12. Februar 2015

"Die Fee im Absinth" von Janina Venn-Rosky

Die Nachtschwärmerin Velda lebt nach dem Motto: Wir brauchen Glamour, weil wir die Wirklichkeit schon kennen. Getrieben von der Sehnsucht nach Einzigartigkeit, der großen Liebe und einem Plan vom Leben, verbringt sie nach dem Abbruch ihres Kunststudiums ihre Tage mit schlecht bezahlten Nebenjobs und ihre Nächte in schummrigen Bars. Dort trifft sie auf die optimistische Grace, die ihre Hoffnungen und Träume mit ihr teilt und die glaubt, dass das Beste noch vor ihnen liegt. Doch auch, als die zwei jungen Frauen meinen, endlich ihrem Mr. Perfect begegnet zu sein, werden ihre Probleme eher mehr, denn weniger …

Das Leben von Velda und Grace erfährt eine neue Wendung, als sie der mondänen und extravaganten Film-Noir-Diva Estelle begegnen. In ihren Erzählungen nimmt sie die beiden mit zu den verschiedenen Stationen ihres bewegten Lebens, das sie stets mit Eleganz, Unerschrockenheit und absoluter Kompromisslosigkeit geführt hat. Sie bestärkt die beiden darin, aus ihrem Leben das zu machen, was es sein sollte: eine einzigartige Geschichte.

Gleich lesen: Die Fee im Absinth

Leseprobe:
Grace hatte mir das perfekte Film Noir Make-up verpasst und mein Haar in sanfte Wellen gelegt, bevor ich mich auf den Weg zu Glorias Party machte. Sie hatte meinen Augenbrauen den perfekten Schwung verpasst, meine Lippen tiefrot nachgezogen und mein ohnehin blasses Gesicht noch eine Spur heller gepudert. Ein Hauch von einem apricotfarbenen Rouge verhinderte, dass ich aussah wie aus einem Vampirfilm. Als ich meine armlangen goldenen Handschuhe überstreifte und einen letzten Blick in den Spiegel warf, fühlte ich mich fast wie Veronica Lake auf dem Weg zur Oscarverleihung und dank der zwei Champagner-Cocktails, die ich schon intus hatte, kam mir mein Ausschnitt auch nicht mehr zu gewagt vor. Ich klemmte meine goldfarbene Handtasche unter den Arm und ging auf den goldenen High Heels, die Grace mir geliehen hatte, langsam die Treppe hinunter.
Während ich noch die Stufen hinabschritt, erblickte ich ihn. Ich wusste auf den ersten Blick, dass er genau das war, was ich immer gesucht hatte, er war einfach perfekt. Er musste einer der französischen Studenten sein. Er trug ein weißes Dinnerjacket und lehnte mit einem melancholisch-attraktiven Gesichtsausdruck lässig an der Wand, den Blick in die Ferne gerichtet und zog gedankenverloren an einer Zigarette.
Sein Bild wurde überlagert von den Bildern von Casablanca und als er aufblickte, sah mir gleichzeitig Humphrey Bogart in die Augen. Ich bemühte mich, möglichst oscarreif die Treppe hinabzusteigen und ging, ohne ihn anzuschauen, an ihm vorbei in die Küche, während seine Blicke mir folgten. Ich mixte in aller Ruhe zwei Champagnercocktails und ging auf den Unbekannten zu. Mit einem Zwinkern in den Augen und einer möglichst rauchigen Stimme reichte ich ihm ein Glas:
«Bon soir. Herzlich willkommen. Ein Glas Champagner gegen das Heimweh?«
Er grinste mich amüsiert an: »Oh, Champagner nehme ich gern, auch wenn sich das Heimweh noch in Grenzen hält. Und für Erinnerungen an die alte Heimat würde eher ein billiges Bier sorgen.«
»Ach, dann bist du wohl doch nicht François, Jaques oder Nicolas? Wie schade.«
»Es tut mir leid, dich zu enttäuschen, aber ich bin leider nur einer der Bewohner dieses bescheidenen Heims. Herzlich Willkommen bei uns!« Er hob das Glas und prostete mir zu, mit einem Lächeln in den Augen.
Ich zuckte mit den Schultern. »Nun ja, es kann ja nicht jeder aus Paris kommen. Leider, aber tant pis! Vielen Dank für die Gastfreundschaft. Ich bin übrigens Velda. Auch nicht aus Paris.«
»Aber deswegen nicht weniger charmant. Carl. Ist meine Name«, sagte er und streckte mir seine Hand entgegen, während seine Augen meine suchten. Ich konnte seine Hand kaum wieder loslassen, als Gloria mich rief, um ihr beim Cocktailmixen zu helfen, weil trotz der frühen Uhrzeit die ersten Gäste bereits eintrafen. Die wahren französischen Jungs waren tatsächlich bereits eingetroffen, da sie so begeistert von der Einladung gewesen waren, dass sie es nicht ausgehalten hatten, noch länger zu warten.
Ich begrüßte also François, Jacques und Nicolas, machte ihnen ein paar Drinks und plauderte mit ihnen. Sie waren charmant und lustig und ließen mich kaum wieder gehen, aber ich wollte unbedingt wieder zu Carl, bevor jemand anders ihn in Beschlag nahm. Ich blickte zu ihm hinüber. Er stand immer noch allein an seinem Platz, mittlerweile mit einem leeren Glas in der Hand. Ich machte mich von den Jungs los, mixte schnell noch zwei neue Champagnercocktails, stellte mich zu Carl und reichte ihm einen davon.
»Vielleicht bekommst du auf diesem Wege ja doch noch etwas französisches Blut.«
»Wer weiß, schöne Velda.«
Er musterte mich mit einem amüsierten Blick, während er an seinem Drink nippte.
»Und so lerne ich also endlich Glorias fabelhafte Freundin Velda aus dem Kino kennen. Ich hatte schon beinahe geglaubt, du wärst ihre imaginäre Freundin, nach allem, was sie über dich erzählt hat, ohne dich jemals mit zu uns zu bringen. Aber siehe da, du bist doch aus Fleisch und Blut.«
Oh, allerdings, das war ich, besonders in diesem Moment. Zum Glück wusste er nicht, wie sehr.
Er musterte mich von Kopf bis Fuß mit einer Intensität, die mich vermuten ließ, dass mein Ausschnitt vielleicht doch ein wenig gewagter war als gedacht.
»Dein Kleid ist fabelhaft, du siehst aus, als wärest du einem Film Noir entsprungen und kämst gerade aus einer kleinen, zwielichtigen Bar. Es fehlt nur noch der undurchsichtige, legendäre East-End-Mafia-Boss an deiner Seite, dann wäre dein Outfit absolut perfekt. Aber ich denke, ich wüsste da jemanden, der für diese Rolle perfekt geeignet ist.«

Im Kindle-Shop: Die Fee im Absinth

Mehr über und von Janina Venn-Rosky auf ihrer Website.

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