11. Juli 2014

"Einmal Timbuktu - und lebendig zurück" von Alex Tannen

Alex Tannen ist auf dem Weg ins legendäre Timbuktu am Südrand der Sahara. Und so wie sich Wüstenreisende früherer Epochen den Weg freikaufen mussten, ist es im westafrikanischen Mali immer noch: Kostenpflichtige Straßensperren; aggressive Guides und neunstündiges Warten auf irgendein Auto – an der Hauptstraße des Landes. Schließlich liegt er im abbruchreifen Provinzhotel im Fieber und denkt, er muss sterben. Doch für einen Globetrotter sind das die richtigen Herausforderungen – und Quellen von Geschichten.

Auf erholungssuchende Touristen war Mali während Tannens Reise im Jahr 1996 nicht eingestellt – im Gegenteil: Die wenigen Gäste wurden von Polizisten und Taschendieben vergrault. Doch die Menschen und ihre Gastfreundschaft haben ihn entschädigt, während er zu den einzigartigen Reisezielen unterwegs war: Die surreale Lehmmoschee von Djenné, die Felslandschaft des geheimnisvollen Dogonlandes, mit Holzbooten auf dem Niger, die skurril geformten Berge von Hombori und schließlich eine Woche Suche nach einem „Geheimtipp-Wasserfall“.

