8. Oktober 2014

"Gekommen um zu gehen" von Lana N. May

Die Liebesgeschichte von Johanna und Thomas. Er gebunden, sie frei, aber nicht frei von ihrer Vergangenheit, treffen aufeinander und verlieben sich. Amor hat seine Pfeile abgeschossen, er hat nach Plan getroffen - mit folgenreichen Konsequenzen. Sie lieben sich, lachen, leiden gemeinsam und einsam, er muss nach New York, sie bleibt in Wien. Die beiden sind getrennt aber es verbindet die beiden Leidenschaft und die ganz große Liebe. Die Trennung auf Zeit verbringen sie mit E-Mails und Telefonanrufen und finden in der Distanz noch inniger zueinander.

In jeder E-Mail liegt die Geschichte eines - scheinbaren - gemeinsamen Tages. Doch meint es das Schicksal gut mit den beiden? Was, wenn man gemeinsam die schönste Zeit erlebt? Was, wenn alles plötzlich endet? Was wenn man am Morgen noch gemeinsam aufgestanden ist und am Abend alleine schlafen gehen muss?

Eine Geschichte über zwei Liebende, erzählt auf eine humorvolle Art und Weise, über Begegnungen die verändern, über das Zusammenkommen, über Vertrauen, über Trennung und über die Nachhaltigkeit einer großen Liebe.

