20. April 2015

"Die Beschwörungsformel" von Hildegard Grünthaler

Er wohnt in einer Flasche und er ist stark und mächtig. Die Götter haben ihn in grauer Vorzeit geschaffen, damit er den Menschen beistehe und helfe. Aber er hat keinen freien Willen, denn Kalatur, der Geist des Rauches, steht unter dem Bann einer Beschwörungsformel. Wer diese Formel kennt, ist mächtiger als der mächtige Kalatur, denn er kann ihn zwingen, gegen seinen Willen Böses zu tun. Die Magierin, die den Dschinn in seiner Flasche bannt, hofft, dass der Zauber so lange wirkt, bis Kalaturs Energie erloschen ist.

Fast wäre ihr Plan geglückt. Doch rund 3000 Jahre später begleitet der 12-jährige Philipp Baumann seine Großmutter auf einer Reise durch Marokko. Weil die alte, blaue Flasche, die sie auf einem Markt in Marakesch erstehen, sich nicht öffnen lässt, rückt Philipp zu Hause dem Verschlusspfropfen mit einer Bohrmaschine zu Leibe. Just in diesem Augenblick verliert der Bann seine Wirkung. Die Flasche zerplatzt mit einem lauten Knall und Kalatur gelingt es im letzten Moment, sich zu materialisieren.

„Müsstest du jetzt nicht sagen: ‚Mein Herr und Meister, du hast mich aus meinem Gefängnis befreit. Was immer du auch wünschst, ich werde es dir erfüllen’?“, fragt Philipp, nachdem er sich von seinem ersten Schrecken erholt hat. Nein, das muss Kalatur nicht, denn nach 3000 Jahren lebt niemand mehr, der die Beschwörungsformel kennt. Der Geist des Rauches ist nun wirklich frei. Doch Kalatur ist nun unversehens in eine verwirrend fremde Welt geraten. Die Technik der Menschen erscheint ihm wie Magie und birgt tausend unbekannte Gefahren. Der mächtige Kalatur braucht Philipps Hilfe, um sich in der modernen Welt zurechtzufinden. Zu allem Überfluss muss Kalatur auch bald entdecken, dass ihm bereits Dschinnjäger auf den Fersen sind. Nun ist nicht nur er, sondern auch Philipp in höchster Gefahr, denn die Dschinnjäger glauben, dass Philipp die Beschwörungsformel kennt …

Dieser Fantasy- und Abenteuerroman ist eine spannende Lektüre für Jungen und Mädchen ab 10 Jahren.

