den Schuldigen.

Und sie ist nicht der Typ, der schnell vergisst. »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!« ist absolut nicht ihr Motto. Ihre Lösungen sind radikal. Dafür ist Lea bereit, alles aufzugeben – sogar ihre eigene Person.

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Leseprobe:
Liberté.
Ich hatte mir das Wort in Ornamentschrift auf den Nacken tätowieren lassen. In einem Fonts, der als Angel Tears bezeichnet wird und ursprünglich von Billy Argel entwickelt wurde, irgendeinem Typen im Internet, der an Schriftfonts herumbastelt. Wenn es stimmt, was der Tätowierer mir darüber erzählt hatte, während er seine Nadel nicht weit von meinem Ohr surren ließ. Wenn ich die Haare nach oben steckte, konnte jeder es sehen. ›Liberté‹, Freiheit. Das war der Begriff, unter dem meine Mission stand. Ich war entschlossen, meine Freiheit wieder zu erlangen. Dafür war ich zu allem bereit.
Es gibt Dinge im Leben, von denen kann man sich nur durch radikale Einschnitte befreien. Manchmal nur durch den eigenen Tod oder durch den Tod eines anderen. Es gibt Unkraut im Garten der Seele, das man mit all seinen Wurzeln ausreißen muss, damit man die Blüte der Freiheit erleben kann. Es gibt kein Vergessen. Die Dinge leben unter dem Modder von Verzweiflung und Unentschlossenheit weiter, mit dem man sie zu begraben versucht. Als wäre es der Humus, aus dem sie Tag für Tag ihre Nahrung saugen, bis sie stark genug sind, alles zu verschlingen.
Liberté. Dieses Tattoo würde mich immer daran erinnern, was ich mir geschworen hatte: Lass es nicht zu, dass er dir alles nimmt, dass er dir, nachdem er dir das Liebste genommen hat, auch noch deine Seele nimmt. Lass es nicht zu, dass er dich auslöscht. Lass nicht zu, dass das Gift, das er gesät hat, alles Leben in deinem Garten vernichtet, wie Agent Orange einst all die strahlenden Blüten und funkelnden Blätter des Dschungels in seinem Gifthauch verdorren ließ, bis alles Leben erloschen war und auf die tote Erde Vietnams fiel. Vergiss nie deine Mission. Aber vergiss dein Ego, solange du deiner Mission folgst. Denn das Ego ist ein Verräter, der sich in den Augen spiegelt. Mach dich frei von deinem Ego, damit niemand in deinen Augen lesen kann. Niemand.
»Welche Freiheit meinen Sie?«, fragte mich plötzlich ein Mann um die Fünfzig, Typ Geschäftsreisender aus der Medienbranche, der in der Reihe hinter mir im Flugzeug nach München saß. Und bevor ich antworten konnte, setzte er mit einem leicht spöttischen Unterton in der Stimme, den er anscheinend für flirttauglich hielt, hinzu: »Heißt das, dass Sie ihre Freiheit nicht aufgeben möchten oder, dass Sie wieder frei sein wollen?«
»Wenn Sie mir anbieten wollen, mir dabei zu helfen, dann sag ich schon mal, Nein, danke!«, konterte ich. Eine derart dämliche Anmache nervte mich gewaltig. Das war typisch deutsch. Noch bevor der Flieger abgehoben hatte, war ich wieder daheim. Verzweifelt blickte ich aus dem Fenster und versuchte noch einen Blick auf Rio de Janeiro zu erhaschen. Aber es gelang mir nicht. Im Flugzeug auf dem Rollfeld gehört einem die Stadt schon nicht mehr, die man verlässt.
»Tut mir leid, wenn ich zu indiskret war, das wollte ich nicht. Geht mich ja auch wirklich nichts an. Mein Name ist übrigens Stefan Berger, wenn ich mich vorstellen darf.« Der Typ ließ nicht locker.
»Sandra Rösner«, brummte ich abweisend, »und ich wäre Ihnen dankbar, wenn wir es dabei bewenden lassen könnten. Ich möchte mich nicht unterhalten.« Damit beendete ich die Konversation und griff zu dem Buch, das ich mir für den Flug besorgt hatte. Die Abfuhr war ein Volltreffer. Ich konnte noch ein paar Minuten lang spüren, wie »Stefan« hinter mir schlucken musste, um sie zu verdauen. Aber er ließ mich für den Rest des Flugs in Ruhe.
Sandra Rösner. Der neue Name, der in dem druckfrischen Reisepass in meiner Handtasche eingetragen war, hörte sich noch fremd für mich an. Ich dachte immer noch als Lea Jenner. So hatte ich in meinem früheren Leben geheißen, Lea Jenner, geborene Weber. Und so fühlte ich immer noch. Der Pass war ausgezeichnete Arbeit. Er war das kleine Vermögen wert, das ich dafür ausgegeben hatte. Aber jetzt kam es darauf an, dass ich Lea Jenner für immer zurückließ und zu Sandra Rösner wurde. Als das Flugzeug abhob und Höhe gewann, stellte ich mir vor, dass Lea zurückblieb, sich auflöste wie Dunst über dem Meer und ihre Partikel sich im Getriebe der Millionenstadt verloren, bis die Nachweisgrenze unterschritten war. Bei der Landung in München würde es keine Lea mehr geben. Nur noch Sandra würde von Bord gehen, problemlos die Passkontrolle passieren und in ein neues Leben abtauchen, bereit für ihre Mission.

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