12. März 2015

"Kaiserreich der Puppen (Teil 1)" von Thomas Feil

Im Labyrinth der Stadt Tokyo operieren die 4A, eine Untergrundeinheit aus zwölf jungen Kriegerinnen, die auf das Geheiß ihres Meisters hin sühnen, was ungesühnt geblieben ist. Bald stoßen sie auf etwas Unfassbares: Im Herzen Tokyos, so scheint es, hält sich ein satanischer Feind verborgen, der auf den Zusammenbruch der gesamten Metropole sinnt.

Die Vorzeichen des Unheils tragen rätselhafte Züge, und niemand vermag sie zu deuten, bis ein Akt des Terrors dem Frieden in der Hauptstadt des Ostens ein Ende bereitet. Der Kampf, in den die 4A nun ausziehen, gilt einem Gegner ohne Gesicht, dessen Macht unerklärlich ist.

Dieser erste von drei Bänden führt seine Leser in ein Drama um Loyalität, Schuld und Vertrauen, in ein Märchen ohne Zeit in einem urbanen Universum, das seinesgleichen sucht.

Gleich lesen: Kaiserreich der Puppen: Teil 1

Leseprobe:
Selbst in Tokyo gab es Gebäude, die leerstanden und ein bisschen ab vom Schuss lagen. Hiroto Suzuki schlich gerade in einem solchen Gebäude herum. Es befand sich in Hafennähe, war verlassen und musste früher einmal einer Exportfirma gehört haben. Suzuki war Polizist.
"Mochida?", sprach er leise in sein Funkgerät.
Neueste Entwicklung, nicht mehr als Handygröße. Eine Antwort blieb trotzdem aus. Mochida war sein Streifenkollege. Sie hatten entschieden, das Haus von verschiedenen Seiten her zu betreten, um eine eventuelle Flucht zu verhindern. Möglicherweise waren sie auf etwas gestoßen, vielleicht würden sie auch nur über ein paar Obdachlose stolpern, die sich hier für den Winter einquartiert hatten.
Dem Foyer, durch welches Suzuki mit Bedacht einen Schritt nach dem anderen setzte, eignete etwas Gespenstisches. Die Nacht war mondhell, Licht schien durch die großen Fenster und erzeugte bizarre Schattenmuster. Man konnte nicht sicher sein, ob nicht irgendwo jemand auf der Lauer lag. Warum antwortete Mochida nicht?
Suzuki langte an einer breiten Treppe an, und da meinte er, von oben etwas zu hören. Noch einmal sah er sich im Foyer um, dann stieg er vorsichtig hinauf ins nächsthöhere Stockwerk. Oben angekommen, fand er sich in einem Flur wieder, dessen Ende er nicht deutlich sehen konnte. Vielleicht waren die Geräusche aus einem der anliegenden Räume gekommen. Er schlich weiter, und irgendwie hatte er auf einmal den Eindruck, als bekäme er immer weniger Luft, bis ihm auffiel, dass er kaum noch atmete und den Bauch so sehr eingezogen hielt, dass es ihm auf den Magen schlug. Er war zum ersten Mal in eine Situation wie diese geraten, seit er die Polizeiakademie abgeschlossen hatte, gerade vor einem halben Jahr. Doch tat das nichts zur Sache. Sechs Monate oder sechs Jahre – er hatte seiner Pflicht nachzukommen.
Eben hatte er sich etwas beruhigt, als er mit dem Fuß gegen etwas Weiches stieß und um ein Haar gestolpert wäre. Erkennen konnte er so gut wie nichts, und er riskierte es, seine Taschenlampe zu benutzen. Wieder hielt er die Luft an. Vor ihm lag ein Mann, wie zu einem Paket geschnürt, über seinem Mund ein Streifen Klebeband. Augenscheinlich war er bewusstlos.
War es das etwa? Ihm und seinen Kollegen waren Gerüchte zu Ohren gekommen, und wenn an ihnen etwas war, dann hatte es in der letzten Zeit schon einige solcher "Pakete" gegeben. Jemand schien sich in die Arbeit der Polizei einzumischen.
