17. Dezember 2014

"Mord am Genfer See" von Jochen Wiesigel

Voller Todesangst flieht Sascha, ein russischer Junge, aus einer Villa in der Schweiz. Wurde er Zeuge eines Verbrechens? Besteht ein Zusammenhang zum Fund der arg zugerichteten Leiche am Ufer des Genfer Sees, die dem Kommissar Philippe Piatti Kopfzerbrechen bereitet? Und warum werden die Angehörigen des 83-jährigen Kunsthändlers Montiniere auf einmal erpresst? Schließlich wollten sie doch nur das Beste für ihr krankes Familienoberhaupt, koste es, was es wolle ...

Viele Puzzleteile müssen die Ermittler zusammensetzen, bis sie einer internationalen Bande auf die Spur kommen, die mit Organhandel das große Geld macht.

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Leseprobe:
„Jetzt lauf“, flüstert Kolja. „Lauf!“ Und Sascha rennt durch den Garten zum Ufer, er zwängt sich zwischen den Sträuchern hindurch und schützt sein Gesicht vor den peitschenden Zweigen. Er watet durch's Wasser, an Mauern und Zäunen entlang.
Der Mond schwimmt im See. Die Lichter des Jachthafens zittern in den schwarzen Wellen. Unter dem Sternenhimmel stehen die knorrigen Weiden wie Gespenster.

Endlich hat er den Uferweg erreicht, doch er ist noch lange nicht in Sicherheit. Aus dem Dunkel der Hecken und Sträucher funkeln Augen. Ein Knurren erst, dann ein heiseres Kläffen. Ein Hund steckt seine Nachbarn an, und gemeinsam zerbellen sie die Stille dieser Sommernacht.
Sascha springt über Stock und Stein, über Stämme, Wurzelstöcke und anderes Treibgut. Er hört das Brummen eines Motorbootes, das sich allmählich entfernt. Seine Füße wirbeln durch den Sand und über rollende Steine. Er rennt um sein Leben. Ihm bleibt nicht viel Zeit. Wenn sie ihn finden, das weiß er, bringen sie ihn um.
Ohne einem Menschen zu begegnen, kommt er von einem Dorf in das andere. Als die Alpengipfel am Horizont rot aufscheinen, sind seine Beine schwer geworden, doch er lässt nicht nach. Eine Krähe flügelt vor ihm auf und schwingt sich über die Platanen. Am liebsten würde er ihr hinterher fliegen, oder ganz klein werden, so klein, dass er in einem Mauseloch verschwinden und an einem anderen Ort der Erde wieder herauskommen könnte.
Aus einem Dorfbrunnen trinkt er Wasser und wäscht sich das Gesicht, bevor er sich wieder auf den Weg macht.
Von den terrassierten Weinbergen steigen Nebelwolken auf und zerfasern im Morgenhimmel. Autos gleiten vorüber, Radfahrer und Jogger begegnen ihm, doch er senkt den Kopf. Wie jemand, der etwas zu verbergen hat, sucht er einsame Wege.
Am Rand einer Gartenanlage legt er sich auf eine Bank. Kurz darauf wird er weggejagt. Er versteckt sich auf dem Spielplatz in einem Kletterturm und wieder scheucht man ihn fort. Er kriecht unter eine Bogenbrücke am Stadtpark. Eine Ratte schwimmt durch das trübe Wasser auf ihn zu, da dreht er sich um und läuft davon.
Beim Überqueren einer Dorfstraße sieht er ein Polizeiauto. Es kommt näher und immer näher. Er nimmt einen abzweigenden Weg, doch das Auto biegt ebenfalls ein.
Sascha schleicht an den Hauswänden entlang. Er drückt die Klinke an jeder Tür. Die ersten vier sind verschlossen, die fünfte ist angelehnt. Er steigt die Stufen hinauf. In der dritten Etage steht eine Wohnungstür offen. Er schlüpft hinein und versteckt sich hinter dem Kleiderständer. Vom Luftzug schlägt die Tür hinter ihm zu.

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