23. Februar 2015

"Nathaniel" von Alex Turow

Nathaniel Hawk ist ein Genie, erfolgreich und vermögend, aber unglücklich. Er sagt von sich, er könne nicht lieben. Und nun zweifelt er endgültig an seiner geistigen Gesundheit. Immer wenn er den chancenreichen Präsidentschaftskandidaten George Baldwin im Fernsehen oder in einer Zeitung sieht, wird ihm schlecht und er bekommt rasende Kopfschmerzen. Versucht er, sich auf diesen Mann zu konzentrieren, füllt das Bild einer Eule seinen Verstand aus und macht jeden weiteren Gedanken unmöglich. Ein Arzt stellt fest, dass er organisch gesund ist, doch eine Hypnosetherapie bringt verborgene, über dreißig Jahre alte Erinnerungen zurück. Nathaniel glaubt, George Baldwin schon einmal begegnet zu sein und er ist davon überzeugt, dass der künftige Präsident ein übernatürliches Wesen ist, das die Welt zu vernichten droht.

Einst hatte er zusammen mit seinen Freunden die Kreatur bezwungen und seine Pläne durchkreuzt, aber alle haben einen hohen Preis dafür bezahlt. Doch jetzt geht es um nichts weniger als die Zukunft der Menschheit. Nathaniel muss seine Mitstreiter finden und überzeugen, ein zweites Mal gegen das Monstrum anzutreten und es für immer zu besiegen.

