19. September 2014

"Lichtblicke (Stillstand 1)" von David Theis

Der STILLSTAND hatte alles verändert. Ohne Vorwarnung senkte sich die Dunkelheit vor über 200 Jahren auf die Welt. Und mit ihr kamen die Monster. Die Überlebenden flüchteten in die Lichtkreise, die geblieben waren und ihnen ein Leben in den Ruinen ihrer Vorfahren ermöglichten. Malak und Sorscha, zwei junge Leute aus dem Lichtkreis Karu, wollen ein besseres Leben und heuern bei dem mysteriösen Archivmeister an. Doch die scheinbare Bequemlichkeit und Sicherheit des Archivs trügt. Zum allerersten Mal ist etwas aus der ewigen Dunkelheit nach Karu gekommen. Und es hat Hunger...

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Leseprobe:
Heute war Annas Geburtstag. Zur Feier des Tages hatte sie es sich mit einem kleinen Gläschen von Doc Schmitts Selbstgebranntem auf ihrer Terrasse gemütlich gemacht. Eingewickelt in ihre Lieblingskuscheldecke und mit ihrer Rockstar-Sonnenbrille auf der Nase saß sie nun auf ihrem Schaukelstuhl und nippte an dem Gebräu. Während eine leichte Brise ihr krauses, silbernes Haar wie eine kleine Wolke um ihren Schädel ziehen ließ, schweiften ihre Blicke und Gedanken ab. Sie hatte in letzter Zeit immer mehr Schwierigkeiten, fokussiert zu bleiben. Doc Schmitt hatte sie gewarnt: "Ein Aussetzen der Lazarus Behandlung kann… nein, wird ab einem gewissen Alter zu Demenz, Amnesie und Wahnsinn führen." Nicht, dass sie eine Wahl gehabt hätte. Nach dem Stillstand gab es keine Möglichkeit mehr, die für die Behandlung nötigen Medikamente zu besorgen. Der Doc hatte sogar einige Sammler bezahlt und losgeschickt. Beim ersten Mal hatten sie Erfolg gehabt und eine Kiste der Medikamente zurückgebracht. Beim zweiten Mal… war keiner mehr zurückgekehrt.
Das war vor ungefähr 50 Jahren gewesen. Den Doc hatte es zuerst erwischt. Oder vielleicht hatte er auch einfach aufgegeben. Obwohl er eigentlich nicht die Sorte Mann war, die einfach aufgab. Vor einigen Jahren war er in die Dunkelheit gegangen. Die Dunkelheit. Sie konnte sich nicht dagegen wehren, ihr Blick wanderte wie fremdgesteuert zum Ende des kleinen Gartens hinter ihrem Haus. Dort begann die Dunkelheit. Wie hypnotisiert starrte sie in die absolute Schwärze. Und die alptraumhaften Erinnerungen kehrten unerwünscht wieder. Sie war damals sieben Jahre alt und mit ihrem Kindermädchen Svetlana und dem Leibwächter Boris im Wald spazieren gewesen. Boris war ihr Lieblingsleibwächter, seitdem er ihr zu Weihnachten einen übergroßen Teddy geschenkt hatte. Ihr Vater war mal wieder für einige Tage mit seinen Geschäftsfreunden verschwunden. Svetlana hatte sie überredet, aus dem Hotelzimmer zu kommen und ein wenig die frische Luft zu genießen. Und so waren sie in dem Wald hinter dem Schloss spazieren gewesen. Boris hatte gerade erzählt, dass es hier Einhörner gäbe und sie schauten hinter jedem Baum nach, ob sie Spuren fänden. Die kleine Anna war begeistert von dem Gedanken, ein echtes Einhorn zu sehen. Sie waren an einer lichteren Stelle des Waldes angelangt und in der Ferne konnte man die Geräusche der Stadt hören. Eigentlich war es auch kein richtiger Wald, sondern eher ein Park. Aber das störte sie nicht. Sie hatte so viel Spaß gehabt damals.
Als Erstes kam das Geräusch. Es war wie ein Summen von tausend wütenden Insekten, gerade noch hörbar, aber trotzdem unendlich erdrückend. Verängstigt hatte sie Svetlanas Hand ergriffen. Sie wollte gerade fragen, was denn los sei, als Boris erschreckter Ausruf sie und Svetlana herumfahren ließ. Als Zweites kam das Licht. Sie hatte den Eindruck, jemand hätte einen riesigen Scheinwerfer auf die Stadt hinter dem Schloss gerichtet. Die Art von Scheinwerfer, wie sie auch im Theater - ihr Vater hatte sie ein paarmal mit ins Theater genommen - benutzt wurden. Nur unendlich viel größer. Verängstigt hatte sie sich an Svetlana geklammert als das Licht heller und heller wurde. Und dann kam die Dunkelheit. Es war ein milder Herbsttag gewesen mit nur wenigen Wolken. Aber es wurde immer dunkler. Als ob jemand einen Dämmschalter, wie es ihn in dem Hotel gegeben hatte, immer weiter runter drehte. Boris hatte ziemlich wüst geflucht. Anna hatte nie wieder in ihrem Leben jemanden so fluchen gehört. Boris nahm sie bestimmt aber sanft huckepack und sie spurteten los Richtung Schloss. Mit jedem Schritt wurde es dunkler und dunkler. Und schließlich wurden sie vollkommen von der Finsternis