Gleich lesen: Gekommen um zu gehen

Leseprobe:
Der Nebel bedeckte die Straße. Es war mittlerweile Herbst geworden und Johanna besuchte ihre Großmutter im Altenheim. Es war noch kein kalter Herbst, mehr so einer der andeutete, dass der Sommer vorüber war, dass es Zeit war, die Sommersachen wegzupacken, sich von seinen geliebten Flip Flops zu trennen, die ohnehin schon leicht ausgefranzt waren, die lauen Sommernächte zu vergessen, den guten Aperollikör im Spirituosenschrank zu verstauen, denn für sommerliche Spritzer fehlten eindeutig die warmen Juli- und Augustnächte. Es war die Zeit gekommen, um die Fotos vom Sommerurlaub auf Capri am Computer in Ordner zu verpacken und sie vielleicht mit dem Titel „letzter Sommerurlaub“ zu versehen, oder auf eine ganz altmodische Art sie ausarbeiten zu lassen, damit man sich am Anblick des türkisfarbenen Salzwassers an kühlen Wintertagen wärmen konnte. Ja, es hieß, Adieu zu heißen und schwülen Sommertagen zu sagen, aber sich auch gleichzeitig auf Kaminfeuer, wunderschöne rot-, gelb- und goldfarbene Herbsttage einzustimmen und sich mit dem Gedanken anzufreunden, die Wollpullover aus den hintersten Ecken des Schrankes herauszusuchen, zu checken, ob sie mode- und größentechnisch auch in dieser Saison noch passten.
Jeden zweiten Tag besuchte Johanna ihre Großmutter, es war Routine für sie. Die Großmutter würde so oder so nicht mehr lange leben und die Besuche nicht nur eine gewisse Nettigkeit der Enkelin, sondern für Johanna so wichtig wie die Luft zum Atmen. Sie brauchte die Nähe zu ihrer Oma, immerhin hatten sie auch in den letzten Jahren zusammen gewohnt. Johannas Eltern lebten nicht mehr, sie hatten einen Autounfall nicht überlebt. Als das passierte, war Johanna sturzbetrunken mit Freunden in einer Disco unterwegs. Die Disco mochte sie nie, doch was das Landleben als Alternativen bot, war noch viel schlechter. Sie sprach seit dem Tod ihrer Eltern nie mehr über sie. Sie wurde anders, als hätte man ihr Herz und den Verstand ausgetauscht, Johanna merkte es, aber konnte aus dem schwarzen Loch nicht entkommen, sie konnte sich einfach nicht dagegen wehren. Jeden Tag, seit dem tragischen Unfall, riss es sie immer weiter in die Tiefe. Unaufhaltsam.
An diesem Herbsttag, saß sie einfach so da und starrte ihre Großmutter an, die sich kaum rührte. Stunden verstrichen. Manchmal schnaubte die Alte und ihr Bauch wölbte sich dabei stark nach außen, dann keuchte sie und murmelte Unverständliches vor sich hin. „Die Alte“, ein Begriff den Johanna benutzte um sich von ihrer Großmutter und ihrem bevorstehenden Tod zu distanzieren, geprägt vor einigen Monaten, denn früher wurde sie von ihr liebevoll „Oma“ genannt. Johanna las in einem Buch, blickte kurz zur Großmutter und senkte wieder ihren Kopf. Sie kannte das Schnauben, das Murmeln und das schwere Atmen schon, es besorgte sie nicht. Am Anfang tat es das, aber mittlerweile nicht mehr. Bevor sie ging, richtete sie den Kopfpolster der alten Frau, drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und ging ohne noch weitere, liebevolle Worte der Verabschiedung zu sagen. Langsam stieg sie die Treppen zum Foyer hinunter. Immer wenn Johanna den großen Aufenthaltsraum betrat, blickten die Senioren von ihren Büchern, Brettspielen, Klatschzeitschriften auf und schauten sie einen Moment lang an. Die Bewohner des Altenheims setzten die Kaffeetassen ab, legten die Kuchengabeln weg und begutachteten Johanna, manche taten es mit offenem Mund und Bröseln drum herum, manche setzten sich ihre alten Kassenbrillen auf, um Johanna besser zu sehen. Sie starrten so lange, bis sie durch die Tür verschwunden war. Es interessierte sie nicht, wer die Alten waren, welche Geschichten sie wohl zu erzählen vermochten. Viele von ihnen hätten aber gerne mehr über Johanna gewusst, denn sie war seit langem ein Stammgast, mehr ein Stammbesucher, gab aber nichts über sich preis. Jeden zweiten Tag kam sie, eilte die Treppen hinauf zur Großmutter und blieb dort eine Zeit lang. So zügig wie sie hinaufgelaufen war, verschwand sie auch wieder. Niemand hatte Gelegenheit mit ihr zu reden. Niemals.
Johanna sperrte die Türe auf. Ihre Wohnung war zweckmäßig eingerichtet und ließ keine Spielereien erspähen. Nirgendwo konnte man Fotos sehen, keine Teppiche wärmten die kalten Füße im Winter und kein lieblicher Geruch stieg einem beim Betreten der kleinen Wohnung in die Nase. Nüchtern und kühl, sowie Johanna es war. Sie ging zum Kühlschrank, öffnete ihn und nahm sich eine Packung Orangensaft heraus, heute war ihr Glückstag, denn immerhin hatte sie eine Packung Saft vom Diskonter darin gefunden. Mehr war nicht gekühlt. Irgendwann würde sie einkaufen gehen. Irgendwann, wenn es wieder geht. Oft war ihr kalt. Wenn das der Fall war, dann legte sie sich mit einer dicken braunen Decke auf die Coach, ein Relikt aus früheren Kindheitstagen. Mittlerweile spürte man unangenehm die Metallfedern der Billigcouch, die sich ins Gesäß bohrten, wenn man darauf saß. Manchmal schaltete Johanna den Fernseher ein, sie besaß keinen XL-Flat Screen, sondern einen Röhrenfernseher aus dem letzten Jahrzehnt, 61x50x46 cm, voll funktionsfähig, ohne HD, 3D und dem ganzen Schnickschnack. Manchmal las sie ein Buch und wieder manchmal blätterte sie in Zeitschriften. Sie schien lustlos zu sein, hin und wieder auch hektisch, so, also würde sie nicht wissen, was zu tun war, oder vielmehr was sie gerne tun würde. Sie hatte sich lange schon keine große Bedeutung mehr zugemessen. Aber auch den anderen nicht. Nicht den Busfahrern, nicht den Verkäuferinnen, nicht dem Postboten und noch nicht einmal ihrer Großmutter.

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