8. Januar 2015

"Die Rückkehr der Vergessenen (Gefangen im Reich der Träume 2)" von Marc Cuny

Viele Male ist die Sonne über das Firmament gewandert, seit die verhängnisvolle Liebe erstorben und wieder ein wachsamer Frieden in Darnaks Gefühlswelt eingekehrt ist. Mittlerweile muss sich der Zwerg jedoch ganz anderen Problemen stellen. Von den Gildenmeistern in die Jägerelite emporgehoben, sieht er sich nun den gefährlichsten aller Dämonen gegenüber. Eine willkommene Gelegenheit in den Augen des Kriegers, um die brennende Verachtung seiner selbst abzukühlen und seinen Namen reinzuwaschen. Jahrelang hatte der angehende Dämonenjäger seiner Vergangenheit zu entkommen versucht. Doch mit dem Ende der Eisenlegion haben ihn die alten Erinnerungen eingeholt.

Und während nach und nach die rasenden Dämonenheere Darnak zusammen mit den Schatten seiner eigenen Vergangenheit in den Abgrund zu reissen drohen, muss er sich ebenfalls mit den veränderten Gegebenheiten auf seiner Gefühlsinsel auseinandersetzen. Das Zeitalter der Abschottung ist vergangen. Nun lagern die Delegationen aus den Barbarenreichen in seinem Land. Die Aussicht auf endgültigen Frieden? Oder Krieg?

Doch über all diesen Entwicklungen schwebt noch weit grösseres Unheil. Denn je weiter sich die Lage zuspitzt, desto schwerer wird es für den Zwerg, dem lockenden Ruf aus den Eingeweiden der Insel zu widerstehen. Die lichtlosen Kavernen haben schon zu lange das Vermächtnis seiner Kindheit behütet. Und durch die Verfinsterung seiner Träume schwindet auch zunehmend Darnaks Selbstkontrolle. Bald wird einer der vergessenen Mächtigen aus seinem Schlummer erwachen, um dem Verstand seine Stellung als Darnaks oberster Berater streitig zu machen. Wie es der Zauberer einst prophezeit hatte ...

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Leseprobe:
Vor vielen Jahren …
Über den nächtlichen Landstrichen Cardrims zogen graue Wolkenschleier dahin. Vereinzelt stachen die funkelnden Augen von Sternen durch die wabernde Decke, die Sichel des Mondes lugte schemenhaft hinter einem Wolkenberg hervor. Das unstete Licht reichte nicht aus, um das von steilen Felsflanken eingeschlossene Tal zu erhellen. Der dichte Forst am Grund des Einschnitts kam dunkel und still daher. Nur ein besonders aufmerksamer Beobachter hätte wohl den flackernden Schein bemerkt, der an manchen Stellen zwischen den Stämmen hervordrang.
Eine geradezu kärgliche Ansammlung von Hütten schmiegte sich an die östliche Bergflanke, durch die umgebende Wildnis größtenteils vor neugierigen Blicken abgeschirmt. An einigen Häusern baumelten rostige Laternen an eisernen Haken, die trüben Flämmchen trieben die allgegenwärtigen Schatten ein wenig zurück. Das Dorf schien sich in tiefem Schlummer zu befinden, Schnarchlaute drangen aus angelehnten Türen und offenen Fenstern.
Eine einsame Seele trotzte der nächtlichen Ruhe jedoch. Mitten auf dem Dorfplatz stand ein Menschenmann in silberner Rüstung, die braunen Augen nachdenklich zum bewölkten Firmament gerichtet. Der rote Umhang, den er sich um die Schultern gelegt hatte, bauschte sich in der lauen Brise. Durch die Bewegungen des Stoffes hatte es den Anschein, als würde die mit goldenen Fäden eingestickte Dämonenfratze darauf tatsächlich zum Leben erwachen. Hin und wieder schielte der Mann zum Eingang einer Holzhütte am Rande des Platzes, seine Stirn legte sich dabei in tiefe Falten. Es war nur allzu ersichtlich, dass ihm etwas Sorge bereitete. In diesem Moment wurde die Tür des Hauses aufgestoßen und die Silhouette einer Frau wurde vor warmem Kerzenschein sichtbar. „Jarnur!“ Der gerüstete Mann zuckte zusammen, als er seinen Namen vernahm. Mit mühsam beherrschter Miene eilte er zur Unterkunft. Während er sich näherte, erkannte er, dass die Hände der Frau bis zu den Unterarmen mit Blut bedeckt waren. Sein Herz setzte einen Schlag aus. „Was ist geschehen, Kheldai?“, brach es aus ihm hervor. „Ist es vorüber?“ Die Frau senkte den Blick. „Ja, aber. . . “
Die Sorge überwältigte Jarnur. Ohne ein weiteres Wort schob er Kheldai zur Seite und stürmte in die Kammer dahinter. Im hinteren Bereich des Zimmers stand ein hölzernes Bett und darin lag, aufgebahrt wie auf einem Traueraltar, eine bleiche Zwergin. Jegliche Farbe schien aus ihren Zügen gewichen zu sein, die schwarzen Haare hingen ihr wirr in die Stirn. Ihre Augen waren geschlossen. Der breite Holzeimer, an dessen Rand dutzende feucht rot schimmernde Stoffbahnen hingen, sprach Bände. „Wir haben getan, was wir konnten. . . “, murmelte die zweite Menschenfrau, welche neben dem Bett Wache gehalten hatte, mit leiser Stimme. „. . . aber. . . “
Der Mann beachtete sie gar nicht. Mit schweren Schritten eilte er zum Bett und ergriff die Hand der Zwergin. Sie war noch warm. Erst jetzt bemerkte er die schwachen Bewegungen, mit denen sich ihr Brustkorb hob und senkte. Ihm war, als hätte soeben ein Riese seinen Fuß von seinen Schultern genommen. „Sie lebt! Den Göttern sei Dank!“ „Sie hat zu viel Blut verloren“, erklang Kheldais Erklärung vom Eingang her. „Es gab Komplikationen. Vor einer Stunde sah es noch so aus, als würde sie die Geburt nicht überleben. Und der Junge auch nicht.“
Der Junge? Jarnurs Blick wanderte über den Körper seiner Frau. Was er zuvor für eine Falte in der Decke gehalten hatte, um die sich die Hand der Zwergin krampfte, entpuppte sich nun als Stoffwickel, der verräterisch zuckte. Der Mensch langte nach dem Bündel. Da öffneten sich endlich die Lider der Zwergin flatternd. „Unser Sohn“, hauchte sie ermattet. „Das Schicksal hat ihn uns geschenkt.“ Jarnur drehte das Knäuel mit der Öffnung zu sich. Ein kleines Gesicht wurde zwischen all dem Stoff sichtbar. „Sei vorsichtig“, meldete sich erneut Kheldai zu Wort. „Er ist sehr leicht. Bisher habe ich zwar nie der Geburt eines Zwergenkindes beigewohnt, aber ich glaube nicht, dass dies normal ist. Das Kind wirkt sehr gebrechlich.“
„Aber es lebt“, hielt Jarnur dagegen. „Ich habe einen Sohn!“ Er nahm das Bündel vorsichtig in seine Arme. Es kam ihm in der Tat trügerisch leicht vor. Das Neugeborene blieb indes völlig still. Kein Weinen oder Schreien drang aus dem winzigen Mund. Der Mensch hielt sein Ohr nahe ans Gesicht des Kindes. Überrascht stellte er fest, dass es schnell atmete. So als hätte es gerade eine gewaltige Anstrengung hinter sich gebracht. Oder als wäre die Geburt ein zu großer Schock für sein kleines Herz gewesen.
Er registrierte am Rande, wie Kheldai die andere Hebamme zu sich winkte und den blutigen Eimer an sich nahm. „Wir kommen später wieder“, liess sie ihn knapp wissen. Der Mann zog einen Stuhl heran und setzte sich neben das Bett, sein Blick schweifte durch die Kammer. Sanft strich er der Zwergin das Haar aus der Stirn. „Schlaf, Karusha. Ich bin hier. Und dein Sohn auch. Wir stehen das zusammen durch.“

