5. August 2014

"Träum weiter, Julia" von Annegret Heinold

13 Geschichten aus einem Gästehaus an der Costa Azul, der Westküste von Südportugal. Erzählt werden die Geschichten von Rita Ribeiro, dem Zimmermädchen, von dem einige meinen, es sei viel zu klug für ein Zimmermädchen. Ritas Einsatz ist ständig gefragt. Ob es darum geht, die richtige Frau für den Gast aus Zimmer zwei auszusuchen, einen Einbrecher zu fangen, oder eine unglückliche Malerin vom Selbstmord abzuhalten, immer findet Rita doch noch eine Lösung. Und wem das Leben so viel bietet, der lernt eben ständig dazu. Und außerdem - wer sagt eigentlich, dass Zimmermädchen doof sein müssen? Na also!

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Leseprobe aus "Unsere Bonnie":
Sie kennen ja Bonnie. Bonnie klaut manchmal. Sonst ist sie ein süßer Hund, ein Irish Setter, lieb und gutmütig, nett zu Kindern und bellt nicht. Und normalerweise ist das mit dem Klauen auch kein wirkliches Problem. Bonnie klaut. Der Gast beschwert sich und Ulla und Gerda ersetzen den Schaden.
Damit ist das Problem aus der Welt geschafft.
Aber bei diesem Manolo-Blahnik-Schuh würde das vermutlich nicht so einfach gehen. Oder doch zumindest reichlich teuer werden. Ich hatte den Schuh auf dem Rasen gefunden. Bonnie saß daneben, sich keiner Schuld bewußt. Ich kannte diese Art Schuhe bisher nur vom Hörensagen und aus dem Fernsehen.
Manolo Blahniks sind zweifelsohne kleine Meisterwerke und es gibt bestimmt auch Frauen, die darin laufen können. Ich gehöre nicht gerade dazu und Ulla und Gerda haben auch eher was Bequemes an. Aber die Frau aus Zimmer neun zum Beispiel war so eine Frau. Wie gesagt, man konnte vermutlich in diesen Schuhe laufen, solange es sich um glatte Böden und kurze Strecken handelte. Für Marathonläufe oder als Hundespielzeug waren diese Sandalen nicht stabil genug. Ich hielt den Schuh hoch und sah ihn mir genauer an.
Was für Absätze! Und diese Riemchen! Vermutlich waren alle diese Riemchen irgendwo an der Sohle befestigt gewesen, ehe Bonnie mit dem Schuh gespielt hatte, aber so richtig konnte man das jetzt nicht mehr erkennen. Und ich hoffte, die Diamanten waren nicht echt, denn es schienen nicht mehr alle da zu sein. Ich sah auf das Gras, ob da irgendwas funkelte.
„Das wird Sie teuer zu stehen kommen”, sagte eine Frauenstimme.
Die Frau aus Zimmer neun. Seidentop, Leinenhose, barfuß. Mit einem Schuh in der Hand. Das Gegenstück zu dem Schuh, den ich in der Hand hielt. In heil.
„Ich bin nur das Zimmermädchen”, sagte ich.
„Na, dann holen Sie mir mal den Besitzer”, sagte die Frau.
Arme Ulla und Gerda. Ich ging zu ihrer Tür und klopfte. Ich hatte immer noch den Schuh in der Hand. Ulla öffnete und ich sagte: „Der Gast aus Zimmer neun möchte Sie sprechen.”
Ulla sah den Schuh in meiner Hand, Bonnie auf dem Rasen und die Frau mit einem Schuh in der Hand vor Zimmer neun und ich brauchte nichts weiter zu erklären.
Ulla setzte ein freundliches Lächeln auf und ging zu der Frau.
„Ja,” sagte sie. „Sie möchten mich sprechen?”
„Ihr Hund hat meinen Schuh zerstört”, sagte die Frau.
„Ja”, sagte Ulla. „Geben Sie mir den Schuh und ich sehe, was ich tun kann.”
