10. Februar 2015

„Nymphenblut – Die Gefolgschaft“ von Isabel Roderick

Im Untergrund von Paris lebt eine verschworene Gesellschaft von Vampiren. Ihr Anführer und Fürst ist der angesehene und charismatische Lucien, der Älteste und Stärkste der Gruppe. Der junge Vampir Adam ist schon lange in Luciens schöne Gefährtin Rufina verliebt. Um jeden Preis will er sie für sich gewinnen. Doch Adams Pläne zerschlagen sich, als nach einer nächtlichen Jagd seine Beute, eine junge Frau, fliehen kann.

Auf der Suche nach dem abtrünnigen Opfer erkennt Adam, dass die Dinge nicht so sind, wie er glaubte – und hinterfragt schließlich nicht nur seine eigenen Motive, sondern seine gesamte Existenz.

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Leseprobe:
Er tat es aus Liebe. Das durfte er trotz allem nicht vergessen.
Nie hätte Adam geglaubt, einmal selbst der Henker zu sein, doch hier stand er nun und starrte auf den Gesetzesbrecher hinab. Der Vampir saß vor ihm, die Arme an die Lehne eines Stuhls gefesselt, und erwiderte unverwandt seinen Blick.
Ringsum hörte Adam die Atemzüge der Evocati. In einem Halbkreis standen sie um ihn, die Blicke starr auf ihn und den Anderen gerichtet. Er schloss kurz die Augen, sammelte sich und versuchte, ihre Anwesenheit wie ein störendes Geräusch auszublenden.
Dies war seine Prüfung.

Noch vor wenigen Stunden hatte er fest geschlafen, in der Stille und Finsternis unter der großen Stadt, umgeben von dreihundert schlafenden Brüdern und Schwestern. Wie aus weiter Ferne war ein körperloses Flüstern zu ihm gedrungen.
»Adam! Hörst du mich?«
Die Stimme klang weiblich. Ein träges Hämmern in seiner Brust signalisierte ihm den wieder einsetzenden Herzschlag. Ein Sog erfasste ihn, katapultierte ihn aus dem dunklen Nichts in eine Welt aus Kälte und Durst.
Seine Kehle brannte. Ihn verlangte nach Blut. Gierig fuhr er sich mit der Zunge über die spröden Lippen. Heißes, köstliches Blut. Ihm war, als könne er ganze Ozeane davon trinken.
»Adam!«, flüsterte die Stimme wieder. »Sieh mich an!«
Langsam lösten sich seine vom langen Schlaf verkrusteten Lider voneinander. Die Welt lag hinter einem grauen Schleier verborgen. Unmöglich, etwas zu erkennen.
»Keine Angst. Deine Augen werden sich bald daran gewöhnt haben.«
»Wer bist du?«, fragte er und erschrak vor dem rauen Klang seiner eigenen Stimme.
»Gib mir die Kerze!«, sagte die Frau zu einem unbekannten Dritten.
Dicht über ihm tauchte ein heller Fleck auf. Er blinzelte, und endlich lüftete sich der Schleier. Eine Vampirin beugte sich über ihn. Eine Locke ihres kupferfarbenen Haars löste sich und kitzelte seine Nase.
»Rufina«, flüsterte er. Sie war ihm vertraut, als hätte er sie schon immer gekannt. Er erinnerte sich an das Gefühl, von ihr berührt zu werden. Und er erinnerte sich daran, wie er vor langer Zeit in den Sarg gestiegen war und die Augen geschlossen hatte, in der Hoffnung, eines Nachts von ihr erweckt zu werden.
Nun war diese Nacht gekommen.
»Es ist so weit. Du wurdest auserwählt.«
Mühsam setzte er sich auf. Jede Bewegung kostete ihn enorme Kraft. Ein feuchtes, steinernes Gewölbe erstreckte sich über seinem Kopf, erhellt vom unruhigen Licht mehrerer Fackeln. Nach und nach entdeckte er ein knappes Dutzend Vampire, die um Rufina und seinen geöffneten Sarg standen und ihn schweigend anstarrten. Die Evocati, ging es ihm durch den Kopf.
Reflexartig blickte er an sich hinab. Sein einst schmuckes Hemd war halb verfallen und staubig. Aus den schmutzigen grauen Spitzenärmeln ragten wie zwei dürre bleiche Spinnen seine Hände.
Einer der Vampire trat an Rufinas Seite. Der Mann war groß und schlank und überragte sie um mehr als einen Kopf. Er wirkte sehr viel älter als alle anderen. Feine graue Strähnen durchzogen sein dunkles Haar. Ein schwarzer, eng geschnittener Mantel unterstrich seine hochgewachsene Erscheinung.
Lucien, dachte Adam, als er ihn wiedererkannte. Der Fürst.
»Deine Prüfung steht bevor«, sagte Lucien mit rauer Stimme. Seine dunklen Augen musterten Adam abschätzig. »Wenn du versagst, stirbst du.«
Er legte zärtlich seinen Arm um Rufina. Ihr Blick ruhte noch kurz auf Adam, als wolle sie ihm eine stumme Botschaft übermitteln, bevor sie den Kopf hob und Lucien in die Augen sah. Langsam reckte sie den Hals, gab ihm einen Kuss und wandte sich mit ihm zum Gehen.
Adam wollte etwas sagen, doch seine Stimme versagte. Schweigend sah er den beiden nach und ballte die Hände zu Fäusten.
Er erinnerte sich ganz genau daran, wie Rufina ihm einst von ihrem Blut gegeben, ihn als ihren Gefährten auserwählt hatte – vor langer Zeit, bevor er sich hier unten zu einem jahrhundertelangen Schlaf in einen Sarg gelegt hatte. Ihretwegen war er damals in die Katakomben hinabgestiegen und hatte sich in die Obhut der Gemeinschaft begeben.
Wenn nur Lucien nicht wäre. Adam war fest davon überzeugt, dass Rufina nicht freiwillig das Bett mit ihm teilte. Er musste sie gewaltsam dazu gezwungen haben, seine Gefährtin zu werden. Das war die einzige Erklärung.
Aus diesem Grund hatte sie Adam einst von ihrem Blut gegeben und ihn nun erweckt: Sie konnte sich nicht aus eigener Kraft von Lucien befreien. Sie wollte, dass Adam es für sie tat. Und sie war offenbar zu dem Schluss gekommen, dass nun der geeignete Zeitpunkt dafür gekommen war.
Die Situation war in seinen Augen eindeutig. Wenn Lucien es war, der zwischen ihm und Rufina stand, gab es nur eine Lösung: Er musste ihn beseitigen.

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