Draussen marschierte Kheldai zusammen mit Galda durch das schlummernde Dorf, die kühle Nachtluft erfrischte ihre Sinne. „Was meinst du, wird sie die Nacht überstehen?“, fragte ihre Begleiterin an sie gewandt. Kheldai atmete tief ein. „Ich glaube, sie wird es schaffen. Es war eine schwere Geburt, aber die Geschichten über das Zwergenvolk entsprechen offenbar der Wahrheit. Jede Menschenfrau wäre bei der Menge an Blut, die sie verloren hat, längst gestorben. Sie ist zäh.“ Kheldai hielt auf den Rand der Lichtung zu, aus dem finsteren Unterholz war das muntere Plätschern eines Baches zu vernehmen. Sie beschleunigte ihre Schritte. Nachdem sie sich gesäubert hätten, gälte es, wieder nach der ausgelaugten Mutter zu sehen.
„Und was ist mit dem Kind? Ist es gesund?“ Kheldai stellte den Eimer ab und löste die Laterne des nächststehenden Hauses von ihrem Haken. Mit einer Geste bedeutete sie Galda, den Kübel zu fassen. Dann wagte sie sich über einen ausgetretenen Trampelpfad in den Wald. Das Gluckern rückte näher. „Ich hoffe es“, gab sie ihrer Helferin unterdessen zur Antwort. „Aber ehrlich gesagt, habe ich noch nie ein so mageres Kind gesehen. Das kann nicht normal sein, auch nicht für Zwerge. Ich werde in den kommenden Sonnenzügen zu den Göttern beten, dass seine Knochen stark werden. Es wäre schrecklich, wenn Jarnur seine kleine Familie verlieren würde, bevor er sie überhaupt gehabt hat.“ Das Buschwerk teilte sich und gab den Blick auf einen schmalen Flusslauf frei. Das Ufer war flach und von runden Kalksteinen gesäumt. Kheldai kniete sich hin und tauchte die blutigen Hände ins dahinströmende Nass.
„Du meinst, das Kind ist zu schwach?“, raunte Galda neben ihr sorgenvoll. Kheldai seufzte, während sie einen Arm nach dem Eimer ausstreckte. „Du weißt, wie es sich dieser Tage auf Cardrim lebt, Galda. Dein eigener Bruder ist schließlich gerade letztes Jahr gefallen.“ Sie nahm sich einen der roten Lappen. „Hoffen wir, dass ein Teil von Jarnurs Stärke auf seinen Sohn abgefärbt hat. Ansonsten sehe ich keine Zukunft für dieses Kind. Es wird nicht lange überleben“ Galda erwiderte nichts darauf.

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Mehr über und von Marc Cuny auf seiner Website.

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