27. November 2014

"Hallo ROSI!: Dorfgeschichten mit Herz und Humor" von Heidi Hensges (Hrsg.)

Die Autorinnen Heidi Hensges, Beatrix Hötger-Schiffers, Renate Janssen und Eike Wuscher der Schreibgruppe "Texterados" haben gemeinsam dieses eBook mit Kurzgeschichten veröffentlicht.

Rosi Pütz ist 52, wohnt in einem nordrhein-westfälischen Dorf und arbeitet im Kiosk mitten auf der Hauptstraße. Ständig will irgendwer Hilfe von ihr, der tollpatschige Ex-Mann Freddy nervt genauso wie die Wechseljahres-Beschwerden, und dann tauchen auch noch Außerirdische auf. Zum Glück muss Rosi die Turbulenzen des Landlebens nicht alleine ertragen. Ihr jüngerer Freund und Physiotherapeut Frank und Pudeldame Püppi sind immer dabei.

Die Autorinnen Heidi Hensges, Beatrix Hötger-Schiffers, Renate Janssen und Eike Wuscher lernten sich in einem Krimikursus kennen. Alle vier haben bereits einige Kurzgeschichten veröffentlicht und gründeten 2011 die Schreibgruppe „Die Texterados“. 15 lustige, schräge und herzerwärmende Geschichten, nicht nur für Frauen um die 50.

Gleich lesen: Hallo ROSI!: Dorfgeschichten mit Herz und Humor

Leseprobe:
Roswitha Pütz war extra um sechs Uhr aufgestanden und mit der Bahn zum Last-Minute-Shopping nach Düsseldorf gefahren. In den letzten, verkaufsoffenen Stunden des Heiligabends wollte sie die Zeit nicht mit der Suche nach einem Parkplatz verplempern. Und Düsseldorf musste sein, denn für den besonderen Anlass wollte sie nur das Beste haben. Die 217,80 Euro taten allerdings schon ein wenig weh. Andererseits – wann hatte sie sich das letzte Mal so etwas Schönes gegönnt? Verstohlen lugte sie in die kleinen, schicken Papiertüten. So wenig Stoff für so viel Geld … Rosi musste lächeln. „Wenn meine Kinder das wüssten“, dachte sie in sich hinein. „Und Freddy erst!“ Aus dem Lächeln wurde ein Glucksen. Das ihr gegenüber sitzende Mädchen mit den struppigen grünen Haaren und der kaputten Hose warf ihr einen bösen Blick zu. Rosis Glucksen steigerte sich zu einem hemmungslosen, lauten Gelächter. Zwei Minuten später lachte der ganze Großraumwagen und niemand wusste, warum.

Alfred „Fred“ – für die besten Freunde und die Familie auch „Freddy“ – Pütz stand miesepetrig in der Miniküche seiner Mietswohnung in Heinsberg-Oberbruch und briet Spiegeleier. So hatte er sich sein Heiligabend nicht vorgestellt. Schöne Geschenke hatte er besorgt. Besonders stolz war er auf den einen Meter großen Plüschfrosch für sein Enkelkind Marie. Rosi, mit der ihn zwei Jahre nach der Scheidung eine Art geschwisterlicher Freundschaft verband, sollte ein Fläschchen ihres Lieblingsparfums „Tosca“ bekommen. Und nun? Seine Tochter feierte mit Mann und Kind bei den Schwiegereltern, sein Sohn mit Freundin in der Karibik und Rosi hatte irgendwas von „mit Ute einen gemütlichen DVD-Abend machen“ erzählt. Die Dame, die sich vor vier Wochen auf seine letzte Kontaktanzeige gemeldet hatte, suchte nur ein Abenteuer. „Fred Pütz ist kein Mann für eine Nacht!“, war seine empörte Antwort darauf gewesen. Und trotzdem hatte er vor einer Stunde noch mal bei ihr angerufen. Zu dumm, dass ein Mann ans Telefon ging.
Am nächsten Tag würde sich die ganze Familie, bis auf den elitären Sohn natürlich, beim Griechen treffen. Aber niemand wollte mit ihm Heiligabend verbringen. Er war ein einsamer, geschiedener, abgeschobener, in die Ecke gestellter und nicht mehr abgeholter, trauriger Mann. Eine kleine Träne lief ihm die Wange herunter und tropfte mitten auf ein Spiegelei.