verschluckt. Sie spürte, wie Boris stehen blieb und in seinem Mantel herumsuchte. Hinter sich hörte sie Svetlana panisch nach ihr und Boris rufen. Boris hatte endlich gefunden, was er gesucht hatte, und der mickrige Strahl einer kleinen Taschenlampe durchschnitt die Dunkelheit. Er drehte sich um und leuchtete in Richtung Svetlanas. Anna konnte ihre Gestalt vage aus der Dunkelheit auf sie zustolpern sehen. Gemeinsam machten sie sich vorsichtig auf den Weg zurück zum Schloss. Sie waren natürlich nicht die einzigen Besucher des Parks gewesen und so hörte man immer wieder Leute rufen, die auf der Suche nach Familienmitgliedern oder Freunden waren oder einfach nur Hilfe benötigten. Einmal hörte sie sogar jemanden hysterisch lachen. Sie waren nicht besonders weit gekommen, als ein seltsamer Schrei alle anderen Geräusche übertönte. Anna hatte bis dahin noch nie einen solchen Schrei gehört und sie wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, was er bedeutetet. Heute wusste sie es leider um so besser. Es war der panische Schrei eines Menschen, der schreckliche Schmerzen litt und wusste, dass er bald sterben musste.
Dem Schrei folgte bald ein zweiter und dann ein dritter. Boris beschleunigte seine Schritte bis er fast rannte. Anna wurde ordentlich durchgeschüttelt und konnte kaum mehr etwas erkennen. Die Schreie jedoch erklangen immer und immer wieder. Plötzlich hielt Boris abrupt an und Svetlana prallte gegen ihn. Anna, die zwischen den beiden eingequetscht wurde, quiekte erschreckt auf. Vor ihnen kam eine Gestalt auf den Weg gestolpert. Ein junger Mann, der Stimme nach. "Gott sei Dank. Sie haben Li…" Etwas riss ihn seitlich weg. Gerade konnte Anna fast sein Gesicht erkennen und plötzlich war er verschwunden. Boris leuchtete ihm nach. Dort war etwas. Etwas Großes. Etwas schleimig Feuchtes. Es pulsierte in der Dunkelheit. Und es gab ekelhaft schmatzende, pumpenhafte Geräusche von sich. Boris und Svetlana schrien wild durcheinander und rannten los. Anna war zu sehr damit beschäftigt, sich an Boris festzuhalten, als dass sie hätte schreien können.
Annas Erinnerungen an das, was danach geschah, waren vernebelte Fetzen, wie Bruchstücke aus einem Alptraum, aus dem man gerade erwacht war, an den man sich aber nicht wirklich erinnern wollte. Es war eine wilde Hatz durch den Wald des Parks; nur der kleine, fahle Schein der Taschenlampe, der kaleidoskopartig den Weg und die Bäume beleuchtete. Und Schreie. Überall Schreie und dazwischen widerliche Geräusche, die eigentlich nicht außerhalb eines Horrorfilms existieren durften. Dieser Wahnsinn fand schlagartig ein Ende, als Boris plötzlich stolperte und sie für einen Moment zu schweben schienen. Um dann, kopfüber, ins Wasser zu stürzen. Während Anna dachte, das wäre nun das Ende, stand Boris neben ihr auf und hievte sie zurück an das Ufer. Sie hatten den kleinen See erreicht, der, wenn sie sich recht erinnerte, hinter der großen Wiese lag, welche direkt hinter dem Schloss begann. Sie hatten ihr Ziel erreicht. Von Svetlana fehlte jede Spur. Während Boris, wieder fluchend, aus dem See kletterte, konnte sie einen grauen Schimmer in der Dunkelheit ausmachen. Das Licht war zum Greifen nah. Boris nahm sie bei der Hand und zog sie auf das Licht zu. Langsam konnte man Formen ausmachen. Andere Menschen, die in die gleiche Richtung rannten wie sie. Man konnte eine Stimme hören, die durch ein Megafon den Leuten zurief, zügig ins Licht zu kommen. Und Polizisten oder Soldaten in Körperpanzern und mit starken Taschenlampen und großen Waffen, welche die Leute zur Ordnung riefen und durch die Tore vor das Schloss schleusten.
Und so hatte Anna Kerborsky, Tochter von Ivan Kerborsky, dem berühmt-berüchtigten Diplomaten und Geschäftsmann, den Stillstand überlebt. Mit einer fast körperlichen Anstrengung drängte sie die Erinnerungen an diesen Tag wieder zurück. Oh, sie würden wiederkommen. Aber heute nicht mehr. Schließlich war heute ihr Geburtstag. Sie gönnte sich einen tiefen Schluck aus ihrem Glas und genoss für einen Moment, wie die brennende Wärme sich langsam in ihr ausbreitet.
Stillstand. Wie absurd perfekt diese Bezeichnung für das Ereignis war, konnte nur jemand erahnen, der das Davor erlebt hatte. Und das waren, zumindest in der kleinen Stadt Karu, außer ihr und Doc Schmitt, niemand mehr. Und Doc Schmitt war in die Dunkelheit gegangen.

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