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Leseprobe:
Bamako, 12. Oktober 1996. Pünktlich und vor allem sanft setzt die Air-France-Maschine am Flughafen von Bamako, der Hauptstadt Malis, auf. Eine solch sichere Landung scheint hier nicht der Standard zu sein: Gleich neben der Piste, auf dem Grasstreifen, verrottet ein Flugzeug, an dessen Wrack wir knapp vorbeirasen. Bienvenue à l‘Afrique.
Alle Passagiere unserer Maschine müssen sich in nur einer Schlange einreihen, und in einer Mischung aus Aufregung und Langeweile beobachte ich die Einreiseprozedur: Weniger aufgeregt, dafür aber ebenso gelangweilt schauen die Beamten nach den Visa, Formularen und der Gelbfieberimpfung. Doch eine Stunde Warten fällt nicht ins Gewicht, die Vorfreude auf meine Tour wiegt alles auf. Reisende früherer Epochen hatten ganz andere Strapazen auszustehen.
Denn ich möchte nach Timbuktu, in die legendenumwobene Stadt am Südrand der Sahara. Allein deswegen bin ich nach Mali gereist. Timbuktu, jahrhundertealter Traum europäischer Herrscher und Reisender: „Rom des Sudans“[1], „Königin der Wüste“, das waren die Attribute, die vor knapp 200 Jahren die europäischen Afrikaforscher lockten. Viele von ihnen schafften es nicht bis zur Stadt, und wenn, dann sind sie oft nicht lebendig zurückgekehrt. Der schottische Wissenschaftler Alexander Gordon Laing ist nach seinem Aufenthalt 1826 ermordet worden. Mungo Park, ebenfalls ein Schotte, hat Timbuktu erst gar nicht erreicht und fand bereits 1806 den Tod am Niger. Kein Gelehrter, sondern der französische Bäckersohn René Caillié schlug sich 1828 in die Oase durch, er gab sich als Moslem aus. Unter unsäglichen Strapazen kehrte er als erster Europäer aus der Traumstadt zurück, doch die meisten Zeitgenossen glaubten ihm nicht, da er – weil er kein Forscher war – keine tiefgründigen Studien angestellt oder Karten angefertigt hatte. Undenkbar erschien vielen Skeptikern auch der Verfall Timbuktus, den Caillié wahrheitsgetreu schilderte, schließlich galt die Stadt als El Dorado der Sahara. Dies gipfelte in dem Vorwurf, er sei nie dort gewesen. Er starb verarmt und verbittert mit nur 38 Jahren. Letztlich erreichte der deutsche Afrikaforscher Heinrich Barth, im Auftrag Großbritanniens unterwegs, 1853 die Stadt, hielt sich dort acht Monate auf und kehrte wohlbehalten und mit detaillierten Studien zurück. Er errang mit seinen fünf Bänden Reisen und Entdeckungen in Nord- und Centralafrika nicht nur Ruhm in der Fachwelt, sondern bestätigte und rehabilitierte auch Caillié.
Ich weiß also, dass von der einstigen Bedeutung der Wüstenmetropole schon lange nicht viel übrig geblieben war, alle Reiseführer und Forschungsberichte betonen dies. Doch der Ruf und die Geschichte zogen mich hin und, ja, als Globetrotter wollte ich einmal im Leben in Timbuktu gewesen sein.
Natürlich liegen noch andere Attraktionen an meiner Reisestrecke: Ich freue mich auf Djenné, die alte Stadt im Nigerbinnendelta mit der berühmten Lehmmoschee; das Dogonland, einer Felslandschaft, die von den – selbst für afrikanische Verhältnisse – archaisch lebenden Dogon bewohnt wird; und ich möchte zu den Kegelbergen von Hombori.
Nach einer Stunde ist die Einreisezeremonie vorüber, mein Rucksack vollendet unberührt seine fünfzigste Runde auf dem Gepäckband. Ich lasse alle „Helfer“ mit ihren selbstgebastelten, offiziösen Ausweisen stehen und mache mich auf den üblichen Tumult gefasst, als ich durch die Ausgangstür in die Flughafenhalle trete. Im Flugzeug hatte es sich nicht ergeben, mich mit anderen Touristen zusammenzuschließen. So muss ich alleine zusehen, wie ich ins Zentrum gelange und wo ich übernachte. Mein fünf Jahre alter Reiseführer empfiehlt einige Unterkünfte, aber: Existieren sie noch, sind sie halbwegs in Schuss – und vor allem, gibt es noch ein freies Zimmer? In das erste Haus am Platz, das überteuerte Hotel de l‘Amitié, zieht es mich nicht.
Rein körperlich müssen sich Filmstars wohl so fühlen, wenn sie von Fotografen und Fans umringt werden, das Glücksgefühl dürfte bei ihnen jedoch weitaus größer ein, denn in meinem Fall sind es nur Taxifahrer, Möchtegern-Guides und Taschendiebe, die sich vor der Halle auf mich stürzen. Ich weiche Richtung Bank aus, um mich erst einmal mit einheimischen Francs CFA zu versorgen, den Francs de la Communauté Financière d'Afrique.
Ein Dutzend west- und zentralafrikanischer Länder, fast alles französische Ex-Kolonien, hat eine gemeinsame Währung, den CFA-Franc. Sie haben sich in zwei geografische Gruppen aufgeteilt, sodass es zwei unterschiedliche Zahlungsmittel gleichen Namens gibt – allerdings mit identischem Wert und demselben Mechanismus: Frankreich, das so als ehemalige Kolonialmacht seine wirtschaftlichen und politischen Interessen in der Region wahren will, garantiert den Umtauschkurs von einem Französischen Franc zu hundert CFA-Francs. Durch die Bindung ist die Währung stabil und die Inflation niedrig, was außergewöhnlich für Drittweltländer ist. Gleichzeitig hat die heimische Wirtschaft Nachteile, etwa beim Export, da die Währung stärker ist als die tatsächliche Wirtschaftskraft. Bis zum Januar 1994 lag das Verhältnis bei 1:50, dann wurde dieser Stützungskurs Frankreich zu teuer. Es wertete die Währung neu und verlangt seitdem 100 statt 50 CFA-Francs für einen Französischen. Von einem Tag auf den anderen war der Franc CFA somit nur noch halb so viel wert. Die Preise haben sich verdoppelt, während die Menschen dasselbe wie zuvor verdienen, was auch zu Demonstrationen, Chaos und Unruhen führte.
Unwillig schiebt der Bankangestellte die große Glasscheibe beiseite. Ich wechsle 300 DM, worauf ich rund zweihundert 500-Francs-CFA-Scheine erhalte, die kleinste Banknote überhaupt im Wert von nicht einmal zwei Mark. Es sieht aber nach viel mehr aus, und so verstaue ich schnell den dicken Packen in meiner geräumigen Armeehose.
Ich hole tief Luft, ich muss zu den Taxifahrern, meine erste Bewährungsprobe beginnt: Als allein reisender Rucksacktourist, der nicht vom Hotel, von Familienangehörigen oder einem Tourbus abgeholt wird, gelte ich als Lottogewinn – auch weil die meisten Reisenden kurz nach der Ankunft noch keine Ahnung vom Preisgefüge haben. Ich dagegen hoffe, meine Erfahrung aus dem Senegal nutzen zu können, in dem ich ein Jahr zuvor war und wo dieselbe Währung gilt. 4.000 Francs (13 DM) setze ich mir zum Ziel, maximal 6.000 Francs würde ich zahlen, um ins Zentrum zu gelangen. Rasch werde ich umringt, alle reden auf mich ein, jeder will mich in sein Auto zerren, aber ich gebe mich reserviert. Zuerst suche ich mir einen Fahrer aus, der mir ein Hotel empfehlen kann. Ihn frage ich nach dem Fahrpreis. 8.000 Francs verlangt er für die Fahrt, knapp 30 DM. Für ein Land, in dem ein Facharbeiter keine 100 DM verdient, wenn er verdient, ist das zu viel. Wir treffen uns schnell bei 5.000 Francs, ein manierlicher Preis.
Wir fahren los. Aber nicht allein, plötzlich setzt sich ein Bekannter auf den Beifahrersitz. Vielleicht ein Freund, der auch in die Stadt will – oder jemand, mit dem er gemeinsame Sache macht?

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