26. Januar 2015

"Der Fluchpalast (Froebius. Im Bannkreis des Unheimlichen 4)" von Norman Nekro

Für sich, ihre Geschäfte und ihre Familien ließen zwei superreiche italienische Brüder östlich der kleinen Stadt am Main einen Palast errichten, um den sie so mancher Fürst beneiden würde. Aber schon die Bauarbeiten standen unter einem bösen Stern. Arbeiter verunglückten tödlich, Mauereinstürze und Brände verzögerten immer wieder die Fertigstellung. Doch so richtig als »Fluchpalast« kam das Prachtanwesen erst ins Gerede, als die Bauherren und ihre Angehörigen am Tag der Einweihungsfeier spurlos verschwanden.

Keiner wusste, warum oder wohin. Da niemals Menschen in der riesigen Luxusresidenz gewohnt haben, verfiel sie seit mittlerweile über vierzig Jahren. Doch das allgemeine Missfallen über die spätbarocke Halbruine schlug in Angst und Entsetzen um, als man im Park plötzlich einen prominenten Toten fand, dem das Herz noch zu Lebzeiten aus dem Leib gerissen worden war.

Professor Dr. Johann Jakob Fürchtegott Froebius erhält vom städtischen Polizeicommissär den offiziellen Auftrag, das Verbrechen aufzuklären. Im Zuge seiner Nachforschungen muss der Medicus zunächst hautnah und in allen Einzelheiten miterleben, wie ein bronzener Mörder sein schauriges Werk an einem weiteren Opfer verrichtet. Danach überschlagen sich die Ereignisse – und Froebius findet sich plötzlich in der Lagunenstadt Venedig wieder. Hier, in der Heimat der Erbauer, soll er dem grausigen Geheimnis des Fluchpalastes auf die Spur kommen ...

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Leseprobe:
Sanft glucksend schlugen die Wellen gegen den Holzbord des altersschwachen Nachens. Mit einem tiefen Ächzer legte sich Bartel Häcklein in die Ruder, um der trägen, aber dennoch kräftigen Strömung zu entkommen und den Kahn ans rechte Mainufer zu lenken. Dort, wo das Flüsschen aus dem Vogelsberg einmündete und die kleine herzoglich-nassauische Stadt wie eine planlos zusammengewürfelte Ansammlung von Spielzeughäusern im Mondlicht der lauen Juninacht schlummerte, lag das Ziel des dicklichen Achtzehnjährigen.
Der Fluchpalast!
So jedenfalls wurde das spätbarocke Schloss mit dem unvergleichlichen Ausblick auf das Mainpanorama von den Bürgern genannt. Teils mit Abscheu vor dem baulichen Schandfleck, teils aber auch in Furcht vor irgendwelchen Dingen, die dort nicht ganz geheuer schienen. Denn die eines Fürsten würdige Prunkresidenz verfiel nicht nur seit über vierzig Jahren zur Ruine, es hatte auch keinen einzigen Tag je ein Mensch darin gewohnt.
Mit hektischen Ruderschlägen steuerte Bartel den Fischerkahn hart an der Landspitze zwischen den beiden Flüssen vorbei und suchte nach einer Anlegestelle möglichst nahe der Schlossmauer. Das war gar nicht so einfach, da der solide befestigte städtische Uferbereich ein beliebter Ankerplatz für Fracht- und Lastschiffe aller Art war. Auch in dieser Nacht versperrte ein undurchdringliches Gewirr aus Bordwänden, Relings, Segelmasten und sonstiger Takelage jeglichen wasserseitigen Zugang zur Kaimauer.
»Zum neunmal Geschwänzten«, knurrte der junge Mann. Gleich würde es von Sankt Justinus Mitternacht schlagen und er war noch immer nicht zuhause. Anlass genug für seinen Vater, den ehrbaren Bader Lambert Häcklein aus der Brandgasse, ihm wieder mal dumme Fragen zu stellen.
Soll er doch!
Trotzig begehrte es in dem Achtzehnjährigen auf.
Solange der Alte von meinen Geschäften nichts mitbekommt, kann mir das egal sein!
Schwer atmend vor Anstrengung ruderte er an den Kähnen entlang. Zu dieser nächtlichen Stunde dümpelten sie, von allen Mannschaften verlassen, wie schlafend vor sich hin. Als das Boot des jungen Mannes einen stählernen Ladekran passiert hatte, kam nicht weit hinter diesem ersten und bislang einzigen lokalen Symbol zeitgemäßen technischen Fortschritts endlich ein Holzsteg in Sicht. Die robuste Bohlenkonstruktion ragte zwischen den Schiffsleibern weit in den Fluss hinein. Mit einem behäbigen Rumpeln dockte der Nachen dort an.