Suzuki machte die Taschenlampe wieder aus. So leise es nur ging, funkte er Mochida noch einmal an, ohne Erfolg. Dabei war es kaum zehn Minuten her, seit sie sich getrennt hatten. Suzuki überlegte und beschloss, Verstärkung anzufordern. Ein paar Schritte weiter fand er eine unverschlossene Tür. Er vergewisserte sich, dass der Raum dahinter leer war. Von dort einen Hilferuf abzusetzen, erschien ihm sicher genug.
Zu seiner Überraschung erfuhr er, dass bereits eine Einheit auf dem Weg war. Hatte Mochida darum ersucht? Suzuki kam nicht mehr dazu nachzufragen, denn er hörte wieder etwas und brach hastig die Verbindung ab. Eine Weile lang lauschte er konzentriert. Jemand war noch in diesem Haus. Der Mann auf dem Boden hatte sich nicht selbst gefesselt und dort hingelegt.
Suzuki wollte nicht feige sein, aber er fragte sich, ob es überhaupt etwas brachte, weiter allein vorzugehen, bevor die Verstärkung eintraf. So etwas wie ein Überraschungsmoment hatte er gewiss nicht mehr auf seiner Seite. Andererseits konnte er sich nicht einfach in diesem Zimmer verkriechen. Mochida brauchte womöglich seine Hilfe.
Augenblicke später war er wieder im Flur. Tastend bewegte er sich im Dunkel vor, als er auf einmal meinte, dass direkt neben ihm jemand aufgetaucht war. Er führte einen gut einstudierten Block aus, mit dem man einen Angriff parierte. Doch nichts passierte, niemand griff ihn an. Das Gefühl, nicht allein in dem Gang zu sein, löste sich trotzdem nicht auf. War er in einen Hinterhalt gelaufen? Warum schlug dann niemand zu? Und Mochida?
Nach und nach gewöhnten sich seine Augen an das mangelhafte Licht, und einige Meter vor ihm lag schon wieder etwas, den Umrissen nach ein weiterer menschlicher Körper. Er überlegte, ob er die Taschenlampe noch einmal benutzen sollte, als plötzlich zu seiner Linken eine Tür aufschwang und er von rechts einen Stoß erhielt. Er stolperte in den dahinterliegenden Raum, wo er unsanft auf allen Vieren landete. Normalerweise hätte er sofort versucht, wieder auf die Beine zu kommen, wäre er nicht vor Schreck starr geblieben, denn sein Gesicht befand sich knapp vor dem Gesicht eines anderen, der so reglos dalag wie die Personen im Flur. Es war das Gesicht seines Kollegen. Mochida – man hatte ihn also ausgeschaltet. Mochida war Nahkampfexperte. Den schaltete man nicht so leicht aus.
Suzuki verharrte einen Moment in seiner Stellung, dann hob er langsam den Kopf. Das Zimmer besaß eine breite Fensterfront, und das Mondlicht, das hereinschien, war im Vergleich zur Finsternis im Gang so gleißend, dass es ihn blendete. Das Licht allein aber war nicht der Grund, weshalb er angestrengt die Augen zusammenkniff, vielmehr war es eine riesige Silhouette, die sich vor den Fenstern abzeichnete. Suzuki hob sich auf die Beine, ohne zu wissen, was er überhaupt tat. Wenn er es recht beurteilte, hatte er eine menschliche Gestalt vor sich, ungewöhnlich groß und zur Unkenntlichkeit verborgen in dunklem Umhang und Kapuze. Ausgesprochen groß sogar, denn Suzuki musste selbst stehend den Kopf in den Nacken legen, während er vergeblich versuchte, im Schatten der Kapuze ein Gesicht zu erkennen. Drehten die hier einen Horrorfilm? Vielleicht waren er und Mochida unfreiwillig zu Komparsen geworden.

Im Kindle-Shop: Kaiserreich der Puppen: Teil 1

Mehr über und von Thomas Feil auf seiner Website.

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