24. Oktober 2014

"Fritz Lang auf der Venus" von Emanuel Auracher

Der erste Flug zur Venus fand 1929 statt. Die Expedition ins finsterste Afrika hat sie beinahe den Kopf gekostet. Zuhause im Königreich Bayern bleibt der selbstbewussten Rebecca Rabenhorst keine Zeit zum Ausruhen. Seltsame Ereignisse verstören die Isarmetropole. Steckt Rebeccas Erzfeind, der Satanist Aleister Crowley dahinter? Außerdem bedroht ein geheimnisvoller Unbekannter die ganze Welt. Dann erhält sie die Einladung zu einer phantastischen Reise, nach der nichts mehr so wie früher sein wird ...

Aufregende Abenteuer in einer Alternativwelt der wilden Zwanziger, gewürzt mit einer Prise schwarzem Humor. Ein bekannter Stummfilmregisseur, Maschinenmenschen, Satanisten und ein rätselhafter Millionär garantieren Spannung bis zur letzten Seite.

Gleich lesen: Fritz Lang auf der Venus: Ein Rebecca Rabenhorst Roman

Leseprobe:
Paul von Rachow glaubte immer noch zu träumen. Schon als er in seiner Kabine aus dem künstlichen Schlaf erwacht war und sein Blick auf die grüne Lampe fiel, hatte er nicht glauben können, dass das Weltraumschiff wirklich die Venus erreicht hatte. Als die Betäubung nachgelassen hatte und er wieder auf den Beinen war, wusch er sich an dem kleinen Waschbecken, zog sich um und rasierte sich. Nach einigem Zögern stieg er die Leiter empor, die zur Messe führte. Von oben hörte er leise Stimmen. Vor Aufregung zitterten seine Hände. Er wurde bereits erwartet. Bis auf Rebecca Rabenhorst hatten sich die Mitreisenden bereits in dem runden Raum eingefunden.
Obwohl Paul den etwa fünf Meter durchmessenden Aufenthaltsbereich vor dem Abflug gesehen hatte, wurde ihm erst jetzt die Beengtheit deutlich. Um einen runden, fest am Boden verschraubten Tisch, der das Zentrum der Messe bildete, waren fünf drehbare Ruhesessel, ebenfalls sicher befestigt, angeordnet. Links führte eine zweite Eisenleiter durch einen engen Schacht hinauf in die Raketenspitze, wo Caliban, im Augenblick mehr Maschine als Mensch, die Kontrolle über das Schiff hatte.
Ringsum an den Wänden waren komplizierte Anzeigen mit bunten Lämpchen und bisweilen heftig ausschlagenden Zeigern angeordnet, deren Sinn er nicht einmal ansatzweise zu durchschauen vermochte. Und das, obwohl er selbst Physiker war. Das Weltraumschiff war ein weiteres von Professor Velatus Wunderwerken. Vanderbilts Sohn war neben dem Maschinenmenschen der einzige, der die hochkomplizierte Apparatur zu begreifen schien. Insgeheim bewunderte Paul Vanderbilt. Durch sein attraktives Äußeres und seinen Siegerwillen zog der Amerikaner alle in den Bann. Schüchtern musterte er die Männer um sich. Hanns Heinz Ewers bot einen grotesken Anblick. Der Schriftsteller lümmelte in einem der Sessel, vor sich einen Champagnerkübel und prostete ihm mit einem Sektglas zu. Mit einem taubenblauen Seidenanzug und Gamaschen über den Lackschuhen war er völlig unpassend gekleidet. Fritz Lang, der wie Paul und Vanderbilt Knickerbockers aus braunem Manchester und eine weiße Hemdbluse aus leichter Baumwolle trug, stand in der Ecke und richtete seine Handkamera abwechselnd auf die Mitreisenden. Noch fehlte Rebecca Rabenhorst. Paul bekam Herzklopfen, als er an sie dachte. Nur wegen ihr hatte er das Wagnis der Weltraumfahrt auf sich genommen.
Colin Vanderbilt, der gerade dabei war, die Instrumente zu überprüfen, begrüßte Paul mit einem knappen Lächeln. »Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise. Im Namen der Vanderbilt-Werke begrüße ich Sie auf der Venus!«
War das alles? Paul konnte es nicht glauben. Er hatte mindestens eine feierliche Rede erwartet. Sie waren schließlich die ersten Menschen, die einen fremden Planeten erkunden würden. So pathetisch es klang: Ein Menschheitstraum war wahr geworden. Mit offenem Mund starrte er Vanderbilt an.
