27. August 2014

"Das Lied vom Winterschwert - Die Tür in den Berg" von Martin Krüger

Mit dem ersten Band "Das Lied vom Winterschwert" öffnet "Die Tür in den Berg" eine neue Fantasy-Welt. Tom Brandner begibt sich, begleitet von einer geheimnisvollen Fremden namens Sara, auf die Suche nach seinem verschwundenen Sohn. Durch ein seltsames Portal in einem alten Schweizer Armeetunnel beginnen sie eine Reise, die sie durch Parallelwelten, vorbei an Krieg, grauenhaften Kreaturen und unerwarteten Freunden bis zu den Grenzen ihres eigenen Verstandes führt, stets im Wettlauf gegen einen uralten Feind.

In Norvald, einem nordischen Königreich, in dem noch immer Schwerter und Speere regieren, und man sich des Nachts an den Herdfeuern Geschichten von längst vergangenen Heldentaten erzählt, beginnt Tom zu begreifen, dass weit mehr als nur das Leben seines Sohnes auf dem Spiel steht: Der allvereinenden Realität selbst droht die Vernichtung, wenn er nicht lernt, seiner wahren Bestimmung zu folgen.

Gleich lesen: Das Lied vom Winterschwert, Band 1: Die Tür in den Berg

Leseprobe:
Alfred Hitchcock sagte einmal sinngemäß, es gebe nichts Unheimlicheres als eine verschlossene Tür.
Ich war damals kein Mensch, der sich allzu sehr jenen übernatürlichen Dingen widmete, die mein Vater mit einer Handbewegung abgetan hätte, als wolle er Fliegen verscheuchen. Gewiss, ich las Romane, sah fern und horchte auf, wenn eine Madonnen-Statue wieder einmal Blut weinte oder eine Hauswand auf wundersame Weise das Abbild eines längst Verstorbenen zeigte, doch tat ich dies mit einem Lächeln auf den Lippen – mit anderen Worten, ich war meinem Vater gar nicht unähnlich, was das Übernatürliche anging.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir am Vorabend jenes Tages, der meine Ansichten gegenüber allem Übernatürlichen in ihren Grundfesten erschüttern sollte, in jenem Hotel in Kreichtal in den Schweizer Alpen »Das Fenster zum Hof« sahen. Ich erinnere mich, wie Victoria und ich, nachdem wir unseren Sohn Michael (aber alle nannten ihn nur Mickey) zu Bett gebracht hatten, auf der Veranda saßen und gemeinsam in den Nachthimmel hinaufblickten.
»Vielleicht sieht er uns zu«, sagte meine Frau zu mir an diesem Abend, als die Sterne klar waren und die Luft nach Abendblumen roch. Die Bergketten rings um uns hoben sich dunkel und gezähnt vor dem Hintergrund ab. Ich nahm sie in den Arm, denn ich wusste, dass sie weinen würde. Da war es drei Jahre her, dass wir unser erstes Kind verloren hatten. Später, als sie längst zu Bett gegangen war, saß ich noch einige Zeit draußen. Nachtfalter umschwirrten die Papierlampen, die bei den Tischen aufgestellt waren, in der Ferne rief ein Nachtvogel, vielleicht ein Uhu.
Manchmal träume ich davon, dass Lukas nicht gestorben ist. Manchmal träume ich, dass ich ihn an jenem Morgen nicht in den Wagen setze, und ihm nicht sage, er solle sich anschallen und sitzen bleiben, weil wir gleich losfahren. Keine Fahrt, kein Ausflug, stattdessen vielleicht ein Anruf, eine Entschuldigung. Victorias Eltern hätten es verstanden. Aber es geschieht, wieder und wieder, selbst in diesem Augenblick, in dem ich hier sitze, in all dem Chaos und der Zerstörung, die mich umgibt. Irgendwo auf der Welt steigt ein Vater mit seinem Sohn ein, sie fahren, und irgendwo gibt der Fahrer eines zwölf Tonnen schweren Lastzugs für einen Augenblick nicht Acht. Irgendwo überlebt der Mann, und der Junge stirbt, irgendwo, aber nicht in meinen Träumen. In meinen Träumen mache ich es immer richtig.
Um mich herum gingen die letzten Gäste zu Bett. Ich sah den Blick des Barmanns; der Pianist war bereits verschwunden, nur sein Flügel stand noch da, die Tasten wie Zähne in einem grinsenden Mund, und jemand kam und schob ihn ins Innere des Hotels, damit die Feuchtigkeit der Nacht der Saitenstimmung nicht schadete. Ich stand auf, ging nach oben, betrat unser Zimmer und betrachtete die schlafenden Umrisse meiner Frau und meines Sohnes, die sich im Mondlicht unter den Laken abzeichneten. Mein Sohn, der sich mit sechs Jahren wieder einmal ins Bett seiner Eltern geschlichen hatte, ihn betrachtete ich lange und innig. Dann kroch ich zu ihnen unter die Decken. In meinen Träumen waren wir eine Familie, die zwei Kinder hatte.
Mitten in der Nacht, ich wusste nicht, wie spät es war, schrak ich hoch. Ich sah mich nach Victoria um, doch sie schlief und Mickey schlummerte ebenfalls. Nur auf der anderen Seite des Zimmers stand die Tür, die nach draußen in den Flur führte, offen. Ich vermutete damals, dass ich sie nicht geschlossen hatte, bevor ich zu Bett gegangen war, doch natürlich täuschte ich mich. Ein kalter Lufthauch wehte heran, er ließ mich zittern. Ich ging hinüber, schloss sie und verharrte dort einen unsicheren Augenblick zweifelnd – dann kehrte ich zum Bett zurück. Die Bettfedern quietschten, als ich mich erneut hinabsinken ließ.
Hitchcock sagte, es gebe nichts Unheimlicheres als eine verschlossene Tür. In Anbetracht dessen, was kommen sollte … nun, er hatte recht.