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Leseprobe:
„Mächtiger Kalatur, allgewaltiger Geist des Rauches, größter aller Dschinn, ich rufe dich, denn ich schwacher Erdenmensch benötige die Hilfe deiner Geisterkraft!“ Schrill drang die Stimme von Siduri, der dritten Nebenfrau von König Nebukadnezar zu ihm herein. Alles in Kalatur wehrte sich, dem Ruf zu folgen, aber die beringten Finger Siduris drehten und rieben die Flasche, die ihm als Wohnung diente, und Kalatur musste ihrem Ruf folgen. Er konzentrierte sich und sammelte seine Energien. Langsam und stetig begann er, als feine, weiße Rauchsäule durch den Flaschenhals nach oben zu strömen. Er bildete einen Wirbel wie ein Zyklon und verdichtete sich dann zu einer menschlichen Gestalt. Kalatur wusste, dass Siduri jedes Mal bis ins Mark ihrer Knochen erschrak, wenn sie ihn sah, deshalb ließ er seinen Körper zur Größe eines furchterregenden Riesen anschwellen und fragte mit dröhnender Stimme: "Herrin Siduri, ich bin dein Diener. Was willst du von mir?" Dabei funkelte er sie aus seinen dunklen, von buschigen Brauen umrahmten Augen drohend an. Obwohl sie den Rauchgeist schon so oft in ihre Dienste gezwungen hatte, konnte sich Siduri einer Gänsehaut nicht erwehren. Sie wusste, dass Kalatur ihre ehrgeizigen Pläne und Intrigen missbilligte, aber sie wusste auch, dass er ihre Befehle befolgen musste. Es war ihr gelungen, Sanheb, den greisen Oberpriester des Gottes Marduk, zu belauschen, als jener den Geist gerufen hatte. Seither kannte sie die Beschwörungsformel. Wenig später hatte sie Sanheb die Flasche gestohlen, die Kalatur als Wohnung und Ort der Regeneration diente. Nun war der Geist ihr Diener und musste ihr zu Willen sein.
„Ich will, dass mein Sohn Ninzub die Prüfungen als strahlender Sieger verlässt!"
„Herrin Siduri, du überschätzt meine Kräfte. Ich kann deinen Sohn nicht klüger machen, als er in Wirklichkeit ist!"
„Kalatur, stell dich nicht so an! Du hast bewiesen, dass du Pfeile lenken und Tiere stolpern lassen kannst, also kannst du auch dafür sorgen, dass Eli heute wieder wie ein Trottel und Dummkopf dasteht! Ich will, dass Ninzub der nächste König von Babylon wird und nicht er."
„Herrin Siduri, vergiss nicht, dass Gilgal, der die jungen Königssöhne in der Kunst des Lesens und Schreibens unterweist, den König beständig über deren Fortschritte unterrichtet. Eli ist ein eifriger, gelehriger Schüler, während Ninzub, dein Sohn, nur Dummheiten im Kopf hat und die Keilschrift nur mit allergrößter Mühe lesen, geschweige denn richtig schreiben kann!"
„Papperlapapp", fuhr Siduri den Geist an, „keine faulen Ausreden! Jage Gilgal einen gehörigen Schrecken ein, dann wird er dem König genau das berichten, was du von ihm verlangst! Also fliege nun davon und folge meinem Befehl!"
Kalaturs Körper schrumpfte und wurde wieder zu feinem, weißem Rauch. Langsam und beinahe unsichtbar schwebte er durch den Garten des Palastes. Er sah Siduri durch eine Tür huschen, und weil er ein Geist war, sah er auch, was Siduri nicht gesehen hatte. Die alte Eninki, die einst die Amme des Königs gewesen war, stand hinter einem Baum verborgen und hatte Siduri belauscht. Kalatur machte sich darüber keine Gedanken. Er war ein Geist, und er musste die Befehle derer ausführen, die nach ihm riefen - ganz gleich, ob ihm diese Befehle gefielen oder nicht. Unbemerkt flog er durch die königlichen Gärten und die weiträumige Palastanlage, bis er zu dem Raum kam, in dem der Oberschreiber und Lehrer Gilgal die jungen Königssöhne unterrichtete.
Gilgal war alleine im Raum. Er war damit beschäftigt, die Tontafeln für die bevorstehende Prüfung vorzubereiten. Seine Stirn war von Sorgen umwölkt. Seit Etara, der alte Waffenmeister, der bisher die Königssöhne in der Kriegskunst unterwiesen hatte, beim König in Ungnade gefallen war, war er von heftiger Furcht ergriffen, dass ihn womöglich das gleiche Schicksal ereilen könnte. Gilgal gab sich einen Ruck:
„Sei kein Angsthase Gilgal!", befahl er sich selbst. „Deine Schüler sind eifrig und machen gute Fortschritte. Einzig Ninzub trübt das gute Bild. Er ist frech und faul und hat nur Unsinn im Sinn. Aber der König weiß das. Er kann es mir nicht anlasten!", tröstete sich Gilgal. Er wollte gerade die metallenen Schreibgriffel bereitlegen, als er den Rauch bemerkte. Es war ein seltsamer Rauch, denn nirgendwo war Feuer. Der Rauch begann sich zu drehen, bildete einen Wirbel und plötzlich wuchs aus ihm ein Riese heraus. Gilgal fielen klappernd die Griffel aus der Hand. Der Riese wuchs weiter und füllte nun beinahe das halbe Zimmer aus. Er trug keine Kleider, nur ein rotes Tuch, das er wie einen Lendenschurz zwischen den Beinen hochgezogen und um die Hüften gewickelt hatte. Gilgal schlotterten vor Angst die Knie, als der Riese sich zu ihm hinunterbeugte. Die langen, schwarzen Haare, die der Riese im Nacken zusammengebunden hatte, fielen dabei nach vorne und kitzelten Gilgal an der Nase. Gilgal musste niesen. „W-w-was w-w-willst du von mir?", stotterte er zitternd vor Furcht.
„Nicht viel, nur eine Kleinigkeit!" Die Stimme des Riesen dröhnte so laut, dass Gilgal hoffte, der ganze Palast würde zusammenlaufen und ihm zu Hilfe eilen. Der Riese legte ihm schwer die Hand auf die Schulter.
„Ich stehe zu deinen Diensten, erhabener Herr", stammelte Gilgal.
„Wunderbar!", dröhnte der Riese. „Wenn du zu meinen Diensten stehst, wirst du heute ganz sicher dem König berichten, dass Siduris Sohn Ninzub der fleißigste und klügste von all deinen Schülern ist!" Und zur Bekräftigung seiner Worte fasste er Gilgal vorne am Obergewand und hob ihn ein wenig in die Höhe.
„Erhabener Herr, das kann ich nicht!", jammerte Gilgal. Der Riese hob den Oberschreiber noch ein wenig höher.
„Und warum nicht?"
„Es entspricht nicht der Wahrheit. Ninzub ist ein Dummkopf, ein Faulpelz und ein Tunichtgut!"
Der Riese schüttelte Gilgal wie einen leeren Getreidesack. „Täuschst du dich da nicht?" Seine Stimme klang drohend wie Donnergrollen.
„Nein, erhabener Herr. Ich täusche mich nicht. Ich bin schließlich sein Lehrer!", wimmerte Gilgal von der Zimmerdecke herunter.
„Oh weh, ich glaube, die Sommersonne hat dein Gehirn vertrocknet!", dröhnte der Riese. „Aber an der frischen Luft wird dir bestimmt gleich wieder einfallen, dass Ninzub der klügste und eifrigste von all deinen Schülern ist!" Er klemmte sich Gilgal unter den Arm und schwebte mit ihm zur Tür hinaus.

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