7. Oktober 2014

"Begegnungen: irgendwie ... - irgendwo ..." von Karin Büchel

"Begegnungen", irgendwie und irgendwo: Ein Mix von 25 Kurzgeschichten, in denen es um Begegnungen zwischen Freunden/innen, Fremden oder Zufallsbekanntschaften geht. Es sind Begegnungen zwischen Menschen wie DU und ICH, die häufig einen seltsam schaurigen, cleveren aber auch heiteren Inhalt haben.

Kurzgeschichten aus dem Leben: Gefährlich, tödlich, amüsant. Kurz und eigenwillig.

Gleich lesen: > > > Begegnungen: irgendwie ... - irgendwo ...







Leseprobe "Gundula":
Man bedenke bei dieser Geschichte, dass es sich um das Jahr 1976 handelt und besagte weibliche Person gerade einmal siebzehn Jahre jung war.
Ich nenne diese Person jetzt einfach: Gundula.
Gundula war hoch gewachsen, dünn, Arme und Beine passten im Verhältnis zum Oberkörper noch nicht zueinander, hatte samtbraune Augen, braune, zu einer Innenrolle geföhnte Haare, so ähnlich wie Mireille Mathieu und wenig Selbstbewusstsein.
Gundula ging gerne in das dorfansässige Freibad, denn dort konnte man, auch damals schon, wunderbar die Jungs beobachten und wurde selber gesehen.
An jenem Tag im Sommer 1976 zog sie sich besonders auffällig an:
Sie entschied sich für ihren orangefarbenen Pullover. Ärmellos war er, aber mit Rollkragen, man bedenke dass es Sommer war. Sie liebte diesen Pullover über alles. Er war aus 100 Prozent Polyester, gerippt und drei schwarze Knöpfe zierten den Umschlag des Rollkragens. Dazu trug sie eine beige Stoffhose. Nein, um genau zu sagen, es war eine hellbeige Stoffhose, fast farblos. Auf jeden Fall trist und langweilig, aber Gundula trug sie gerne. Vor allem weil sie hauteng war. So eng, dass das Fleisch ihrer Oberschenkel durch den Stoff quoll. Ähnlich wie eine Ziehharmonika. So faltig sah es aus. Aber so musste es sein. Sie fühlte sich wohl und unter alldem hatte sie ihren Badeanzug an. Türkisfarben mit bunten Muscheln.
Im Freibad legte sie ihr Badehandtuch auf die Wiese , zog sich dann den Pullover und die Hose aus und setzte sich in ihrem Badeanzug so auf das Handtuch, dass sie alles gut beobachten konnte.
Da war er: Frank!
Ein klasse Typ. Schwarze Haare, sportliche Figur, liebes Gesicht mit zwei Grübchen , die sich beim Lachen immer abwechselnd zeigten und ein intelligentes Kinn. Für Gundula war ein Kinn dann intelligent, wenn es markant, eckig und ausgeprägt war, so wie das Kinn von Frank.
Hinzu kam, dass Frank, ein paar Jahre älter als sie, in direkter Nachbarschaft von ihrem zu Hause wohnte, sie aber leider überhaupt nicht beachtete. Hingegen verspottete er sie, machte sie lächerlich mit albernen Begrüßungsworten. „Nepomuk“, nannte er sie, ein böhmischer Name und hieß so viel wie „Mann aus Pomuk“. Gundula war kein Mann nur unsterblich in ihn verknallt und von ihrem Platz auf dem Handtuch hatte sie ihn genau im Blick.
Aber Frank bemerkte sie nicht einmal, war umlagert von Gisela, Renate und Angelika.
„Na, bist wohl Luft für deinen Frank, was?“
Doris hatte sich neben sie gesetzt.
Mein Gott, ausgerechnet Doris. Sie wohnte auch in ihrer Nachbarschaft, war klein, äußerst pummelig, fast dick, hatte die Haare immer zu einem ganz strengen Zopf nach hinten gebunden, sollte angeblich das Gesicht schmaler wirken lassen und hatte abgekaute Fingernägel. Nur Doris war nicht dumm. Sie hatte direkt bemerkt, welche Gedanken in Gundulas Kopf kreisten.
„Heute hast du keine Chance bei Frank.“ Wieder so ein Satz. Gundula sprang von ihrem Handtuch auf. „Ich will auch gar nichts von dem!“ Zog sich ihren orangefarbenen Pullover an und dann?
Genau in dem Moment, wo sie ihn über den Kopf zog, ihre Augen wohl dabei geschlossen aber ihren Mund geöffnet hatte, geschah es.
Ein Schrei, ganz wild herumfuchtelnde Arme, ein Pullover, an dem gerissen und gezerrrt wurde. Gundula, schnappte nach Luft, röchelte, schrie mit den Augen um Hilfe.
Aber es war zu spät. Es ging so schnell, dass selbst Doris, die direkt neben ihr war, nichts machen konnte.
Frank, der mit seinen Mädchen beschäftigt war, sah zufällig das Drama, kam angerannt, schließlich studierte er im dritten Semester Medizin, leistete erste Hilfe, so gut es ging, jeder Handgriff saß, aber jene Wespe, die sich in Gundulas orangefarbenen Pullover versteckt hatte und dann in den Mund von dieser geflogen war, hatte ganze Arbeit geleistet. Grausame Arbeit.
Ein Stich in die Luftröhre.
Jede Hilfe kam zu spät.
Gundula konnte an diesem Nachmittag im Freibad die ganze Aufmerksamkeit von Frank auf sich ziehen.
Das erste und letzte Mal in ihrem Leben.

Im Kindle-Shop: Begegnungen: irgendwie...- irgendwo...
Mehr über und von Karin Büchel auf ihrer Website.

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