Gleich lesen: Nathaniel: Thriller

Leseprobe:
Seit einigen Tagen weiß der Junge, was es bedeutet, Angst vor dem Sterben zu haben. Er ist schwer erkrankt und sein Hausarzt, ein schlaksiger Mann mit riesigen Händen und sanftem Gemüt, hielt es anfangs für eine hartnäckige Erkältung, doch das erwies sich als Irrtum. Zwei Wochen nachdem er sich ständig schwach und fiebrig gefühlt hatte, setzte der schlimme Husten ein, vor allem, wenn er schlief. Dies dauert nun schon sieben Tage und es gibt keine Medizin dagegen. Jede Nacht schreckt der Junge mehrmals auf, ringt nach Luft und hört sich dabei an, wie ein achtzigjähriger Kettenraucher mit Emphysem. Die Tür zu seinem Kinderzimmer steht seitdem offen, denn wenn ihn der Keuchhusten attackiert, ringt er nach Luft und droht zu ersticken. Er kann nicht um Hilfe rufen, schon atmen ist kaum mehr möglich. Stakkatoartig zieht er die Luft ein, denn seine Bronchien sind von Schleim blockiert und sein Vater, der nur noch mit einem Ohr zu schlafen scheint, kommt dann in sein Zimmer, beruhigt ihn und sorgt dafür, dass sein Sohn vom hartnäckigen Auswurf befreit wird. Sporadisch erscheint auch seine Mutter, doch sie ist ein wenig hilflos vor Liebe.
Jetzt schläft der Junge, begleitet von einem leisen Pfeifen, das jeder Atemzug erzeugt und mit Schweißperlen auf der Stirn. Es ist ungefähr drei Uhr in der Nacht, der Mond scheint in sein Zimmer und zaubert auf alles ein blaues Licht. An der Wand hängen Poster von Ernie, Bert, Oscar und Big Bird. Ein paar Jahre später würden sie durch Kiss und AC/DC ersetzt werden, doch der Junge ist jetzt erst sechs. Er interessiert sich mehr für Zeichentrickfilme, als für Rockbands. Es ist das Jahr, in dem John McLean American Pie singt, der Pate die Kinos erobert und der Vietnamkrieg noch in vollem Gange ist. Der Junge hat seinen blauen Teddy eng an die Brust gedrückt. Auf einem Sideboard sitzen weitere Stofftiere und ein Kasperle, der höhnisch in die Dunkelheit grinst. In diesem Licht sieht alles teuflisch aus, erst recht die langen Schatten der Dinge im Zimmer eines kleinen Kindes. Das Pfeifen aus seinem Mund wird immer lauter, lauter als die Grillen, die man von draußen durch das offene Fenster hört. Es ist Sommer und auch in der Nacht noch sehr heiß. Zu dem Pfeifen gesellt sich ein feuchtes Rasseln. Gleich wird er aufschrecken, um sein Leben ringen, sodass ihm die Augen aus dem Kopf quellen. Doch bevor das geschieht, betritt jemand sein Zimmer und schließt leise die Tür hinter sich. Er geht durch den Raum und berührt sanft die Kuscheltiere. Auf dem Nachttisch des Jungen sitzt ein kleines Äffchen, das mit seinen Schellen eine Menge Krach erzeugen kann, wenn man es aufzieht. Es gibt unter der Berührung des Fremden ein kurzes Geräusch von sich, das aber niemanden aufweckt. Der dunkle Mann setzt sich zu ihm auf die Bettkante und legt eine Hand auf die des schlafenden Kindes. Der Kleine wacht langsam auf, und als er sieht, dass jemand an seinem Bett sitzt, weiß er sofort, dass es nicht sein Vater ist. Er schreckt hoch, reißt den Bären nochmals enger an sich und hockt aufrecht, an die Rückwand seines Bettes gedrückt. Jetzt ringt er nach Luft, was zu erwarten gewesen war. Die Sterbensangst ist wieder da und der Junge glaubt, der Tod persönlich würde ihn besuchen. Aber im Licht des Mondes erkennt er, dass nicht der Sensenmann an seinem Bett kauert, sondern ein alter Mann mit grauen, langen Haaren und Augen so schwarz wie Kohle. Der Greis legt nun seine Hand auf die Brust des Jungen und sofort hören die Erstickungsanfälle auf. Seine Lungen sind frei, und frische Atemluft durchströmt ihn. Er weiß nicht, wie der Fremde das angestellt hat, aber er hat ihn geheilt. Verwirrt sagt der Junge »Danke«, denn er ist gut erzogen und weiß, dass es sich so gehört.
»Gerne«, sagt der Mann und nimmt seine Hand wieder von ihm.
»Was wollen Sie von mir?«, flüstert der Junge.
»Ich wollte dich sehen. Es hat eine Weile gedauert, dich zu finden, doch nun ist es so weit und es freut mich, dich kennenzulernen.«
Statt Angst vor dem Tod durch Schleim, hat der Junge nun Angst vor diesem dunklen Mann. Er ist völlig schwarz gekleidet und seine grauen, fast weißen Haare leuchten in der Finsternis. Vor den Augen des Alten fürchtet sich das Kind am meisten. Sie sind dunkel und doch scheint hinter ihnen ein Feuer zu glühen, das man nicht sehen kann.
»Du bist noch so klein ..., das ist gut. Denn wenn du größer wärest, würdest du mich vielleicht nicht mehr so gut verstehen. Du musst auch nicht alles wissen, was ich dir erzählen könnte. Aber ein paar Dinge gibt es schon, die du dir einprägen solltest.«
Der Junge nickt.
»Sicher ist es dir nicht bewusst, wie besonders du bist. Bislang spürst du nicht, was ER mit dir gemacht hat. Alles, was er getan hat, dient dem Zweck, MIR zu schaden. Du verstehst sicher, dass mir das missfällt. Ich habe Kolossales vor und es wichtig, dass du mich nicht dabei störst, denn wir werden uns wieder begegnen, wenn du älter bist. Vielleicht wirst du mich nicht gleich erkennen, denn ich werde ganz sicher anders aussehen. Dieser Körper ist alt und hässlich. Er stinkt. Ich brauche einen neuen, kräftigen Leib, mit dem ich all das tun kann, was das Menschsein so angenehm macht.«
Der Junge beginnt zu zittern, richtet sich noch mehr in seinem Bett auf.

Im Kindle-Shop: Nathaniel: Thriller

Mehr über und von Alex Turow auf seiner Website.

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