»Fast alle Ihre Berechnungen waren übrigens korrekt«, meinte dieser. »Caliban hat nach der Landung alle Werte abgeglichen.«
»Ist die Atmosphäre wirklich für Menschen atembar?«
»Unser Caliban hat Werte ermittelt, die dem Amazonasdschungel oder dem Landesinneren von Borneo entsprechen.«
»Und die Temperatur?«, fragte Paul ängstlich.« Er befürchtete, sich verrechnet zu haben. Bei einer Dauertemperatur von über 60 Grad Celsius könnte man sich allenfalls minutenweise draußen aufhalten.
»Derzeit beträgt die Außentemperatur lediglich rund 15 Grad Celsius. Allerdings…«
Ewers unterbrach Vanderbilt.
»… haben Sie sich verrechnet, junger Freund. Die Entfernung zu Mutter Erde beträgt nämlich ein paar hunderttausend Kilometer weniger als angenommen. Wir sind etliche Stunden zu früh dran. Draußen ist es stockdunkel und wir müssen die Zeit totschlagen!«
Ewers grinste breit und etwas dümmlich. Der angetrunkene Künstler hatte gewiss schon bessere Zeiten gesehen. Paul schwieg verlegen. Langs surrende Kamera richtete sich auf ihn, was die Situation noch unangenehmer machte.
In diesem Augenblick kletterte Rebecca Rabenhorst behände die Leiter zur Messe hinauf. Pauls Herzschlag beschleunigte sich augenblicklich. Voller Scham spürte er, dass ihm die Röte ins Gesicht stieg. Rebeccas pechschwarz glänzendes Haar war frisch onduliert und im Nacken kurz geschnitten. Ihr milchweißer Teint war makellos. Das knielange Tropenkostüm aus Khakistoff saß eng und verlieh ihr eine feminine Silhouette. Die festen schwarzen Stiefel mochte sie auch am Kongo getragen haben. Paul fand diese Dschungelkleidung sehr adrett. Der Filmemacher Lang schien anderer Ansicht zu sein, denn er verdrehte bei dem Anblick die Augen.
Paul bemerkte, dass Rebeccas Blick als erstes auf den attraktiven Colin Vanderbilt fiel. Dieser begrüßte sie mit einem formvollendeten Handkuss. Paul, tiefrot im Gesicht, brachte wie so oft kein Wort heraus. Schüchtern wich er ein weiteres Mal den kalten blauen Augen aus. Selbst hier, auf der Venus, erschien ihm diese Frau unwiderstehlich. Hanns Heinz Ewers schien von Rebeccas Reizen viel weniger beeindruckt. Er blieb behäbig in seinem Polstersessel sitzen und streckte auch ihr sein Champagnerglas zum Prosit entgegen. Lang, die Kamera auf der rechten Schulter, hob lässig die Linke zur Begrüßung. Mit einer eleganten Bewegung strich Rebecca Rabenhorst die Röcke glatt, setzte sich sehr aufrecht an den Tisch und wandte den Männern wortlos ihr Profil zu.
Die arrogante Geste genügte, um Fritz Lang aus der Fassung zu bringen. Der Regisseur schnaubte hörbar und starrte demonstrativ zur Decke. Eine Zeit lang herrschte Schweigen, dann richtete sich Hanns Heinz Ewers ächzend in seinem Sessel auf und richtete den Finger auf Paul.
»Unser kleiner Physiker hat sich leider verrechnet. Noch ist es Nacht auf der Venus. So ein Mist.« Rebecca zog die Augenbraue hoch und ignorierte seine süffisante Bemerkung. Langs motorbetriebene Filmkamera surrte leise vor sich hin. Der Amerikaner beschwichtigte.
»Herr von Rachows Berechnungen waren sonst vollkommen richtig. Wir werden hier eine atembare Atmosphäre und erträgliche Temperaturen vorfinden. Caliban hat das Schiff außerdem planmäßig auf dem dreißigsten Breitengrad aufgesetzt. Wir warten nur noch etwas. Machen Sie es sich bis dahin gemütlich.«
»Wie lange müssen wir hier drin bleiben?«, fragte Rebecca Rabenhorst.
Paul merkte, wie ihr Blick ruhelos über die fensterlosen Bordwände glitt. Auf ihrem schmalen Hals hatten sich rote Nervositätsflecken gebildet. Etwas schien sie zu beunruhigen.
»Der Sonnenaufgang steht unmittelbar bevor. Durch die langsame Drehgeschwindigkeit der Venus wird es allerdings noch knappe sechs Stunden dauern«, klärte Vanderbilt sie auf. Fritz Lang, der bisher nur schweigend gefilmt hatte, schaltete die Kamera einen Augenblick ab und sah Rebecca missbilligend an.