Mehr stolpernd als steigend hastete Bartel prustend und schnaufend die Stufen hinauf. Sie gehörten zu einem elegant geschwungenen Aufgang, der am unteren Ende des Schlossgartens eine kleine barocke Brunnengalerie umschloss. Mittelpunkt und Blickfang des Ensembles hatte nach dem Willen der Erbauer ein dekorativer Wasserspeier in Form eines bronzenen Drachens sein sollen. Das geflügelte Ungeheuer hockte heute zwar immer noch im Zentrum eines muschelförmigen Beckens. In den langen Jahren der durch Vernachlässigung und Verfall erzwungenen Funktionslosigkeit war die gesamte Anlage aber innen wie außen dermaßen verrottet, dass nur noch eine mühselige Komplettrenovierung die Figur wieder zum Leben hätte erwecken können.
Doch der Eindringling hatte dafür keinen Blick übrig.
Mit der einen Hand die Krempe seines Zylinders festhaltend, an der anderen eine abgeschabte Ledertasche, eilte er über die heillos verwilderte Rasenfläche auf die ehemals prächtigen, jetzt aber vom Zahn der Zeit stark angenagten Sandsteinsäulen des Eingangsportals zu. Aufgeregt schwangen die Schöße seines samtenen Promenadenrocks im Rhythmus der Schritte mit. Der pausbäckige Handwerkersohn liebte es, in Kleidung und Auftreten vielleicht nicht gerade einen Adeligen, zumindest aber doch einen wohlsituierten Bourgeois nachzuahmen. Ebenfalls sehr zum Verdruss seines Vaters, denn dieser hätte aus dem jungen Mann gern einen ehrbaren Nachfolger für seine Badstube gemacht.
Aber dafür war Bartel Häcklein nicht zu haben.
Ihm stand der Sinn nach Höherem.
Das Eintrittsgeld in die besseren Kreise gedachte sich der Achtzehnjährige durch seine, wie er es immer nannte, »Geschäfte« zu beschaffen. Dass es sich dabei um betrügerische Machenschaften oder ganz gewöhnliche Diebstähle handelte, hatte er bislang geschickt vor der Welt verbergen können.
Dies galt auch für seinen nächtlichen Ausflug auf dem Main.
Genauer betrachtet war das eher eine Flucht. Denn in der Ledertasche befand sich eine wertvolle Kollektion von Ringen, Halsketten und anderem Schmuck. Ausnahmslos echtes Gold, Silber, Perlen und Edelsteine. Zusammengestohlen in den reichen Bürgervillen der großen Freien Stadt Frankfurt, die nur wenige Kilometer flussaufwärts, dafür aber jenseits der Grenzen des Herzogtums Nassau lag. Hier, im Machtbereich des Landesherrn Wilhelm I, war Bartel nicht nur vor den Nachstellungen der Frankfurter Polizeicommissäre sicher. Er kannte auch einen verschwiegenen Hehler, bei dem man die Beute diskret loswerden konnte. Und das mit einem phantastischen Gewinn!

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