Am nächsten Morgen wurde Thomas Brandner von einem quirligen, quietschenden Etwas geweckt, das er in den ersten, noch trunkenen Momenten des Halbschlafs beinahe nicht als seinen Sohn erkannt hätte.
»Papa, Papa! Ich kann die Kühe sehen! Die Küühe!« Mickey rannte ins Nebenzimmer, ein wirbelndes, krähendes Ding mit braunem Schopf und der roten Mickey-Mouse-Jacke, die ihm Tom und Victoria zum Geburtstag gekauft hatten. Tom rieb sich den Schlaf aus den Augen, dann kletterte er aus dem Bett. Der Boden war kalt unter seinen nackten Füßen. Vor den Fenstern, von denen sich ihnen ein traumhafter Ausblick auf die Drei- und Viertausender bot, stand Victoria. Er trat hinter sie, legte ihr die Arme um die Hüften und küsste ihre Wange. »Guten Morgen, Süße.«
»Selber morgen.« Sie strahlte, als wollte sie gegen die prächtige Frühlingssonne dort draußen einen Wettbewerb gewinnen. »Ich hab dich ausschlafen lassen. Ich konnte dich wieder hören, letzte Nacht.«
Ah, das alte, das leidige Thema. Diese Sache. Seit drei Jahren die Träume und das Murmeln im Schlaf.
»Was war’s denn?«
»Oh, das konnte ich nicht verstehen. Vielleicht hast du von der netten Kellnerin geträumt, die du an unserem Tisch gestern nicht aus den Augen lassen konntest.« »Nein, Süße, es war der Kellner, das weißt du doch.«
Victoria lächelte, dann drehte sie sich zu ihm herum und das Lächeln verschwand. »Du siehst müde aus.«
»Ja, Mutter.«
»Hör auf damit!« Sie versetzte ihm spielerisch einen Schlag auf den Oberarm. »Es gefällt mir nicht, wie du deinen Gedanken nachhängst. Mir nicht und unserem Sohn auch nicht. Wir fahren in den Urlaub, das hast du gesagt, damit du dich erholen und endlich zur Ruhe kommen kannst. Damit wir ein Familienleben führen können.«
»Wir sind den zweiten Tag hier, Vic.«
»Das spielt doch keine Rolle.« Ihre Stimme war um zwei Tonlagen geklettert, wie immer, wenn da etwas war, was ihrem Sinn für den Stand der Dinge erheblich widersprach, und sie ihren Willen durchsetzen wollte.
Tom sah sie nur an und schüttelte den Kopf. »Nicht.«
»Ja, wir führen diese Diskussion nicht hier, Tom. Nicht, wenn er im Nebenraum ist. Aber ich bitte dich dennoch.« Die Spannung im Körper seiner Frau wich. »Ich will dir helfen. Das ist alles, und das weißt du.«
»Das weiß ich.« Er küsste sich nochmals. »Verschoben, nicht aufgehoben, das verspreche ich dir. Lass uns den See heute anschauen, einverstanden?«
Sie nickte. »Ja, einverstanden.«
Michael kehrte aus dem Nebenraum zurück, und seine Mickey-Mouse-Jacke schleifte über den Boden. Er betrachtete seine Eltern neugierig, und Tom fragte sich, was er gehört hatte, und was sich sein junger Kopf daraus zusammenbasteln würde. »Werden wir die Kühe besuchen, Papa, Küü-he? Muh?«
Tom lächelte. »Die werden wir sehen, kleiner Mann. Kühe, Mickey, Kühe. Das werden wir ganz bestimmt.«
»Jippie!« Und Michael, den sie alle nur Mickey nannten, und der in weniger als fünf Stunden spurlos verschwunden sein würde, stieß die kleine Kinderfaust in die Luft, und damit war die Sache für ihn erledigt.

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Mehr über und von Martin Krüger in seinem Blog.

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