Das war natürlich eindeutig eine Taktik, um Zeit zu gewinnen. Jeder konnte sehen, dass dieser Schuh jenseits jeder Rettung war. Das wußte die Frau auch. Das mußte sie wissen. Daher vermutlich das süffisante Lächeln, als sie Ulla den zweiten Schuh gab und sagte: „Damit Sie wissen, wie der Schuh vorher ausgesehen hat.”
Ulla nahm den Schuh. Souverän, fand ich.
„Der Hund ist in Ihr Zimmer gegangen und hat den Schuh rausgeholt?”, fragte Ulla.
„Nein”, sagte die Frau. „Die Schuhe standen vor dem Zimmer.”
„Ja, aber warum?”, sagte Ulla, „Warum stellen Sie denn die Schuhe vor das Zimmer?”
„Damit sie geputzt werden”, sagte die Frau. „Das ist in jedem anständigen Hotel so.”
„Das ist hier kein anstän…”, begann Ulla und brach den Satz zum Glück rechtzeitig ab. Ich warf noch einen Blick auf die Schuhe. Mit was sollte man das putzen? Mit einer Miniaturzahnbürste? Oder gab es dafür Spezialbürsten? Und was machte man mit den hoffentlich falschen Diamenten? Polieren?
„Heute abend gehe ich aus”, sagte die Frau. „Ich habe ein Rendevouz, oder genauer: ich habe DAS Rendevous überhaupt und bis dahin brauche ich die Schuhe. Ist das klar?”
„Sehr klar”, sagte Ulla, ohne die Miene zu verziehen.
„Wenn nicht, sehe ich mich leider gezwungen, Sie zu verklagen”, sagte die Frau. „Und Sie wissen ja, was das heutzutage bedeutet. Denken Sie an den Richter und die verschwundene Hose in der Reinigung.”
„Das war in den USA”, sagte Ulla. „Hier sind die Gesetze anders.”
„Fünfundneunzig Millionen Dollar Schadensersatz”, sagte die Frau. „Nur damit Sie mal sehen, was so was heutzutage kostet.”
„Ja, aber das war völlig absurd”, sagte ich.
„Halten Sie sich da raus”, sagte die Frau. „Sie sind nur das Zimmermädchen.”
Ulla und ich sagten nichts. Bonnie kam und setzte sich neben uns und sah zu uns hoch und wir konnten ihre spitzen kleinen Zähnchen sehen, mit denen sie den Schaden angerichtet hatte. Unsere Boneca. Unsere kleine Bonnie ohne Clyde, den brauchte sie nämlich gar nicht, sie schaffte das alles alleine.
„Ich zahle den Schaden”, sagte Ulla. „Sagen Sie mir, was die Schuhe kosten und Sie bekommen das Geld.”
„Es geht nicht ums Geld”, sagte die Frau. „Ich will diese Schuhe. Und zwar heute. Und zwar genau um achtzehn Uhr dreißig. Oder Sie haben eine Klage am Hals. Und bis dahin brauche ich natürlich ein paar Ersatzschuhe.”
„Sie werden doch wohl ein zweites Paar Schuhe mithaben”, sagte Ulla.
„Nein”, sagte die Frau. „Ich habe dieses Paar Schuhe und sonst nichts. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die haufenweise minderwertige China-Ware kaufen. Wenn ich mir was kaufe, dann nur allerbeste Qualität. Qualität statt Quantität.”
„Welche Größe”, fragte Ulla.
„Neununddreißig”, sagte die Frau.
Ulla ging zu ihrem Zimmer und kam nach ein paar Minuten zurück. In der Hand hielt sie ein paar Gartenschuhe. Diese Gummi-Gartenschuhe, die wie abgeschnittene Gummistiefel aussahen. In einem aggressiven Rot.

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Mehr über und von Annegret Heinold auf ihrer Website.

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