Bevor Rosi in Geilenkirchen-Lindern aus dem Zug stieg, ließ sie fix noch die „Luxus Lingerie London“-Tüten in der „Kaiser‘s“-Tüte neben Schinken, Käse und Lachs verschwinden. Inzwischen war es vierzehn Uhr. Sie hatte noch fünf Stunden Zeit. Fröhlich stieg sie in ihren kleinen, gelben Fiat und betrachtete sich kurz im Spiegel. „Na, Frau Pütz, schon aufgeregt?“, fragte sie ihr Konterfei und grinste.
Frank Moser. Was für ein Mann. Und so schön! Und so jung! Endlich, endlich war wieder Erotik in ihrem Leben. Es kribbelte und krabbelte und kitzelte im ganzen Bauch, im ganzen Busen, sogar in den Ohren! Rosi fühlte sich trotz ihrer zweiundfünfzig Jahre wie allerhöchstens vierzig, seit Frank Moser sie das erste Mal zum Essen eingeladen hatte. Und das nicht etwa in irgendein Restaurant – nein, bei sich zu Hause! Er hatte selbst gekocht! Pasta mit Meeresfrüchten und flambiertes Eis! Freddy konnte höchstens unfallfrei eine Dose Suppe öffnen und heißmachen, ohne dass man hinterher den Topf wegwerfen musste. „Was er heute Abend wohl macht?“ Rosi verscheuchte den Gedanken ganz schnell wieder, startete den Motor, schaltete das Radio an und düste beschwingt und „Last Christmas“ singend nach Hause gen Kirchrath.

„Reiß‘ dich gefälligst zusammen! Du bist ein Kerl und kein verdammtes Mädchen!“, beschimpfte Fred Pütz sein Spiegelbild. „Du rufst jetzt deine Kumpels an!“ Wenn Frauen sich einen gemütlichen DVD-Abend machen konnten, konnten Männer sich einen derben Männerabend machen, jawoll! Jupp und Manni waren dafür genau die Richtigen – auch so verlassene Gestalten und immer Bier und Korn im Haus. Um siebzehn Uhr hatte er nicht nur mit Jupp und Manni, sondern auch mit Tommy, Hotte, Mattes, Totte, Jürgen, Joschi, Schorschi, Pitt, Rolle und Ralle telefoniert. Kalle war ja schon vor Urzeiten nach Hamburg ausgewandert. Es war zum Hasenmelken! Wer noch nicht wieder mit der Exfrau oder schon wieder mit einer Neuen zusammen war, war entweder sturzbetrunken, auf dem Weg in den Urlaub oder in den Puff. Hotte war vor zwei Jahren sogar schon mal tot gewesen, erfuhr er bei der Gelegenheit.
Trübsinnig guckte Fred zum Fenster hinaus. Es schneite wie bekloppt, im Wohnblock gegenüber leuchteten die Weihnachtsbäume und Lichterketten, und er saß hier gemeinsam mit einem Riesenfrosch. Im Fernsehen lief nur Mist: „Das Winterfest der Volksmusik“ vom Jahr zuvor, „Rocky 1“, „Stirb langsam 2“, „Sturm der Liebe, Teil 974“. „Und nun?“, fragte er in Richtung Frosch. Doch der wusste auch keine Antwort.

Im Kindle-Shop: Hallo ROSI!: Dorfgeschichten mit Herz und Humor

Mehr über die Schreibguppe Texterados auf ihrer Website.

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