»Sollte Ihnen in unserer Gesellschaft fade sein, können wir schon mal die Luke öffnen, Frau Rabenhorst. Wir haben einen starken Suchscheinwerfer an Bord. Vielleicht gelingt es uns, ein paar erste Eindrücke der Venusnacht festzuhalten.«
Vanderbilt nickte zustimmend. Er öffnete eine an der Seitenwand angebrachte Klappe und entnahm ihr etwas, das wie eine Mischung aus einer Pistole und einer Taschenlampe aussah. An der rechten Seite der Messe befand sich die Ausstiegsluke, zu der eine kurze metallene Trittleiter empor führte. Vanderbilt wartete, bis Fritz Lang seine Kamera wieder eingeschaltet hatte, dann drehte er das große Rad an der Tür, die an den Ausstieg eines Unterseebootes erinnerte. Die massive Stahltür öffnete sich lautlos nach innen. Draußen war absolute Dunkelheit. Die Venus hatte keinen Mond, auch das schwache Licht der Sterne konnte die dichte Wolkendecke des Planeten nicht durchdringen. Die kühle Luft, die von draußen eindrang, trug einen seltsamen, fremden Duft mit sich.
Nachdem Vanderbilt Rebecca Rabenhorst die Lampe gereicht hatte, stieg sie die Leitersprossen hinauf und beugte sich hinaus. Als sich der enge Rock um ihre Formen spannte, vergaß Paul für einen Augenblick fast, wo er sich befand. Vanderbilt drängte an die Luke. Paul folgte ihm zögernd.
»Können Sie etwas erkennen?«, fragte Lang, der mit laufender Kamera hinter ihnen stand. Paul blickte über die Schultern der anderen hinaus in die Dunkelheit. Der Lichtkegel drang tief in die Nacht, erfasste aber kein Ziel.
»Nichts zu sehen, alles stockdunkel!« Rebecca leuchtete auf den Boden hinunter, der knappe zehn Meter unter ihnen lag. Auch Paul beugte sich neben ihr aus der Luke. Unten war nackter Felsboden, der mit buntfarbigem Moos bewachsen zu sein schien. Wieder drang das Licht der Lampe in die Venusnacht hinaus.
»Wecken Sie mich, wenn es da draußen was zu sehen gibt«, meldete sich Ewers gelangweilt aus seinem Sessel. Niemand achtete auf ihn. Plötzlich erklang weit draußen in der Nacht ein seltsamer, klagender Ton.
»Was war das?«, fragte Lang verblüfft. »Das hörte sich an wie eine Heulboje.«
»Zweifellos ein Lebewesen! Obwohl es ziemlich weit entfernt war, klang das Geräusch ziemlich laut!«, meinte Rebecca Rabenhorst aufgeregt. Sie schwiegen und lauschten in die Dunkelheit. Wieder ertönte der unheimliche Ton, der deutlich von der rechten Seite kam. Paul fühlte sich unbehaglich. Was mochte das für ein Geschöpf sein, das da in die Dunkelheit hinausrief? Dann schien eine weitere Stimme, diesmal von links kommend und deutlich näher, zu antworten. Alle stutzen. Selbst Ewers erhob sich ächzend aus seinem Sessel. Da draußen mochten mehrere Wesen sein, die miteinander kommunizierten. Kurz darauf ertönte der Laut durchdringend aus unmittelbarer Nähe. Rebecca Rabenhorst schaltete den Strahler ab.
»Das Licht lockt sie an! Schließen Sie sofort die Luke!« Paul sprang zur Seite, Vanderbilt schlug die Luke zu, als im selben Augenblick eine gewaltige Erschütterung den Schiffsrumpf erzittern ließ. Der Lärm war noch nicht verklungen, als ein zweiter mächtiger Schlag das Schiff traf. Ewers schien augenblicklich zu ernüchtern. »Großer Gott, was ist das? Als ob Torpedos ein Unterseeboot treffen!«
Irgendetwas hämmerte mit aller Gewalt auf den unteren Teil des Schiffes ein. In Pauls Ohren dröhnte es. Colin Vanderbilt griff nach dem Funkgerät und rief hinauf ins Cockpit zu Caliban.
Sogar der kühlen Rebecca Rabenhorst gelang es nur mühsam, die Ruhe zu bewahren.
»Was auch immer, es will zu uns herein!«, rief sie. Selbst Lang hatte vergessen zu filmen.

Im Kindle-Shop: Fritz Lang auf der Venus: Ein Rebecca Rabenhorst Roman

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen