11. September 2014

"Das Mondmalheur" von Anette Kannenberg

Das Leben von Cornelius Wichgreve, Gravitationsexperte und Erfinder der hochgejubelten Skylevitys, wird komplett durcheinandergeworfen, als der weltweit führende Mineralölkonzern CosmOre Industries ihm einen Job auf dem Mond anbietet. Zusammen mit dem soziophoben Bakteriologen Murray und dem selbsternannten Lunalogen Vladimir soll er dort den Abbau des neu entdeckten Superelementes Tuttofarium vereinfachen. Doch als Murray plötzlich nach Peru versetzt wird und ein Praktikant dessen Aufgaben übernimmt, passiert das Unglaubliche, und Cornelius wird in eine Verschwörung hineingezogen, die in eine weltumspannende Katastrophe mündet.

Der sowohl auf dem Mond, in Irland als auch im zukünftigen Berlin (2035 und 2061) spielende Roman DAS MONDMALHEUR ist eine kurzweilige und nicht ganz ernstzunehmende Geschichte über übermütige Dodos, Raumzeitegalisierer, Mondstein kackende Bakterien und die ganz große, kleingeredete Katastrophe. Er handelt von Verschwörung, Politik und Freundschaft, ist mal satirisch, mal dramatisch, aber zum Glück skurril genug, um sich das, um Himmels willen, nicht anmerken zu lassen. Humorvolle Einfälle und charmante Protagonisten bilden zusammen eine absurde Story, deren höchster Zweck es ist, den Leser zum Schmunzeln zu bringen, ihn irritiert mit dem Kopf schütteln und dabei den eigenen Geisteszustand – oder zumindest den der Autorin – anzweifeln zu lassen.

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Leseprobe:
Im Bus roch es nach nassem Hund und Hustendrops.
Murray O’Connor, Dozent für Genetik an der NUI Galway, durchsah auf dem Weg von seiner Arbeit nach Hause gerade einige Aufsätze seiner Studenten und ekelte sich nebenbei ausgiebig vor der Umgebung. Um ihn herum ließen blasse Menschen gedankenlos ihre leeren Blicke durch die stickige Luft des öffentlichen Verkehrsmittels umhergeistern; draußen indes spie der graue, mit prallen Wolken bedeckte Himmel winzige Tropfen aus, die nahezu waagerecht durch die Stadt sprühten und die, wie Murray nüchtern befand, nicht einmal ansatzweise den Begriff Regen verdient hatten.
Er rümpfte die Nase.
Murray hasste dieses Wetter, hasste den klammen Geruch, den es verursachte und die trübe Stimmung, die es verbreitete. In einem vergeblichen Versuch, Geruch und Stimmung zu neutralisieren und gegebenenfalls die eine oder andere Bazille abzuwehren, hielt er sich ein kariertes Taschentuch vor die Nase. Das so entstandene Odeur aus Frühlingsfrische und Herbstausdünstung verwirrte sein olfaktorisches System und brachte ihn auf wunderliche Weise einen kurzen Moment lang sogar zum Lächeln.
Als der Endvierziger hinter ihm ungehalten in seinen Nacken nieste, vibrierte das Claptop auf seinem Schoß, und ein kleines Fenster öffnete sich über der Arbeit eines Studenten. Er tippte sich ans Ohrläppchen und wartete. Kurz darauf meldete sich zögerlich eine Stimme: „Doktor O’Connor?“
Ohne hinzuschauen, erkannte Murray sofort die grelle Stimme seiner Nachbarin, Mrs Brunswick.
„Hm?“
„Doktor O’Connor, ich möchte Sie wirklich nicht stören, wirklich nicht.“
Er war sich dessen nicht ganz sicher, entgegnete dennoch höflich: „Hmn?“
„Wissen Sie, wir, also mein Mann und ich, wir machen uns Sorgen um, na. Also, es klappert ganz furchtbar in Ihrer Wohnung. Als würde ein Einbrecher …“
„Hm.“
„Wir wollen, weiß der Himmel, ja nicht neugierig erscheinen, aber wir könnten ja mal nachschauen, ob …“
„Nein, nein!“ Murray überlegte, wie er die lästige Nachbarin beruhigen könnte. Mit Unwohlsein erinnerte er sich daran, ihr vor einigen Monaten den Tür-Code für seine Wohnung gegeben zu haben, als er für zwei Tage die Handwerker im Haus gehabt hatte. Warum nur hatte er ihn noch nicht wieder geändert? Er machte eine Notiz an sich selbst, die er innerhalb der nächsten siebenundzwanzig Sekunden wieder vergessen haben würde. „Ich bin auf dem Weg, machen Sie sich bitte keine Sorgen.“ Und bevor sie noch etwas erwidern konnte, hatte er bereits aufgelegt.

War es soweit? Hatte er es wirklich geschafft? Ein fröhlicher Funke blitzte in seinen grünen Augen auf, verschwand aber sogleich wieder, als sein Blick zurück auf die Arbeit seines Studenten fiel und ihn von seinem vermeintlichen Erfolg ablenkte. „Epigenetische Retrosynapsen? Wirklich?“ grunzte er verächtlich. Dann wischte er den Aufsatz mit dem Finger in den Später-lesen-Ordner; für einen solch pseudowissenschaftlichen Unfug hatte er wahrlich keine Zeit. Überhaupt wunderte er sich, mit welchem Humbug er sich als Dozent beschäftigen musste und was die Studenten, die oft nicht viel jünger waren als er selbst, ihm zumuteten. Da wurden ohne mit der Wimper zu zucken die absurdesten, wissenschaftlichen Theorien zu Rate gezogen und mit unwissenschaftlichen Thesen vermengt, egal, wie stimmig sie waren – der tägliche Konsum des vor wenigen Wochen mit dem Stephen-Hawking-Preis ausgezeichneten Science-X-Channels™ machte allem Anschein nach aus jedem Volltrottel einen Wissenschaftler. Erbost öffnete er die nächste Hausarbeit. Als er ihren Titel las, beschloss er ungewohnt spontan, sich nicht weiter zu ärgern und schob sie in denselben Ordner wie die erste.

Der Bus hielt an und entlud mit einem erschöpften Seufzer einige der farblosen Passagiere. Murray spürte den zaghaften Luftzug, der hereinströmte und schloss für einen flüchtigen Augenblick die Augen. Das Lüftlein allerdings schaute sich nur kurz um und verschwand, vom Mief der Umgebung eingeschüchtert, noch bevor die Türen sich wieder schließen konnten. Seufzend klappte er das multifunktionale Claptop auf Handtellergröße zusammen und verstaute es in der Brusttasche seines cremeweißen Hemdes. Dann lehnte er sich zurück. Für heute hatte er sich genug geärgert. Es war Zeit, dass er sich auf das, was ihm sogleich begegnen würde, mental vorbereitete. Ob es wohl, dachte er, wirklich so aussah, wie auf Mansurs Abbildungen? Oder vielleicht doch ganz anders: schlanker, kleiner, farbenfroher?

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Mehr über und von Anette Kannenberg auf ihrer Website zum Buch.

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